Ich starre auf den Text. Es grummelt in meinem Magen, es nebelt in meinem Kopf. Schlimmer als der trübe Dunst des Herbstes, der das rottende Laub befeuchtet. Worte wie kalter Sprühregen lassen die Gedanken gefrieren. Ich lese von Konflikten in der „Linken“. Davon, dass Cafés und Läden angegriffen und besetzt werden. Ich erinnere dunkel, dass sich K Gruppen im Rahmen der Anti-AKW Bewegung in den frühen 80ern gegenseitig die Scheiben der Buchläden einschlugen. Hat sich seit meiner Jugend nichts geändert? Ich fürchte nicht. Geschichte scheint eher wie der zähe Nebel als ein heller Blitz. Ideologische Verwirrung führt zu Verstellungen, die sich wie ein rotes Band durch Revolten und Revolutionen ziehen, deren Kinder gefressen wurden… “Whatever happened to Leon Trotsky? He got an ice pick that made his ears burn…“ singen die Stranglers 1977 und rufen dann aus: „no more heroes anymore“. Wie habe ich diesen Song geliebt, speziell, als ich begann und schnell wieder aufhörte mit Trotzkisten, Stalinisten und so weiter zu diskutieren. Es war (und ist) sinnlos. Genauso sinnlos aufzumachen, wenn religiös verstrahltes Lächeln an der Tür klingelt oder einem auf der Straße versucht einem ein Heftchen in die Hand zu drücken. Wenn ich an die verbrämten Heilsgläubigen denke, trauere ich um die vielen Menschen, die diese Ideologien für die „Gute“ und einzig „Richtige“ oder „Wahre“ Sache und den „Glauben“ auf dem Gewissen haben.
Dennoch, ich werde immer wieder als „Linker“ gelesen. Was ein chaotisch brodelnder Topf, in den man da geworfen wird. Voll von jammernden und welkem Kraut, durchmischt mit giftigem Unrat. Kaum ein knackiges Gemüse schwimmt im trübe brodelnden Wasser. In den Topf ist schon lange kein Platz mehr für mich. Ein Schluck aus diesem Gebräu, und mir wird speiübel. Warum, mögen Teile fragen, fühle, ja denke ich so? Wie ein ewiger Traum durchzieht mich eine Sehnsucht. Sie wünscht sich einer gerechten Welt, in der jeder Mensch nach seiner Facon lebt, die gleichen Chancen hat. Die Vision verharrt beharrlich im Kopf. Selbst, wenn ich immer wieder aufwache, der Traum sich im stickigen Drama der Nachrichten zu verflüchtigen droht, Traurigkeit sich breit macht. Diese Sehnsucht ist nicht auszulöschen und das ist gut so. Sie gibt Kraft. Alle Wesen, die Umwelt sollten geachtet, mit Respekt behandelt werden, ruft sie. Kapital, Krieg, Religion, Nationen, Unterdrückung und Grenzen sollen keine Rolle mehr spielen.
Mittlerweile deucht mir, dass nur der wendige Weg einer stabilen psychischen „Mitte“ der Handelnden etwas bewegen kann. Nur auf ein ausgewogenes, offenes Wesen vermag es auf diesem Weg zur „Zufriedenheit“ voranzuschreiten. Dies heißt Schritt für Schritt mit den Wellen der Zeit, in sich ruhend, zu fließen. Vermeiden, die Irrwege der eigenen Probleme, Wut und diffusen Ängste in Ideologien zu verstecken. Verhärtung der Gedanken, Identitätspolitik und starrer Glaube sind kein Weg. Weder für die furchtsame Person, die sich hinter einer harten Hülle versteckt, den oder die Strassenkämpfer*In mimt. Ebenso wenig für die, die versuchen unreflektiert und voller Kompromisse mit dem verinnerlichten Strom zu schwimmen, um das eigene Wohlsein zu sichern, oder gar Ressentiments gegen Andere hegen. Befreiung von den „Übeln der Welt“ beginnt im Zentrum, im eigenen Kopf. Wenn dieser voller Konsumstroh oder betonschwer von Ideologien durch die Welt eiert, wird das Elend ewig reproduziert. Nur eine möglichst stabile Persönlichkeit kann den dunklen Fluss der tragischen Politik teilen. So vermag sie seine zerstörerische Kraft aus Elend, Krieg und Ungerechtigkeit zu überwinden. Ein anstrengender, langsamer Weg in kleinen Schritten. Wenn ich mich aufrichte, in mir ruhend stabil, frei, offen stehe, mich selber überwinde, werde ich positiv handlungsfähig. Denn was nutzt alles Jammern und Aufbegehren, wenn man über jeden Stein, jeden Stock stolpert? Speziell dann, wenn ein Führer schreit, die Menschen in Abgründe reißend. Die gleichmütig wärmende Sonne scheint sanft durch jede Ideologie oder Religion. Es ist an uns sie zu suchen. Wenn wir sie erblicken möchten, erkennen wir, dass wir sie in uns tragen. Ihre Strahlen vermögen es die Hindernisse wie Angst, Verzweiflung und Trauer, die gerne zu Wut, Hass mutieren aufzulösen. Selbst manche Idole der Glaubenszombies haben dies schon früh erkannt. Doch die „Glaubenden“ scheinen in ihrer Verblendung unfähig dies wahrzunehmen. Marx schreibt 1843 in Bezug zur Religion den tollen Satz, der für jede Beton-Ideologie gilt: „Wie löst man einen Gegensatz? Dadurch, daß man ihn unmöglich macht. Wie macht man einen religiösen Gegensatz unmöglich? Dadurch, daß man die Religion aufhebt.“ Doch was ist nach ihm die Methode?„Wir müssen uns selbst emanzipieren, ehe wir andere emanzipieren können.“(1) das klingt fast wie das „sapere aude“ von Kant oder der Weg zum Übermenschen von Nietzsche. Das Projekt der Aufklärung in all seinen divergenten Facetten, über die es sich zu streiten lohnt.
Ich frage mich, was bedeutet Emanzipation. Etymologisch ganz einfach – aus e-mancipo: „den Sohn für selbstständig erklären“ (2). Dies tut, laut den patriarchalen Strukturen der Römer, der Vater. Seien wir unsere eigenen Eltern, unser eigener Gott, Jhwh, Allah, Marx, Bakunin, Mutter Theresa…, so wie es Nietzsche fordert! Geben wir uns selber aus der Hand, in die Eigene. Rennen nicht, wie so viele unemanzipierte Linke, Göttern wie Marx, Engels, Gramsci oder wem auch immer hinterher; oder Zarathustra: „Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra? Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!
Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.
Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.“ (3)
Emanzipation bedeutet die Selbstbefreiung von allen Idolen, die sich in jeder unserer Zellen verstecken, die uns überlisten und verführen wollen. Durch die wir immer wieder Gefahr laufen, im Geiste zu erstarren. Jegliches ideologisches Denken führt zu solch komischen Aussagen von „Linken“, wie die Forderung nach einem Gebetsraum für Muslime in einem autonomen Zentrum, der Flora. Was ein Beton-Denk, Idol-Blödsinn. Hier treffen zwei dunkle Ideologien/Religion aufeinander und reichen sich die blutige Hand (4). Zur Not Marx oder Nietzsche lesen! (s.o.). Besser aber selber mal das Gehirn einschalten, sich emanzipieren. Den Weg der Mitte finden. Sich zentrieren. Sich selber überwinden, hin zum Übermenschen, der nie vollkommen ist. Werden. Immer wieder werden. Zwischen den Schollen schwimmen, die festgefrorenen Brocken vermeiden. Rhizom machen. (5)
(1) Marx, K. (1843) über die Judenfrage (Internetquelle)
(2) Der kleine Stowasser, dt.-lat. Wörterbuch (1971) München
(3) Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra I, Von der Schenkenden Tugend in G. Colli, M. Montinari (1988) Kritische Studienausgabe. DTV, München Bd. 4, S. 101
(4) Taz Artikel dazu von 6.10.24: „Antiimperialisten gegen Antideutsche“. Die Position der Flora: https://de.indymedia.org/node/536599 und ein Bei 99ZUEINS das Interview mit der Forderung.
(5) vgl. G. Deleuze, F.Guattari (1977) Rhizom. Merve, Berlin und diverse weitere Schriften