Kopfhygiene

Ich putze meine Zähne, mache mich frisch, wechsele die Klamotten. Als das kühle Nass mein Gesicht erweckt, öffnen sich endlich die Augen. Frisch blicke ich in die Welt. Programm. In lockere Kleidung geworfen, mit klaren, subtil gedämpften Gedanken, verlasse ich das Zimmer. Schweigend konzentriert gehe ich die Treppe hinunter, trete unter den morgendlichen Sonnenaufgangs-Himmel. Frische Seeluft umfängt mich. Im Hintergrund das Rauschen des Meeres. Vor dem Übungsraum wartet eine Anzahl abgestellter Strandschlappen. Ich geselle die Meinigen hinzu. In gesammelter Gehmeditationshaltung betrete ich den Raum, verneige mich. Verhaltenes Geplapper dringt in die Ruhe ein. Ignorieren! Atmen! Mit einem inneren Lächeln schreite ich lockerruhig zu meiner Matte, richte die Kissen und setze mich. Dann eine Ansage: Endlich erstirbt das Getuschel.
Kurz ist sie, die Meditation. Die Gedanken kommen kaum zur Ruhe, der Geist atmet kaum auf. Es folgen langsame Bewegungsübungen, die in eine Entspannung im Liegen übergeleitet werden. Diesmal ohne Geflüster, jedoch begleitet von Ambientmusik mit Gesang… Wie sollen sich bei abstrus-esoterischen Texten über Wellen und Licht die Gedanken beruhigen? Wie im Warenhaus. Ich sinniere über Yoga-Muzak nach; konzentriere mich auf meinen Atem. Es fällt mir schwer, die Verschmutzung durch belangloses Soundgeplätscher mit sinnentleerten Versen wegzuatmen. Schwerer als eine Gehmeditation auf dem Hauptbahnhof. Ich sehne mich nach meinem Stein am Strand. Ja, das echte Plätschern, Blubbern und Grollen der Wellen; das gestreichelt werden durch den Wind, der sich mit dem Atem verbindet; den Körper mit der Natur. Esoteric-Magazine Yoga und Meditation ist für mich genauso wenig wegführend wie ein Aperol-Spritz am Strand. Ablenkung, Verfallenheit… Erneut konzentriere ich mich auf meinen Atem. Die Gedanken beruhigen sich – trotz all dieser Sinnesreize und Widrigkeiten. Zum Glück übe ich seit langer Zeit…
Oft werde ich gefragt, warum ich meditiere. Ayya Khema brachte es einmal auf den Punkt. Sie antwortete auf diese Frage sinngemäß und rhetorisch in etwa so: Die meisten Menschen stecken viel Energie in ihre körperliche Hygiene. Waschen, putzen, einkleiden, Sport treiben, den Arzt konsultieren, Diäten etc. – aber was tun sie für die Reinigung, die Gesundheit des Geistes? Auch aus meiner Sicht zu wenig. Warum nur? Wohl, weil es anstrengend, schwer ist und in unserer Kultur nicht geübt wird.
Zu Beginn braucht es, wie der „Edle 8-fache Pfad“ darstellt die Einsicht, dass der Geist gepflegt werden sollte. Dann die Absicht, sich zu ändern, einen neuen Weg einzuschlagen. Was bedeutet täglich zu Üben, um auf dem neuen Weg zu bleiben. Die uns immerzu berieselnden Ablenkungen und Anhaftungen zu erkennen und dann abschütteln zu wollen. Den Ausknopf am Handy, dem TV, der Arbeit, dem Workout oder dem Soundsystem zu drücken. Vielen erscheint es schwer, sich eben mal hinzusetzen, nur auf den Atem zu achten. Eine Aktion, die bei all den schreienden „Ein“-Knöpfen, bestellbaren Drinks, verlockenden Ablenkungen, dem Geschrei des Marktes und fordernden Gedanken zu dem anstrengendsten gehört. Die banalsten Sachverhalte zu erkennen und dann in Handlungen zu übersetzen, scheint eine der herausfordernsten Dinge in unserer Welt voller dunkler Anreize zu sein. Wie ein Wald voller künstlicher Bäume, welche die natürlichen Gewächse zu überstrahlen scheinen. Das Plastikgeflecht der Haben-Gesellschaft überwuchert jeden natürlichen Weg. Speziell den, den wir in uns tragen.
Wie kann man ob all dieser Ablenkungen zur Einsicht kommen? Der Weg dorthin ist voller Fallen und mentaler Stolpersteine. Besonders behindernd sind die alten Gewohnheiten. Fest in unserem Kopf verankert, kleben sie an uns wie glitzernder Schleim. Gehen wir nicht zumeist den geübten Weg? Den, der uns reflexartig zwingt den Arbeitshektik-Alltagsknopf aus-, und dann den Esoteric-Ablenkungs-Entspannungsknopf anzuschalten? Diese Strategie mag wirken – doch verändert sie etwas? Selbst wenn wir spüren, merken, dass etwas anders werden sollte? Wenn wir leiden? Um den dunklen, verstellenden Waldweg zu verlassen, neue Pfade der Veränderung aufzutun, brauchen wir Kraft. Wie beim Lernen benötigt es eine neue Einstellung, Offenheit und Neugierde; und Kraft. Da ist die „rechte Anstrengung oder Willenskraft“, „rechte Achtsamkeit oder Klarheit“ und die „rechte Sammlung oder Konzentration“… so sagt es der „edle achtfache Pfad“. In Bezug auf Geisteshygiene hatte der Buddha schon recht, denke ich. Er zeigte einen klaren Weg auf, ein „Dao“ (oder „Do“) – was sowohl Weg als auch Lehrmethode und Prinzip bedeuten kann. Lang ist der Weg zur Geisteshygiene. Die Zutaten sind nicht in der Drogerie zu beschaffen, schon garnicht im Supermarkt der Esoterik-Angebote. Wir müssen sie in uns finden und anwenden.
Lauschen wir dem Rhythmus, der Musik des Lebens, den Wellen und unserem Herzschlag. Tanzen wir uns frei.

Bewegung?

Der Himmel hat sich beruhigt. Das Meer drängt nach wie vor, getränkt von der Energie des Sturms, die es aufgenommen hat, an die Küste. Schwer schleichen die Wellen an den Strand. Zuerst unsichtbar nähern sie sich dem Ufer, treten aus dem Wasser heraus, schäumen auf, brechen, rumoren und klatschen, spritzen und donnern. Saugend zieht sich das hochgedrückte Wasser zurück; erfrischendes Schaumbad. In den geglätteten Spuren ihres Auslaufens der Nacht am Strand zeichnen sich die Fußabdrücke der an den Meeressaum zurückgekehrten TouristInnen ab.
Ich gehe; auf dem Atem; nehme die frischwarme Luft an. Der Wind hat sich gelegt, bis auf einen verblassenden Südhauch. Ilios kitzelt südlich wärmend meine Haut. Die Spuren, an denen ich entlang schreite drücken die un vollzogene Verlangsamung der Urlauberinnen aus. Von Zehen geworfener Sand, hektisch eingedrückte Schritte des städtischen Schlendergangs zeugen von der Dynamis des Arbeits- und Shoppingrhythmus, der an die erhabene Küste mitgenommen wurde. Geplapper zieht dann und wann an mir vorbei. Zwischendrin Kinderjauchzen. Playfulness.
Ich bin langsam geworden, bin da, verbunden mit Felsen, Sand, Wasser, Luft, Sonne und meinem eigensten Pneuma. Bis der nächste Herbststurm am Horizont heraufzieht.

Früchte

Langsam knirscht sich ein Schritt nach dem Anderen über den sandigen Boden. Durch die Sohlen machen sich Steinchen und Bodenwellen bemerkbar. Synchron mit dem fließenden, gleichmäßigen, sanft gleitenden Atem. Der Hauch der Welt bläst im gelassenen Einklang und erzeugt einen Soundtrack raschelnder Blätter. Hier und dort der Ruf eines Vogels. Kurz und knapp. Pointierter als im Frühjahr, wo sich eine melodiöse Arie an die Andere reihte. Zwischen den Blättern die Früchte. Eicheln, Äpfel, Birnen, Rosskastanien…jede in ihrer eigenen wunderbaren Erscheinung. Mit jedem Schritt schreitet die Zeit, verliert sich der Ort um ein neuer zu werden. Deterritorialisierung – Reterritorialisierung.

Dann schweift der Geist, verliert sich, wie von Wechselwinden getrieben, im hier nach dort. Mein Körpergeist bemüht sich, das Denken durch den Rhythmus von Schritt und Atem einzufangen, zu beruhigen. Ein Satzbild gleitet mächtig in den Vordergrund, voller Zweifel: Schreite ich wirklich fort? Der dumpfe Ruf nach Fortschritt im Sinne eines Ziels. Ich erinnere mich an die Metapher des Buddha, der darauf verwies, dass der Fortschritt oft nicht zu bemerken ist. Wie bei der Abnutzung eines oft benutzten Werkzeugs aus Holz. Erst wenn es sich durch die unendlichen vielen, kleinen Berührungen abgenutzt hat, bemerken wir, dass es fast geschwunden ist. Kurz davor zu brechen, sich endgültig aufzulösen. Wie der Stumpf eines Baums, der erst morsch wird, sich dann in tausende immer kleinere Teile auflöst; Erde wird. Was eine eingängige Metapher, die, wie der Wind die Wolken, den zweifelnden Gedanken davontreiben. Fortschritt schleicht sich, solange man tut, übt, egal was, zumeist unbemerkt ein. Nur der Kopf mit seinen springenden Gedanken hadert und zweifelt: Will festhalten. Doch dann, plötzlich wird eine Veränderung sichtbar, bemerkbar. Manchmal disruptiv, manchmal langsam und sanft

Da war die Hand, die sich fast unmerklich, ich stehe auf einer Rolltreppe, auf meinen Rücken legte. Ich, konzentriert im Hier und Jetzt, ohne es bemerkt zu haben. Sachte, verwundertwurde ich aus meiner Präsenz aufgeweckt. Langsam drehe ich mich um; blicke in die braunen Augen einer Frau mittleren Alters. Sie lächelt mich an. Dann spricht sie mit leiser Stimme: „thank you for your presence in the train“. Ein wenig verwirrt danke ich ihr. Kehre in mich zurück, verliere sie aus den Augen.
Verwundert setzte ich meine Fahrt mit dem Anschlusszug fort. Setze mich auf einen der freien Sitze, gleite sinnierend auf den Atem, wie so oft in der U-Bahn. Konzentriere mich auf das Jetzt. Das Gemurmel und Geratter verliert sich. Mein Geist denkt die Gedanken bewusst. Eine Haltung, die ich anscheinend verinnerlicht habe. Ich bemerke es kaum noch. Dennoch scheint es vorhanden zu sein, sogar auszustrahlen. Ich bin auf meinem Weg. Die permanente Übung scheint Früchte zu tragen. Wohin werden sie fallen?

Essen (gehen)

Treffen mit lieben Menschen. Ein gemütlicher Plausch und Austausch in gediegener Atmosphäre. Das Ganze beginnt mit der Reservierung…gewissermaßen fliegt das Handtuch auf den Liegestuhl, den man in 2 Stunden zu belegen gedenkt. Eine Verhinderung der Spontaneität. Es geht um begehrte Plätze; Sicherheit. Ja, Sicherheit ist so gemütlich wie eine Stahltonne, in die man sich einschweißen lässt, um möglichen Gefahren des Lebens zu begegnen. Dazu kommt die erhoffte Sicherheit, dazu zu gehören, zu denen, die es sich leisten können. Eine schön geschmückt Stahltonne, die vor keinem Krieg, keiner Vereinsamung, keinem sozialen Abstieg zu schützen vermag. Aber daran denken wir mal nicht…Reflexion ist zu anstrengend. Es geht darum, das Leben zu genießen. Nietzsches „letzte Menschen“.
Die Wahl des Ortes hängt vom Portemonnaie oder dem Dispo ab. Je weiter man nach oben kommt, grenzen, sichern sich die Orte durch Dresscodes oder einem „Dazu-Gehören“ ab. Wird das Essen dadurch besser? Werden die Beziehungen und der Gemeinsinn an jenen erlauchten Orten mehr gepflegt als anderswo? Mein letzter Besuch eines Restaurants ließ meine Zweifel massiv steigen. Kommunikation war wegen der Lautstärke sich amüsierender Gäste kaum möglich. Warum nicht gleich in einer Bahnhofshalle essen? Ist billiger.
Das nächste mal lade ich zu mir ein. Vielleicht kocht man gemeinsam. Denn zusammen etwas tun, sich nicht nur rituell bedienen zu lassen („Ist alles OK?“ – was eine sinnlose Frage der überbemühten Kellnerin), schafft lebendige Beziehung; ermöglicht tiefere Kommunikation. Ist leiser, tiefer, ruhiger und entspannender. Trotz der auch hier geforderten Rituale, etwas „besonderes“ auf den Tisch zu bringen. Vielleicht reicht eine banale aber nahrhaft-leckere Linsensuppe

Herbstgedanken: Haltung vs. Ideologie

Da pöbeln sie wieder. Mit Bildern, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, feisten Parolen, erstaunlichen Zahlenbergen. Wie ein durchtriebener Schwindler gaukeln sie Wissen vor. Zusammengestückelte Montagen, Symbole und schreierische Imperative sollen belegen, dass diese oder jene Sache die Richtige ist; dieser oder jene Ansicht die pure Wahrheit darstellt. Sie geben vor heller zu strahlen als das Leuchten platonischer Ideen. Da werden die Kämpfer, Mörder, Opfer und Geschändeten auf der „richtigen“ Seite bejubelt oder beweint. Die von der „Falschen“ Seite werden mit Hass überzogen, egal ob sie Täter sind oder leiden.
Was da aus den schwarzumwölken Seelen der Poster zu leuchten vorgibt, ist für mich das hasserfülltes Strahlen eines fahlen, düsterschmutzigen Glimmens. Das kalte Monitorlicht aus den Tiefen des Web. Oh, ihr armen Wichte an den Tastaturen! Stellt Euch Eurer Angst. Denn sie ist die Mutter der Wut, sie gebiert den Hass! Ist es so schwer zu erkennen, dass, wenn Ihr Unrecht erblickt, es schlauer sein könnte bedenkend anzuklagen? Ist dies nicht der menschlichere Weg? Wann habt ihr zum letzten mal anstatt auf die fahle Scheibe des Bildschirms in die warmen Augen eines Menschen geblickt? Einen fairen Diskurs, ein tiefes Gespräch gewagt?
Manchmal ist Schweigen durchdringender als das tosende Gezeter. Schmerzensgeschrei. Gebrüll und Wutgegrunze sähen nur mehr Widerwillen, Angst und Hass. Schaut in Euch, reflektiert, geht in ein inneres Zwiegespräch, fragt Euch, woher diese dunklen Gedanken kommen. Wovor fürchtet ihr Euch? Welcher Dämon hat von Eurem Geist Besitz ergriffen?
Psychologische Philosophen wie Lacan oder Sizek sprechen von den Anrufungen, denen wir durch unsere Ideologien ausgesetzt sind. Einem Konglomerat von Handlungsanweisungen, die jeder Mensch zutiefst verinnerlicht hat und reflexartig ausführt. Wie die Programme eines Computers, eines Betriebssystems. Durch ewige Wiederholung haben sich die Befehlssätze in den tiefsten Tiefen unseres Geistes verankert, als wären es die Eigenen. Daher handeln wir nicht selten wie dumme Prozessoren in den Computern, reagieren auf einen Input: Reflexartig folgen wir brav Schlüsselwörtern und -symbolen. Programmiert zu Gefolgsmenschen einer Nation, die beim Bild der Flagge, beim Ruf „zu den Fahnen für Nation und Rasse“, quasi „aus sich selber heraus“ fröhlich das Gewehr schultern, um unhinterfragt in den Tod zu marschieren. Genauso wie all die Konsumzombies, die voller Werbeversprechen grunzend nach dem nächsten Kaufopfer gieren. Hirntot!
Ideologien definieren das Verhalten in unseren Beziehungen, formen unsere Vorstellung. Egal ob es die bunte Schönheit der Konsumwelt ist oder die viele andere Dinge und Ideen, von denen wir denken, sie seinen unsere Eigensten. Sie kneten unser Hirn, durchsetzen es quasi heimlich mit brutalen Machtstrukturen. Werbung, Kapital und Politik nutzen diese Gedankenkrake immer wieder zu ihrem Vorteil. Wir reagieren auf ihre verrätselten, in uns eingebrannten Zeichen. Ihre Beliebigkeit verweist auf Sinnloses und arbiträres. Fragt Euch, wenn neben Grusel-Hetzbildern Werbeanzeigen flimmern, wer diese Reflexe bedient. Je nachdem wie wer ruft, werden Gefühle, Utopien und Wünsche getriggert. Das weltbekannte Porträt Che Guevaras kann zum Befreiungskampf aufrufen oder Zigaretten verkaufen.
Eine Haltung (kor. Jase 자세) hingegen kommt aus sich selbst heraus. Gerade, fest, ruhig, voller Vertrauen auf sich selber stehen ist die einzige Möglichkeit den Anrufungen der Ideologien zu widerstehen. Fest stehend, mit klarem Blick, schweigend die Welt enträtselnd. Das Gewohnte hinterfragen, sei es noch so plausibel. Dann dem ruhigen Atem folgend bedacht handeln.

Ende und Anfang

Die Kraft der See verbindet sich mit den Wolken, den beharrlichen Felsen und dem Leben spendenen Licht der Sonne. Ich bin – da.
War es vor drei Jahren eine leichte Gischt, die auf der Insel von der Freiheit kündigte, ist es heute ein warmer Sturm. Die brausenden Wellen fegen den Kopf frei. Zeit zeitigt sich, als wenn die Uhr auf der letzten Strecke kurz verharrt, um dann wie die rollenden Wellen auf ein unbestimmtes Ziel zuzulaufen. Als wenn ich ungezielt durch die Welt driften würde, deren Gischt, deren Nebel mal dichter, mal weniger dicht sind. Alles trifft sich in einer endlosen Ruhe.
Neue Rhythmen werden sich mit den Alten vermählen. Ohne die Fixpunkte, die mich im Arbeitsleben immer wieder auf den Rasterpunkten der Zeit, in fremdbestimmten Kalendern und zu sinnlosen Ereignissen zwangen. Ein eigener Rhythmus tut sich auf und tut dem müde-frischen Kopf gut. Driften ist aktiv, tätig sein. Sei es durch den sich leerenden Blick in die Weiten des Ozeans, die konzentrierte Fokussierung auf ein würdevolles, sinnstiftendes Gespräch, die Lektüre… oder die gefühlt sinnlose Tätigkeit, die nichts zu schaffen scheint. Wu Wei.

Reisen

„Vergnügungs-Reisende. – Sie steigen wie Tiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, daß es unterwegs schöne Aussichten gebe.“ (1)

Will ich weiterhin reisen? In der heißen Bahn, eingequetscht auf die Weiterfahrt warten? Immer nervöser werdend, ob ich den Anschluss erreiche, am Ziel eintreffe? Mich nach elf Stunden zwischen schwitzenden Körpern, abgekämpft, im immer gleichen Hotel mit seinen stereotypen Bildern erhole? Durch drängelnde Massen in Betonbahnhöfen hetze, Wege und Gleise suche? Im unwirtlichen Gewusel neben billigen Fast Food Ständen auf die Zuganzeige starren, die mir erzählt, dass die Bahn ausfällt? Im Flieger wegen meiner CO2-Bilanz ein schlechtes Gewissen bekomme? Der Grusel lässt sich steigern: In der stinkenden Metallzelle namens Auto im Stau braten?… Warum mache ich das? Wohin? Wozu? Dennoch, irgend etwas bewegt mich, ich bewege mich. Aufatmend, den Reiseschweiß von der Stirn gewischt, in der Ruhe angekommen, sinniere ich über den Reisedrang, den Reisestress.
Es gibt viele Arten des Reisens. Damit meine ich nicht Wanderungen, die natürliche Form der Bewegung von Nomaden und Tieren. Ich meine das Katapultieren an einen anderen Ort. Weg von der Heimat. Zumeist um Neues zu erleben. Manchmal, weil irgendetwas erledigt werden muss oder soll. Dann aus ökonomischem Zwang, wie bei der Dienstreise. Doch was bedeutet Reisen als eine spezielle Form der Bewegung?
Beginnen wir mit dem Gehen: Flanieren, Spaziergang, Wanderung, kleine Reisen zu Fuß. Eingebettet in die eigenste Geschwindigkeit. Geruhsam setzen wir einen Fuß vor den Anderen. Der Blick schweift gelassen über die Welt. Nicht selten gleitet er weltvergessen nach innen, verliert sich in „Gedanken“. Gerne wird beim Dahinschreiten ein entspanntes Gespräch geführt. Der Fokus huscht umher, mal hier, mal dort hin. Immer wieder erfreuen angenehme Geräusche oder Gerüche die Sinne. Das Rauschen eines Baches, der Geruch der Zirbe. Ab und an ein Zögern, ein verharren, ein Da-Sein. Welt wird im Rhythmus des Körpers „erfahren“. Der Körper ist Welt, Leben. Schritt auf Schritt folgend, geleitet vom Atem. Beides wird in der Eigenbewegung selten bemerkt oder gar betrachtet. Es sei denn, dass die schweigsam-aufmerksame Ruhe der Gehmeditation (2) mich in einen wahrnehmend-vergessenen Augenblick innigster Konzentration geleitet.
Beschleunigung: Das schnelle, zielgerichtete Reisen oder Rennen zu einem Punkt. Der Beginn des sich selbst Verlierens. Im getrieben Werden wandelt sich der durchschrittene Raum. Verwischt im Verlorengehen. Der Weg wird zunehmend zu einer auf das Ziel, den Termin reduzierten Zeit; wird Datum, Koordinate, sinnentleertes Symbol, Funktion. Earpod verlorenes Joggen mit Smart-Tracking.
Der Verlust der Eigengeschwindigkeit, so sagte es Virilio (Dromologe, Theoretiker der Geschwindigkeit) irgendwo einmal, begann, als der Mensch sich auf das Pferd setzte. Er verlor den Rhythmus der schreitenden Füße, den direkten Kontakt des Körpers zum Weg. Er verlor sich selbst. Das zielgerichtete Vorankommen wird vom tragenden Galopp bestimmt. Auf das Pferd folgte das Auto, Bahnen, Flugzeuge, Raketen, Joggingschuhe… Die Träger der Bewegung werden zum Fokus, der Weg, die Welt verschwand. Hinter Scheiben, Stahl, Terminkalendern, Routenplanern, Fitness-Apps, unter Asphalt…, oder gänzlich. Nur das Ziel zählt, das es auf den Punkt zu erreichen gilt. Die vermeintlich exakten Apparate verwischen die Welt. Es entstehen Myriaden aneinander vorbeirasender, isolierter Inseln jenseits der Präsenz. Ohne Verbindung zur Welt, zum Leben und sich selber. Kein Verharren mehr, kein kontemplatives Da-Sein. Seinsverlust. Taumel im Anders-Sein, das uns freudig ekstatisch mitreißt, wie in einer Achterbahn. Oder dem Walkautomaten im Fitness-Studio. Die Illusion von Freiheit. Rennen, rennen, rennen. Wettrennen gegen den Verlust der Zeit, des verorteten Selbst. Sie sind längst auf der Strecke geblieben.
Die einst schweifende Bewegung wird in Apparaten, wie dem Automobil eingeschlossen, auf dessen festgefahrenen Bahnen jegliche Autonomie verloren geht. Die Reisenden liefern sich der Technik aus. Die Freiheit erstarrt nicht selten im Stau, wegen unpünktlicher Züge, ausfallender Flieger… An Sitze, Sattel gefesselt, eingepfercht, der Maschine, der Turbine oder der Schiene ausgeliefert, lassen wir uns durch die Welt schießen. Wo ist da das Reisen oder Flanieren? Wehe dem, der wandeln möchte.
Schon das Pferd, die Kutschen, die Goethe und Nietzsche nach Italien trugen, nährten die Sehnsucht nach weit entfernten Orten. Ja, Reisen öffnet den Blick, bildet. Ich frage mich, was hat die heutige Bewegung mit dem „normalen“ Leben oder Überleben, Schauen und Sehen zu tun? Reisende der postmodernen Reiseindustrie sind kaum mehr freie Nomaden, auf der Suche nach neuen Weidegründen oder Wissen. Nein, es geht darum, einmal da gewesen zu sein. Ein Selfie, ein Schnitzel, ein Workout am symbolischen Ort, der Blick technisch ausgerichtet auf den „Post“. Wie sollen derartig gefesselte Reisenden im Engadin an einem banalen Stein die „Wiederkehr des Gleichen“ (3) oder das Licht des Südens (4) erblicken? Die Heutigen sind schon lange in der Maschine der Reiseindustrie verloren. Ihre leere Schnappschuss- und Marken-Kultur, ihr Essen im Gepäck. Sie sind woanders und dennoch am gleichen Ort. …Ewige Wiederkehr. Als Touristen begegnet ihnen nur das, was sie mit sich trugen. Grotesk wird es mit den Kreuzfahrtschiffen. Massen-Sarkopharge, die mit ihren Zombies Städte und Strände invadieren; menschengeladene Mega-Bomben. Alles, was dort, wo sie landen „ursprünglich“ war, ist längst zur Folklore verkommen. Jegliche lokale Kultur wurde vernichtet, auf die immer gleichen Souvenirtasse reduziert. Die Einheimischen sind längst vertrieben, zu Bediensteten umgeformt. Ich denke an die Terrouristen in der Elbphilharmonie, die einer Musik lauschen, die sie nicht kennen, sie nicht interessiert. Aber sie waren mal da. Das Selfie beweist es.
Reisen bildet, sagt man. Ja, es kann motivieren, den Horizont zu erweitern, eine Sprache zu lernen. Neue Einsichten vermitteln. Dennoch frage ich mich, ob es sich lohnt, in Zukunft dem Treck der Massen zu folgen. Als Teil dieser Reisemaschine. Wohin soll ich flüchten? In mich? In meine Höhle? Mein Zuhause? Mein Geist tastet wie ein vorsichtiger Fuß und sucht den nächsten Schritt. Mit Bedacht.

(1) Nietzsche, F. (1878) Menschliches, allzu Menschliches, 2 Band, 2. Abteilung 202

(2) vgl. Tich Nhath Hanh (2016) Einfach gehen, O.W. Barth, München.

(3) Nietzsche kam dieser Satz an einem Stein in Sils Maria auf.

(4) Viele Maler, auch Goethe entdeckten es auf ihren mühseligen Reisen, versuchten es in Bildern festzuhalten oder dachten darüber nach.

Angstokraten

Ostern, und ja, mein letztes Semester stehen vor der Tür. Der März als April macht, was er will. Mal Sonnenschein und Wärme, mal trübe Wolken und Nieselregen. Ebenso sieht es in meinem Kopf aus. Vorfreude auf den Sommer, nette Diskurse mit den Studierenden; spazieren mit dem Blick auf knospende Blüten und Bäume, in der Sonne tanzen… Doch wie kalter, peitschender Regen schießen wirre Nachrichten durch die toten, digitalen Nachrichtenkanäle der Uni. Studierende sollen keine Chipkarten mehr bekommen. Somit können sie die Labore und Arbeitsräume nur mit „Gastkarten“ selbständig betreten. Ich fürchte dafür müssen viele Formular ausgefüllt und Unterschriften eingefordert wurden. Der Kopf schweift nicht mehr, die Gedanken erstarren. Sie werden weit hinter den kommenden Sommer katapultiert. Weg vom Moment der Vorfreude, weg aus dem Präsens, dem Jetzt. Hinein in den eiskalten Winter der Verwaltung.
Wieder einmal hat die bürokratisch verseuchte Hochschulleitung bewiesen, dass sie keine Ahnung vom Studium hat. Diesen wichtigen Begriff und entsprechendes Handel nicht versteht oder gar verstehen will. Es bestätig sich das Gefühl, dass sie nur aus ihrer mechanischen Perspektive voller Bedenkenträgerei auf die Welt blicken, ohne jegliche Praxis in der Lehre gehabt zu haben; ohne Feuer und Begeisterung fürs Lernen und Lehren. Sie starren blind auf ihr System aus Paragraphen und Ängsten. Gefesselt durch Stapel von Papieren, Tabellen, Geboten, Anweisungen und monetarischen „Zwängen“. Eine Ansammlung symbolischer Ansprüche, Anrufungen, die aus diesem selbstreferentiellen System erwachsen sind; groß „A“ würde Lacan sie benennen. Weg von der Realität meinen diese Personen, getrieben von ihrer angstbesessenen Seele, die „ideale“ Lösung gefunden zu haben, die ihnen ihr verzerrtes Selbstbild („Ideal-Ich“) als Herz der Hochschule vorgaukelt. Was eine kalte, tote Fratze.
Der Unterschied ist – ein Körper, der leben soll, benötigt ein bewegliches und schlagendes Herz, bewegt durch den Atem. Studium braucht Herzblut. Wille zum Wissen und Wille zum Lernen. Freiraum, um wachsen zu können. Offenheit, offene Türen. Die versteinerten Herzen, festgenagelt in ihrem falschen Selbstbild meinen irgend einen Wert zu verkörpern, wichtig zu sein. Doch permanent rühren sie den Beton, der in jede Lücke quillt, alle Türen, ja jede Spalte verschließt. Freie Bewegung wird verunmöglicht. Geblendet von der Illusion ihrer Notwendigkeit verfestigt sich ihr Zement einer illusionären Freiheit zwischen den Sätzen und Verordnungen, deren Gift sie in die Welt kotzen.
Klar, jedes angstbesetzte Wesen sehnt sich nach Halt. Einem Leit- oder Selbstbild, einen leeren Begriff an das es sich klammern kann. Es versucht sein Dasein, sein So-Sein und Handeln zu legitimieren. Diese Schreibtischtäter agieren aus verdrängter Angst. Ich vermute, sie fürchten, zu bemerken überflüssig zu sein. Entsprechend entscheiden sie weiter auf Kosten derjenigen, für die sie da sein sollten. Ist es an einer Hochschule nicht ihre Aufgabe, zum Beispiel freies Lernen zu ermöglichen? Offene (Denk-)Räume zu schaffen?
Wie schon Kafka es im „Prozess“ so schönbitter beschrieb – machen sie sich un(an)greifbar. Unfassbar aber grausam spürbar sind sie nur für sich da. Sie klagen ihre „Untertanen“ an, ohne, dass je klar wird, weswegen Anklage erhoben wurde. Warum wird den Studierenden durch diese Anklage der freie Zugang zu Räumen, die für die Studies, die Lehre da sind, unterbunden. Ich denke, die Antwort klingt wie folgt: „Wir vertrauen Euch nicht, Ihr dürft Euch nicht frei bewegen, weil wir Angst haben“. Anders gesprochen – sie handeln gegen ihren eigentlichen Auftrag, ohne es zu bemerken. Sie kämen nie auf die Idee, die Frage zu stellen, warum ihre Entscheidungen dazu führen, das Studium nicht mehr Studium sein darf. Warum die Freiheit Jahr für Jahr, Semester für Semester zunehmend aus der Lehre hinausgedrängt wird. Sie müssen den Inhalt „Studium“ verdrängen, ignorieren, gar bekämpfen. Bis nur noch Verwaltung, Verwaltete, genormte Lehrende und Studierende übrig bleiben. Dann fühlen sie sich sicher.
Vielen dieser Entscheider würde ich raten ihren Job zu kündigen und eine Therapie zu beginnen. Sie würden damit all die mitdenkenden, kreativen Kolleginnen und Kollegen sowie die Studierenden befreien. Die tollen Menschen in der studiumsnahen Verwaltung, die sich kollegial mit den Lehrenden für das Studium einsetzen. Die Lehrenden, die für die Studierenden da sind. Ach was, eine Therapie nutzt nichts mehr. Das ganze Netz aus Verwaltungs-Psychopathen muss auf den Prüfstand. Stellt Euch der Halluzination, in der Ihr meint der Nabel der Lehre zu sein! Erkennt, dass durch Papierberge, inhaltsleere Workshops und Beratungsschwachsinn keine Lehre praktiziert wird. Ihr habt keine Ahnung. Doch dazu seid Ihr zu feige. Ihr seid die Hasen, das Studium ist die Schlange, auf die ihr starrt. Eure Köpfe sind eckig. Euer Denken ist eingepfercht, unbeweglich, erstarrt.
Ich freue mich dennoch auf den Sommer, und speziell den Moment, wo ich viele von diesen angstbesessenen Wichtigtuern hinter mir lassen kann. Zum Glück erinnern sich immer wieder Menschen an Picabias tollen Ausspruch, dass der Kopf rund ist, damit das Denken seine Richtung ändern kann – und handeln danach. Betreten frei neue Räume…studieren.

Heckenfreiheit im Kopf

Heute Morgen erwärmt die karg glimmende Vorfrühlingssonne die frostige Luft. Mein Körper schwingt in sanften Bewegungen zu entspannten Rhythmen. Zwei dunkle Knöpfe über einer roten Brust äugen, aus der kargen Hecke heraus; verharrend und voller Neugierde in meine Richtung die Lage abscheckend. Das Rotkehlchen begrüßt mich, denke ich. Welch ein Wonnemoment. Was es denkt, empfindet, ist nicht zu erschließen. Dann setzt es seinen Weg in der Mitte der Hecke fort. Auf der Suche nach Futter? Einer Partner*In?
Der Kaffee dampft, die Gedanken fließen wie zaghafte Schleierwolken durch den eingeschränkten Horizont meines Bewusstseins. Wollte ich nicht über Freiheit schreiben? Ein sinnierendes „wozu“ füllt den schweifenden Geist. Es gibt so viele Freiheiten wie Moralen, so viele Grade von Zwängen und offene Horizonte. Die Natur, andere Wesen, die Macht des Körpers… Am engsten sind die, welche wir uns selber schaffen. Besser ausgedrückt, schaffen können? Schaffen wollen? Ja, da sind die Anderen, da ist die Welt. Wie das Rotkehlchen dieses oder jenes Körnchen pickt, diesen oder jenen Grashalm zum Nestbau sammelt, auf diesen oder jenen Ast springt, ist es mein Privileg mal so, mal anders zu handeln. Möglichkeiten und Limitationen zu suchen und zu finden, wahrzunehmen. Wie ein Vogel vermag ich es im Schutz der Hecke zu hüpfen – oder mich in die unendliche Weite der Lüfte aufzuschwingen. Freiheit ist Wahl aus den gegebenen, erkannten Möglichkeiten. Ein Plural, den ich in jeder Sekunde neu (er)finden muss. Nicht selten ist ein Abenteuer zu wagen, um den Horizont zu erweitern. Letztendlich finde ich meine Freiheit(en) nur in mir.
Das Rotkehlchen hat mir Zufriedenheit gegeben. Gleichmut bedeutet absolute Freiheit. Im Glück (Sukha) des Moments bedarf es keiner weiteren Gedanken. Keiner Philosophie über die Freiheit.

Caspar David

Wie wassergefüllte Säcke hängen dunklen Wolken über einer still vernebelten Landschaft. Zaghaftes Licht sickert matt leuchtend durch ihre wulstige Ränder. Sanfte Illumination bannen den Geist mit einer verwunschenen, gelassenen Atmosphäre. Die perfekte Komposition strahlt eine wundersame, bleiern-erhabene Schwere aus. Ich versuche in diese Welt, dieses Bild hineinzugleiten. Doch es gelingt nicht. Um mich herum tobt hektischer, dumpfer Lärm. Drängelnde Menschen versperren das Blickfeld. Die Unruhe einer vollgestopften Einkaufsstraße, die jede Besinnlichkeit im Keim erstickt. Kunst ist zum Event verkommen. In Zeitslots schieben sich die Besuchermassen durch die zu engen Räume. Kein gelassener, versunkener Blick ist angesichts der konsumierenden Horden mir ihren stoßenden Ellenbogen möglich. Dazwischen Pulks von Ahnungslosen mit Kopfhörern, berieselt von einem Guide der ins Mikrofon plärrend den Bildungsbürgern Geschichten rund um die einmaligen Bilder erzählt. Trotz der Erklärungen auf ihren In-Ear-Empfängern plappern sie untereinander. Bar jeglicher Fähigkeit zur Konzentration. Jede Besinnlichkeit wird im Keime erstickt.
Es ist wie mit dem Kirchgang am Heiligen Abend, an dem all die, die nie eine Kirche besuchen, sich um die letzten Plätze rangeln. Ein Sommerschlussverkaufs-Gedrängel nach kulturellen Häppchen, von den dann stolz erzählt werden kann: „Ich war dabei!“. Sicher, es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Menschen sich bilden, mit Kunst auseinandersetzen, aktiv werden, sich aktivieren. Doch diese Massenevents, die über allen medialen Kanäle beworben werden, haben nichts mit Kultur, kulturellem Handeln, handelndem Tun gemein. Einem Tun, das Beuys in seinem berühmten Satz: „Jeder ist ein Künstler“ (eine Abwandlung des Satzes „Jeder Mensch kann ein Künstler sein“, des romantischen Dichters Novalis) gefordert hatte. Strömende Horden in Museumsevents sind nichts anderes als leere Events. Sie haben nichts mit einer „sozialen Plastik“ (Beuys) zu tun, höchstens mit der Plastikhaftigkeit unserer vermedialisierten Welt. Im rasenden Stillstand des Konsums erstarrt die Plastizität, das Denken, das Begreifen, das Erspüren erstirbt. Nichts Schöpferisches ist auf diesem Event zu spüren. Selbst der geschaffene Ausdruck auf den herrlichen Gemälden eines Caspar David Friedrich verliert seine Strahlkraft. Jede Aura geht verloren. Jede Besinnlichkeit, jeder Traum verliert sich angesichts der Kommerzialisierung durch die Massenkultur, die Kultur ist und zugleich nicht. Denn hier gedeiht nichts mehr außer leerem Geplapper, das in einem „ich war da“ oder „ich war dabei“ verreckt, das nach der pauschalen Städtereise mit Museumsbesuch am Kaffetisch von sich gegeben wird.
Besucht doch lieber einen dieser quietschbunten Events wie diese Musicals oder High Tech 3-D Visualisierungen von Künstlern, die gerade in sind; die genauso zappeln, wie ihr es tut. Rennt den Anweisungen Eurer Screens hinterher. Ich betrete die Kunsthalle erst wieder, wenn ihr weg seid. Dann kann ich in erneut in aller Ruhe in den Tiefen der romantischen Malerei versinken.