Ruhende Kontinuität

Ich lese bei Bregman, in seinem schönen, wohltuenden, positiven Buch über das „Gute“, folgendes Zitat. Es stammt aus einem Interview mit dem Gründer einer großen Firma, die in den Niederlanden die Pflege auf den Kopf zu stellen scheint: «Die Welt profitiert oft mehr von Kontinuität als von kontinuierlichen Veränderungen», sagt er. «Wir haben jetzt Veränderungsmanager, Change Agents und lauter solche Leute. Aber wenn ich mir die Pflege in den Bezirken ansehe, hat sich der Beruf in 30 Jahren kaum verändert. Man versucht, eine Beziehung zu jemandem in einer schwierigen Situation aufzubauen, das bleibt immer gleich. Natürlich kann man neue Erkenntnisse und Techniken anwenden, aber die Basis ist unverändert.» (1)
Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Pflege. Überall haben die stählernen und eiskalten Verwalter von Strukturen das Heft in die Hand genommen. Inhalte, Techniken und Nachdenken sind genauso wenig gefragt wie Langeweile, Ruhe oder Gelassenheit. In diesen liegt eine „Nicht“- Kontinuität – im Werden des Stillstands. Bedenken und handelndes Tun, wozu „nur da sein“ oder „füreinander da sein“ gehören sind zutiefst menschliche Eigenschaften. Mal wieder „Wu Wei“.
Dröhnend wie die Hämmer eines Hochofens brechen verordnete Reformen, über uns herein. Aktionismus, der in seiner Hitze mehr vernichtet als er schafft. Daher die Vorliebe der Change-Manger für Begriffe wie „Kompetenzfelder“ oder „Management“, denn diese sind so hohl wie die mechanischen Gehirne der Bürokratiemaschinen. Niemand scheint dies zu bemerken wollen.
Durch diesen Aktionismus einer hämmernden Maschine kommt es zu permanenten Kollateralschäden, wie die, dass „Erkenntnisse und Techniken“, also Inhalte nicht einmal mehr gesehen werden. Das Bestehende, dass sich im Werden aus sich selber ändert, denn nichts bleibt ewig gleich, wird unter Euphemismen zertrümmert und zerrüttet. Wie an meiner Hochschule. Laut wird dort zum Beispiel das Wort „Interdisziplinarität“ hohl in den Raum gebrüllt. Gleichzeitig werden langsam und kontinuierlich gewachsene interdisziplinäre Strukturen in ihre isolierten Kästchen zurücksortiert. Noch schlimmer, es werden Beziehungen zerstört und in ihrer Entwicklung behindert. Techniker und Designer, die sich über Jahre zusammenfanden, um inhaltsgesteuert zu arbeiten, werden in ihre althergebrachten Schubladen zurückgedrängt, oder drängen sich gar selber. Ich fürchte, sie werden in den Essen der Leitungen eingeäschert und zerschmolzen, bis ein langweiliger, disziplinärer Einheitsbrei übrig bleibt.
Denn Strukturen, in ihrer starren Raserei eisiger Bergstürze, sind Grenzen, die sie selber nicht wahrnehmen. Festzurren und Einkästeln im Namen der Beweglichkeit, der Kontinuität, die schon lange gestorben ist. Ohne zu bemerken, dass das Leben – lebt, wird, Beziehung ist. Das Leben überschreitet permanent Grenzen, sucht neue Horizonte. Wie der schweifende Blick in der ruhenden Leere. Der Blick, den keine menschengemachte Regel, keine Excel- Tabelle, kein Kompetenzfeld zu verbauen vermag; kein Management erlaubt.
Nur der sich im Horizont verlierende warmen Blick, manchmal durch etwas Glut der Wut angeheizt, vermag es die Eiseskälte der bürokratischen Systeme zu zerschmelzen; vermag es den kalten Stahl aus deren Herzen zu drängen, zu verflüssigen.

(1) Bregman, Rutger. Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit (S.304). Rowohlt E-Book. Kindle-Version.

Trauerweide

Beim täglichen Spaziergang frage ich mich, woher die Trauerweide ihren Namen bekommen hat. Strahlen ihre kleinen, frischen Blätter nicht schon früh gegen den grauen, verregneten Winterhimmel an? Rufen sie nicht in ihrem zarten Grün das Frühjahr herbei? Selbst durch den Nieselregen hindurch leuchten ihre filigran hängenden Ästchen mit den zarten Blättern wie Angelruten in Richtung des Gewässers.
Boten des schleichenden Wechsels, ein Ruf nach Sonne und Wärme, der sich alsbald erfüllen wird. Ich atme tief durch. Trotz der feuchten Luft schmecke ich das Voranschreiten, welches sich im Moment anschickt, die klamme Kühle des Winters zu vertreiben. Meine Mundwinkel verziehen sich zu einem sinnierenden Lächeln. Ich spüre die Steinchen auf dem Weg, wenn auch nur wage, während ich einen Schritt vor den anderen setze, ein Atemzug den nächsten ablöst. Wie die Jahreszeiten. Im jetzt. Es gibt nichts festzuhalten. In mir leben die Generationen, ich werde in den Folgenden aufgehen.

Was gibt es da zu betrauern?

Nix Tun

Es kommt im Leben nicht darauf an, was man getan hat. Es kommt darauf an, was man nicht getan hat. Dieser Satz, diese Weisheit rumpelte während der Morgengymnastik in meinen Kopf. Habe ich ihn gedacht oder ist es die Erinnerung an den Ausspruch eines Weisen, der sich in meinem Unbewussten festgesetzt hatte? Er riecht nach uraltem Wissen, das feststellt, das zu selten gehandelt – oder besser – nicht gehandelt wird. Im Chinesischen etwas „Heiliges“: Wu Wei – NixTun – Natur wirkt aus sich heraus. (1) Ohne Ziel, ohne Intention.
Ein Satz gegen die alltägliche Betriebsamkeit, das Gerenne und Gehetze. Der Drang, etwas zu erreichen, wo nichts zu erreichen ist. Gedanken gegen die Hin und Her hüpfenden Affen im Kopf, die antreiben, verzetteln, verwirren. Falsche Ziele Setzen. Der Affen, die schwer zur Ruhe zu bringen sind. Der Affen die rufen und schreien, fordern und zerren. Dabei ist es so simpel. Auf den sanften Atem konzentrieren. Den weichen Strom gleiten lassen, der die Affen verharren lässt, bis sie, verwirrt den Kopf kratzend, verträumt auf ihren Ästen hocken und – nichts tun.
Im nichts tun können wir bei uns sein, bei all den Anderen sein, in der Welt sein. Im nichts-tun wird Niemand durch unser betriebsames, maschinelles Handeln angetrieben, beleidigt, herausgefordert, verletzt. Wie oft habe ich mir durch gedankenloses Tun Ruhe versagt, mich antreiben lassen. Statt in Gelassenheit zu treiben; zu schweben,. Wie das Blatt, das gemütlich und zielstrebig vom Baum zur Erde taumelt. Es wird auf der feuchten Erde landen, um zu vergehen, neues Leben zu spenden. Ich bin das Blatt. Ich schillere in buntesten Farben. Die Affen sitzen weiterhin oben in den Ästen und staunen verwirrt, halten inne, ohne es zu bemerken. Dann, der nächste Sprung, das nächste Schwingen. Ich wünsche allen Affen, dass sie zu Blättern werden, ihren Ort finden. Nicht abstürzen.

(1)Lao Zi spricht allerdings vom Heiligen so: „“Der Heilige geht nicht – Bu Xing (…)und weiß doch, er sieht nixht – Bu Jian (…) – und ist doch klar, er handelt nicht – Bu wie (…) und bringt doch zustande.“ Und noch deutlicher heißt es bei ihm; “Ohne aus der Tür zu gehen kennt er doch alles unter dem Himmel; ohne aus dem Fenster zu schauen, sieht er das Himmelsdao. Je weiter er heraus hinausgeht, desto geringer wird sein Wissen.““ (1) Geldsetzer, L, Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart; S. 81

Erkennen? – (Nicht)-Handeln!

Mit Wu Wei (無為) entstand dieser Blog aus dem Nichts. In einer die Seele entleerenden Mittelmeeridylle. Nichts bedeutet, wie man sieht, nicht „nichts“ – etwas, der Blog kam in die Welt. Genauso heißt Wu Wei nicht „nichts tun“ („nicht handeln“). Es geht darum zu erleben, dass, wenn wir handeln, nicht „nicht-handeln“. Es geht um ein „Handeln“, dass den meisten der dominierenden westlichen „Erkenntnis-“ und „Wissensgetriebenen“ Denkungsarten leider allzu fremd ist. Aus dem schönen Buch über die „Grundlagen der chinesischen Philosophie“ strömte entspannt, beim gurgeln der Wellen, umfangen von der warmen Mittelmeersonne, folgende Geschichte in meinen Geist: „Ein Bauer fällt alle Bäume, die ihm nach Wuchs und Gestalt für die verschiedensten Zwecke nützlich sind. Aber ein uralter Baum ist immer stehengeblieben. Er war zu „Nichts“ nutze, und das hat ihn gerettet (…). Aber hat der Bauer nicht dadurch, daß er ihn nicht fällte, seinen Nachkommen und allen Gästen, die sich in seinem Schatten labten, die Umwelt verbessert und so sehr weise gegandelt?“ (1).
Die westliche Ergebnis- und Erkenntnisgetriebenheit mit ihren Effizienztechniken und Rastern ist bestrebt alles zu fällen (zu nutzen), was in einem numerisch definierten Feld zu verwerten ist. Perfide ist, es wird versucht alles zu erfassen! Dabei fallen die Dinge, die auf den ersten Blick nicht gebraucht werden, gnadenlos der industriellen Axt zum Opfer. Die weiten Wasser der Meere werden ebenso verschmutzt, wie die geschändete Erde in Abraumhalden dahinsiecht oder die Luft von den Abgasen der Motoren und Industrien verpestet wird. Im Handlungswahn, getrieben vom Wissen um die Nützlichkeit. Die Natur wird durch die wucht der Technik zum Verschwinden gebracht, wie Heidegger es so schön traurig beschreibt. Der Rhein wird nicht mehr als Fluss gesehen, der nur für sich dahinfließt, der für sich da ist. Der, wenn wir ihm begegnen, so genossen werden kann, wie er ist.
Heutzutage ist die Natur nichts als Funktion, ihre Unendlichkeit wird in Tabellen, Papern und Listen eingefangen und verwertet. Sie wird nach Heidegger „bestellt“ um zum Beispiel Energie zu gewinnen, der Schiffahrt – oder unausgesprochen – als Müllkippe zu dienen (2). So werden die sich einst romantisch ihren Weg durch Täler windenden Ströme mit ihren Auen zu verseuchten, leblosen, eingezwängten Kanälen. Dies Denken ist ebenso betoniert, wie die ewige Ideologie des Wachtums, für das immer neue Strategien erforscht und die Gehirne der Kinder mit bunten Bildern gewaschen werden. Die Lernmaschinen der Universitäten und Institute in Verbund mit der Ökonomie erdenken in ihren Papern, Tabellenkalkulationen und Strategien immer neue Wege den Prozess zu beschleunigen. Dieses berechnende Denken lässt kein Raum, keine Weite und Leere um auf „Sein“ zu achten. Es sein zu lassen. Zu studieren. Alles fokussiert sich Teleologisch, auf ein verwertbares Ziel hinaus. Die Menschen werden wie die Natur verformt und verbildet um in der Maschine ihren Platz zu finden. Wo ist da Erkenntnis? Oder besser was ist das bitte für eine Form der „Erkenntnis“, die nichts mehr kennt, die wunderbare Natur vergessen hat?
Die letzen Bäume im absterbenden Garten dieser Welt sind für mich die frischen Gedanken und Aktionen einer Jugend, die ihre eigenen Gedanken hegt und pflegt. In ihren Nicht-Handlungen stören sie den Fluss der Maschinen, speziell den Verkehr.
Ich werde jetzt besser langsam und bedenklich den Boden erspüren, der uns trägt um über das „nicht-handeln“ zu meditiern. Meine Praxis muss die Nicht-Praxis sein.

(1) Geldsetzer, L, Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart; S. 84

(2) vgl. Heidegger, M. (1953) Die Frage nach der Technik)

Nicht Praxis

Dann, wie erwartet, erhellt das erste Sonnenlicht, dass über den Hügel schleicht, meine Sonnenuhr. Ήλιος ruft mich an. Ich setze mich langsam in Bewegung. Die Wellen schlagen im leisen Rhythmus an das weit gestreckt Ufer; umschlingen die Steine, gurgeln im Sand. Kleine Blasen schlagend. Schweigend drückt eine große Runde, im Kreis auf ihren Matten hockend, ihren Zeigefinger an die Nase. Eine Yogagruppe scheint ebenfalls die Energie des Ortes zu genießen.
Weiter… die paar langsamen Schritte an den Fels, und schon ist der rechte Stein gefunden. Zurück an meinem Kraftplatz! Mein Herz lächelt in die Natur hinein, lässt sich nieder, praktiziert Nicht Praxis (1). Kein Ziel, nur sein. Der Kreis schließt sich. Die gleiche Präsenz, die gleiche Tiefe, vom Meer kommend, in den Boden verwurzelt, vom Wind bewegt, dringt tief in mich ein. Ich werde (eins).
Langsam spüre ich wie der Atem sich mit der Brise vremischt. Wie die Sonne nach einer Weile den Körper vom Kopf herab sanft mit ihrer Wärme streichelt. Einatmen-Ausatmen. Einfach nur genießen, nichts erlangen wollen. Da-Sein. Wu Wei.

„Meine Praxis (…) ist die Praxis der Nicht Praxis, das Erlangen des Nichterlangens.“ (1)

The Buddha said: „My doctrine is to think the thought that is unthinkable, to practise the deed that is not-doing, to speak the speech that is inexpressible, and to be trained in the discipline that is beyond discipline. Those who understand this are near, those who are confused are far. The Way is beyond words and expressions, is bound by nothing earthly. Lose sight of it to an inch, or miss it for a moment, and we are away from it forevermore.“

(1) Hanh, Thich Nhat. Einfach gehen (S.78). O.W. Barth eBook. Kindle-Version.


Kraft

Wenn der Himmel sich mit dem Meer verquilt, hinter Schauer- und Regenwänden eins wird, die Böen tobend das Wasser verwirbeln, spüre ich Kraft. Die Energie des Lebens, des Leben wollens. Ebenso unermesslich wie die dunkle schwere der stürmenden Gewitterwolke. Genauso treibend, wie die Zeit. Kein Gedanke an Stillstand wäre in einem solchen Moment denkbar.
Das Wogen schäumen in den Himmel, der Regen verwischt jegliche Klarheit. Scharfe Frische lässt den Körper erschaudern, im Hintergrund grollt der Donner. Welch eine Wonne den Moment zu genießen, den festen Boden unter den Füßen, von dem aus mein Ich in den aufgewühlten Himmel ragt. Fest verwurzelt und zugleich den peitschenden Elementen preisgegeben.
Kaum ein Moment der unendlichen Äonen später ist es vorbei. Schneller als jede noch so stürmische Metapher es auszudrücken vermag. Nicht mehr ist das prasselnde Rauschen des Regens zu vernehmen. Nicht das Rauschen des rasenden Windes, dessen Böen alles in taumelnde Bewegung versetzen. Nicht das Grollen des Donners, der Geruch frischkühler Erneuerung. Das wilde Spiel der Schatten und Farben in ihrem raschen Wechsel von Dunkelheit und Schein weichen erneut der Helle des Himmels.
Sein lassen.

Freundschaft – immer wieder

„Will man einen Freund haben, so muß man auch für ihn Krieg führen wollen: und um Krieg zu führen, muß man Feind sein können.
Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.“ (1)

Ich huschte über die flüchtigen Buchstaben auf dem matt glimmenden Bildschirm. Zuerst scannend, dem ansich belanglosen Medium entsprechend. Unvermittelt drängten sich die unscharfen Buchstaben, als sie sich zu Wörter und Sätzen formten, ihren Sinn extrahierten, klar in mein Bewusstsein. Der Text griff zu, er ergriff mich. Als würden die Lettern in Form eines stählernen Stempels auf meinen Kopf geknallt werden. Sich wörtlich einprägen. Mein Herz zog sich zusammen, vibrierenden Schauern durchwanderen es. Schwere, Traurigkeit breitete sich aus. Mitfühlend setzte sich mein Geist in Bewegung, Ein Bekannter postete in den belanglosen Weiten der sozialen Medien, auf Facebook, dass ihm die Freunde ausgegangen seien. Durch zu viele Umzüge, dem Fokus auf Job und Kinder. Ein Hilferuf in die Leere der Nicht-Community, in der alle mit allen und allem in Beliebigkeit verbunden, „befreundet“ scheinen. Offentsichtlich hatte er seinen Ort verloren, auch wenn er in der Familie eine gefunden hatte.
Tags darauf, in der warmen Sonne, zu gluckernden Beats tanzend, kam dieses schwere Thema rund um Freundschschaft abermals auf. Nicht wie der warme Nebel, der aus der umrankten DJ Box des Südpols wabert. Nein, wie kalter Herbstdunst, der sich als eisiges Gespinst schnürend, kalt, erstickend um die Eingeweide legt.
Hier ist ebenso Rede davon, dass uns immer weniger Freunde umgeben, viele in die wärmende Höhle der Familie verschwanden, vom Job absorbiert werden. Abermals spüre ich den Schmerz, vernehme den Trauer in der Stimme. Ich kann es nachvollziehen, auch ich trauere um jede versandete Freundschaft. Unsere Worte kreisen um das Thema wie die Beats, die in immer neuen Varianten wiederkehren.
Sicher, Familie war und ist für viele der Ankerpunkt des Lebens. Heute ist es nicht mehr die Großfamilie von der wir behütend und zugleich einengend umgeben sind. Sie war der Ort, an dem die Menschen immer jemanden hatten, der oder die für einen da war; Konflikte löst. Der Ort an dem man eine feste, wärmende Schulter vorfand, jemanden zum reden hatte. Trotz der Enge der Sippe waren dort immer Menschen die Freiräume schaffen. Wie die Großmutter oder -vater, die auf die Kinder aufpassen um Zeit für sich und Andere zu generieren. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Der große Unterschied zum Freundeskreis, ist jedoch: Die Sippe sucht man sich nicht aus. Freunde schon. Oder besser, sie suchen einen.
Heute müssen wir zumeist den Kreis der Menschen, die uns eng, nicht einengend umgeben und durchs Leben begleiten, eine wärmende Höhle generieren, finden, hegen und pflegen. Eine nicht selten anstrengende Aufgabe. Freunde wollen ausgebrütet werden wie ein frisch gelegtes Ei. Mit Geduld, Liebe und Aufopferung. Nur dann kann Leben im Nest entstehen, das nicht nur den einen Geruch hat, der jeder Sippe anhaftet. Nein, dort vermischen sich viele unterschiedlichsten Düfte mit mannigfaltigen Noten. Sie durchdringen und überlagern sich; wechselnd, je nach Saison und Stimmung. Riechen mal besser mal schlechter. Ich schnüffele in die Weite der allverbundenen Welt, vor mich hin sinnierend.
Wie schön von Euch, meine Freundinnen und Freunde, denke ich, das Ihr immer noch da seid; meine Weggefährten. Euch, mit denen ich gestritten und gelitten habe. Manche gingen verloren, neue kamen. Kaum einen von Euch kenne ich weniger als 10 Jahre, manche einige Jahrzehnte. Seit jungen, suchenden Tagen, folgten wir unseren Wegen, begleiteten uns – mal mehr mal weniger. Mal eng und hitzig debattierend, mal wärmend oder gar in Distanz. Die, die geblieben sind, füllen das Herz mit Liebe zur Welt, der großen Freundin. Sie sind – neben der Familie – der Sinn des Lebens.
Ich wünsche allen, die das Gefühl keine FreundInnnen zu haben bedrückt, dass sie zumindest sich selber FreundIn sind. Ein erster Schritt, auf dem Abenteuer neue Freund*Innen zu finden, aus Menschen, denen man begegnet, welche zu formen. Freundschaft braucht Zeit, Liebe und Geduld. Somit sage ich zu den Meinen.: „Ich finde es toll, Euch aushalten zu dürfen. Daher haltet mich bitte aus – und in Euren Armen, wenn ich Euer bedarf. Meine Arme sind offen.“

1) Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra, vom Freunde

Luftige Höhe

Schwankend sitzen sie sicher in den zarthängenden Ästen der Birke. Weit oben in luftigster Höhe. Dann der Absprung, ein Absacken, kurzes, kräftiges Flattern, um mehr Höhe zu gewinnen. Schon schweben sie grazil durch den sommerlichen Himmel, der nicht heller strahlen könnte. Was für ein tolles Gefühl muss das sein. Eben an einen Ast geklammert, ängstlich, unsicher . Jetzt frei und ungebunden schwebend, vom Wind getrieben. Ohne Grenzen über allem dahinzugleiten. Vielleicht mit einem leichten Ziehen im Bauch. Welch eine Metapher für Freiheit, für das Dasein. Eine Forderung den Moment zu genießen.
Ja, die jungen Ringeltauben üben diese Kunst, welche die Evolution ihnen gegeben hat. Unter den wachsamen Augen Ihren Eltern. Seit Jahrtausenden begleitet von den sehnsüchtigen Blicken neidender Menschen.
Von Menschen, die auf dem festen Beton-Boden unter ihren Füßen festgeklebt zu sein scheinen. Mit schweren Füßen rennen und wimmel sie durch Kaufhäuser, rasen in festgeschmiedeten Stahlsärgen durch die Lüfte, über Autobahnen, in die Büros, zum nächsten Event. Dennoch verharren sie, wie in Eisen gegossene Statuen; schwer und langsam sinnlos vor sich hin rostend. Gefangen in unsichtbaren Ketten aus Gold und Geld, die sie davon abhalten frei zu gleiten, zu driften, sich in die kühlen Höhen des Schicksals zu wagen. Festgeschraubt auf dem Sockel des Durchschnittlichen meiden sie gar die Gefahr der Reise zu sich selber. Abgelenkt durch Verlockungen, die sie immer träger und schwerer machen, kauern sie in ihrer Existenz. Wie ein ängstliches Küken, das sich im Gehölz versteckt. Bis der Ast auf dem es sitzt zerbricht.
Sehnsüchtig schließen sie die Augen vor Dingen, die sie schwindeln lassen würde. So sehen sie nicht das große Geschenk, geschweige denn die vielen Kleinen. Wo ist der zaghafte Schritt in den klaren, weiten Himmel? Wir alle könnten durchs Leben zur Sonne schweben; unseren kurzen Flug zum unvermeidlichen Ende antreten. Bewusst, klar, taumelnd, voller Freude und Zufriedenheit.
Am nächsten Tag ist keine der Tauben zu sehen. Aus gutem Grund. Ein Falke patrouilliert die Lüfte. Jede Freiheit birgt ihre eigensten Gefahren, die es zu erkennen und meistern gilt.

Alles vergänglich, alles verbunden

Die Sonne strahlt warm. Die alten Bäume entlang des Kanals werfen sanfte Schatten auf das altehrwürdige Backsteingebäude. Pause. Der Blick schweift gelassen.
Da sitzen sie. Zwei Fliegen, eine hässlicher als die Andere. Genügsam tunken sie ihre gierigen Rüssel in ein schwarzes, angetrocknetes kleines Würstchen, dass von einem dreckigweißen, verkrusteten See umgeben ist. In aller Ruhe laben sie sich in der Morgenstimmung am trockenen, verwesenden Vogelkot.
Die Welt dreht sich langsam und gemächlich weiter. Ich betrachte das satte Grün. Nicht allzu bald werden sich die Blätter verfärben, von den Bäumen zu Boden schweben. Wie der Kot, an dem sich die Fliegen laben, werden sie von Mikroben aufgesogen werden. Diese nähren. Irgendwann werden auch die Bäume sich morsch und alt auflösen. Aufgelöst werden. Wie alles Lebende werden sie zu Humus aus dem wiederum die neuen Triebe sprießen. Satter Boden, voller Mikroben, die zum Futter für Insekten, diese wiederum Nahrung für Vögel werden. Vögel, welche die Samen in ihrem Kot verteilen. Kot, der wiederum zugleich Futter ist um die Fliegen – Vogelfutter – zu nähren. Ein komplexes, wunderbares ewiges Werden und Vergehen; in unendlicher Verbundenheit.
Mein beobachtender Körper ist ebenso ein Teil dieses Kreislaufs. Bis ich nicht mehr bin. Dann ist er Fliegenfutter. Die Fliege ist nicht hässlich. Sie ist einfach nur da, sie lebt. Im Moment.

Schon wieder Glück – εὐδαιμονία

Die Sonne strahlt über dem Raureif. Der hellblaue Himmel ruft strahlend den Frühling. Die weißlich, kristallin überzogenen Pflanzen zeugen von der nach wie vor vorherrschenden kalten Frische des Winters. In der Wärme, mit Blick in die Natur, lese ich einen wundervoll wärmenden Artikel. Er erzählt vom Glück und Beziehungen.
Eine über Jahrzehnte laufend Studie mit tausenden von Menschen, die teilnahmen, bestätigt etwas so banales, dass ich freudig aufschreien möchte. Am glücklichsten werden die Menschen, die möglichst warme Beziehungen pflegen. Die kalten Dinge, die wir horten, die Waren und Besitztümer, Geldberge und stinkenden Autos spielen nur eine untergeordnete Rolle. All dieser „wertvolle“ Popanz mag sich glitzernd über ein Leben legen, hier und dort Bequemlichkeit und Wärme versprechen. Doch er ist belanglos, solange wir nicht frieren, der Bauch zur Genüge gefüllt ist und ein warmer Blick das Herz sanft umspielt.
Dinge, die über diese Grundbedürfnisse hinausgehen, von den geldgierigen, kalten Mündern der Werbung in Superlativen groß geredet werden, können keine warmen Beziehungen ersetzen. Schon garnicht die Beziehung zu uns selber, die zu üben ist. Wer kann anderen Gutes spenden oder mit ihnen Glück erleben, wenn die Person nicht in sich ruht. Mit sich zu“frieden“ oder besser im Frieden ist? Die Beziehung zu mir, ist die erste Beziehung.
Glück – ein eudaimonisches Axiom schon seit Aristoteles – bezieht sich nicht nur auf uns selbst, wie so oft gedacht wird. Es hat immer etwas mit gemeinsamer Aktivität und Handeln zu tun. Rechtes und gutes Handeln, nach bestem Wissen und Gewissen. Voller vertrauen. Oder schlicht gesagt: Wer für sich selber Wärme empfindet, kann diese geben. Wer Wärme empfängt, dem wird warm ums Herz. Wie simpel klingen die drei Wote: Füreinander da sein. Warm handeln, liebe- und vertrauensvoll handeln. In ihrer Umarmung streichelt mich die wonnigen Strahlen der Sonne. Jeder Raureif im Herzen schmilzt. Der strahlende Kreis der Frühlingssonne vertreibt die Kälte. Wie schön. Da. Dasein.
Mit Freude lese ich, dass der Leiter der Studie Zen Meister ist. Kein Wunder, dass seine Augen angefüllt von Liebe sind. Was für ein Glück für ihn und uns.