Herbstgrenze

Bei jedem Schritt ein trockenfeuchtes Rascheln. Immer anders. Rechts gluckert der Bach; schäumelt um die Steine herum, dann und wann ein gelblich-braunes Blatt tragend. Mal sanft dümpelnd, mal kurz beschleunigend. Von oben melodiöser Gesang eines Vogels. Ich vermute eine Meise. Was erzählt sie? Von grenzenlosen Wanderungen? Wie denen des Bächleins, dass sich etwas weiter unter in einen größeren Bach, dann in ein kleines Flüsschen und in der Folge in die große Elbe ergießen wird? Zuletzt wird es sich in der jetzt kalten Nordsee auflösen. Ja, was mag der Vogel erzählen? Fragt er sich, warum die Anderen hoch oben im grauen Himmel wandern? Wohin der Treck über ihn zieht? Hin zu unbekannten Gestaden? Eine alte Metapher. Sei erinnert an die Liedzeile „über den Wolken mag die Freiheit wohl grenzenlos sein“ erinnert. Oder ruft er laut, „das ist mein Revier, meine Beeren, meine Zone – hier will ich bleiben!“?
Ich folge sinnierend dem Weg, verlasse kaum die Begrenzung rechts und links. Ab und an wagt mein Körper einen Schritt zur Seite. Kurzer Ausbruch, gehen auf welkem Gras, im Rascheln vergehender Blättern. Auf dem Weg hier und da eine Pfütze, welche die Gradlinigkeit der Schritte durchbricht. Überall sind Grenzen. Die Gewohnten so verinnerlicht, vergessen, dass sie kaum stören. Erst kommt der Wegrand, dann der Graben, in dem der Bach gurgelt, die Hecke, durchlässiges Heim der Vögel, der Zaun, der vom menschlichen Besitztum zeugt. Mein Blick schweift frei umher, während ich fortschreite. Die einzige Freiheit befindet sich in Kopf, den Gedanken und Träumen. Wohin vermögen sie mich zu tragen? Weiter als die Zugvögel, die ab und an im weiten Himmel quäken und quaken? Wann fällt die Grenze der Zeit über mich herab? Wann werde ich verwelken, verwesen, wie die fallenden Blätter?
Ruhig lächele ich in mich hinein; genieße die unendliche Freiheit des Moments. Vergessen sind die Grenzen, die räumlichen als auch die zeitlichen. Erneut dringt das Gurgeln des Baches in meinen Ohren. Ich bin fließendes Wasser. Im Gesicht der sanfte, feuchte Herbstwind. Die Augen schweifen durch die nebeligen Wolken. Kurz glimmt die fahle Sonne zwischen den zunehmend kahlen Ästen. In deren Gabelungen zerfällt hier und da die verlassene Wohnung eines Vogels.

Herbstgefühle

Ich erahne das Gefühl der Liebe in mir. Spüre ihm nach. Dem warmen Strahlen, das vom Bauch aus durch den Körper oszilliert, die Muskeln entspannt, den Körper tanzen lässt, ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Die fröhliche Zufriedenheit, wenn die Augen sich verklärt mit der Welt verbinden, jeder Atemzug ein wohliges Gefühl hinterlässt. Locker, leicht, lässig, von einer sanften Spannung umhüllt. Ich greife es, umhülle mich mit ihm, genieße es. Ohne Objekt.
Politik, die Welt, die Zukunft versucht hingegen immer ein schleimiges Gespinst über die Gedanken zu legen. Glitschig, transparent, fast unsichtbar, jedem Zugriff ausweichend, unheimlich, kalt und heiß zugleich. In ihm blitzen Splitter auf, der Nachhall von Informationen, die durch die Welt rasen, verdampfen, kurz ihre Hitze entfalten. Dann verflüchtigen sie sich. Zum Glück.
Die Stimmung mit liebender Wärme zu durchtränken, sich heimelig und wohl in sich und mit anderen fühlen: Das einzige Rezept gegen die kalte Welt da draußen. Wie eine Wärmflasche, ein gutes Buch, ein kuscheliges, geteiltes Bett im frostigen Winter. Was ficht mich dann der kalte Wind an? Wie vermögen es dann die dürren, kahlen Äste, die wie gierige finger in den goldenen Himmel greifen, krallen, mich zu erreichen. Sollen die verwirrten einsam leblosen Reichtum sammeln, an ihrem Machtstreben, ihrer Wichtigtuerei ersticken. Was kümmert es mich?
Dann das sitzen auf einem Kissen; zentriert, entspannt bei sich seiend, präsent. An nichts mehr gebunden sein. Ohne etwas oder jemanden zu verlassen. Der Moment, in dem der Winter schön wird, bleibt das kalte, dumm-wahnsinnige Geblubber der Politik draußen. Ausatmen.