Das Denk-Bild

„Nicht der Privatmann[particulier] mit gutem Willen und naturwüchsigem Denkvermögen, sondern ein Einzelner[singulier] voll bösen Willens, dem das Denken mißlingt, in der Natur ebenso wie im Begriff. Er alleine ist ohne Voraussetzungen. Er alleine beginnt wirklich und wiederholt wirklich. Und für ihn sind die subjektiven Voraussetzungen ebenso Vorurteile wie die objektiven, sind Eudoxus und Episemon ein und derselben Betrüger, dem man zu mißtrauen hat.“ (1)

Fest hängt es im Rahmen, oder besser – es ist mit hartnäckiger, wetterfester Farbe auf beständigen Beton gemalt. Unverrückbar, zementiert. Mit Mühe und Zeit bringen meine trägen Gedanken es in Bewegung. Eine leichte Verschiebung ist zu verspüren, kaum bemerkbar. Es scheint nach wie vor an der gleichen Stelle zu kleben; Sisyphos. Doch der war in wiederholender Bewegung. Der Kampf darum, alte, festgefahrene Bilder aus dem Kopf zu bekommen ist härter, als ich dachte. Wie viele Jahre schon lese ich Deleuze? …seit dem Studium. Das Rhizom als Metapher für die neuen Medien habe ich verinnerlicht. Bewegliche Konnektivität mit volatilen Knoten. Nichts ist fest. Mit der Ideologiekritik der „Post-Strukturalisten“, die keine sind, habe ich Rhizom gemacht. Doch immer wieder verfalle ich in die alten, platonistischen Schemata; kriecht das gefrorene „ich denke also BIN ich“ in meinen Kopf. Feste Objekten und Bilder haben sich über Jahrzehnte festgefräst. Das „Werden“, die „Unbeständigkeit“ die ich meine durch die Nietzsche Lektüre und Meditation verinnerlicht zu haben, werden vernachlässigt, unterdrückt, vergessen. Sie sind so schwer fassbar, nicht fest zu halten. Ein Illusion, es zu wünschen. Tief sind die Spurrillen des „Identitäts-Dekens“ in meine Denkwege eingekerbt. Schwere Wagen der westlichen Denktradition haben ihre Rillen durch Erziehung, Schule, Ausbildung und Ideologie-Bombardement fest eingegraben.
Eine Deterritorialisierung, ein Ausbrechen zu neuen Denkhorizonten muss immer aufs Neue geübt, trainiert werden. Über den Rand kommen, ausbrechen, bösen Willen üben. Umwertung aller Werte, ohne sich zu verlieren, ist Programm. Ewiger Ikonoklasmus.

(1) Deleuze, G. (1992) Differenz und Wiederholung. Fink, München S. 171

Weißes Intermezzo

Die zweite Nacht rieselt es nun, deckt alles zu. Selbst meinen Beitrag über Zufriedenheit. Zugeschneit, eingefroren; muss erst wieder auftauen. Es rieselt im Kopf. Sanft, langsam, entschleunigend. Doch es erscheint nur so, dass alles gedämpft ist. Schon gellen freudige Rufe und Schrei der Kinder um die Ecke. Fett plustert sich die Taube auf der Birke, während Schneemänner, noch runder als der Vogel, gebaut werden. Mal mit Ästen mit Burtonesquen Armen, ab und zu sogar mit einer Mohrrübe. Sie mag später als Futter für die Vögel dienen, die ohne Nest im Gebüsch kauern oder sich an Futterstellen tummeln. Selten ein Piepsen in der winterlichen Ruhe. Eine Drossel lässt sich auf dem zugeschneiten Telefonkabel nieder. Vor mir prasselt der von den Schwingungen gelöste Schnee nieder.
Ich bin froh um jede entspannte Sekunde, die mein Blick über die Landschaft schweifen darf. Wärme umschlingt mich von innen und außen, Deleuze erhitzt gar meinen Kopf. Sinn, der Problembegriff, Nachdenken über das Denken werden über viele Seiten diskutiert und definiert. Schneetreiben im Kopf, ab und zu eine Böe, die sicher Gewusstes erneut durcheinanderwirbelt, bis es sich setzt. Manches wird schmelzen, muss dann erneut erschlossen werden. Auf den nächsten Schauer warten. Genussvoll.

Zufriedenheit

„Alles spricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch mach heimisch in einer langen Herkunft.“ (1)

Banal klingt das Wort in meinen Ohren. Hallt sanft nach. Begleitet vom Bild einer Katze, die zusammengerollt und fellgewärmt an einem kuscheligen Ort vor sich hindöst. Ihr Maul scheint leicht entspannt zu lächeln. Langsame, erste, zaghafte Bewegungen in den Pfoten; der Kopf hebt sich; ein herzhaftes Gähnen. Sie streckt ihren Körper in die Länge. Zufriedenheit. Ich habe oft das Gefühl, dass dieses Wort bei uns Menschen wenn, dann als Worthülse zirkuliert. Gerade um die Weihnachtszeit. Im Gerenne und Herumwimmeln, den hektischen Umtrieben im Namen der Stille ist nichts von ihr zu spüren. Alles erscheint als ein ausgelaugtes Hinterherhecheln auf der Suche nach der, durch blendende Plakate und Spots propagierten „Besinnlichkeit“. Sie scheint sich hinter buntem Geglitzer und Geklingel zu verstecken. Zufriedenheit.
Eine ruhige, „sinnliche“ Einkehr in sich selbst und die Gemeinschaft sind die Voraussetzungen dafür, im Frieden mit sich und der Welt sein zu können. Doch das verlorene, nach außen gerichtete Rasen, gibt keinen Raum, keine Zeit. Es materialisiert sich in bunten Haufen, genannt Geschenke. Sie harren im Gedrängel gekauft oder bestellt unter dem Weihnachtsbaum. Zwischen Kochtopf und Glühwein drehen sich einmal im Jahr viele Menschen um sich selbst wie durchgeknallte Kreisel. Sie strömen ungläubig in die Kirche, um dann von einer Völlerei zur nächsten zu hetzen. Selten ist „Besinnlichkeit“, „Frieden“ oder gar „Zufriedenheit“ zu spüren. Die erstrebte „Zufriedenheit“, mit Ruhe, tiefer, innerer Ruhe verbunden, ist kaum zu vernehmen. Wo sind Stillstand und angenehme Leere? Wu Wei…
Ein Zustand, der nur aufkommen kann, wenn die Grundbedürfnisse nach existentieller Wärme, Nahrung und Liebe erfüllt sind. Jeder Schritt über das nötige Maß des Genusses hinaus triggert statt Zufriedenheit Leiden, vertreibt den Frieden. Wie beim rumorenden Gedärm, dass durch zu viel und zu fettiges Essen einen unruhigen Schlaf hervorruft. Sicher, vollgefressen, dauergetrieben und überinformiert zu sein wird erlernt. Bilder der Völlerei und des Konsums bombardieren uns nicht nur durch die Werbung. Alles spricht zu uns: „das braucht man.“ Schon ab September kommen wir nicht an den sich uns aufdrängenden Weihnachtsartikeln, die jeden Weg im Supermarkt quasi versperren, vorbei. Es ist kaum möglich damit umzugehen (sie zu umgehen). Unzufrieden fühlt man sich wie eine an sich satte Maus beim Blick auf den verlockenden Käse. Nicht selten treib einen die Gier, begleitet vom reflexartigen Herdendenken in die Falle. Der Verstand sucht das Weite, verdrängt, baut fragile Begründungen aus, betrügt sich mit Ausreden. Umso schwerer fällt der Verzicht, wenn wir, entfernt von uns selbst, nicht gut drauf, unzufrieden sind. Wenn innerer Frieden durch Krisen, Überforderung durch die Glitzerwelt, Sparzwänge und andere medial vermittelte Ängste, von denen wir meinen sie entstehen nur in uns, wie das natürliche Hungergefühl, bedroht wird.
Schon meldet sich ein dumpfes Gefühl. Es suggeriert, dass Verzicht „ertragen“ werden muss, da er ja Leiden erzeugt. Ein Nachdenken oder gar verzichtendes Handeln wird schnell als lästig oder zu schmerzvoll, als die wirkliche Last empfunden. Kein Wunder, dass „Resilienz“, (das Aushalten, Ertragen) eines der aktuellen Modewörter ist. Wenn man auf Bestsellerlisten in den Bereichen Philosophie und Beratung schaut, stehen die Stoiker wie Marc Aurel (2) als deren prominentester Vertreter, weit oben. Doch all diese Ratgeber und Werke, Konsumprodukte und Konsumersatz zugleich, verstauben ungelesenes, totes Papier in den Regalen. Beiseitegelegt als Metapher für Verdrängung und Ablenkung. Der Stoa-Ratgeber unter dem Weihnachtsbaum ist demnach eine ebenso sinnlose, konsumierbare Kuriosität wie die nächste Fressattacke.
Es mag ja helfen, Tagebuch zu führen, wie Marc Aurel, um die Apathie, das große Ziel der Stoa zu erreichen; sich dadurch seiner Gier zu vergewissern, um diese im Zaum zu halten. Eine Bewegung hin zur Askese. Doch stellt diese zufrieden? Reicht es, heute ein bisschen weniger Wurst zu essen, dort auf ein Aperölchen zu verzichten? Um dann nach einer anstrengenden Runde Joggen am 2. Januar alle Vorsätze zu vergessen und die Laufschuhe sowie den Stoa-Ratgeber im Regal verschwinden zu lassen? Mit dem Gedanken, ich habe ja etwas getan? In dem Bewusstsein, sich selber betrogen zu haben? Schnell folgt der Frustschluck, das Frustshoppen oder das Frustessen. „Bedürfnisse“, die im rasenden Stillstand hektisch erfüllt werden müssen. Das Tagebuch verstaubt neben dem Ratgeber.
Epikurs Konzept der Ataraxie scheint mir da näher an dem Weg zu sein, der einen Pfad zur inneren Zufriedenheit weist. Nicht Selbstkasteiung und Selbstbetrug sind hier das Ziel, sondern Gelassenheit gegenüber dem Unbill des Lebens und der geistigen Verwirrungen, die sich aus ihnen ergeben. Letztere sind so unvermeidlich wie der Einbruch der Nacht. Zufriedenheit bedeutet, die Nacht zu akzeptieren, besser noch, bewusst wahrzunehmen. In dem Wissen, dass der nächste Morgen wunderbar dämmern wird – ein neuer Tag um sich in Gelassenheit zu üben, all den An-Sprüchen den Rücken zu kehren, und friedlich in sich selber zu ruhen.

(1) Heidegger, M. (2010) Der Feldweg. Klostermann, Frankfurt

(2) „Der Stoiker dagegen übt sich, Steine und Gewürm, Glassplitter und Skorpionen zu verschlucken und ohne Ekel zu sein; sein Magen soll endlich gleichgültig gegen Alles werden, was der Zufall des Daseins in ihn schüttet:…“ Nietzsche, F. (1889) Die fröhliche Wissenschaft 306 in In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München

Politische Emotionen

Der Magen zieht sich zusammen, das Herz pockert, Schweiß bricht aus… im Darmbereich grummelt es… die Stimmung ist niedergeschlagen – oder hochjubelnd. Ein gefühltes Auf und Ab, Hin und Her, ein Dazwischen, schwebend, schwellend, abklingend. Hektisches Handeln bis zur hilflosen Erstarrung. Emotionen können uns in einem eisenharten Griff einschnüren, lähmen, gefrieren lassen oder zu impulsiven Handlungen verführen. Explodieren. Sie lagern sich in und über Stimmungen, durchdringen und beeinflussen diese. Ein fast unkontrollierbarer Mix, erzeugt von Hormonen und feuernden Neuronen – vom Kopf bis zu den Millionen, die sich um unseren Darm schlingen, das sogenannte Bauchgefühl triggern. Gefühlszustände, die in der Politik, speziell der Propaganda eine maßgebliche Rolle spielen.
Mit großem Interesse las ich Eva Illouz Buch über „undemokratische Emotionen“ (1). Im Kern geht es um „Angst“, „Abscheu“, „Ressentiment“ und „Liebe“. Sie fragt und analysiert, wie mit diesen Emotionen oder Gefühlskonglomeraten speziell autoritäre politische Akteure und Systeme arbeiten, um die „Massen“ für deren reaktionäre Agendas zu begeistern. Ein plausibler Ansatz. Denn gerne denken wir das Politische mit dem Kopf, meinen unsere rationalen Schlüsse sind klar und logisch. Beruhen auf Fakten. Oder noch schlimmer „Wahrheiten“. Blind wie Maulwürfe, die unter der Erde das stahlende Licht der Sonne zu sehen vermeinen. Die meisten Handlungen und Gedanken werden uns hingegen wie vom Wind getriebene Wolken zugetragen. Dann erschrecken wir vom Donner des Krieges, dem Nebel dumpfer Angstgefühle vor dem apokalyptischen Szenario des Klimawandels oder träumen voller Hoffnung von einer sonnig luftigen Utopie.
Ja, nicht auf den „kleine Vernunft“ sollten wir hören, sondern auf das oft chaotische Grummeln und Jauchzen der Großen (vgl. Nietzsche: „Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.“(2)).
Sollte nicht die erste Frage sein, warum ich politisch geworden bin? Was die Wurzel meiner Gedanken ist? Die Ursache ist sicher nicht im rationalen Urteilen zu finden. Mir fallen dazu fast nur Bilder und Empfindungen ein, die meine „politischen“ Emotionen getriggert, mich aktiviert haben. Der Trauer über das Leid der ungerecht behandelten. Das wütende Unverständnis, als ich, noch Kind, die verstörenden Bilder des Vietnamkrieges oder der Wirkung von Atombomben im Fernsehen sah. Ich verstand sie nicht, doch sie verunsicherten mich zutiefst. Eine tiefe, abgründige Angst vor explodierenden Atomkraftwerken und menschenvernichtenden Bomben folgte. Es formten sich Gedanken und Fragen, warum es dies und anderes gruseliges gibt; wie z.B. Grenzen, die ich als einschränkende Beklemmungen erlebte; oder Hunger formuliert in ausgemergelten Kindern… und vieles mehr. Aus diesen dumpfen Gefühlen, Stichen um die Herzgegend, kreisenden Dunkelwolken beim Einschlafen, formten sich Fragen. Fragen, in Worte gekleidet für Eindrücke, die an sich unaussprechlich scheinen.
Als ich aufwuchs, waren dann die Antworten da. In Form „wissenschaftlicher Pamphlete“, die emotionslos Emotionen benutzten, um kalte materialistische Politik in mich einzupflanzen. Sie vermeinten, alles zu erklären, bis hin zum Liebes- und Beziehungsleben. Wie in der Bibel (oder der Mao Bibel) wurden aus dem Donner der Blitze am Berge Sinai Verhaltensregeln in Worte gefasst. Doch was sind Worte? Leere, armselige Reduktionen und Verdrängungen der Gefühle auf scheinbar klare, logische Begriffe. Imperative. Mag die Mathematik mit Zeichen-Logik funktionieren. Wir Menschen operieren nicht nach Formeln, wie Maschinen. Wir denken aus dem Bauch heraus. Emotionen dringen in und zwischen jedes Wort, jeden noch so logischen und vernünftigen Satz. Selbst Mathematiker bekommen bei einer „sexy“ Formel feuchte Hände. Selbst das Wort „Baum“ mit seinen tausenden von Konnotationen, Mitbedeutungen, wird nur gefühlt. Es steht für Klimawandel, Heimat, Schönheit, Jahreszeit… Der romantische Baum der Dichter oder die Baum-Maschine, die als Wissenschafts- und Wirtschaftsprodukt da steht und berechenbarer Teil des CO2 Kreislaufes wird. Oder der, den wir sprachlos in seiner komplexen Schönheit betrachten.
Was zeigt uns dies? Ganz einfach – auf die „große Vernunft“ und ihre Äußerungen ohne Worte hören, sie zulassen, das Unscharfe, das Ungefähre ertragen. Dann lernen wir schnell, dass es gerade im Politischen darum geht, jenseits von Gut und Böse zu denken. Auf die innere Stimme zu hören. Die, die nicht in Worten spricht. Die Liebe genießen, sie vor dem Missbrauch der Wortverdreher schützen, die von einer „Liebe“ zu abstraktem Blödsinn wie der „Nation“ sprechen. Nur so können wir die Liebe zur „Heimat“, dem „heimeligen“ dem „Gewöhnlichen“ – auch vor linker – Bodenlosigkeit retten. Und vor all den Angstmachern, Hetzern und Propheten falscher Liebe. Mögen sie mit noch so rationalen Worten und dicken Büchern daherkommen. Immer fragen, „warum denke ich so?“. So schwierig. Ein fühldenken zwischen den Worten.

(1) Illouz, E. (2023) Undemokratische Emotionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main

(2)Vgl. Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra I, von den Verächtern des Leibes. In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München S. 39

Emanzipation

Ich starre auf den Text. Es grummelt in meinem Magen, es nebelt in meinem Kopf. Schlimmer als der trübe Dunst des Herbstes, der das rottende Laub befeuchtet. Worte wie kalter Sprühregen lassen die Gedanken gefrieren. Ich lese von Konflikten in der „Linken“. Davon, dass Cafés und Läden angegriffen und besetzt werden. Ich erinnere dunkel, dass sich K Gruppen im Rahmen der Anti-AKW Bewegung in den frühen 80ern gegenseitig die Scheiben der Buchläden einschlugen. Hat sich seit meiner Jugend nichts geändert? Ich fürchte nicht. Geschichte scheint eher wie der zähe Nebel als ein heller Blitz. Ideologische Verwirrung führt zu Verstellungen, die sich wie ein rotes Band durch Revolten und Revolutionen ziehen, deren Kinder gefressen wurden… “Whatever happened to Leon Trotsky? He got an ice pick that made his ears burn…“ singen die Stranglers 1977 und rufen dann aus: „no more heroes anymore“. Wie habe ich diesen Song geliebt, speziell, als ich begann und schnell wieder aufhörte mit Trotzkisten, Stalinisten und so weiter zu diskutieren. Es war (und ist) sinnlos. Genauso sinnlos aufzumachen, wenn religiös verstrahltes Lächeln an der Tür klingelt oder einem auf der Straße versucht einem ein Heftchen in die Hand zu drücken. Wenn ich an die verbrämten Heilsgläubigen denke, trauere ich um die vielen Menschen, die diese Ideologien für die „Gute“ und einzig „Richtige“ oder „Wahre“ Sache und den „Glauben“ auf dem Gewissen haben.

Dennoch, ich werde immer wieder als „Linker“ gelesen. Was ein chaotisch brodelnder Topf, in den man da geworfen wird. Voll von jammernden und welkem Kraut, durchmischt mit giftigem Unrat. Kaum ein knackiges Gemüse schwimmt im trübe brodelnden Wasser. In den Topf ist schon lange kein Platz mehr für mich. Ein Schluck aus diesem Gebräu, und mir wird speiübel. Warum, mögen Teile fragen, fühle, ja denke ich so? Wie ein ewiger Traum durchzieht mich eine Sehnsucht. Sie wünscht sich einer gerechten Welt, in der jeder Mensch nach seiner Facon lebt, die gleichen Chancen hat. Die Vision verharrt beharrlich im Kopf. Selbst, wenn ich immer wieder aufwache, der Traum sich im stickigen Drama der Nachrichten zu verflüchtigen droht, Traurigkeit sich breit macht. Diese Sehnsucht ist nicht auszulöschen und das ist gut so. Sie gibt Kraft. Alle Wesen, die Umwelt sollten geachtet, mit Respekt behandelt werden, ruft sie. Kapital, Krieg, Religion, Nationen, Unterdrückung und Grenzen sollen keine Rolle mehr spielen.

Mittlerweile deucht mir, dass nur der wendige Weg einer stabilen psychischen „Mitte“ der Handelnden etwas bewegen kann. Nur auf ein ausgewogenes, offenes Wesen vermag es auf diesem Weg zur „Zufriedenheit“ voranzuschreiten. Dies heißt Schritt für Schritt mit den Wellen der Zeit, in sich ruhend, zu fließen. Vermeiden, die Irrwege der eigenen Probleme, Wut und diffusen Ängste in Ideologien zu verstecken. Verhärtung der Gedanken, Identitätspolitik und starrer Glaube sind kein Weg. Weder für die furchtsame Person, die sich hinter einer harten Hülle versteckt, den oder die Strassenkämpfer*In mimt. Ebenso wenig für die, die versuchen unreflektiert und voller Kompromisse mit dem verinnerlichten Strom zu schwimmen, um das eigene Wohlsein zu sichern, oder gar Ressentiments gegen Andere hegen. Befreiung von den „Übeln der Welt“ beginnt im Zentrum, im eigenen Kopf. Wenn dieser voller Konsumstroh oder betonschwer von Ideologien durch die Welt eiert, wird das Elend ewig reproduziert. Nur eine möglichst stabile Persönlichkeit kann den dunklen Fluss der tragischen Politik teilen. So vermag sie seine zerstörerische Kraft aus Elend, Krieg und Ungerechtigkeit zu überwinden. Ein anstrengender, langsamer Weg in kleinen Schritten. Wenn ich mich aufrichte, in mir ruhend stabil, frei, offen stehe, mich selber überwinde, werde ich positiv handlungsfähig. Denn was nutzt alles Jammern und Aufbegehren, wenn man über jeden Stein, jeden Stock stolpert? Speziell dann, wenn ein Führer schreit, die Menschen in Abgründe reißend. Die gleichmütig wärmende Sonne scheint sanft durch jede Ideologie oder Religion. Es ist an uns sie zu suchen. Wenn wir sie erblicken möchten, erkennen wir, dass wir sie in uns tragen. Ihre Strahlen vermögen es die Hindernisse wie Angst, Verzweiflung und Trauer, die gerne zu Wut, Hass mutieren aufzulösen. Selbst manche Idole der Glaubenszombies haben dies schon früh erkannt. Doch die „Glaubenden“ scheinen in ihrer Verblendung unfähig dies wahrzunehmen. Marx schreibt 1843 in Bezug zur Religion den tollen Satz, der für jede Beton-Ideologie gilt: „Wie löst man einen Gegensatz? Dadurch, daß man ihn unmöglich macht. Wie macht man einen religiösen Gegensatz unmöglich? Dadurch, daß man die Religion aufhebt.“ Doch was ist nach ihm die Methode?„Wir müssen uns selbst emanzipieren, ehe wir andere emanzipieren können.“(1) das klingt fast wie das „sapere aude“ von Kant oder der Weg zum Übermenschen von Nietzsche. Das Projekt der Aufklärung in all seinen divergenten Facetten, über die es sich zu streiten lohnt.

Ich frage mich, was bedeutet Emanzipation. Etymologisch ganz einfach – aus e-mancipo: „den Sohn für selbstständig erklären“ (2). Dies tut, laut den patriarchalen Strukturen der Römer, der Vater. Seien wir unsere eigenen Eltern, unser eigener Gott, Jhwh, Allah, Marx, Bakunin, Mutter Theresa…, so wie es Nietzsche fordert! Geben wir uns selber aus der Hand, in die Eigene. Rennen nicht, wie so viele unemanzipierte Linke, Göttern wie Marx, Engels, Gramsci oder wem auch immer hinterher; oder Zarathustra: „Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra? Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!
Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.
Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.“ (3)

Emanzipation bedeutet die Selbstbefreiung von allen Idolen, die sich in jeder unserer Zellen verstecken, die uns überlisten und verführen wollen. Durch die wir immer wieder Gefahr laufen, im Geiste zu erstarren. Jegliches ideologisches Denken führt zu solch komischen Aussagen von „Linken“, wie die Forderung nach einem Gebetsraum für Muslime in einem autonomen Zentrum, der Flora. Was ein Beton-Denk, Idol-Blödsinn. Hier treffen zwei dunkle Ideologien/Religion aufeinander und reichen sich die blutige Hand (4). Zur Not Marx oder Nietzsche lesen! (s.o.). Besser aber selber mal das Gehirn einschalten, sich emanzipieren. Den Weg der Mitte finden. Sich zentrieren. Sich selber überwinden, hin zum Übermenschen, der nie vollkommen ist. Werden. Immer wieder werden. Zwischen den Schollen schwimmen, die festgefrorenen Brocken vermeiden. Rhizom machen. (5)

(1) Marx, K. (1843) über die Judenfrage (Internetquelle)

(2) Der kleine Stowasser, dt.-lat. Wörterbuch (1971) München

(3) Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra I, Von der Schenkenden Tugend in G. Colli, M. Montinari (1988) Kritische Studienausgabe. DTV, München Bd. 4, S. 101

(4) Taz Artikel dazu von 6.10.24: „Antiimperialisten gegen Antideutsche“. Die Position der Flora: https://de.indymedia.org/node/536599 und ein Bei 99ZUEINS das Interview mit der Forderung.

(5) vgl. G. Deleuze, F.Guattari (1977) Rhizom. Merve, Berlin und diverse weitere Schriften

Herbstgrenze

Bei jedem Schritt ein trockenfeuchtes Rascheln. Immer anders. Rechts gluckert der Bach; schäumelt um die Steine herum, dann und wann ein gelblich-braunes Blatt tragend. Mal sanft dümpelnd, mal kurz beschleunigend. Von oben melodiöser Gesang eines Vogels. Ich vermute eine Meise. Was erzählt sie? Von grenzenlosen Wanderungen? Wie denen des Bächleins, dass sich etwas weiter unter in einen größeren Bach, dann in ein kleines Flüsschen und in der Folge in die große Elbe ergießen wird? Zuletzt wird es sich in der jetzt kalten Nordsee auflösen. Ja, was mag der Vogel erzählen? Fragt er sich, warum die Anderen hoch oben im grauen Himmel wandern? Wohin der Treck über ihn zieht? Hin zu unbekannten Gestaden? Eine alte Metapher. Sei erinnert an die Liedzeile „über den Wolken mag die Freiheit wohl grenzenlos sein“ erinnert. Oder ruft er laut, „das ist mein Revier, meine Beeren, meine Zone – hier will ich bleiben!“?
Ich folge sinnierend dem Weg, verlasse kaum die Begrenzung rechts und links. Ab und an wagt mein Körper einen Schritt zur Seite. Kurzer Ausbruch, gehen auf welkem Gras, im Rascheln vergehender Blättern. Auf dem Weg hier und da eine Pfütze, welche die Gradlinigkeit der Schritte durchbricht. Überall sind Grenzen. Die Gewohnten so verinnerlicht, vergessen, dass sie kaum stören. Erst kommt der Wegrand, dann der Graben, in dem der Bach gurgelt, die Hecke, durchlässiges Heim der Vögel, der Zaun, der vom menschlichen Besitztum zeugt. Mein Blick schweift frei umher, während ich fortschreite. Die einzige Freiheit befindet sich in Kopf, den Gedanken und Träumen. Wohin vermögen sie mich zu tragen? Weiter als die Zugvögel, die ab und an im weiten Himmel quäken und quaken? Wann fällt die Grenze der Zeit über mich herab? Wann werde ich verwelken, verwesen, wie die fallenden Blätter?
Ruhig lächele ich in mich hinein; genieße die unendliche Freiheit des Moments. Vergessen sind die Grenzen, die räumlichen als auch die zeitlichen. Erneut dringt das Gurgeln des Baches in meinen Ohren. Ich bin fließendes Wasser. Im Gesicht der sanfte, feuchte Herbstwind. Die Augen schweifen durch die nebeligen Wolken. Kurz glimmt die fahle Sonne zwischen den zunehmend kahlen Ästen. In deren Gabelungen zerfällt hier und da die verlassene Wohnung eines Vogels.

Wer spricht?

Die Wellen reden mit mir. Sie grollen und rufen, gurgeln und blubbern, donnern und schmatzen…ich lausche. Meist Geist verbindet sich, formuliert Wortblasen. Der Wind redet mit mir, mit meinem ganzen Körper. Er antwortet oft automatisch, mal mit Freude, mal weicht er aus. Ich bin Natur. Vergänglich wie die sanft rollenden, plätschernden Wogen, die den Fels zum warmen Sand zermahlen. In Bewegung, sich ewig wiederholend, immer anders.
Mein Geist spricht immer dasselbe, wird von der Welt angesprochen…wird. Sanfte Bewegung der sich auflösenden Gedankenwellen. Doch am Horizont droht die Hektik. Rasend werde ich über die Berge und das Meer getragen, in wimmelndes Geplapper hektische Betriebsamkeit. Es hat so gar nichts mit den Rhythmen der Natur gemein. Welscher Rhythmus ist der meine? Sicher nicht der fremder Maschinenrhythmus, der bedrängt, in eckig-gerasterte Bewegung treibt. Ein Rhythmus, der nicht spricht, sondern nur stößt, drängt, zieht
Desto mehr Natur meine Gedanken über die Wolken hinaus mit in die Stadt nehmen, desto schneller werde ich in der Heimat wieder geerdet sein. Dort werde ich mich erinnern. Daran, dass mein Atem den frischen Hauch ersehnt. Meine Füße sprechen am liebsten mit dem Boden… Ziel ist es Welt mit mir zu verbinden. Ich bin Natur. Wasser fließt gurgelnd durch mich, der Atem pfeift, Licht wärmt sanft. Welt spricht eine einfache, meist leise Sprache. Das Rauschen der Blätter im Herbst schwillt oder raschelt – sanft wie die Wellen am Meeressaum.

Kopfhygiene

Ich putze meine Zähne, mache mich frisch, wechsele die Klamotten. Als das kühle Nass mein Gesicht erweckt, öffnen sich endlich die Augen. Frisch blicke ich in die Welt. Programm. In lockere Kleidung geworfen, mit klaren, subtil gedämpften Gedanken, verlasse ich das Zimmer. Schweigend konzentriert gehe ich die Treppe hinunter, trete unter den morgendlichen Sonnenaufgangs-Himmel. Frische Seeluft umfängt mich. Im Hintergrund das Rauschen des Meeres. Vor dem Übungsraum wartet eine Anzahl abgestellter Strandschlappen. Ich geselle die Meinigen hinzu. In gesammelter Gehmeditationshaltung betrete ich den Raum, verneige mich. Verhaltenes Geplapper dringt in die Ruhe ein. Ignorieren! Atmen! Mit einem inneren Lächeln schreite ich lockerruhig zu meiner Matte, richte die Kissen und setze mich. Dann eine Ansage: Endlich erstirbt das Getuschel.
Kurz ist sie, die Meditation. Die Gedanken kommen kaum zur Ruhe, der Geist atmet kaum auf. Es folgen langsame Bewegungsübungen, die in eine Entspannung im Liegen übergeleitet werden. Diesmal ohne Geflüster, jedoch begleitet von Ambientmusik mit Gesang… Wie sollen sich bei abstrus-esoterischen Texten über Wellen und Licht die Gedanken beruhigen? Wie im Warenhaus. Ich sinniere über Yoga-Muzak nach; konzentriere mich auf meinen Atem. Es fällt mir schwer, die Verschmutzung durch belangloses Soundgeplätscher mit sinnentleerten Versen wegzuatmen. Schwerer als eine Gehmeditation auf dem Hauptbahnhof. Ich sehne mich nach meinem Stein am Strand. Ja, das echte Plätschern, Blubbern und Grollen der Wellen; das gestreichelt werden durch den Wind, der sich mit dem Atem verbindet; den Körper mit der Natur. Esoteric-Magazine Yoga und Meditation ist für mich genauso wenig wegführend wie ein Aperol-Spritz am Strand. Ablenkung, Verfallenheit… Erneut konzentriere ich mich auf meinen Atem. Die Gedanken beruhigen sich – trotz all dieser Sinnesreize und Widrigkeiten. Zum Glück übe ich seit langer Zeit…
Oft werde ich gefragt, warum ich meditiere. Ayya Khema brachte es einmal auf den Punkt. Sie antwortete auf diese Frage sinngemäß und rhetorisch in etwa so: Die meisten Menschen stecken viel Energie in ihre körperliche Hygiene. Waschen, putzen, einkleiden, Sport treiben, den Arzt konsultieren, Diäten etc. – aber was tun sie für die Reinigung, die Gesundheit des Geistes? Auch aus meiner Sicht zu wenig. Warum nur? Wohl, weil es anstrengend, schwer ist und in unserer Kultur nicht geübt wird.
Zu Beginn braucht es, wie der „Edle 8-fache Pfad“ darstellt die Einsicht, dass der Geist gepflegt werden sollte. Dann die Absicht, sich zu ändern, einen neuen Weg einzuschlagen. Was bedeutet täglich zu Üben, um auf dem neuen Weg zu bleiben. Die uns immerzu berieselnden Ablenkungen und Anhaftungen zu erkennen und dann abschütteln zu wollen. Den Ausknopf am Handy, dem TV, der Arbeit, dem Workout oder dem Soundsystem zu drücken. Vielen erscheint es schwer, sich eben mal hinzusetzen, nur auf den Atem zu achten. Eine Aktion, die bei all den schreienden „Ein“-Knöpfen, bestellbaren Drinks, verlockenden Ablenkungen, dem Geschrei des Marktes und fordernden Gedanken zu dem anstrengendsten gehört. Die banalsten Sachverhalte zu erkennen und dann in Handlungen zu übersetzen, scheint eine der herausfordernsten Dinge in unserer Welt voller dunkler Anreize zu sein. Wie ein Wald voller künstlicher Bäume, welche die natürlichen Gewächse zu überstrahlen scheinen. Das Plastikgeflecht der Haben-Gesellschaft überwuchert jeden natürlichen Weg. Speziell den, den wir in uns tragen.
Wie kann man ob all dieser Ablenkungen zur Einsicht kommen? Der Weg dorthin ist voller Fallen und mentaler Stolpersteine. Besonders behindernd sind die alten Gewohnheiten. Fest in unserem Kopf verankert, kleben sie an uns wie glitzernder Schleim. Gehen wir nicht zumeist den geübten Weg? Den, der uns reflexartig zwingt den Arbeitshektik-Alltagsknopf aus-, und dann den Esoteric-Ablenkungs-Entspannungsknopf anzuschalten? Diese Strategie mag wirken – doch verändert sie etwas? Selbst wenn wir spüren, merken, dass etwas anders werden sollte? Wenn wir leiden? Um den dunklen, verstellenden Waldweg zu verlassen, neue Pfade der Veränderung aufzutun, brauchen wir Kraft. Wie beim Lernen benötigt es eine neue Einstellung, Offenheit und Neugierde; und Kraft. Da ist die „rechte Anstrengung oder Willenskraft“, „rechte Achtsamkeit oder Klarheit“ und die „rechte Sammlung oder Konzentration“… so sagt es der „edle achtfache Pfad“. In Bezug auf Geisteshygiene hatte der Buddha schon recht, denke ich. Er zeigte einen klaren Weg auf, ein „Dao“ (oder „Do“) – was sowohl Weg als auch Lehrmethode und Prinzip bedeuten kann. Lang ist der Weg zur Geisteshygiene. Die Zutaten sind nicht in der Drogerie zu beschaffen, schon garnicht im Supermarkt der Esoterik-Angebote. Wir müssen sie in uns finden und anwenden.
Lauschen wir dem Rhythmus, der Musik des Lebens, den Wellen und unserem Herzschlag. Tanzen wir uns frei.

Bewegung?

Der Himmel hat sich beruhigt. Das Meer drängt nach wie vor, getränkt von der Energie des Sturms, die es aufgenommen hat, an die Küste. Schwer schleichen die Wellen an den Strand. Zuerst unsichtbar nähern sie sich dem Ufer, treten aus dem Wasser heraus, schäumen auf, brechen, rumoren und klatschen, spritzen und donnern. Saugend zieht sich das hochgedrückte Wasser zurück; erfrischendes Schaumbad. In den geglätteten Spuren ihres Auslaufens der Nacht am Strand zeichnen sich die Fußabdrücke der an den Meeressaum zurückgekehrten TouristInnen ab.
Ich gehe; auf dem Atem; nehme die frischwarme Luft an. Der Wind hat sich gelegt, bis auf einen verblassenden Südhauch. Ilios kitzelt südlich wärmend meine Haut. Die Spuren, an denen ich entlang schreite drücken die un vollzogene Verlangsamung der Urlauberinnen aus. Von Zehen geworfener Sand, hektisch eingedrückte Schritte des städtischen Schlendergangs zeugen von der Dynamis des Arbeits- und Shoppingrhythmus, der an die erhabene Küste mitgenommen wurde. Geplapper zieht dann und wann an mir vorbei. Zwischendrin Kinderjauchzen. Playfulness.
Ich bin langsam geworden, bin da, verbunden mit Felsen, Sand, Wasser, Luft, Sonne und meinem eigensten Pneuma. Bis der nächste Herbststurm am Horizont heraufzieht.

Vergessen

Nahrhafte Energie für Insekten, Mikroben, Würmer und Pilze. Langsam wird verdaut, zersetzt, dann von der feuchten Herbsterde aufgesogen. All die erdigen Düfte der welkenden Verwesung deuten im warmfeuchten Spätsommer auf das Vergehen hin. Ewiges neuschaffen, anders Werden. Unendliches verwandeln, transformieren. Ein Übergang, ein Dazwischen. Der Apfel macht Rhizom mit Myriaden von Organismen, dem Humus, der Luft, mir. Vernetztes Werden – und schon wieder Deterritorialisierung. Vielleicht überlebt ein Apfelkern. Dann wurzelt und entsprießt alsbald ein neuer Baum dem Boden. Genährt von den Zerfallsprodukten der Frucht.
Ich lese zu viel Deleuze. Frische Sätze und Gedanken drängen in meinen Kopf. Zugleich beschleicht mich das Gefühl, zu viel vergesse zu haben. Es fühlt sich an, als ob Wissen sich, wie das Apfel-Organismus-Erdeteil, langsam auflöst. Vergessen gehört zum ewigen Kreislauf des Werdens wie die Wiederholung, die ewige Wiederkehr – des Gleichen; nur in anderem, mutiertem Gewand (Nietzsche). Und noch ein Gedanke: In der Lektüre vergesse ich mich, verliere mich in Gedankengeflechten. Dann hier und dort eine Lücke. Ein Geistesblitz, der fordernd fragt: Was war das noch? Ist es mir entfallen (wie der verlorene Apfel)? Wie konnte mir das entgleiten? Hab ich doch schon zweimal gelesen! Beruhigt schreit ich zum Regal. Das exterritorialisierte Gedächtnis; schaue nach, blättere suche, finde – oder eben nicht. Ja, dort eine Notiz, ja, ich erinnere mich! Der exterritoriale Speicher verbindet sich mit dem Jetzt meines Ich. Lässt wie einen Sprössling im Frühjahr neues entstehen. Neue Verbindungen im Gleichen.
Doch manchmal will es nicht kommen, das Loch wabert im Netz der Assoziationen. Tief in mir spüre ich so etwas wie Ärger darüber, dass es für immer verschwunden scheint. Manchmal kann ich mich nicht einmal mehr an ein „wo“ oder an ein „wann“ erinnern. Nur eine Leere, eine Lücke. Doch es hilft nichts, dem Loch hinterherzulaufen. Freuen wir uns über den frischen Freiraum, in die Neues hineinwachsen kann. Meinetwegen nur die ruhende Leere voller Zufriedenheit. Schön ist sie, die vergehende Frucht…