Zweiter Stopp: Leuchten

Langsam versinken die Berge und der Idro-See in der Dunkelheit. Fernes Leuchten, eine laue Juninacht. Entspannter Plausch weit oben auf der Terrasse. Ein kühler Drink. Die Nacht sinkt tiefer und tiefer über die Wiesen, die Bäume herab. Tiefblaue Schwärze zieht auf, leicht beschienen durch eine Lichtaura; sie umhüllt den wohligen Ort. Dann ein Aufblitzen, ein Leuchten; einsam, klein, intensiv; nicht weit, dort wo die Rosen stehen. Es tanzt und torkelt, blinkt, verlischt. Plötzlich ein Zweites, ein Drittes. Die Wiese füllt sich mit Leben. Staunend werde ich von einer nie erlebten Atmosphäre gefangen. Der Blick schweift von Glühpunkt zu Glühpunkt. Die nahe Wiese verwandelt sich, ebenso wie der Rasen in eine wild blitzende Disco, deren Lightshow jeden Rave, jede Drohnenshow in den Schatten stellt. Tief verwoben in der Natur, zeigt diese ihre wundersamen Wunder, ihr faszinierendes immer anders Sein.

Erster Stopp: Luftkampf

Im Schwarzwald. Ich verlasse den Wiesenweg zum nächsten Dorf. Über mir Bewegung, Hektik. Ich schaue genauer. Ein, nein zwei Sperber im eleganten Kreisflug. Schauend, suchend. Dann sehe ich den kleinen Vogel. Todesmutig stürzt er sich auf einen der Greifvögel; schnell, wendig, gezielt. Er dreht ab, als der Sperber mit ein paar Flügelschlägen abdreht und höher steigt. Dann sinkt er wieder, setzt seine absteigenden Kreise fort. Schon zischt der Kleine wieder heran; das Spiel beginnt aufs Neue. Er lenkt ab, schützt sein Nest. Verteidigt den Luftraum über seinem Zuhause. Überlebens-Sicherung für seine Brut, seine mutige Art. Care-Arbeit unter höchstem körperlichem Einsatz.
Ich stehe da, atme, betrachte das Geschehen, denke nach. Über den Sinn des Lebens, die Weite des Blicks, Körper und Überlebenskampf. In einer wunderbaren Landschaft, die so viele Geräusche und Gerüche bietet. Als ich gemütlich, vom Atem getragen weiterziehe, rasen plötzlich viele kleine Punkte an mir vorbei. Erneut wird meine Aufmerksamkeit weg vom Körper, dem in der Welt sein, nach Außen geworfen. Ein Schwarm von Bienen – so schnell fort, wie er mich umsummt hat. Die turbulente Insektenwolke sammelt sich über einem Gebäude, verdichtet sich. Ich verliere ihn aus dem Blickfeld. Ich bin in der Natur, auf dem Boden. Fest, klar, wärend um mich herum das Leben tobt. Wunderbar.

Gesundheit

Da und dort schwatzen die Vögel, gurren, piepsen, pfeifen Melodien, flattern. Vom Bolzplatz das ballige „Plopp, Pong“; Rufe und Anweisungen. Dezent, – all dies gehört zur sonnigen Feiertagsruhe. Auf den Atem konzentriert, bin ich Teil von Welt. Leises Schlurfen im Gras. Erneute Ruhe. Wieder Schlurfen, eine Begrüßung, mit dunkelruhiger Stimme gesprochen. Zwei treffen sich neben mir, in der Frühsommersonne. Wunderbares Wetter.
Ich konzentriere mich auf den Atem. Dennoch, immer wieder schweben Gesprächsfetzen in meine Ohren. Es geht um Gesundheit. Untersuchungen, Screenings und Krankheiten im Umfeld. Ich atme tief ein, bleibe auf dem Atem, bei den Vögeln. Es lenkt mich ab. Bilder vom letzten Gespräch mit einem Freund kommen mir in den Kopf. Da ging es die erste viertel Stunde ebenfalls um dieses und jenes Zipperlein, nicht nur bei uns. Scheint am Alter zu liegen. Ich blicke verstohlen unter meiner Sonnenbrille hindurch zur Nebenbank. Ja, ein älteres Pärchen plauscht über Hautkrebsscreening, Vorsorge vor dem Urlaub und all diese Dinge. Zurück zum Atem. Wäre ich doch einer dieser Vögel, die die grüne Natur und den blauen Himmel mit ihrer wundersamen Atmosphäre tränken. Die Vögel erzählen von Revieren, PartnerInnen, Hunger und was weiß ich. Dann, irgendwann, fallen sie vom Ast und sind tot. So einfach, so gut. Ich finde den Atem wieder. Am Anfang war nichts, danach ist auch nichts.

Identität

„Da, der Baum, da, der Ahorn, wie er in seinem hellgrünen, zarten Frühlingskleid in der Sonne strahlt!“ Ruft mein Geist. Der Baum, mein Geist, die Sonne, der Frühling – Identitäten. Im Moment klar und eindeutig identifizierbar. Eine Sekunde später schiebt sich eine Wolke über die Sonne. Ein neuer Gedanke formiert sich aus den Strömen der Wort- und Bilderwolken im Kopf; wird klar, verpufft, formt sich neu. Trotz des Waberns erscheint es leicht und simpel zu philosophieren. In einem Zug die alltägliche, nutzbringende Verfallenheit zu erfahren und im Gleichen zu erkennen, dass nichts so ist, oder besser bleibt, wie wir so gerne annehmen.
Pulsierend breitet sich die Welt von mir, dem Subjekt aus. Der Singularität, die ich bin. Sie verbindet, verteilt, saugt auf; kommt, erkennt, vergeht. Mal klarer, mal eher unscharf, ahnend. Klare Worte, deren Bedeutung nie vollständig fassbar ist. Verbunden mit schwebenden Atmosphären, Stimmungen, die wie ein sanfter, sonniger oder kalter Nebel durch mich hindurchziehen. Ich betrachte das Foto. Ja, das war ich einmal. Im Kopf habe ich ein anderes Bild, als das, was im Spiegel auftaucht. Scharf und dennoch verschwommen, als wenn der heiße Wasserdampf auf dem reflektierenden Glas alle Konturen zu verwischen meint.
Identitäten sind Vergänglichkeiten und Strohhalme zugleich. Wir klammern uns an sie. Saugen aus ihnen unsere Existenz. Vergehen mit ihnen. Die Plastikstrohhalme brauchen dazu länger als mein Leben währen wird.
Ich bin im Beat. Ich bin pulsierender Rhythmus, schwebende Sphäre. Ganz da und doch nirgends.
Ich fasse das Buch, blättere, Gedanken werden aus Buchstaben, Zeilen, Worten aufgesogen. Ich gleite durch den Text. Meine Interpretation vermischt sich mit dem Fluss der Sätze. Später verstaubt das Buch, genauso wie die gelesenen Inhalte. Irgendetwas bleibt hängen, verwurstet sich mit meinem ich, verschiebt, verstärkt, vermindert meine Sichten auf die sich drehende Welt. Sie dreht sich um mich, ich drehe mich mit ihr. Was habe ich gerade gelesen? Wie hat sich der Beat angefühlt? Was war das für ein schöner Blick? Was war das für eine wundervolle Begegnung, Berührung? Was ist jetzt?
Ich schreibe, währenddessen löse ich mich auf. Worte formen sich im Kopf, fließen in den Text, verknoten sich, die parallele Idee – verflüchtigt. Wo wollte ich hin? Was ein imaginäres Ziel, ein Ziel zu haben. Was für eine Illusion, etwas Festes zu sein. Seid! Der schwere Bass von Massive Attack löst die Gedanken ab. Die Platte, der Text sind da, aber verstummen zugleich. Die wärmende Maisonne scheint. Anders als eben.

Land

Altehrwürdige Balken mit güldenen, verschnörkelten Lettern. Jahreszahlen erzählen von vergangenen Geschlechtern, die mit der Scholle zutiefst verbunden waren. Alles ist fest in den Boden verankert, wie die Buchen und Eichen, die sich seit Jahrhunderten im Wind wiegen. Wir fahren über baumgesäumte Landstraßen, entlang von frisch gepflügten Feldern. Am Steuer ein 88-jähriger Bauernsohn: „Sie haben zu tief gepflügt, das ist nicht gut.“, sagt er. Wäre mir nie aufgefallen. Die Verbundenheit mit dem Boden, der Natur, den Zyklen, den Tieren spricht aus fast jedem seiner Worte. Er berichtet von der Zeit seines Vaters, dem Pflug und den Pferden, den Bauern, die beim Pflügen eingenickt sind; sie erwachten, als der Trecker über die Rüben des Nachbarn rumpelte. Manche sind wohl übermüdet in diesen oder jenen Bach geeiert. Nicht zu tief waren die alten Pflugspuren dann, sondern gebogen, ausbrechend.
Im Krieg wurde meine Mutter und ihre Geschwister auf den Geburtshof meiner Großmutter „verschickt“, damit die hungernden Stadtkinder aus dem Bombenhagel mal wieder „was ordentliches zu essen bekommen.“. Diese Gastfreundschaft und Herzlichkeit strahlt aus den Herzen der beiden Alten, deren Kraft aus der Scholle zu wachsen scheint. Aus jeder Pore spürt man die Verbundenheit mit der Natur. Konservatismus fühlt sich schön an, wenn sie über die moderne naturvergessende Agrarindustrie sprechen. Konservatismus, der zutiefst progressiv, welterhaltend klingt. Ich erinnere mich an den „Feldweg“ von Martin Heidegger. Sehe alte Eichen, die sich um Gehöfte, umgeben von knickbesäumten Wiesen und Ackerflächen scharen.
Im Dorf grüßt jeder jeden. Kurzer, knapper Augenkontakt, manchmal ein leichtes neugieriges Lächeln. Offen-reserviert. Der kläffende Hund hinter der Hecke wird zurückgerufen. Der dunkle Fleck auf der Wiese entpuppt sich als Bulle, als sich aus seinem Fell der breite Schädel erhebt. Myriaden von Vögeln zwitschern, schwatzen und krakelen in den alten Bäumen. Alles ist ein wenig heruntergekommen, bis auf den gepflegten Kirchplatz.
Im lärmenden Gedränge es Hauptbahnhofs hat mich die Stadt wieder…ein Teil meines Herzen ist reif fürs Land.

Visionen

„Das Umgekehrte ist jedoch die Wahrheit. Wenn wir die geschlossenen Systeme beiseite lassen, die den mathematischen Gesetzen unterworfen sind, und die isolierbar sind, weil die Dauer nicht an ihnen nagt, wenn wir das Ganze der konkreten Realtität oder ganz einfach der Welt des Lebens und mit noch mehr Grund die Welt des Bewußtseins ins Auge fassen, dann finden wir in der Möglichkeit eines jeden der aufeinanderfolgenden Zustände nicht ein weniger, sondern ein Mehr als in ihrer Verwirklichung, denn das Mögliche ist nur das Wirkliche mit einem zusätzlichen Geistesakt, der dieses Wirkliche, wenn es einmal da ist, in die Vergangenheit zurückwirft. Aber die Denkgewohnheiten hindern uns daran, dies zu bemerken.“ (1)

Spekulieren wir über das Morgen. Wie immer, wie jeden Tag, der neu beginnt; sonnig oder verregnet. Unendliche Visionen über die Zukunft quellen aus den Köpfen – sowie tausenden von Seiten der Science-Fiction Literatur. Fragen, Ängste, Hoffnungen und Problemstellungen, welche die Menschen bewegen. In jedem Werk dieser Literaturgattung wird zumeist eines der sich aus dem Jetzt aufdrängenden „Probleme“ behandelt; es werden „mögliche“ Szenarien diskutiert. Viele dieser „Visionäre“ gehen von einem Denkraum aus, der an sich der Gegenwart ist. Sie verknüpfen vorhandene Einzelteile und kombinieren diese, um sie in den neuen „Leerraum“ der Zukunft hinein zu projizieren. Doch kann daraus etwas „Neues“ entstehen? Sicher nur im Sinne, wie dieses Wort im Alltag gebraucht wird. Der Möglichkeitshorizont ist so unberechenbar wie die Wettervorhersage.


Möglichkeiten sind nichts als Einschränkungen, wie Bergson und in der Folge Deleuze feststellten. Sie verweisen auf den Bestand des Beständigen, den wir in unserem Besitz zu glauben meinen. Fest ist unser sicher zementiertes Wissen; bis in die Untiefen unseres Unbewussten. Es schränkt die „Virtualitäten“, die im Untergrund des Werdens brodelnden Kräfte ein. Das pulsierende Magma, von dem niemand weiß wann, wie und wo es als Vulkan, Erdbeben oder als Austritt aus einer tektonischen Spalte realisiert. Ebenso wie der spekulative Blick auf die geheimnisvollen Welten des Weltenraums oder der Tiefsee. Spekulationen im Möglichkeitsraum sind wie der Stein des Sisyphos. Kann man über den Horizont der möglichen Dinge hinauszudenken?, das Denken in die Virtualität verschieben? Über den Denkhorizont hinaus, diese unstabile dünne Linie in der Weite, oft verstellt von Bäumen, Bergen oder Gebäuden, an dem unsere begrenzte Weltsicht endet. Ihn erreichen können wir nur, wenn wir uns auf den Weg machen. Doch auch dieser ist geprägt von Voreingenommenheiten und Scheuklappen. Visionäre wie William Gibson (2) erdachten sich vor der Zeit des Internets den „Cyberspace“. Aber das Kabel, das in das „Simstim“ am Nacken zur Datenverbindung „eingejackt“ wird, war fest wie ein Fels in der Buchse wie auch in seinem Möglichkeitshorizont verankert. Die Idee drahtloser Übertragung, wie sie heute Gang und Gäbe ist, war eine Virtualität, die sich abzeichnete, aber im Rahmen des Möglichen nicht gedacht wurde – werden konnte?


Hier sieht man, dass die Erfindung neuer Begriffe oft Hand in Hand mit dem alten Ballast verstaubter Worte einhergeht. Die Virtualitäten als wirkende Kräfte werden vernebelt. Im Alltag kein Problem. Ist doch egal, ob wir uns den Raum als abstraktes Etwas vorstellen, hinter oder vor dem (Urknall) ein „Nichts“ ist – das Raum-nichts (ein Raum?). Was nutzt das Konzept, dass wir hingegen „on the run“ immer wieder, handelnd, unseren eigenen Raum konstruieren im Alltag? Die Feststellung, dass wir uns immer wieder verräumlichen und somit verzeitigen? Kant fragte nach der „Bedingung möglicher Erfahrung“. (2) doch darum geht es nicht. Es geht um das Reale, das sich aus den Virtualitäten aktualisiert.
Kurz gesagt: Science Fiction sind das Paradebeispiel für ein tiefes Denken, das neue Horizonte eröffnen kann; zugleich aber im Möglichkeitshorizont verweilt, oder gar rückwärts gewandt ist. Es ist leider sehr eingeschränkt. Nur auf dem Pfad der Möglichkeiten verharrend, lesen wir im Raumschiff, das mit Lichtgeschwindigkeit durch die unendlichen Weiten gleitet, Zeitungen, Druckerzeugnisse…
Fordert das Unmögliche, oder um mit den Situationisten zu sprechen „Unter dem Pflaster liegt der Strand“! Handelt, grabt!

(1) Bergson, H., Denken und schöpferisches Werden (2000) Rotbuch Verlag, Hamburg S. 119

(2) vgl. Gibson, William (1984) Neuromancer

(3) „D i e M ö g l i c h k e i t d e r E r f a h r u n g ist also das, was allen unseren Erkenntnissen a priori objektive Realität gibt.“ Kant, I., Kritik der reinen Vernunft (1978) Reclam, Hamburg S. 230 [B 194/A 155-B 195/ A 156 (14401)]

Kultur

Gebrabbel und Geraschel, die Ungeduld hektischer Menschen, die sich nach Ruhe sehnen. Dann endlich, die Tür öffnet sich. Gedrängel, hektische Blicke, einige bleiben sitzen. Ich betrete durch die offene Pforte den fremdvertrauten Kulturraum.
In einem allumfassenden Schwall ergießt sich die warme, kerosinhaltige Luft in die Lungen, streichelt das Gesicht. Gleißendes Licht und ein heißer Wind auf dem ganzen Körper; angekommen. Jede Faser spürt, wie ein Seismograph die Erschütterungen der Erde, den neuen Ort, diese andere Kultur. Der schweifende Blick, nein, alle Sinneseindrücke bestätigen das Durchschreiten der Barriere. Rissiger Betonboden, das überall ein wenig schrabbelige Ambiente, die verlotterten Toiletten, die verblasste Werbung, das einst bewegliche Kunstwerk in seiner Erstarrung. Schlurfende Geräusche, südlicher Flughafengeruch, das Quietschen des Förderbands, müdes Gebrabbel. Alles transportiert präsente Erinnerung. Wie Prousts Madelaine. Der Hauch der Abgase trägt den frischen Geruch der Oliven in sich, der Maschendraht, der Boden mit den Ölflecken, das, an die Felsen klatschende Mittelmeer. Die kaputten und improvisierten Toiletten verweisen auf die heimelige Taverne (die mittlerweile wesentlich ansehnlichere Aborte vorzuweisen hat).
Einen ähnlichen Moment hatte ich, als ich nach 16 Jahren 1994 erneut in den USA, in San Francisco landete. Kaum verließ ich das Flugzeug, schon stellt sich, in der Zollkontrolle mit den Schnüffelhunden, das amerikanische Lebensgefühl ein, dass ich in den späten 70ern erfahren durfte. Das heißt, mein ganzer Körper wurde ergriffen, umschlungen wie von einem unsichtbaren Netz, dass sich seinen Weg bis ins innerste eines jeden Organs bahnt. Es ist unglaublich, auf wie vielen Wegen Kultur, von allen Poren geatmet, gelebt und letztendlich empfunden wird. Das Denken geschieht am Rande, dem Gefühl folgend. Dabei wird klar, dass das begriffliche Fassen von Kultur die schwerere Aufgabe darstellt. Jedes gesprochene Wort in der Landessprache fühlt sich so unglaublich anders an, als der gleich-ähnliche Begriff in der gewohnten Heimatsprache. Umso irritierender das emotionale Ping-Pong, wenn ich an vertraute Kulturen denke. Wenn auch, mit der Zeit, diese Empfindung zu verblassen scheinen. Als ich in San Francisco landete, ergoss sich erneut alles über mich, wie eine heißen Dusche. Mich umhüllend, wurde es wieder präsent; mein „amerikanisches“ Gefühl. Ungeachtet dessen, dass ich vorher nie an der Westküste den Fuß auf fremden Boden setzte, sondern in New England gelebt, nur die Ostküste bis Florida und ein wenig den mittleren Nordwesten bereist hatte. Ein gänzlich anderer Kulturraum.
So wie jede fremde Kultur, spürt sich Heimat an. In tausend Ringen, die wir zumeist kaum bemerken, umschließt sie uns. Schon das eigene Zuhause hat einen unvergleichlichen Geruch von Heimeligkeit. Es verströmt seine eigene Atmosphäre. Der Besuch bei „Fremden“, seien es noch so gute Freunde, führt in eine unbekannte, sich ungewohnt fühlende Welt. Die Bilder, der Odeur der Wohnung, die Möbel und Durchblicke; ein freudig erwartendes Lächeln, eine Handbewegung, eine Berührung laden und führen ein. Wie der sanfte warme Luftzug am südlichen Airport, der einen an einen zugleich heimeligen und fremden Bereich zieht.
Kultur durchdringt alle Sinne, durchsetzt jeden Menschen wie Wasser den Körper. In ihr wachsen Sym- und Antipathie, neugierige Anziehung und spontane Ablehnung. Neugier gehört zum Menschen, wie auch die Abstoßung, wenn etwas zu fremd ist. Schnell wird das Ungewohnte, ungewöhnliche, gar unheimlich; es sei denn wir versuchen, mit offenem Herzen einzutauchen; klappt jedoch nicht immer. Kultur ist die Grundlagen von Beziehungen, das Gerüst, um das unsere soziale Struktur herum fühl- und erlebbar wird. An den Grenzen, in Ausnahmesituationen macht sie die Beziehungsweisen sichtbar. Wie die Dynamik eines Musik-Ereignisses, zieht sie uns mit allen Poren des Körpers in ihren Bann – oder stößt uns ab, sobald sich auf Grund von Missklängen die Zehennägel hochrollen. In uns erstarrt etwas, lehnt ab, während um uns die Begeisterung tobt. Dabei spielt nicht nur das musikalische Erlebnis eine Rolle. Die Bewegungen, die Dynamik der Menschen, ihre Kleidung, ihre Haartracht, ihr Gesichtsausdruck, ihr Schmuck, ihre Symbole, Gesten und Blicke können zutiefst befremdlich wirken. Wie der abstoßende Geruch einer unheimlichen Wohnung – oder einladend.
Genauso wie wir in Kultur aufwachsen, kultiviert werden, machen wir Kultur, werden immer wieder andere Kultur. Sind Bauern auf dem Acker, legen Kulturen an und aus, sammeln sie ein. Manchmal bekämpfen wir das, was wir als Unkraut bezeichnen, manchmal lassen wir es zum Teil der Kultur werden. Ein immer wieder auf sich bezogener Prozess, der sich permanent im Werden befindet. Wie die Strömungen und Genres in der Kunst und der Musik, die einer permanenten Evolution unterworfen sind. Co-Evolution der Musikstile mit anderen Kulturen, wie Tanzformen, nativen Ritualen oder rituellen Befindlichkeiten. Kultur wuchert. Jeder Versuch, sie festzustellen scheitert, denn sie ist wie unser Körper in beständigem Entstehen und Vergehen, auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden.

Aus heutiger Sicht

Nietzsche war ein Patriarch und Sozialistenhasser. Er benutzte Begriffe, die man heute nicht mehr in den Mund nimmt. Doch was konnte er vom Missbrauch z.B. des Wortes „Arier“ durch die Nazis wissen? (1) Wie wir alle schwamm er bis oben hin durchnässt im Strom seiner Zeit. Dennoch, sein Denken war wie ein gegen die Strömung schwimmender Fisch: anders, explosiv, auf der Flucht vom Status Quo. Marx konnte seine Texte nur durch die Hilfe der Care- und Sekretariats-Arbeit der im Hintergrund wirkenden Revolutionärin und starken Frau Jenny schreiben; ein revolutionärer Chauvinist? Immer auf den Geldtropf von Engels, dem Fabrikantensohn mit schlechtem Gewissen angewiesen. Heidegger liebäugelte deutschtümelnd mit dem Faschismus, hat selbst die von ihm geliebte Jüdin Hannah Arendt im Stich gelassen – wie so viele Andere. Trotz eines messerscharfen Verstandes, der wie der Ostwind über die dunklen Wälder des Schwarzwaldes zum Feldweg fegt. Alice Schwarzer, Feministin der zweiten Welle wird heute von denen der Dritten ausgebuht. Einer der Lehrer der 68er Revolte, Adorno hatte einen Beef mit seinen Zöglingen, die ihn daraufhin im „Ho Chi Minh Wahn“ massiv angriffen. Die Liste liesse sich unendlich fortsetzen.
Sie lebten in ihrer Epoche, eingebunden in das Denken und der ihnen gegebenen Sprache. Sie fanden ihre Eigene. Trotz zeitsynchroner Gewohnheiten haben sie aus der Zeit gefallene Thesen in die Welt geworfen, gerotzt, gedacht, gesagt und geschrieben. Wer lauscht, kann seinen Geist erhellen. Ja, viele Gedanken von ihnen haben den Weltlauf der Geschichte beeinflusst. Die Spur von Nietzsche führt über die französischen, sogenannten Post-Strukturalisten bis hinein in die heutige Diskussion um solch umstrittene Begriffsklumpen wie dem des „Postkolonialismus“ (2) oder zu neuen feministischen Diskursen. Das Denken dieser Menschen durchzieht die Kritik des Denkens der Moderne wie ein unsichtbares Wurzelgeflecht. Hören wir ihnen zu, befragen wir ihre Positionen, erleuchten wir unsere Sicht auf Welt, springen wir in den kalten Bach; das erfrischt, weckt auf! Bedenken wir die eigenen, ebenso verstellenden Sprach- und Erlebniswelten. Jeder Satz, den ich hier schreibe, ist ein Produkt der Zeit, in der ich lebe. Ihr Geruch, ihre an-“sprüche“ durchdringen meinen Körper – bin in die letzte Zelle. Ich fürchte, in einigen Jahren werden viele meiner Worte als lächerlicher bewertet, als sie jetzt schon sind. Doch mit Freude lasse ich die „progressiv“ keifenden Ideologen und Rechthaber, all die revolutionäten Status-Quo Knutscher hinter mir. Sie fischen, wie schon seit Jahrhunderten im trüben Wasser. Ich blättere mit Lust in den Werken meiner verfehmten Denkfreunde.

(1) „Nachdem ich gar den den Namen Zarathustra in der antisemitischen Correspondenz gelesen habe, ist meine Geduld am Ende – ich bin jetzt gegen die Partei Deines Gatten im Zustand der N o t w e h r. Die verfluchten Antisemiten s o l l e n nicht an mein Ideal greifen.“ Zitiert nach Safranski, R. (2003) Nietzsche. Fischer, Frankfurt a. M. S 353

(2) „Mit recht ist Nietzsche, vermittelt über Gilles Deleuze , im strukturalistischen Frankreich als Machttheoretiker wirksam geworden.“ (Eine der wenigen Anmerkungen von Habermas zu Deleuze in seinem kritischen Werk zu den Strukturalisten.) Habermas, J. (1985) Suhrkamp, Frankfurt am Main S. 153

Glitzern

Menschen rennen in Geschäfte, folgen goldenem Glimmern und Glitzern in ihren Köpfen. Wozu. Ich schreite langsam durch den stetig vor sich hin rieselnden Schnee. Bei Minusgraden, die zu beharren scheinen. Dann schimmert es, blitzelt in meinen Augen. Feine, lange Kristalle, die sich mir entgegenwölben, die frisch durchgebrochene Sonne einfangen, zurückstrahlen lassen. Doppelbelichtung durch das vermisste Gestirn, den Hort des Lichts, des Lebens.
Ihr wärmendes Feuer dringt durch die kalte Luft . Es wird die kleinen Gebilde, die sich in alle Richtungen strecken, langsam in sich zusammenfallen lassen. Genauso wie der Winter, der über eine ungewöhnlich langen Zeit die Welt zudeckte, dahinschmelzen wird. Doch jetzt zählt dieser eine, kühlfreudige Moment, diese Augenweide, weitab jeder Ablenkung.

Begeisterung

Auf dem Plattenteller spielt „Perfect Coffee“ von Kae Tempest. Sanft schwebt der zuckerberieselte Milchschaum in meinem Becher, toppt den Kaffe. Ja, perfekt. Ein warmes Gefühl umschließt das Herz, welches sich nach der dynamisch-freudigen Bewegung langsam beruhigt. Zur Ruhe kommt, wie mein Kopf.… Ein warmer Schluck, fast heiß. Die Gedanken schweifen …zu den kahlen Bäumen, der harschigen, in die Tage gekommenen dünnen Schneedecke. Es ist kalt draußen. Die Meisen picken den ganzen Tag am bereitgestellten Futter. Selbst eine Amsel sitzt geplustert in der Hecke. Stippvisite des Rotkehlchens. Sie wärmen den Magen. Gegen die garstigen Außentemperaturen. Igelzeit bei -7 Grad. Der Himmel ist Grau, mein Bauch freut sich über die innere Gemütlichkeit.
Was ist der Unterschied zwischen Begeisterung und Zufriedenheit? Beides erfreut und scheint unbeständig, wie der sich verflüchtigende Schnee. Nur, dass die Begeisterung schneller verfließt. Zufriedenheit kann anhalten, langsam gemütlich, wohlfühlend durch den Körper treiben. Stimmung und Emotion, zwei miteinander spielende Zustände. Ewige Begeisterung wirkt auslaugend, fordert immer mehr, Konsum …sie verbraucht sich im Ereignis, im Spektakel, das eräugt und gefeiert wird. Bis es sich in kalter Alltagsluft auflöst. Es trägt nicht, wie dünnes Eis. Zufriedenheit sollte den Urgrund bilden. Sie ist gerne unbemerkt, schwebt unter der Begeisterung. Sie kommt und geht in Wellen, in immer neuen Kombinationen, die ihren Weg nach oben bahnen. Schön, wenn sie in ein ganzkörper-geistliges Gefühl münden. Permanentes Werden. „Perfect Coffe“, von Kate Tempest hat einen melancholischen Unterton. Ein trauriges Bild der Gentrifizierung, die mit ihren Coffe Shops über gewachsene Nachbarschaften herfällt, sie zerstört. Nach wie vor begeistert mich der Song, speziell, als ich den Schluck Kaffe zu mir nehme. Begeisterung, gemischt mit einer gewissen Traurigkeit. Dann macht sich Zufriedenheit breit. Sie will genährt werden, Wenn der Kaffe alle ist, werde ich mich aufs Kissen setzen. Atmen.