Fest und grenzenlos

Ich bin kein Freund der Mathematik. Mein Gehirn scheint deren Konzepte in ihrer diskreten Erscheinungsweise nicht so locker anzunehmen. Es bewegt sich lieber im Raum des Ungefähren, des Unscharfen, des künstlerisch-spielerischen Philosophierens. Mit Freude lese ich Deleuzes und Guattaris Auslassungen. Selbst wenn von Abzissen und Mengenlehre die Rede ist, scheinen Denkpfade und spannende Aspekte auf. Diese Freunde im Wort helfen selbst bei der Diskussion „natürlicher Zahlen“. Diese Zahlzeichen spielen in meinem Leben kaum eine Rolle, außer ich muss etwas zählen oder bezahlen. Dennoch bringt die Diskurswolken dieser Φίλοι mir über mathematische Begriffe, gepaart mit der Bewegung, dem Werden, das Konzept der Grenzen näher: „Verzögerung heißt, eine Grenze im Chaos zu ziehen, die von allen Geschwindigkeiten unterschritten wird, so daß sie eine als Abszisse bestimmte Variable bildet, die man nicht überschreiten kann (etwa ein Maximum an Kontraktionen).“ (1)… Und so fort. Der Grenzwert. Die Grenze, ein Funktiv wie die Variable; im eingegrenzten Raum, den die Wissenschaft erzeugt. Arbiträr. Territorialisierung, Deterritorialisierung und Reterritorialisierung zwischen funktionalen Begriffen (Zahlen?) der Wissenschaft und beweglichen Begriffswolken der Philosophie, der wie alles eine handelnd-werdende Versammlung (Assemblage) darstellt. Erneut denke ich an ziehende Wolken. Ich denke Kunst und Spiel.
Ein fluides Denken schwebt in meinem Geist. Es greift nomadisierend nach Horizonten auf Plateaus. Deleuze und Guattari sprechen vom All-Einen (2). In meinem Kopf verbindet und verweben sich die Begriffe. Das All-Eine wird zum Brahman der Upanischaden (3), in das sich unser selbst (Atman) nach uralter Lesart dereinst eingeht; wir uns auflösen, entgrenzen werden. Über den leeren Raum schweife ich zu den Begriffsbrüdern Anatta und Anicca des Buddhismus. Alles ist im Werden, okzidental gesprochen „universell“. Jedoch ohne Fixpunkte, Transzendentalien. Begriffe, die sich in einem feinen Gespinst von All-Verbundenheit verknoten und zugleich wieder neu verbinden. Wir können sie als Variable, als mögliche Container nur kurz fassen (Grenzwerte), bis sie uns entgleiten. Ein wunderbares neues und zugleich uraltes Denken, dass immer wieder versucht, unser Klammern an feste Dinge (auch Zahlen) mit ihren scheinbar fassbaren Grenzen aufzulösen. Ein Denken, das erlebt, praktiziert werden möchte, um sich in der Leere zu zeigen. Heraklits πάντα ῥεῖ ! Das Yogi Siegel aus Mohenjo Daru! Atem, Prana und Ki, deren Begriffe so kraftspendend wie leer sind. Die Körper-Geist-Einheit muss sie gelebt, wir uns entgrenzt haben. Ohne deren Energie und ein kreisendes Ein und Aus stetigen Atemflusses ist kein Leben. Fließender Austausch.
Durch dieses Denken stellt sich alles fest geglaubtes, speziell in Bezug auf ein Festhalten (Besitz) in Frage. Denn wer besitzt schon mein Leben? Ich? Wo ist mein Trauma? Im unergründlichen Unbewussten? Woher kommen meine Gedanken? Von mir? Wo ist eine Wahrheit? Mal hier mal dort, mal fest, mal ein im Nebel ungreifbarer Schemen… Von Ast zu Ast schwingende Affen, die im Dickicht des Urwaldes davon gleiten, bis ihre letzten Rufe verhallt sind. Ziehende Wolken…

(1) Deleuze, G., Guattari, F. (1996) Was ist Philosophie? Suhrkamp (S. 136)

(2) „Als vorphilosophisch oder gar nicht-philosophisch jedenfalls setzt die Philosophie die Macht des All-Einen, und zwar als wandernde Wüste, die von Begriffen besiedelt wird.“ (ebenda S. 14)

(3) „Das Universum kommt aus dem Brahman hervor und wird zu Brahman zurückkehren. Wahrlich alles ist Brahman.“ Chandogya-Upanischad in Easwaran, E. (2008) die Upanischaden. Arkana, München (S. 243)