Reisen

„Vergnügungs-Reisende. – Sie steigen wie Tiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, daß es unterwegs schöne Aussichten gebe.“ (1)

Will ich weiterhin reisen? In der heißen Bahn, eingequetscht auf die Weiterfahrt warten? Immer nervöser werdend, ob ich den Anschluss erreiche, am Ziel eintreffe? Mich nach elf Stunden zwischen schwitzenden Körpern, abgekämpft, im immer gleichen Hotel mit seinen stereotypen Bildern erhole? Durch drängelnde Massen in Betonbahnhöfen hetze, Wege und Gleise suche? Im unwirtlichen Gewusel neben billigen Fast Food Ständen auf die Zuganzeige starren, die mir erzählt, dass die Bahn ausfällt? Im Flieger wegen meiner CO2-Bilanz ein schlechtes Gewissen bekomme? Der Grusel lässt sich steigern: In der stinkenden Metallzelle namens Auto im Stau braten?… Warum mache ich das? Wohin? Wozu? Dennoch, irgend etwas bewegt mich, ich bewege mich. Aufatmend, den Reiseschweiß von der Stirn gewischt, in der Ruhe angekommen, sinniere ich über den Reisedrang, den Reisestress.
Es gibt viele Arten des Reisens. Damit meine ich nicht Wanderungen, die natürliche Form der Bewegung von Nomaden und Tieren. Ich meine das Katapultieren an einen anderen Ort. Weg von der Heimat. Zumeist um Neues zu erleben. Manchmal, weil irgendetwas erledigt werden muss oder soll. Dann aus ökonomischem Zwang, wie bei der Dienstreise. Doch was bedeutet Reisen als eine spezielle Form der Bewegung?
Beginnen wir mit dem Gehen: Flanieren, Spaziergang, Wanderung, kleine Reisen zu Fuß. Eingebettet in die eigenste Geschwindigkeit. Geruhsam setzen wir einen Fuß vor den Anderen. Der Blick schweift gelassen über die Welt. Nicht selten gleitet er weltvergessen nach innen, verliert sich in „Gedanken“. Gerne wird beim Dahinschreiten ein entspanntes Gespräch geführt. Der Fokus huscht umher, mal hier, mal dort hin. Immer wieder erfreuen angenehme Geräusche oder Gerüche die Sinne. Das Rauschen eines Baches, der Geruch der Zirbe. Ab und an ein Zögern, ein verharren, ein Da-Sein. Welt wird im Rhythmus des Körpers „erfahren“. Der Körper ist Welt, Leben. Schritt auf Schritt folgend, geleitet vom Atem. Beides wird in der Eigenbewegung selten bemerkt oder gar betrachtet. Es sei denn, dass die schweigsam-aufmerksame Ruhe der Gehmeditation (2) mich in einen wahrnehmend-vergessenen Augenblick innigster Konzentration geleitet.
Beschleunigung: Das schnelle, zielgerichtete Reisen oder Rennen zu einem Punkt. Der Beginn des sich selbst Verlierens. Im getrieben Werden wandelt sich der durchschrittene Raum. Verwischt im Verlorengehen. Der Weg wird zunehmend zu einer auf das Ziel, den Termin reduzierten Zeit; wird Datum, Koordinate, sinnentleertes Symbol, Funktion. Earpod verlorenes Joggen mit Smart-Tracking.
Der Verlust der Eigengeschwindigkeit, so sagte es Virilio (Dromologe, Theoretiker der Geschwindigkeit) irgendwo einmal, begann, als der Mensch sich auf das Pferd setzte. Er verlor den Rhythmus der schreitenden Füße, den direkten Kontakt des Körpers zum Weg. Er verlor sich selbst. Das zielgerichtete Vorankommen wird vom tragenden Galopp bestimmt. Auf das Pferd folgte das Auto, Bahnen, Flugzeuge, Raketen, Joggingschuhe… Die Träger der Bewegung werden zum Fokus, der Weg, die Welt verschwand. Hinter Scheiben, Stahl, Terminkalendern, Routenplanern, Fitness-Apps, unter Asphalt…, oder gänzlich. Nur das Ziel zählt, das es auf den Punkt zu erreichen gilt. Die vermeintlich exakten Apparate verwischen die Welt. Es entstehen Myriaden aneinander vorbeirasender, isolierter Inseln jenseits der Präsenz. Ohne Verbindung zur Welt, zum Leben und sich selber. Kein Verharren mehr, kein kontemplatives Da-Sein. Seinsverlust. Taumel im Anders-Sein, das uns freudig ekstatisch mitreißt, wie in einer Achterbahn. Oder dem Walkautomaten im Fitness-Studio. Die Illusion von Freiheit. Rennen, rennen, rennen. Wettrennen gegen den Verlust der Zeit, des verorteten Selbst. Sie sind längst auf der Strecke geblieben.
Die einst schweifende Bewegung wird in Apparaten, wie dem Automobil eingeschlossen, auf dessen festgefahrenen Bahnen jegliche Autonomie verloren geht. Die Reisenden liefern sich der Technik aus. Die Freiheit erstarrt nicht selten im Stau, wegen unpünktlicher Züge, ausfallender Flieger… An Sitze, Sattel gefesselt, eingepfercht, der Maschine, der Turbine oder der Schiene ausgeliefert, lassen wir uns durch die Welt schießen. Wo ist da das Reisen oder Flanieren? Wehe dem, der wandeln möchte.
Schon das Pferd, die Kutschen, die Goethe und Nietzsche nach Italien trugen, nährten die Sehnsucht nach weit entfernten Orten. Ja, Reisen öffnet den Blick, bildet. Ich frage mich, was hat die heutige Bewegung mit dem „normalen“ Leben oder Überleben, Schauen und Sehen zu tun? Reisende der postmodernen Reiseindustrie sind kaum mehr freie Nomaden, auf der Suche nach neuen Weidegründen oder Wissen. Nein, es geht darum, einmal da gewesen zu sein. Ein Selfie, ein Schnitzel, ein Workout am symbolischen Ort, der Blick technisch ausgerichtet auf den „Post“. Wie sollen derartig gefesselte Reisenden im Engadin an einem banalen Stein die „Wiederkehr des Gleichen“ (3) oder das Licht des Südens (4) erblicken? Die Heutigen sind schon lange in der Maschine der Reiseindustrie verloren. Ihre leere Schnappschuss- und Marken-Kultur, ihr Essen im Gepäck. Sie sind woanders und dennoch am gleichen Ort. …Ewige Wiederkehr. Als Touristen begegnet ihnen nur das, was sie mit sich trugen. Grotesk wird es mit den Kreuzfahrtschiffen. Massen-Sarkopharge, die mit ihren Zombies Städte und Strände invadieren; menschengeladene Mega-Bomben. Alles, was dort, wo sie landen „ursprünglich“ war, ist längst zur Folklore verkommen. Jegliche lokale Kultur wurde vernichtet, auf die immer gleichen Souvenirtasse reduziert. Die Einheimischen sind längst vertrieben, zu Bediensteten umgeformt. Ich denke an die Terrouristen in der Elbphilharmonie, die einer Musik lauschen, die sie nicht kennen, sie nicht interessiert. Aber sie waren mal da. Das Selfie beweist es.
Reisen bildet, sagt man. Ja, es kann motivieren, den Horizont zu erweitern, eine Sprache zu lernen. Neue Einsichten vermitteln. Dennoch frage ich mich, ob es sich lohnt, in Zukunft dem Treck der Massen zu folgen. Als Teil dieser Reisemaschine. Wohin soll ich flüchten? In mich? In meine Höhle? Mein Zuhause? Mein Geist tastet wie ein vorsichtiger Fuß und sucht den nächsten Schritt. Mit Bedacht.

(1) Nietzsche, F. (1878) Menschliches, allzu Menschliches, 2 Band, 2. Abteilung 202

(2) vgl. Tich Nhath Hanh (2016) Einfach gehen, O.W. Barth, München.

(3) Nietzsche kam dieser Satz an einem Stein in Sils Maria auf.

(4) Viele Maler, auch Goethe entdeckten es auf ihren mühseligen Reisen, versuchten es in Bildern festzuhalten oder dachten darüber nach.