Trinken, trinken, trinken. Der Körper stößt jeden Milliliter Wasser bei 36 Grad und körperlicher Arbeit sofort aus. Die Frische des frühen Morgen ist gewichen. Jetzt, nach vier Stunden, brennt die Sonne. Die nächste Traube glitzert dunkelrot durch das Grün, verwickelt im Stock. Ihr kleiner Ansatz verborgen im Gewirr der Blätter und Reben. Klack, sie fällt in die freie Hand, wird sanft zu den schon geernteten in die Kiste geworfen. Daneben die Nächste. Ein paar Meter weiter – klack, klack, klack. Eine Reihe nach der Anderen lassen wir hinter uns. Wir, die Hilfsarbeiter und Freunde des Besitzers. Hier und dort ein Gespräch, gut gelaunte Tätigkeit. Trotz der Anstrengung. Zwischendrin, im Schatten, Pause nehmen. Trinken, trinken, trinken.
Die un- oder falsch trainierten Muskeln im Rücken rumoren. Sie Halten durch, versehen ihren Dienst. Ich fühle mich geerdet. Spüre Demut, den Respekt vor den Menschen, die Tag aus und Tag ein die Flur bestellen, säen, Brunnen bohren, Bewässerungen legen, pflegen, ernten…. Ein rauer Alltag, so widerborstig wie das hakige Gras, dass sich im schwarzen Stoff meiner Schuhe festbeißt. Hier ist nichts glatt wie die spiegelnde, knisternde Plastikverpackung im Supermarkt. Keine Ware. Ein Produkt, das Mühe und Arbeit in sich trägt.
Eine große Anstrengung, die wie jeder Kraftakt dem man sich stellt, mit einer tiefen Freude und Erfahrung belohnt. Dabei tritt das Tun, das fließt, bis es erledigt ist, in den Hintergrund. Es geht um das Miteinander, die Beziehungen zwischen den Menschen zur Natur, zu sich selbst.
Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, als wir am Nachmittag völlig erschöpft „chillen“.
Schlagwort: Tun
Angler
Ruhig stehen sie da, blicken fernverloren an der Schnur entlang, die im leicht welligen Meer verschwindet. Ruhig, gelassen, wartend. Eine Übung in Geduld. Seit gestern haben zwei Angler in der frühen Dämmerung den Kraftplatz besetzt. Ihr Werkzeug, eine einfache Fadenrolle mit Schnur und Haken. In ihrer Nachbarschaft fällt mir sofort ein neuer Ort ins Auge; wir stören uns nicht, beobachten uns höchstens in stiller Neugierde.
Angeln scheint mir auch eine Form der Meditation zu sein. In sich ruhend, beobachtend, konzentriert-verträumt, ausdauernd. Vielleicht kurz durch den Moment unterbrochen, wenn die Schnur zittert, ein Fisch anbeißt; ein Moment, den ich nicht erlebt habe. Ich glaube nicht, dass es ums Fischen geht. Es geht ums Tun. Ums da sein. Darum am Meer zu sein, im leichten Wind stehen, den Sonnenaufgang spüren. Angler und der ursprünglich die Scholle bearbeitende Landwirt sind geerdet. Im Kontakt mit dem Boden, von dem ich in der Stadt in vielen Schichten getrennt bin. Schuhwerk mit Sohlen, Gehwegplatten, Asphalt, Sandbett und Fundament, Rohre und was noch alles mich von der Erde, von „Welt“ trennt.
Vielleicht treffe ich sie morgen wieder. Dann erden wir uns erneut gemeinsam, gehen barfuß den feuchten Sand spürend, nicht-handelnd in der Welt auf. Kommen zu uns, verbinden uns mit allem. Werden zu Sandkörnern, die sich wie Felsen fühlen.
Vertikal
Commons, Allmende, was für warme Begriffe. Gemeinsam schützen, bewahren, leben. Gemeinsam kümmern, ernten und genießen. Jahrhundertealte Praxen ohne Zentralismus und Hierarchien. Praktizierter Anarchismus. Praktizierte Freiheit von Herrschaft, leben mit der Natur und anderen Menschen. Sicherlich, auch hier geht es nicht ohne Probleme, ohne Leiden, ohne Konflikte. Wertvoll ist jedoch das Wissen darum wie Konflikte gelöst, entschärft werden können; zum Nutzen aller. Klar, ab und an muss jemand, der garnicht passt, den Ort verlassen, sich eine andere Gemeinschaft suchen. Die Gruppe wechseln, wie in jeder Beziehung. Vielleicht Nomade werden, dem eigenen Pfad folgen.
Leider ist das Wissen durch die Ideologie der Mechanik, des Marktes, der Hierarchien oft vernichtet, verdrängt, ausgetilgt worden. In den Momenten, in denen Gemeineigentum Privatbesitz wurde. Ebenso wie die gecopyrighteten Thesen von Pseudowissenschaftlern (Offizielle Wissenschaft ist heute zumeist ein armseliger Wurmfortsatz der Ideologien, kein kollektiver Denk- und Probierfreiraum). Es war ein Genuß den Artikel über Elianor Ostrom zu lesen. Angesichts der Brutalität unserer vertikalen Gesellschaften ohne wirkliche Gemeinschaft (ich denke da an Adlers Gemeinschaftsbegriff) legt sich ein grauer Schleier der Funktionalität über die warmen Gedanken, die das Herz froh stimmen.
Einfach sitzen
Eine kurze Lektüre zur Einstimmung auf das Sitzen. Nachdenken entlang eingängiger, ruhiger Worte des verstorbenen Meisters. Wie in sanfter Rede gesprochen hallen sie in mir wieder. Ganz von selbst scheinen sie den Geist zu erreichen, wenn man es tut. Sitzen ohne ideologischen Ballast, ohne Wollen, ohne Ziel. Tun, einfach tun. Nichts tun. Diese Worte erinnern mich an meine ersten Worte hier, entstanden an den Gestaden der sonnigen Insel. Ein Ort, an dem ein Stein am Meer auf mich wartet um auf ihm zu sitzen. Wu Wei.
Doch lauschen wir dem Meister: „Viele versuchen, immer mehr und mehr zu tun. Wir glauben, wir müssten das tun, weil wir Geld verdienen, etwas erreichen wollen, weil wir uns um andere kümmern oder unser Leben und unsere Welt verbessern wollen. Oft tun wir etwas, ohne groß darüber nachzudenken, weil wir es so gewohnt sind, weil uns andere darum gebeten haben oder weil wir glauben, dass wir es sollten. Doch wenn wir in unseren Wesen nicht gefestigt sind , dann werden die Probleme in unserer Gesellschaft immer weiter zunehmen, je mehr wir tun.“ (S. 24, Hanh, T. N. (2016) Einfach sitzen O.W. Barth)
Wie wahr gesprochen. Ich muss mich anstrengen, um diese Weisheit, diese Haltung in die letzten Arbeitsjahre hineinzunehmen. Nein, es soll die verbliebenen Jahre meines Lebens durchdringen; diese klare und simple Aufforderung. Eine Sicht, eine Praxis, die seit über 2000 Jahren kultiviert und vor allem „getan“ wird.
Jetzt!
Mal sanfter und mal lauter klick-klackern die Regentropfen im eigensten Rhythmus kühl an die Scheiben. Wie sinnlos eine Struktur erkennen zu wollen. Sie spielen ihre eigene Musik. Wie im Tanz muss man mitgehen. Regentropfen werden. Auch in der Sonne muss man Sonne sein. Dem Wind sollten wir uns beugen. Flexibel und biegsam im Moment. Wunderbare Welt.
Welch ein Luxus, es leben zu können.
In diesem Moment der Ruhe muss ich an Thích Nhất Hạnh denken, der am 22 Januar mit 95 verstorben ist. Später lese ich nach – in seinem schönen Büchlein „Im Hier und Jetzt zu Hause sein“:
„Wer einmal erlebt hat, wie wohltuend, erfrischend und heilsam es ist, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein, im Hier und Jetzt wirklich anzukommen, in dem wird eine tiefe Sehnsucht erwachsen, solche Augenblicke öfter und länger zu erleben. Ganz bei sich und gleichzeitig mit allem verbunden, fühlt man sich zuhause, nichts fehlt, alles ist da.“ (7)
„Wir glauben, wenn wir nichts tun, dann vergeuden wir unsere Zeit. Das ist nicht wahr. Unsere Zeit ist zunächst für uns da, ist da für uns, damit wir sein können – was zu sein? Lebendig zu sein. Frieden zu sein, Freude zu sein, zu lieben. Das ist, was die Welt am dringendsten braucht. Wir üben uns darin zu sein. Und wenn wir die Kunst beherrschen, friedlich zu sein, stabil zu sein, dann haben wir die Grundlage für jedes Handeln geschaffen, denn die Grundlage jedes Tuns ist, zu sein. Und die Qualität des Seins bestimmt die Qualität des Tuns. Das Tun muss auf dem Nichtstun basieren.“ (17) Wu Wei…
Schön ist, dass der nächste Regen, der nächste Sonnenschein, der nächste Wind mit Sicherheit kommt. Ob ich da bin oder nicht.
Thích_Nhất_Hạnh (2016) Im Hier und Jetzt zu Hause sein, Theseus