Vernebelt

Dunkle Wolken schieben sich über- und durcheinander. Ab und zu ein kurzes, zögerliches Leuchten der Sonne; wenn ihre abgeschwächten Strahlen eine dunstige Lücke finden. Stetig, dem Herbst folgend, nähert sich der Moloch. Im taumelnden Sturz der ersten Blätter, kalt und feucht, fliegen trübe Messages in mein Postfach. Wie die eines in meinen Augen armen Menschen, der sich nicht auszudrücken vermag. Herbststimmung ist Grübelstimmung. Ich lese von Skilltrees für curricularen Erfolg. Ich verstehe das Anliegen nicht wirklich. Ist es ein Studierender? Was will er? Was soll das?
Immer wieder gedachte Gedanken werden getriggert.: Was hat ein Skilltree mit Curriculumsentwicklung zu tun? Wollen sich Studierende selbst gamifizieren? Meine Finger flitzen über die Tastatur. Ich frage nach. Antwort kommt. Es ist kein Studierender, wie zuerst gedacht. Er outet sich als Mitarbeiter einer nicht allzu kleinen Abteilung der Hochschule. Ich scanne die Seite. Ok, nicht ganz so sinnbefreit, wie ich befürchtete. Die Abteilung soll helfen Mittel zum Unterrichten, Lernen, Prüfen bereitzustellen. Moderne Mittel der digitalen Kommunikation. Schön und gut, denke ich, während meine Augen weiterlesen. Doch dann bekommt mein Gehirn Schluckauf. Euphemismen bunte Bilder und leere Worte bombardieren die Sinne: Es geht „strategisch-strukturell“ zu, alles wird „transformiert“, ist „innovativ und zukunftsfähig“. „Dialog und Vernetzung“ durch „wirkungsreflektierende Formate“ werden wohlfeil angepriesen… ich kann nicht weiterlesen. Mein Geist vernebelt sich, wie das Wetter draußen, kollabiert. Was ein Geschwafel! Haben die verstanden, was die da schreiben? Haben die jemals selber unterrichtet? Sind ihre Hirne von den dunklen Wolken neoliberaler Worthülsen verdunkelt wie der Himmel durch dunkel ziehende, regenschwangere Herbstwolken? Einatmen, ausatmen.
Wie oft habe ich in den letzten 25 Jahren über Studium und Lehre sinniert, gegrübelt, geschrieben. Will längst durchdachtes, zerkautes erneut befragt werden? Das „Lernsystem Hochschule“ scheint mich ewig erinnern, nerven zu wollen. Was zum Teufel ist Lernen!? Was bedeutet Lernen heute!? Was heißt es, zu studieren? Was haben diese Euphemismen damit zu schaffen? Was sollen sie verbergen? An sich ist meine erste Antwort nach dem, was Lernen ist, so simpel wie ein blauer Himmel: Ich sehe den mediterranen Sommer, den ich hinter mir ließ. Ich sehe Sokrates, der mit Phaidros an der Stadtmauer Athens unter Platanen wandelt. Mit dem jungen Mann grundlegende Fragen zum Eros und der Schrift erörtert. Im Dialog. Neugierig, offen fragend; manchmal ist Anstrengung zu spüren. Die Worte wandern frei durch sonnige Luft, bewegen den Geist, schweifen und verdichten sich. Wort gibt Wort Raum. Dialog. Studium. Kein Curriculum nur Neugierde und Themen. Keine Angst vor Exmatrikulation oder Prüfungsversagen. Kein Digitalisierungsdruck, kein internalisiertes Raster ökonomischer Verwertbarkeit. Die Alten gaben sich Zeit und gebaren Jahrtausende durchwaltendes Wissen. Den Zeilen folgend füllt wärmende Sonne meinen wissbegierigen Bauch, verdrängen die herbstlichen Wolken.
Ich scanne die Webseite der Organisatin, suche das Wort „Studium“ – vergeblich. Wie auch? Darum geht es nicht. Es geht darum das „Lernen“ durch „Prüfungsordnungen, Prozessen und Strukturen“ zu fesseln, zu knebeln, abzuwürgen. Industriegetriebene Lernmaschine für Studierende. Möglichst digital. „We don’t need no education“ sangen Pink Floyd schon 1979, just als sich die neoliberale Ordung durch Thatcher anbahnte.
Platon und viele Weise lehren: Lernen ist reden, Austausch und vor allem – machen, ausprobieren, tun, handeln. All diese Wortblasenbildungen, die mir auf der Site entgegenschlagen, erinnern mich daran, was ich seit längerem spüre: „Studium“ ist nicht mehr gewollt. Ich lese von „selbsverantwortlichem“ Lernen – und immer wieder Partizipation. Ich lache innerlich. Ja, die Studierenden sollen partizipieren dürfen; gnädigerweise im gesetzen System, dem Raster folgend, mitmachen, teilhaben. Hier und da ein Krümel Freiheit. Alte Talare wurden durch neue ersetzt. Systemische, technologische. Ab in den Fleischwolf der Lernmaschine! Heute digital, mit einem tollen Lernvideotool. Aber studieren? Aus sich heraus aktiv werden? Finden und erfinden? Sich reflektieren? Nein, all dies ist nicht mehr gemeint, von vielen Lernenden vergessen oder nie gelernt.
Dazu habe ich schon einiges gedacht und geschrieben…mit Hilfe von Nietzsche, Pfaller… Dennoch – es würgt immer wieder in mir, wenn ich durch solche Ereignisse und Texte erinnert werde. Wenn ich sehe wie viele Lernenden, Lehrende und speziell die Verwaltung das neoliberale Denken verinnerlicht haben. Funktionieren. Das Raster erstickt! Durch genormten Curricula, Prüfungen nach CP, unter dem kalkulierten Deckel von CNW-Werten, dem Druck zur Finanzierung der Institution nach „Aufnahme-“ und „Abschlussquoten“… Aus den Universitäten ist das Studium verschwunden. Hochschule ist zu einem System verkommen, das von Bürokraten geregelt wird, die nie ein Seminar geleitet, unterrichtet haben. Die nie in den Genuss gekommen sind als lernende Lehrende in gespannte, neugierige Augen zu blicken. Ihre Welt, die OECD und EU genormte Datenbanktabelle, würgt jede freie, spielerische Entfaltung ab. Sie beschäftigen nicht nur sich (retten ihren Job). Nein, sie belagern die Lehrenden und Lernenden mit nie erfragten Operationen und Zwängen. Ohne Liebe zur Lehre, der Praxis. Wie Unternehmensberater. Ich denke: „Freiheit von Forschung und Lehre, wer hat Euch so hingerichtet“.
Meine Geliebte ist hässlich geworden. War sie es schon immer? Habe ich es nur nie bemerkt? Ihr bürokratisches Unbewusstes grunzt hohl, aus toten Fenstern quadratischer Bürogebäude in den herbstlichen Dunst herab. Schielt aus den Zellen der Tabellenkalkulationen und Strategiemeetings, Whiteboards und Sitzungen darauf, wo sie mich normen, kanalisieren, einengen kann. Kalt erfasst ihr eisiger Hauch eine absterbende Welt, lässt die zarten Triebe der Neugierde verwelken. Herbst oder schon Winter?
Zeit, die sich ausbreitende Ödnis zu verlassen! Zeit zu gehen! Zeit nehmen, die Welt umarmen, sie zu erforschen, erspielen, erlernen. Immer wieder. Fluchtlinien ergreifen, wandeln zu neuen Orten, anderen Orten. Vielleicht unter Platanen, wie einst Sokrates und Phaidros.
Ich fühle Mitleid für die, die bleiben müssen, keinen alternativen Weg finden und fanden. Sapere aude, um mit Kant zu sprechen.

Love and Hate

Zwei von vielen Seuchen, die schlachtend und mordend eine unfassbar blutige Spur durch die Geschichte der Menschheit ziehen, lassen mich immer wieder erschauern. Grausamer und brutaler als fast jeder tödliche Virus, jedes giftende Bakterium es vermag. Das schlimmste ist, es scheint kaum eine Medizin gegen sie zu geben. Keinen Impfstoff, kaum Schutzmaßnahmen. Sie schlagen immer wieder zu, nachdem sie manchmal jahrelang in ihren verwirrten Wirten schlummernd ihr tödliches Spiel vorbereitet haben. Sie sind klar zu benennen und es gibt nur einen umfassenden Schutz gegen sie: Bedingungslose Liebe zu jedem Wesen, jedem Geschöpf. Liebe voller Vertrauen, Zärtlichkeit und Zufriedenheit. Denn sie infizieren mit dunkler Lust die unzufriedenen, die armen und Hilflosen, die Verlassenen und Ungeliebten. Menschen die sich in einer kalten Welt nach Wärme, Anerkennung, Macht und Stärke sehnen. Menschen die ihre eigene Stärke, Liebe zu sich selber, die nur in ihrem Innersten ruhen kann, nicht gefunden haben. Die unfähig sind, sich aus sich heraus zu ermächtigen. Oft haben die mordenden Seuchen die Liebe zu sich und allen Wesen zersetzt. Sie verängstigt, ihnen die Liebsten oder das Heim geraubt.
Die beiden Seuchen, die meine Gedanken immer wieder zernagen, nennen sich Nationalismus und ideologische Religion (1). Wie Würmer kriechen sie durch die Völker, oft versteckt, dann wieder offen ihre Parolen schreiend. Wenn, wie nicht selten, beide zusammen auftreten, werden infizierte Wesen zu laut brüllenden Monstern. Nationalismus und Religion haken sich gerne unter, verstärken sich gegenseitig, schwellen wie ein schleimiges Geschwür und zerdrücken alles warme, schöne, ruhige. Schnell wird aus dem göttlich gehauchten Wort ein Befehl, aus dem verletzten nationalen Stolz ein Massaker. So wie jüngst in Israel, der Ukraine, Somalia…die Liste ist unendlich.
Diese Seuchen töten selbst die schönsten Blumen der Sprache, vergiften jeden Boden, auf welchem die erhabensten Gedanken gedeihen könnten. Ja, sie nehmen Worte wie Liebe oder Vertrauen in ihren Mund. Sprechen von Gemeinschaft und Solidarität. Kurz sie töten nicht nur, sondern verseuchen das Haus, in dem das Denken wohnt, unsere Sprache.
Daher ist es umso wichtiger mit wirklicher Liebe für jedes Geschöpf in dieser wunderbaren Welt jener geheuchelten, beschmutzten Liebe entgegenzutreten. Wozu bedürfen wir allmächtiger oder zürnender Gottheiten, Priester, Führer, Nationen? Nichts und niemand darf über dem liebenden Leben stehen. Nur eine Liebe zu allen Wesen, von denen ein jedes das Recht hat, auf dieser Welt ihr Glück und ihre Zufriedenheit zu finden, kann wirkliche Liebe sein. Egal was diese Menschen glauben oder wo sie leben. Selbst die armseligen Hetzer im Namen „großer Ideen“, die in Wirklichkeit kleiner und wurmhafter sind als jedes Bakterium, das im Schlamm brütet, wollen geliebt sein.
Ach wie viele Male ist der Weg zu bedingungsloser Liebe von den großen spirituellen Lehrerinnen und Lehrern wie Meister Eckard, Siddhartha Gautama, Rumi und vielen mehr beschworen worden; über Jahrtausende. Warum finden so wenige ihren Weg, geben ihren freien Geist an giftige Ideen und vergiftende Herrscher ab? Ist es so schwer, in sich zu suchen, den Kern des eigensten Seins zu erspüren? Die wärmende Sonne der Zufriedenheit in uns zu spüren. Uns gewahr zu werden, dass alles endlich ist? Die Zeit, die wir auf dieser Erde wandeln, zu nutzen?

(1) Ich unterscheide immer stark zwischen Religion und Spiritualität. Erstere vernebelt die Sinne, zweite ist das Gefühl der liebenden Allverbundenheit mit etwas, das als Welt, Alles, das Ganze bezeichnet werden könnte. Es ist für jeden individuell und anders. Religion sind für mich Machtstrukturen, die den „Geist“ vernebel und unter dem Deckmäntelchen des Glaubens/Wissens eine natürliche Verbundenheit mit Welt überlagern.