Konverationshaus

Konversation

Das Konversationshaus auf der Insel ist herrlich anzusehen. Illuminiert in den Farben der Ukraine. In mir drängt der Ausdruck widersprüchlicher Empfindungen nach oben, die mich in Bezug auf den Wahnsinn in der Mitte Europas befallen. Denn wie kann ich ein so schönes Licht der Solidarität genießen, wenn seine Ursache Mord und Totschlag sind? An einem Gebäude dass Ruhe und Gespräch behauptet? Ein Ort, der Luxus im Frieden, den ich leben darf, darstellt. Während überall in der Welt gelitten wird.
Im Angesicht dieser wunderbaren und gleichzeitig wunderlichen Fassade gärt in mir Wut. Wut über den Krieg und deren Verursacher. Eine Emotion, die schnell zu Hass werden kann. Hass auf die Mächtigen, wer auch immer das sein. Eine Emotion die nichts als Elend in diese Welt bringt. Hass, eine Emotion, die von allen Seiten und Medien geschürt wird. Jenseits von Gut und Böse. Ich sehe eine Katastrophe nach der Anderen.
Geht es nicht darum, den Hass in mir, in den Menschen zu besiegen? Warum gibt es keine Ausbildung gegen den Hass? Kein Training für die Massen – am besten weltweit – das uns beibringt Hass durch Liebe zu ersetzen. Nicht erschlagen und erschießen, bombardieren und vertreiben – Konversation. Einfach reden. Es muss ja nicht der gemütliche Plausch beim Tee sein. Doch für die Überwindung von Hass durch Konversation benötigt man Mut. Wie den Mut des Bürgermeisters eines ukrainischen Städtchens mit seinen Bürgern. Den Fernsehbildern nach blockierten sie mit ihren Körpern eine Straße, die in ihr Dorf führt. Der Bürgermeister soll dann mit den anrückenden Russen geredet haben. Er konnte sie zur Umkehr bewegten. Ich denke an King, Gandhi und andere mutige Menschen.
Umkehr und reden ist immer schwieriger als der einfache, schnelle Griff zur Waffe. Diesen Griff lieben auch unserer Machteliten. Teuer und einfach ist die Erhöhung des Wehretats. Sie zeugt von billiger Politik. Wäre es nicht besser, weltweit darin zu investieren, dass alle Menschen lernen, passiven Widerstand ohne Waffen zu leisten? Mutig zu sein? Hass zu überwinden? Wut auszuhalten? Nur so kann langfristig die Spirale aus Hass und Mord durchbrochen werden.
Möge meine spirituelle Praxis mit helfen, mit meiner Wut umzugehen. Ich will nach Frieden rufen, nicht nach Waffen. Nach Mitgefühl mit all den armen Menschen, die leiden und sterben. Nicht nur in der Ukraine. Vielleicht kann ich hier und dort auch ein wenig helfen, Leid zu vermindern.
Eins ist klar. Das wichtigste Handeln ist es, selber friedvoll zu werden. Nicht handelnd zu handeln. Ein schwerer Weg. Für jeden Menschen, jede Gruppe, jedes Volk, alle, die diesen herrlichen Planeten bewohnen. Ein Planet, gegen den wir ebenfalls im Krieg zu sein scheinen. Darüber und über vieles mehr müssten wir kontemplieren und konversieren. Wo auch immer. Denn der Mensch ist nur da Mensch, wo er durch Konversation versteht und Beziehungen schafft. Leidenschaftlich, aber friedlich. Aushalten, nicht durchhalten. Auch wenn es schwerfällt.