Langes Schweigen der Welt. Leises Schweigen des sanft säuselnden Windes, das verhaltene Gurgeln der Wellen. Ruhe. Langsam verstummt nach und nach das Geplapper im Kopf. Mal mehr mal weniger. Welch eine Wonne sind die Momente, in denen ein „nur-da“ vorherrscht. Sitzen bleiben, atmen. Ich brauche all dieses, aus der Tiefe des Bewusstseins hervorstoßendes, Gerede nicht. Es quillt aus unergründlichen Tiefen, wie selbst träges Wasser jede Lücke im Felsen nutzt um seinen Weg an die Oberfläche zu finden. Diese unendlich erscheinende Kette aneinander gereihter Satzfragment und Worte ist ein ewiger Quell der Ablenkung und Zerstreuung. All die Bilder, die den Geist im Innersten bewegen, all diese Nichtigkeiten, die für wichtig gehalten werden. Schweigt.
Dann, zurück in der Welt. All die Menschen. All das Geplapper von Außen. Es dringt nicht von innen herauf. Es dröhnt aus der laut tönenden Zivilisation herein. Ja, die Rede, das Gerede mag zu seiner Zeit einen Sinn haben. Sie machen in manchen Fällen auf momentan Gewichtiges aufmerksam. Doch wie schnell verschwindet jegliches Ereignis wieder im Vergessen. Sinnloses Gerede greift die Ruhe, die ich suche, unermüdlich an. Der unendliche Strom, der jeden Damm zu zernagen droht, jedes Ufer gierig zu verschlingen trachtet. Dies Geplapper, diese Banalitäten; leere Worte der Worte wegen. Oft aus Angst vor dem Schweigen. Ja, ich rede gerne. Unterhalte mich, um Gemeinschaft zu „unterhalten“. Es ist unzweifelhaft, dass Kommunikation Zusammenhalt stiftet. Doch muss sie immer so laut, so flach, so leer sein? Vermag sie nicht leicht tönend und konzentriert zu schweigen wie das sanft wellende Meer? Ein erfrischender Quell?
Tiefer Austausch ist kein Geplapper. Teilen ist kein Geplapper. Teilen ist der Sinn von Mit-Teilungen. Hier werden Bande gefestigt. Wie sanfte Netze, die sich um uns legen, generieren sie Verständnis, Nähe, Liebe. Oft ohne Worte. Schweigend dasitzen und sich verstehen. Im beieinander und füreinander da sein. Gerede generiert eine Illusion von Gemeinsamkeit.Oh, und da ist das tiefe Gespräch. Über Bedrohungen, Ängste, das Schöne, Glück und Träume. Es bewegt, erfrischt den Geist; seine abgründige Tiefe hält ihn am Leben. Am besten bedächtig, durchdacht und so klar formuliert wie ein spiegelnd-transparenter See. Viel zu selten habe ich das Gefühl, dass ein gutes Gespräch meinen Kopf mit sonniger Wärme füllt. Zu oft bedroht das Gerede die Ruhe. Wie brodelnde Lava, die zischend das Meer verdampft. Gute Geschichten hingegen fließen stetig und wiederkehrend. Sie verorten und stiften Identität. Momente, die zu Ewigkeiten werden.
Meistens greift mich, speziell in öffentlichen Räume Gerede um des Redens willen an. Wie eine Horde giftiger Affen. Ich muss leider zugestehen, dass diese hüpfenden, lauten, an der Seele zerrenden Tierchen einen Sinn zu haben scheinen. Nach dem Genuss von Alkohol zum Beispiel, auf der Party, bei Feiern und geselligem Beisammensein. Hier ist das Tiefe Gespräch nicht möglich. Hier geht es um den oberflächlichen Austausch von Alltäglichkeiten, das Loswerden von Bedrängendem. Im Sinne des „comic relief“, der Katharsis, der ekstatischen Reinigung des Geistes? Aber alles zu seiner Zeit. Geplapper, Spektakel und Event gehören zusammen, haben, wenn auch selten, das Potenzial zu Geschichten zu werden.
Es ist an mir, vertiefend und bedenkend mit Worten umzugehen. Sie sind die Schätze unseres Denkens. Sie wollen gepflegt werden wie ein Garten. Geplapper ist zu vermeiden. Selbst bei gemeinschaftlichen Zusammenkünften lieber nichts sagen. Die Lauten, die zum Frühstück am lautgestellten quäkenden Telefon über Durchfall reden – ignorieren: Das innere Schweigen trainieren. Zuhören lernen.