Ich schaue in den trüben Januarhimmel. Der kurze Satz: „das System ist krank“ schwingt durch meine Synapsen. Ein Satz, oft gehört, oft gesagt. Manchmal als Schlusspunkt, wenn der dümpelnde oder hitzige Wortwechsel ratlos im Argumentationsbrei versinkt. Ja, das Wort System steht für all die Probleme, die uns der glibberige Nachrichtenstrom in seinen bunttrüben Farben vor die Sinne knallt. Lassen wir doch dieses Wort, selbst wenn es durch Begriffe wie „neoliberal“, „kapitalistisch“, „naturzerstörerisch“, „narzisstisch“ – oft zu Recht – geschärft wird. Der Blick auf das „Ganze“ erschließt sich, so vergessen wir oft, im Detail. Dem Detail, das meist der Startpunkt jeder Diskussion ist. Lassen wir den Begriff System beiseite und schauen auf das Wort „krank“.
Eines dieser „Details“ – oder besser gesagt ein Phänomen – rempelt mich in letzter Zeit regelmäßig an. Die zunehmende Wahrnehmung, dass immer mehr Studierende und Menschen in meinem beruflichen und bedauerlicherweise auch im privaten Umfeld mit nicht unerheblichen psychischen Belastungen zu kämpfen haben. Oft in Verbund mit einer zunehmenden Schwierigkeit „professionelle Beratung“ zu bekommen. Die genannte Ursache ist zumeist der „Stress“ in Studium oder Beruf. Studierende, Krankenschwestern, Erzieherinnen, Pflegende, Projektleiter…
Dann sind da auch noch die Befragungen und Hilfsangebote, die das Problem laut von den Wänden oder Tischen schreien. Doch, was nutzen Umfragen und Hilfsangebote, wenn es keine Therapieplätze gibt, um die Betroffenen wieder studier- bzw. arbeitsfähig zu machen? All diese Klitterei ist sinnlos, solange sich die grundlegende Struktur von Verunsicherung und Verlorenheit weiter durch diese Gesellschaft frisst. Was nutzt Pausenyoga, wenn die Pause kaum reicht, den Übungsraum zu erreichen, der Kopf voll von nicht ausgefüllten Formularen ist? Die Angst, es nicht zu hinzubekommen die Seele zerfrisst? Der Druck jeden Schritt zur Qual macht? Die Frage „wie weiter“ im luftleeren Raum des immer mehr sinnlos schaffen und raffen zu müssen verhallt.
Die „Therapie- und Gesprächsangebote“ zeigen auf, dass es erstens schwerwiegende Probleme gibt. Prekariat, Leistungsdruck, Bürokratisierung die verwirrt und an den Nerven nagt, Unsicherheit um die eigene Zukunft und Vereinsamung. Zweitens zeigt sich das Fehlen an wirklichen Angeboten und Möglichkeiten zu sich selber zu kommen. Wo sind die Menschen, die „Stop“ rufen, den Weg zur großen Gesundheit weisen, damit sich die Gepeinigten selbst zu überwinden helfen. Ohne Markt, Wettbewerb, Einpreisung, Bewertung… Ein wenig Atem holen in der gerasterten Pause vertreibt die trübdunklen Wolken nicht. Um zu aufrecht zu stehen benötigen wir Übung und Praxis. Wie das Kleinkind, das nach jedem Taumel und Fall wieder aufsteht und weiter übt. Den nächsten Schritt wagt. Es hat Zeit, kann sich die Zeit nehmen. Kein Plan, keine Prüfung, kein Chef und kein Formular rufen und vernebeln den Kopf.
An sich gibt es nur eine Lösung – Wu Wei – „Nicht handeln“ im Sinne von aussteigen. Das System hinter sich lassen und nach gesunden Beziehungen schauen, in denen jemensch sich aufgehoben fühlt. Eine warme Höhle der Ruhe. Ruhe bedeutet Zeit haben. Was für viele vor dem Dauerburnout oder im depressiven Loch steckende extrem schwierig ist. Das System versucht jeden, der diesen Schritt versucht am langen Arm verhungern zu lassen. Ein bisschen Pausenberatung oder -bewegung muss reichen.
Eine wirkliche Befreiung durchzuführen bedarf hingegen, wie bei jeder Praxis, Geduld, Ausdauer, Konzentration und Willenskraft. Da helfen all diese Befragungen und Angebote, die nur den Marktwert wiederherzustellen sollen, nichts. Die Kraft muss von innen kommen.
Schlagwort: Sinn
Bewegen
Ich gehe. Nur so. Meine Sohlen spüren den warmen Boden – oder kühlere Stellen; kleinen Steinchen, das weiche Gras, den nachgiebigen Sand. Ich bin nur da. Jetzt ist immer. Tausendfach beschrieben. Selten bewusst wahrgenommen. Die meiste Zeit rennen wir, die Umgebung löst sich in rauschende Streifen auf. Wie bei einer Langzeitbelichtung, nichts ist da, alles im Rauschen verschwommen.
Zivilisation. Die Füße sind abgeschirmt. Da ist der Beton, darunter Kabel, Schotter. Irgendwann kommt das, so vermute ich, was mal die Erde war. Versiegelt, zernagt, durchwühlt, verdreckt, befleckt… Auf den kalten, glatten und quadratisch angeordneten Betonplatten die Plastiksohlen. Den Sohlen folgt das Fußbett, die Einlagen, die Socken. Fast eingemauert der Fuß in seinem genormten Industriebett.
Bewegungslos rast das Bewusstsein durch den Raum. Drüber, drunter, hindurch, omnipräsent. Bewegung, die nur so tut,, als ob sie Bewegung ist. Virilio schrieb mal vom rasenden Stillstand. Dem rasenden Stillstand der Technologie. Kalte Oberflächen, rasante Bildwechsel, Töne, Texte. Der Körper spielt keine Rolle, der Geist isoliert im apathischen Taumel. Rausch, Datenrausch, Kaufrausch.
Ich lese den Artikel über den Jakobsweg. Von den Beschwerden der Bewohner einst beschaulicher Dörfer, in denen die Pilger nach vollendeter Tagesstrecke Party machen. Laut und verloren. Sie werden sich nie finden, auch wenn sie meinen einem Weg zu folgen. Erstarrt im Rausch.
Es beschleicht mich das Gefühl, dass das Einfache nur noch einfach, sprich banal geworden ist. Durchschnittlich. Das elende „man“ von Heidegger („man macht das so oder so…“) Eindimensional ist die Sklavenmoral der letzten Menschen (Nietzsche). Wer durchschnittlich durch diese Plastikwelt rauscht, kann nicht da sein. Kommt nie bei sich selbst an. Kreuzfahrten, Shoppingtrip, Karierre, Menschen konsumieren, Befreiungstrip, Yogaworkshop, Pilgerpfad, Geplapper und Geschwätz, gestopftes Wissen. Wo ist das Studium? Das Verweilen in der Bewegung? Das Sein? Nichts scheint mehr es selbst zu sein. Wer erkennt sie noch? Die Einfachheit, das reduzierte sinnliche Sein des da. So einfach und doch so schwer zu ergründen.
Ende und Anfang
Die Wellen rauschen rhythmisch. Mal im Gleichmaß, selten ein dumpfer, knallender Bass, wenn sie in Felslöchern brechen. Dann die sanften Phasen, das gurgelnde Plätschern des Rückflusses; es klingt wie ein Bach. Unvermittelt trägt der leichte, warme Wind menschliches Geplapper an mein Ohr. Zwischen den Klängen des Meeres und der Luft kaum wahrnehmbar, aber dennoch vorhanden. Wie ein dunkles Zeichen frisst sich die Banalität sinnloser Wortfetzen in die da-seiende, geräuschvolle Kulisse des Meeressaumes, die dem Ohr schmeichelt, die Beruhigung meines ewig schnatternden Geistes fördert.
Wie von Bürokraten in Papier und Tabellen gebrannte Regeln und Gesetzte wird Unnötiges vor sich hingesagt, nur um etwas zu sagen. Es fühlt sich an, als falle der Alltag wie eine Horde gefräßig quiekender Ratten über die bewegte Stille her. Ich nutze den Atem, dem Hin und Her der Wellen folgend. Dann bin ich wieder „da“. Letzte Fragen verdampfen in die Leere. Was interessieren sie mich? Was haben sie mit mir, was mit der Erde, was mit der Welt zu tun? Sie verklingen, ob sie da sind oder nicht.
Ein Jahr Wu Wei, ein Jahr anders tun, ein Jahr nachdenken, ein Jahr in die Präsenz kommen. Ein Jahr ohne Excel-Tabellen, Bürokratie, Labermeetings und Sachzwänge. Mit nur wenig sinnlosem Geplapper. Was eine wunderbare Zeit der Erdung, voller Nähe zur Natur, voller Ruhe und zu-sich-kommen. Nicht denken, einfach denken, konzentriert denken. Nicht nachdenken, jetztdenken. Beziehungen pflegen, Verbundenheit zu lieben Menschen spüren. Welch ein Privileg, dies genießen zu dürfen, ohne wirklichen Verzicht, der dennoch geübt wurde. So voll, so vieles, so viel Leere, für die sonst zu wenig Raum ist.
Jetzt wird dieser Weg für zwei Jahre unterbrochen oder zumindest abgeschwächt. Ich nehme mir vor, ihn dennoch mit Haltung zu beschreiten. 道, – Do. Dazu gehört es, für die Menschen da zu sein, ihnen in ihrer jugendlichen Suche als verlässlicher Partner zur Seite zu stehen. Ich werde versuchen, ein aufmerksam präsenter hin-weisender zu sein, der den eigenen Weg zu finden hilft. Auch meinen – von ihnen lernen. Mehr will ich nicht. Mehr werde ich nicht tun. Wozu auch? Für die Politiker und Bürokraten, die Geldmacher und Spekulanten? Sie verdienen nichts, selbst wenn sie mit Bergen materieller Zeugs gestopft sind. Alles Illusion. Keine Werte. Banal wie das Geplapper am Strand, das nicht „da“ zu sein vermochte. Nur die Leere, das „Nicht“ bleibt. Wir sollten beides üben.
Nicht-Ziel ist es, so wenig wie möglich Teil der Raster und Berechnungen, unter denen Menschen und Natur leiden, zu sein!
Das große „Nein“, das zugleich ein großes „Ja!“ ist: Nein zu den leeren Worten und gedroschenen Phrasen neoliberaler Gesinnung. Das narzisstische Geplapper, welches letztlich nur der ökonomischen Verwertbarkeit dient; die Welt in den Abgrund reißt, Kriege führt…
Das große Ja dazu, wirklichem Sein und Denken Raum zu geben. Zeit leben. Zufrieden zu sein.
Wenn ich über die auf mich zukommenden Hohlheiten nachsinne, wird mir ganz schwummerig. Ich möchte die Insel am liebsten nie mehr verlassen. Trotz des Wissens, dass dieses würgende Netz, welches sich um Welt und Gedanken gelegt zu haben scheint, auch hier seine feinen, scharfen Fäden spinnt.
Nicht die Stellung ist wichtig, es ist die Haltung, die ich ein Jahr üben, entdecken und vertiefen durfte. Ich werde fortfahren und allen, die es hören wollen, gerne mitteilen, was dies für mich bedeutet.
Fest
Nach dem Kloster hört die asphaltierte Straße auf. Der vierradgetriebene Geländewagen, der sonst Weinkisten, Oliven und Material auf und von den Feldern transportiert, steuert souverän über die enge, sandige, steinige Piste. In dieser und jener Serpentine hat so mancher Sturzregen seine Spuren hinterlassen. Durch Kurven, mit kurzem Gruß und ein paar Worten zum gelassenen Schäfer an der improvisierten Hütte vorbei, geht es hinunter in das tiefe Tal. Hier und dort klettern Ziegen in den steilen Hängen oder chillen im Schatten. Am Gebäude mit Unterstand, das aus rohen Steinen zusammengefügt wurde, werden die Stühle, Getränke, das Gemüse für den Salat und vom Dorfschlachter erstandenes, lokales Fleisch ausgeladen. Dann wird der Grill aus umliegenden Steinen improvisiert. Feiern mit einheimischen und deutschen Freunden, auf kretische Art. die Kinder tollen herum, hüpfen in der kaum bevölkerten Bucht ins Wasser, klettern auf Felsen oder inspizieren die schattige Höhle weiter oben an der Steilwand.

Katzen oder sanft bimmelnde Ziegen schauen vorbei und machen sich über die Gemüsereste her. Ich sitze auf einem Fels. Wellen lassen die Steine am Ufer immer wieder leise klackern. Gen Horizont am Felsen brechen sich ihre großen Brüder des offenen Meeres. Nach dem morgendlichen kurzen Regenguss mit Regenbogen brennt die Sonne erneut auf die trockene Landschaft. Ich genieße das Tief, die entspannte Gemeinschaft, den „greek talk“ und das auf den Punkt gebrachte Dasein.
Schwach
Robert Pfallers Werke mögen gerne, wie auch die seines Denkfreundes Slavoj Žižek, in wärmerer Umgebung langsam verdaut werden. In südlichen Gefilden oder in der Badewanne. Sicherlich, das kleine Lächeln, wenn es schon wieder um das fremdbestimmte, individualisierte Subjekt geht, dem das gesellige Rauchen durch verinnerlichte, narzisstische neoliberale bzw. postmoderne Mindsets vergrämt wurde. Pfallers große Geschichte. Wie die des Materialismus.
Wirklich gefreut und zum Nachdenken angeregt hat mich sein Aufruf, wieder mehr Nietzsche zu lesen. Ein Aufruf an mein Ego sich mit der Vokabel „schwach“ auseinanderzusetzen. Es stellt die Frage nach dem Ressentiment: „Nietzsche hat gezeigt, dass Verlierer dazu tendieren, alles Siegreiche, Große grundsätzlich für Böse zu erklären und sich selbst damit selbstgefällig im Unglück zu verbarrikadieren […]. Die kritische Arbeit am Ressentiment, dem Hass auf das Glück, ist darum, Nietzsche zufolge, die entscheidende Leistung, die erbracht werden muss, damit jemals ein Glück erobert werden kann; damit also die Schwachen nicht beginnen, sich an ihrer Schwäche oder in ihrem Scheitern zu gefallen, umd man sich den eigenen Beuteverzicht nicht zur kritischen Gesinnung zurechtfaselt.“ (S. 87)
Ressentiment ist immer mit Besitz verbunden. Egal ob es sich um Dinge, Menschen oder Kultur handelt. Besitz ist nie ein noch so leises Geheul wert. Vermeintlicher Besitz, auch des eigenen Lebens, ist immer vergänglich. Eine einfache Erkenntnis, wie die, dass mit Besitz und Leben Leiden verbunden ist. Es geht nicht um Schwäche oder Stärke; das Gute oder Böse. Es geht um Überwinden. Ich mag den Übermenschen ja gerade deswegen, weil er zur (Selbst-) Überwindung aufruft. Zum (sich) erkennen wollen. Ein langer, gewundener, dunkler und morastiger Weg voller Tücken und Fallen. Aus diesem Grund schwächeln die Meisten, folgen blind den Irrlichtern – und gehen nicht selten unter. Sie versagen, weil es ihnen an Willenskraft, Konzentration und Bereitschaft zur stetigen Übung mangelt. Diese fordert Schritt für Schritt sorgsam zu setzen, manchmal den gleichen Weg mehrmals zu gehen.
Oder sie haben zu große Angst, sich der Vergänglichkeit zu stellen, die in allen Dingen und auch uns wohnt. Lassen wir also den Quatsch mit dem Ressentiment, und üben wir es, den Tag zu genießen, den Moment, unser Sein. In ihm ist nichts an sich „Gutes“ oder „Böses“, keine Moral oder Ideologie. Kein Ressentiment. Keine Metaphysik und auch kein Materialismus. Schwer zu lernen. Ich werde mich auch weiter mit dem Weg und diesen Moralen, dem von Pfaller und Han so verschmäten Narzissmus und Neoliberalismus, meiner geliebten Excel-Tabellenwelt auseinandersetzen müssen. Hoffentlich jedoch weniger und weniger, je weiter ich in der Selbst-Überwindung voranschreite. Ja, an Pfaller mag ich auch, dass er vieles, was ich im Lehrbetrieb erfahre, in dem es kein Studium und keine wirkliche Forschung mehr gibt, so schön auseinanderpflückt, zerreißt und beklagt. Heilige Hallen, voller Schwäche und Aufgabe an die Irrlichter, an das „das System“.
Nun denn, so ist es mit allen Schreibenden, die geschätzt werden. Sie formulieren in Teilen, was man denkt, manchmal nur spürt und erahnt. Ich danke Nietzsche, Pfaller, Lacan, Deleuze, Foucault, Han und und und… Verneigen tue ich mich vor dem Moment, den Thich Nath Hanh, Ayya Khema und meine Kyosanim und Meister*Innen mich zu lernen gelehrt haben. Den Pfad, Do zu gehen, Ki zu atmen. Wenn ich diesem Weg folge wird jede Schwäche zur Stärke. Alles wird im Sinne Nietzsches zu einem großen Ja! – im praktischen Werden.
Pfaller, R. (2015) Wofür es sich zu leben lohnt. Fischer (Sehr schätze ich auch sein Buch „Die Illusion der Anderen“)
Vertikal
Commons, Allmende, was für warme Begriffe. Gemeinsam schützen, bewahren, leben. Gemeinsam kümmern, ernten und genießen. Jahrhundertealte Praxen ohne Zentralismus und Hierarchien. Praktizierter Anarchismus. Praktizierte Freiheit von Herrschaft, leben mit der Natur und anderen Menschen. Sicherlich, auch hier geht es nicht ohne Probleme, ohne Leiden, ohne Konflikte. Wertvoll ist jedoch das Wissen darum wie Konflikte gelöst, entschärft werden können; zum Nutzen aller. Klar, ab und an muss jemand, der garnicht passt, den Ort verlassen, sich eine andere Gemeinschaft suchen. Die Gruppe wechseln, wie in jeder Beziehung. Vielleicht Nomade werden, dem eigenen Pfad folgen.
Leider ist das Wissen durch die Ideologie der Mechanik, des Marktes, der Hierarchien oft vernichtet, verdrängt, ausgetilgt worden. In den Momenten, in denen Gemeineigentum Privatbesitz wurde. Ebenso wie die gecopyrighteten Thesen von Pseudowissenschaftlern (Offizielle Wissenschaft ist heute zumeist ein armseliger Wurmfortsatz der Ideologien, kein kollektiver Denk- und Probierfreiraum). Es war ein Genuß den Artikel über Elianor Ostrom zu lesen. Angesichts der Brutalität unserer vertikalen Gesellschaften ohne wirkliche Gemeinschaft (ich denke da an Adlers Gemeinschaftsbegriff) legt sich ein grauer Schleier der Funktionalität über die warmen Gedanken, die das Herz froh stimmen.
Driften
„Une ou plusieurs personnes se livrant à la dérive renoncent, pour une durée plus ou moins longue, aux raisons de se déplacer et d’agir qu’elles se connaissent généralement, aux relations, aux travaux et aux loisirs qui leur sont propres, pour se laisser aller aux sollicitations du terrain et des rencontres qui y correspondent“
(Eine oder mehrere abdriftende Personen verzichten für mehr oder weniger lange Zeit auf die Gründe für ihren Umzug und ihr Handeln, die sie im Allgemeinen kennen, auf Beziehungen, Arbeit und Hobbys, die für sie spezifisch sind, um die Aufforderungen des Feldes loszulassen und die Begegnungen, die ihm entsprechen.)
Debord, G. (1959) Théorie de la dérive (Internetquelle)
Das Wort „driften“ schreit danach genauer untersucht zu werden, nachdem ich mich auf meinem letzten Spaziergang habe treiben lassen. Einfach nur so voran. Zugleich „drifteten“ meine Gedanken. Zuerst zu den Situationisten, die das „driften“ als künstlerische Praxis, dem „dérive“ funden haben. Dabei ist die Übersetzung unscharf. Dies stammt vom lateinischen derivo ab. Hierzu erzählt das Schulwörterbuch, der „Kleine Stowasser“, dass es etwas mit „wegleiten“ zu tun hat – „de rivus“ – vom Fluss weg. Wir driften durch die Sprache, treiben durch Worte. Im reinen driften, Treiben ganz ohne Ziel. Eine schlaue Begriffsoperation von Herrn Debord. Ein Konzept gegen das geplante, teleologische Denken der Moderne mit ihren Regeln und Gesetzen, die oft wider jeglicher („natürlichen“) Natur operieren, sie gar vernichten, zerstören.
Nach Varela und Maturana entwickelt sich auch das Leben an sich ohne Ziel. Ohne Plan. Nicht-teleologisch. Es driftet, Stammbäume ergeben sich. Strukturelle Koppelungen beeinflussen die innere Entwicklung und die des Systems. Nichts lenkt und nichts steuert.
Was ein Konzept hinter diesem Wort. Was für eine Pool, um zu erkennen. Zu tun. Sich treiben lassen, aus sich heraus schöpfen…
Sinn und Glück
Am Ende eines Aufsatzes über den „Sinn des Lebens“ im Zeitmagazin vom 16.12.21 steht als letzter Satz folgendes zu lesen: „Glück, das ist nur ein flüchtiger Moment. Der Sinn bleibt.“ Zuvor wurde Adam Kaplin mit folgenden Worten zitiert: „Es ist nicht das Hauptanliegen des Menschen, Freude zu erreichen oder Schmerz zu verhindern, sondern in seinem Leben einen Sinn zu sehen.“
Ich halte diese Aussagen für sehr gewagt. Gerade in Bezug auf den zeitlichen Aspekt. Generell mag das Problem darin liegen, dass die Begriffe „Sinn“ und „Glück“ einen immens weiten Interpretationsspielraum ermöglichen. Wahrscheinlich gibt es für jeden der über 8 Milliarden Menschen auf dieser Welt eine eigenste, individuelle Auffassung davon, was Sinn bzw. Glück für diese bedeuten. Eine eigenste Sichtweise darauf, ob auf der einen Seite der sinnvolle Moment oder das kleine Glück gemeint ist, oder so etwas bedeutendes wie der Lebenssinn bzw. die Frage nach dem glücklichen Leben.
Interessant ist hier die Betrachtung vom Verhältnis der begrifflichen zur emotionalen Ebene. Sinn ist nach meinem Verständnis zunächst auf die biologische „Sinneswahrnehmung“ und deren begrifflichen Wahrheitsgehalt („das macht Sinn“) bezogen. Sie steht der eher diffusen, emotionalen Ebene des Glücks-“gefühls“ gegenüber. Schon hier sind die Übergänge recht unscharf. Alleine deshalb, weil jede sinnfällige Entscheidungsmöglichkeit, wenn auch indirekt, durch Emotionen mitgesteuert wird; jeder Sinneseindruck Emotionen hervorruft. Auf der anderen Seite wird die Suche nach Glück oft rational begründet und betrieben.
Mir deucht, hier gibt es noch viel nachzudenken, zu „sinnieren“. Entlang Jahrtausende währender Denktraditionen und geübter Praxis. Bis sich (für mich) ein Sinn ergibt. Ein Sinn, der gefühlt werden kann und einen Weg zum anhaltenden Glück zeigt. Erst einmal ist dieser für jeden Menschen individuell, wie es Aristoteles in der Nikomachischen Ethik schon schrieb. Sie beginnt ja auch mit einer Diskussion der Glückseligkeit (εὐδαιμονία), versucht, deren Prinzipien zu ergründen. Wobei der teleologische (telos-Ziel) Ansatz nur ein Ansatz unter vielen sein kann.
„Da der Ziele zweifellos viele sind und wir derer manche nur wegen anderer Ziele wollen, z.B. Reichtum, Flöten und überhaupt Werkzeuge, so leuchtet ein, daß sie nicht alle Endziele sind, während doch das höchste Gut ein Endziel und etwas vollendetes sein muß.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1097a (27))
Aus-Zeit… Ziel: Die Leere
Das Prinzip: 無為 Wu Wei – Nicht handelndes Handeln. Wird nicht gedacht und gemacht. Keine Machenschaften. Es geschieht. Es geschieht mich. Nicht arbeiten, nicht wollen – Sein. Was nicht bedeutet, nicht tätig zu sein. Den Weg gehen.
