„Jeder Schritt ist eine Revolte gegen die Geschäftigkeit. Mit jedem achtsamen Schritt sagen wir: »Ich will nicht mehr rennen. Ich will damit aufhören. Ich möchte mein Leben leben. Ich will die Wunder des Lebens nicht verpassen.« Wenn Sie wirklich ankommen, dann ist Frieden in Ihnen, dann haben sie aufgehört zu kämpfen. Jeder Fußabdruck ist voller Frieden, sein Kennzeichen ist »hier und jetzt«. Genießen Sie es, anzukommen und sich zu Hause zu fühlen, drei, vier, fünf oder zehn Minuten lang oder so lange sie wollen. Mit einer Stunde Praxis hat die Revolution bereits begonnen.“ (Thich Nhat Hanh (2016) Einfach Gehen. O.W. Barth, München S. 69)
Nur wenn ich mich selber stabilisiere, in mir klar bin, in mich hinein atme und -spüre, kann ich für andere da sein. Solange die Beziehung zu mir selber wankt, weil ich mich nicht sehe, den Atem nicht bemerken, den Ratschlägen meines Herzens nicht folge, bin ich einsam, verloren. Auch wenn ich von Menschen umgeben sein sollte, viele Kanäle voller Kommunikation in mich hinein und aus mir heraus zu strömen scheinen. Heiße Luft.
Solange Menschen nicht bei sich sind, nicht mit sich Verbunden, wie sollen sie gesunde Beziehungen aufbauen? Sie sollten es lassen die Welt ändern zu wollen. Erst wenn wir bewusst die Erde beschreiten, erkennen, dass wir ein Teil von ihr sind, können wir loslassen. Wenn wir losgelassen haben, eröffnen sich neue Horizonte. Solange wir an etwas fest halten, bauen wir Mauern. Verteidigen sinnlose Dinge, klammern uns an Identitäten.
Plötzlich wird aus Unklarheit und Unsicherheit, aus Verletzungen und Diskriminierung ein wütender Kampf. Zum Beispiel gegen Rassismus oder die Unterdrückung dieser oder jener Gruppe. Ein an sich lobenswerter, wichtiger und richtiger Kampf. Doch solange der Kampf mit sich selber nicht gewagt wurde, wird jede gutgemeinte Tat schnell zu ihrem Gegenteil. Antirassistische Doktrinen werden rassistisch, die Unterdrückten werden zu Unterdrückern. Der Wunsch nach Gleichheit, Freiheit und schönen Beziehungen erstarrt zur Ideologie. Einem Aktivismus, der genauso gefährlich, wenn nicht zerstörerischer ist, als Passivität.
Darum lieber nichts tun. Ein einfaches Atmen kann viel mehr bewirken als manche, noch so gut gemeinte emanzipatorische Proklamation, die herausgeschrien wird. Es wurde nicht bemerkt, dass wütendes Gepöbel nichts mit Atem, mit Leben, Klarheit, Vertrauen, Demut, Achtsamkeit zu tun hat. Schon garnicht mit Freiheit.
