Schwankend sitzen sie sicher in den zarthängenden Ästen der Birke. Weit oben in luftigster Höhe. Dann der Absprung, ein Absacken, kurzes, kräftiges Flattern, um mehr Höhe zu gewinnen. Schon schweben sie grazil durch den sommerlichen Himmel, der nicht heller strahlen könnte. Was für ein tolles Gefühl muss das sein. Eben an einen Ast geklammert, ängstlich, unsicher . Jetzt frei und ungebunden schwebend, vom Wind getrieben. Ohne Grenzen über allem dahinzugleiten. Vielleicht mit einem leichten Ziehen im Bauch. Welch eine Metapher für Freiheit, für das Dasein. Eine Forderung den Moment zu genießen.
Ja, die jungen Ringeltauben üben diese Kunst, welche die Evolution ihnen gegeben hat. Unter den wachsamen Augen Ihren Eltern. Seit Jahrtausenden begleitet von den sehnsüchtigen Blicken neidender Menschen.
Von Menschen, die auf dem festen Beton-Boden unter ihren Füßen festgeklebt zu sein scheinen. Mit schweren Füßen rennen und wimmel sie durch Kaufhäuser, rasen in festgeschmiedeten Stahlsärgen durch die Lüfte, über Autobahnen, in die Büros, zum nächsten Event. Dennoch verharren sie, wie in Eisen gegossene Statuen; schwer und langsam sinnlos vor sich hin rostend. Gefangen in unsichtbaren Ketten aus Gold und Geld, die sie davon abhalten frei zu gleiten, zu driften, sich in die kühlen Höhen des Schicksals zu wagen. Festgeschraubt auf dem Sockel des Durchschnittlichen meiden sie gar die Gefahr der Reise zu sich selber. Abgelenkt durch Verlockungen, die sie immer träger und schwerer machen, kauern sie in ihrer Existenz. Wie ein ängstliches Küken, das sich im Gehölz versteckt. Bis der Ast auf dem es sitzt zerbricht.
Sehnsüchtig schließen sie die Augen vor Dingen, die sie schwindeln lassen würde. So sehen sie nicht das große Geschenk, geschweige denn die vielen Kleinen. Wo ist der zaghafte Schritt in den klaren, weiten Himmel? Wir alle könnten durchs Leben zur Sonne schweben; unseren kurzen Flug zum unvermeidlichen Ende antreten. Bewusst, klar, taumelnd, voller Freude und Zufriedenheit.
Am nächsten Tag ist keine der Tauben zu sehen. Aus gutem Grund. Ein Falke patrouilliert die Lüfte. Jede Freiheit birgt ihre eigensten Gefahren, die es zu erkennen und meistern gilt.