Zwei von vielen Seuchen, die schlachtend und mordend eine unfassbar blutige Spur durch die Geschichte der Menschheit ziehen, lassen mich immer wieder erschauern. Grausamer und brutaler als fast jeder tödliche Virus, jedes giftende Bakterium es vermag. Das schlimmste ist, es scheint kaum eine Medizin gegen sie zu geben. Keinen Impfstoff, kaum Schutzmaßnahmen. Sie schlagen immer wieder zu, nachdem sie manchmal jahrelang in ihren verwirrten Wirten schlummernd ihr tödliches Spiel vorbereitet haben. Sie sind klar zu benennen und es gibt nur einen umfassenden Schutz gegen sie: Bedingungslose Liebe zu jedem Wesen, jedem Geschöpf. Liebe voller Vertrauen, Zärtlichkeit und Zufriedenheit. Denn sie infizieren mit dunkler Lust die unzufriedenen, die armen und Hilflosen, die Verlassenen und Ungeliebten. Menschen die sich in einer kalten Welt nach Wärme, Anerkennung, Macht und Stärke sehnen. Menschen die ihre eigene Stärke, Liebe zu sich selber, die nur in ihrem Innersten ruhen kann, nicht gefunden haben. Die unfähig sind, sich aus sich heraus zu ermächtigen. Oft haben die mordenden Seuchen die Liebe zu sich und allen Wesen zersetzt. Sie verängstigt, ihnen die Liebsten oder das Heim geraubt.
Die beiden Seuchen, die meine Gedanken immer wieder zernagen, nennen sich Nationalismus und ideologische Religion (1). Wie Würmer kriechen sie durch die Völker, oft versteckt, dann wieder offen ihre Parolen schreiend. Wenn, wie nicht selten, beide zusammen auftreten, werden infizierte Wesen zu laut brüllenden Monstern. Nationalismus und Religion haken sich gerne unter, verstärken sich gegenseitig, schwellen wie ein schleimiges Geschwür und zerdrücken alles warme, schöne, ruhige. Schnell wird aus dem göttlich gehauchten Wort ein Befehl, aus dem verletzten nationalen Stolz ein Massaker. So wie jüngst in Israel, der Ukraine, Somalia…die Liste ist unendlich.
Diese Seuchen töten selbst die schönsten Blumen der Sprache, vergiften jeden Boden, auf welchem die erhabensten Gedanken gedeihen könnten. Ja, sie nehmen Worte wie Liebe oder Vertrauen in ihren Mund. Sprechen von Gemeinschaft und Solidarität. Kurz sie töten nicht nur, sondern verseuchen das Haus, in dem das Denken wohnt, unsere Sprache.
Daher ist es umso wichtiger mit wirklicher Liebe für jedes Geschöpf in dieser wunderbaren Welt jener geheuchelten, beschmutzten Liebe entgegenzutreten. Wozu bedürfen wir allmächtiger oder zürnender Gottheiten, Priester, Führer, Nationen? Nichts und niemand darf über dem liebenden Leben stehen. Nur eine Liebe zu allen Wesen, von denen ein jedes das Recht hat, auf dieser Welt ihr Glück und ihre Zufriedenheit zu finden, kann wirkliche Liebe sein. Egal was diese Menschen glauben oder wo sie leben. Selbst die armseligen Hetzer im Namen „großer Ideen“, die in Wirklichkeit kleiner und wurmhafter sind als jedes Bakterium, das im Schlamm brütet, wollen geliebt sein.
Ach wie viele Male ist der Weg zu bedingungsloser Liebe von den großen spirituellen Lehrerinnen und Lehrern wie Meister Eckard, Siddhartha Gautama, Rumi und vielen mehr beschworen worden; über Jahrtausende. Warum finden so wenige ihren Weg, geben ihren freien Geist an giftige Ideen und vergiftende Herrscher ab? Ist es so schwer, in sich zu suchen, den Kern des eigensten Seins zu erspüren? Die wärmende Sonne der Zufriedenheit in uns zu spüren. Uns gewahr zu werden, dass alles endlich ist? Die Zeit, die wir auf dieser Erde wandeln, zu nutzen?
(1) Ich unterscheide immer stark zwischen Religion und Spiritualität. Erstere vernebelt die Sinne, zweite ist das Gefühl der liebenden Allverbundenheit mit etwas, das als Welt, Alles, das Ganze bezeichnet werden könnte. Es ist für jeden individuell und anders. Religion sind für mich Machtstrukturen, die den „Geist“ vernebel und unter dem Deckmäntelchen des Glaubens/Wissens eine natürliche Verbundenheit mit Welt überlagern.