Am Morgen

Im September war ich, bevor die Sonne über den Kamm strich, oft alleine am Felsen. Mal hatten Angler Position bezogen und hofften auf einen frühen Fang. Wenn der Strand sich erwärmt hatte, schlichen die ersten Touristen bis zum Schildkröten-Nest vor. Sie trieben kurz im Wasser, um dann ihre rundlichen Leiber am südlichen Strand zu braten. Während die Wellen ihr ruhiges oder belebtes Spiel spielten, ich mich mit der Natur bewegte, strahlten sie Schwere und Trägheit aus. Der ältere Herr, der langsam, sehr langsam, tagein und tagaus seinen Gang entlang der Brandungszone machte, strahlte innerer Kraft aus. Mit einem kurzen Nicken zollten wir uns jeden Morgen Respekt.
Jetzt, wo der morgendliche Sand sich abgekühlt hat, das Gestirn länger benötigt, der Wind frischer bläst, erwacht am Meer eine neue Dynamik. Da ist die Gruppe der älteren Damen, die Bewegungsyoga machen, das Pärchen, das Tai Chi übt, die Joggerin, die Frau die nach ihren Übungen nackt in die Fluten springt und der mittelalte, sehnige Herr, der seine Schlagkombinationen übt. Der Herbst bewegt nicht nur die Blätter im Norden. Überall verschwinden die Trägen in ihren Höhlen (was an sich nicht schlecht ist) und eine neue Dynamik erwacht am Strand. Auch heute habe ich dem älteren Herrn zugenickt. Ein kurzer, uns beide motivierender Blick.

Studium 2 – entmenschlicht

Einen Tag nach dem Post zum Begriff des „Studiums“ unterstrich der Hilferuf einer Studentin, die psychische Probleme hat, was ich schrieb. Zunehmend muss ich beobachten, dass bei Studierenden Angststörungen, Depressionen und anderer Probleme auftreten. Sicherlich durch Covid verstärkt, aber nicht erst seit Corona. Gefühlt nimmt dieses Phänomen seit etwa 5- 6 Jahren massiv zu (im Nachgang zum desaströsen Übergang vom Diplom zu BA und MA). Einige Studierende, die offen mit ihren Problemen umgingen, konnte ich zum erfolgreichen Abschluss geleiten. Zum Teil mit intensiver Beratung und psychologischer Unterstützung, die sich die Studierenden geholt haben. Leider gab es auch den Abbruch der MA Thesis einer sehr begabten Studentin. Einige Studierende sind schweigend aus dem Studium verschwunden, vielleicht, weil sie keine Hilfe suchten und fanden. Für mich ein nicht quantifizierbares Alarmsignal über den Zustand von Gesellschaft und Studium.
Es kann sicherlich auch daran liegen, dass die „junge Generation“ an sich schwach, nicht forderbar, überfordert, verwöhnt etc. ist, wie manche meinen. Ich muss jedoch feststellen, dass es sich bei den Betroffenen zumeist um hochbegabte und fähige Studierende handelt, die, wenn sie es schafften, im sehr guten bis guten Bereich abschlossen.
Ebenso könnte behauptete werden, dass wir „Alten“, die kurz vor der Rente stehen, ebenso verweichlicht sind. Warum sonst kommen von der Hochschule und Firmen gutgemeinte Angebote zur Stressbewältigung, für Tai Chi und andere netten, hilfreiche Dinge? Warum boomt der Markt für solche Kurse? Warum ist es so schwer, einen Therapieplatz zu bekommen…? Ist dies nicht auch symptomatisch? Ein Armutszeugnis für den Zustand der Hochschul- und Arbeitswelt? Vielleicht sogar unserer Lebenswelt.
Es ist unglaublich, wie viele Menschen in meinem persönlichen Umfeld, speziell solche in Positionen mit Verantwortung – von der Erzieherin, der Krankenschwester über technische Fachkräfte in Großunternehmen, Kolleg*Innen bis hin zum IT Projektleiter berichten, dass sie nicht mehr können oder wollen. Dass sie intensiv an einer „Exit-Strategie“ aus dem Berufsalltag arbeiten. Nicht nur, wenn das Gespräch auf mein Sabbat Jahr kommt. Oft bringt der Job, wie mir, noch Spaß. Doch die Belastung durch die Verwaltung, Email-Aufkommen, Bürokratie, Taktung, Normzahlen (Liste kann erweitert werden) etc. ist kaum noch zu ertragen. Zudem tragen die neuen Medien diese belastenden, jobfremden Tätigkeiten in die Wochenenden, Abende und die Freizeit. Allen Verlautbarungen der Verwaltungs- und Führungsebenen der Arbeitenden zum Trotz. Also auf zum nächsten Kurs, zur nächsten Verpflichtung, die – ach so freiwillig ist…
Ich kann nur dankbar sein, dass ich mir den Luxus dieser Auszeit erlauben darf. Das System hat keine Fehler, es ist der Fehler.

Dankbarkeit

Ein wunderbarer Sonnenuntergang. Dessen letzten Strahlen kitzeln die Wolken des Nordsturms, der über die Berge treibt. Frischer Wind peitscht das Meer und treibt den Sand vor sich her. Touristen hetzen in windgeschützte Tavernen, jammern über den frischen Wind. Die letzte Rettung: der Aperol Spritz – oder wie das Zeugs heißt. Als sich der Wagen von Phöbus Apollon durch fadige Wolken gen Heimat aufmacht, die in schillernden Tönen am Himmel leuchten, hüpfen beleibte Körper schwerfällig aus den Sesseln. Handys werden gezückt und der Frust des Tages ist Vergessen.
Ich bin dankbar, dass ich hier sitzen, die wunderbare Natur mit ihren Gewalten genießen darf. In Eigenbewegung. Ich bin dankbar, dass ich es spüren darf. Ich denke an all die, die sich diesen Luxus nicht erlauben können.

Studium

„PHAIDROS. Genug! Meine Hoffnung hast du vereitelt, Sokrates, da ich dachte, mich an dir zu üben. – Also, wo willst du nun, daß wir uns hinsetzen, um zu lesen?
SOKRATES. Laß uns hier nach draußen abbiegen und den Ilissos entlanggehen, dann wollen wir uns, wo es uns gefällt, in der Stille niederlassen.
PHAIDROS. Zu rechter Zeit bin ich offenbar gerade diesmal barfuß – du bist es ja immer. So ist es am einfachsten für uns, das Wässerchen hinabzugehen und dabei unsere Füße zu netzen. Besonders in dieser Stunde und in dieser Jahreszeit ist das recht angenehm.
SOKRATES. So führe also und schau dich zugleich um, wo wir uns niedersetzen können.
PHAIDROS. Siehst du da jene hochaufsteigende Platane?
SOKRATES. Ja.
PHAIDROS. Dort ist Schatten und mäßiger Lufthauch und Rasen, uns zu setzen oder, wenn wir wollen, uns niederzulegen.“ (Platon, Phaidros – oder vom Schönen, 3)

Das lateinische „studere“ bezeichnet den Prozess nach etwas zu streben, sich um etwas zu bemühen. Also ein sehr allgemeiner und alltäglicher Prozess. Um welches „Etwas“ es geht ist egal. Im Kontext von Forschung und Lehre bedeutet „studieren“ Wissen zu erwerben und anwenden zu können. Wissen, so sollte allgemein bekannt sein, bedeutet noch lange nicht, etwas zu können. Ich weiß, was es bedeutet, auf einem Drahtseil in luftigen Höhen zu balancieren. Doch alle Gleichungen die eine optimale Balance kalkulieren, die Windgeschwindigkeit, das Schwingungsverhalten des Seils, seine Spannkraft etc. berechnen können, nutzen mir nix. Stellt mich auf das Seil und ich stürze ab. Um auf einem Seil einen Abgrund überwinden zu können, bedarf es langer Übung, Überwindung und vielleicht ein wenig Talent. Hinzu kommen Willenskraft, Anstrengung und… Übung! Zudem Muße und Ruhe zum üben, nachdenken, reflektieren und verinnerlichen – am besten in der Natur. Denn beim Lernen geht es darum, die „Natur“ der Dinge möglichst spielerisch zu erfassen. Im wahrsten Sinne des Wortes möglichst intuitiv zu be-greifen.
Wie Byung-Chul Han in seinem schönen Aufsatz über Rituale erwähnt, kommt das Wort Schule aus dem Griechischen: scholé bedeutet Muße*. Die Muße, die auf die Arbeit zum Lebenserhalt folgen sollte. Die der Erholung dient. In der Pause bildet sich die Kraft für den nächsten Gedanken, die nächste Idee, den nächsten Atemzug.
Rechte Anstrengung und Willenskraft etwas wirklich zu studieren bedürfen der Zeit und einer entspannten, motivierten Herangehensweise. Faktoren, die in jeder Situation, je nach Mensch, total unterschiedlich ausfallen können. Studieren bedarf eines eigensten Rhythmus. Sicherlich helfen vermittelte Erfahrungen, das gelebte Wissen eines Meisters oder Lehrers. Speziell wenn es darum geht Hinweise zu geben, wo Dinge falsch eingeschätzt oder gar nicht richtig gemacht werden. Dabei muss der Meister oder Lehrer ebenfalls danach streben die Lernenden in einem horizontalen Verhältnis zu studieren – zu fordern und zu fördern. Lehrende und Studierende müssen sich umeinander bemühen. Lernende Lehrende.
Die heutigen Lehranstalten haben sich, trotz besseren Wissens, meilenweit von diesem Prozess entfernt. Getaktet und in Excel Tabellen gerastert folgen sowohl Lehrende als auch Lernende in weiten Teilen den Vorgaben der (Profit-)Maschine. Dem entmenschlichten Dampfhammer der Effizienz und des Drucks ökonomischer Verwertbarkeit. Bis in die letzte armselige Synapse haben viele Lehrende und Lernende diese quantifizierende Ideologie verinnerlicht. Es geht um Produktion und Reproduktion. Auf einem, über die Zeit abgeblätterten Etikett lassen sich fünf verwitterte Buchstaben lesen: „Studium“. Dahinter finden wir die Raster der CNW Werte, Regelstudienzeiten, Numerus Clausus, Kapazitäten, Evaluationsbögen, Berichte, Anträge, Kalkulationen, Forschungs-Etats, Stundenpläne, Ordnungen… alles in riesigen Tabellen mühevoll erfasst.
Daten, die nicht das Geringste vermögen, sondern nur noch verwaltet werden wollen. Heute kommt in Hochschulen auf eine hauptamtliche Lehrperson in etwa eine Person, die verwaltet (dazu noch die politischen Verwalter bis hoch zur EU). Verwaltung ist das Gegenteil von Studium. Es ist Produktion – Verwaltung produziert bekanntlich nur noch mehr Verwaltung. Sie zwingt die Lehrenden durch ihre Gesetzvorgaben, Formulare und Tabellen mitzuverwalten. Wertvolle Lebenszeit und Lehrzeit wird für die zwangsgestörte Bürokratie verschwendet. Forschen und Lernen im maschinellen Takt, in einem vertikalen Macht-Verhältnis, in dem die Bürokratie mit ihren Normvorgaben (aus Industrie und Politik) zur Gewinnmaximierung an der Spitze steht. Eine neue Form der Sklavenhaltergesellschaft. Selten kommt wirklich etwas Qualitatives heraus. Dies kann nur geschehen, wenn die Studierenden und Lehrenden das Raster verlassen, die Regeln brechen; aus sich selber heraus beginnen die Welt zu studieren. Kein Wunder, es sollen ja Arbeitssklaven für den Markt produziert werden, für die Gewinnmaximierung an den Börsen, denen der Zustand der Welt egal ist.
Die Geldmaschine kennt keine Muße. Doch gerade Muße ist eine essentielle Voraussetzung für jedes wirkliche Studium, jedes wirkliche Bemühen und Streben. Muße, aus der die Dialoge des Platon und der anderen großen griechischen Philosophen entstanden; Gedanken, die bis heute gedacht werden. Tiefsinnig, wegweisend, am Mittelmeer unter Platanen beim dialogischen Spaziergang gedacht. Verlassen wir die toten Kammern der Hochschulen und wandeln unter Platanen, um ein wirkliches Studium zu beginnen!

*“Die Hoch-Zeit ist auch die Zeitlichkeit der Hochschule. Im Altgriechischen heißt Schule scholé, also Muße. Hochschule ist demnach Hoch-Muße. Sie ist heute keine Hoch-Muße mehr. Sie selbst ist eine Produktionsstätte geworden, die das Humankapital zu produzieren hat.“ (Byung-Chul Han (2019) Vom Verschwinden der Rituale. Ullstein, Berlin S. 52

Beben

Gestern und heute Morgen hat in Kreta die Erde gebebt. Ein Mensch ist gestorben. Alles, was fest scheint, selbst der stabilste Fels, ist vergänglich. Zieht vorbei, wie das Beben an mir. Ich war am Strand, habe in den Sonnenaufgang geatmet, der jeden Morgen kommt und am Abend geht. Immer wieder anders. Habe mit der frischen Morgenluft meine Lungen gefüllt. Die Natur hat die Energie gegeben und den aus mir strömenden Luftzug wieder angenommen. Alles ist verbunden. Kein Stein, kein Sandkorn hat sich bemerkbar gemacht. Gaia schwieg unter mir.
Brutal ballen die Wolken sich über dem Massiv der Berge mit der göttlichen Grotte, Idaion, zusammen. Keine kriegerische Horde wirkt bedrohlicher, unaufhaltbarer. Dennoch lösen sie sich in der hitzigen Sommerluft auf. Ins Nichts.

Befremdliche Zeugnisse

Alles ist unbeständig und chaotisch – in Bewegung, im Werden

Vor ein paar Tagen erreichten mich im quadratischen Fenster des Mail Clients zwei „Informationen“ aus der Arbeitswelt. Befremdliche Zeugnisse einer befremdlichen Welt. Sie erregten in mir nur ein süffisantes Lächeln. Das Lächeln, das sich lächelt, wenn man über den Zustand der Welt eigentlich heulen sollte. Doch aus der Distanz war die innere, spöttische Erregtheit ein wenig mit Arroganz gepaart. Ausgelöst durch diese entfremdeten, traurige Statements des Verlorenseins der Menschen in der digitalen Maschine. Sinnlos in dem Sinne, dass sie in Form und Inhalt völlig fern von jeder sinnlichen Erfahrbarkeit liegen. Eine Mail beinhaltete den Status eines Forschungsprojekts. In Form einer unsäglichen SAP Liste, die kein normaler Mensch zu lesen vermag oder gar zur Kenntnis nehmen sollte. Die andere enthielt drei Excel Tabellen, voll von wirren Zahlen, Kürzeln und Werten. Beide ein Ausdruck der Entmenschlichung dessen, um was es ging – Forschung und Lehre – kurz Studium; eigentlich sogar, so will ich mal sagen, der Welt. Teile eines transzendentalen Programms (einer Vor-Schrift), denen wir alle zu folgen scheinen, folgen sollen und (mich eingeschlossen) oft vermeinen zu müssen. Lächerlich. Ich habe die Mails und Tabellen sofort gelöscht. Sie sind so vergänglich, egal und sinnlos wie alles, an dem sich schwache Menschen (speziell Bürokraten) in ihrer quantifizierten, kleinen, gekästelten, armseligen Welt klammern. In der Hoffnung, sie kontrollieren zu können.


Welt ist ein chaotischer Taumel. Schroff, durchlöchert, bewegt, immer in Veränderung, vergänglich. Keine klaren Ecken und Kanten, keine wirklichen Grenzen. Nirgends ist sie so, wie es die moderne Welt glauben machen möchte. Die Oberflächen mit ihren Quadraten, Icons und Fenstern, die Zellen der Tabellenkalkulationen, die Raster der Städte (die nicht mehr aus sich wachsen) formulieren die Entfremdung der Menschen von sich und der Natur. Langweilige Versuche etwas zu kontrollieren, was nicht zu kontrollieren ist. Noch langweiliger ist das Studium derartiger Objekte. Auch wenn viele Menschen sie zur Ultima Ratio erklären.
Ausatmen. Qualität. Für uns Menschen sollte es nur eine beherrschende Quantität geben, die im Rhythmus der Wiederholung fußt. Diese kommt ohne Gleichförmigkeit daher: Jeder Atemzug ist anders. Ein und aus, wie das rhythmisch-chaotische rauschende Spiel der Wellen. Kommen und Gehen. Jeder Atemzug ist einer weniger auf dem Weg zum Tod. Die Anzahl ist nicht bestimmbar. Nie.

Aus-Zeit… Ziel: Die Leere

Das Prinzip: 無為 Wu Wei – Nicht handelndes Handeln. Wird nicht gedacht und gemacht. Keine Machenschaften. Es geschieht. Es geschieht mich. Nicht arbeiten, nicht wollen – Sein. Was nicht bedeutet, nicht tätig zu sein. Den Weg gehen.

Die ersten zwei Wochen: Verbindung mit den Elementen und 13 tollen Menschen. Himmel – Mensch – Erde / (P.S. – das bin nicht ich, sondern jemand aus der Gruppe ;o))

Erdung – Geerdet

Meine Gedanken sind Luft. Bewegt zirkulieren sie mal stürmischer, mal ruhiger im Kopf, versetzen ihn in Aufruhr oder plätschern wie eine sanfte Brandung vor sich hin. Auch wenn sie nur zu säuseln scheinen, sind sie da. Tanzen ihren eigenen, chaotischen Tanz. Wirbeln durcheinander wie ein Schneegestöber. Nicht selten ziellos, unzusammenhängend. Einfach nur wirbelnd. Wenn der sitzende Fels sie erdet, beruhigen sie sich. Wie sanfte Wellen beginnen sie zu plätschern; kommen, um zu verschwinden. Eine Verortung im Fels vermag ihnen Ruhe zu geben – und Präsenz.
Morgens durch den Stein geerdet, die Gedanken vom Wind wegblasen lassen; Medizin für Körper und Geist.