Ich bin froh, bei Nietzsche gelesen und auf meine Weise verstanden zu haben, dass es nicht nur einen Gott gibt, den die Menschen mordeten, sondern wir zu vielen Götter werden (sollten). Ja, ich kenne viele, die zu Göttinnen und Göttern wurden. Die alles Hochherrschaftliche und zugleich alle Götzen und deren Ebenbilder, den Menschen, überwunden haben. All diese mutigen, heldenhaften Wesen, die über sich herausgewachsen sind. Sie bewirkten auf der Erde, diesem wunderbaren Planeten Dinge, die ich nie zu bewirken vermögen glaube. Ihr Mut, ihre Leben, ihre Liebe für etwas Größeres, Allumfassendes und zugleich sowenig Greifbares sollen mein Leitbild sein. Als einsame Blumen in einer weiten Wiese überstrahlen sie jede Ödnis des profanen, materiellen Ackers, dessen trockenes Gras dennoch die Kraft des Wachstums in sich birgt.
Zufrieden damit ein grünendes Gänseblümchen, ein Göttchen zu sein, lasse meine Gedanken schweifen. Gesichter und Geschichten ziehen vorbei. „HeldInnen“ fallen mir ein, die voller Liebe für Menschlichkeit und Gemeinschaftlichkeit stritten. Für Frieden und Wärme. Emma Goldman zum Beispiel, die, wie eine Freundin es sagte, mit viel Kraft aus ihren Beziehungen und Zusammenhängen eine Vorkämpferin der Emanzipation der Menschen war. Deren Biografie ich verschlungen und mehrfach verschenkt habe. Oder der buddhistische Mönch Thích Quảng Đức, der sich, geschützt durch seine Brüder, selbst verbrannt, sein Leben für Friede und Freiheit gegeben hat (2). Das Bild seiner Tat kannte ich schon lange, es hängt an meiner Bürotür. Sein Namen wurde mir durch ein wunderbares Buch des unvergleichlichen Thích Nhất Hạnh bekannt. Ayya Khema, deren Vorträge vielen Menschen, mich eingeschlossen, einen Weg aus der Unwissenheit heraus gezeigt haben. All die MusikerInnen, wie Kae Tempest, die jenseits des Mainstreams eine Message haben und diese voll Wärme in die Welt ausstrahlen. Georg Orwell, der selbst mit der Waffe in der Hand gegen die düsteren Visionen seiner Bücher kämpfte. Einen Kampf, den er z.B. in „Mein Katalonien“ beschrieb. Dann ist da so manches Wort, so manche sanfte Umarmung, manche warme Handlung von FreundInnen. Im kleinen, profanen Alltag geäußert. Die Liste von GöttInnen und Göttern ist unendlich. Sie kann gerne mit illustren, ikonischen Namen wie Gandhi, Che, Timothy Leary, Teresa von Ávila und all den Menschen, die im kleinen vieles bewirken, aufgefüllt werden.
Keine dieser Personen war perfekt. Alle mussten einen Weg der Kompromisse gehen. Einige haben für ihre Visionen das Töten von Menschen zumindest in Kauf genommen. Um weiteres Leid zu verhindern, den Überlebenden einen Weg zu zeigen. Jenseits von Moral und Humanismus, jenseits von Gut und Böse.