Mitte

Die Natur sprießt und entfaltet sich in alle Richtungen; auf den ersten Blick chaotisch. In ihrer asymmetrischen Harmonie kreist sie immer um eine sich in Bewegung befindliche Mitte. Wie ein Fluss fließt der Naturprozess endlos voran und bleibt dennoch er selber. Wie die Kuh, die büschelweise Gras ausreißt, zermalmt es verdaut. Später wird der Fladen die grünende Wiese düngen, frischgrünes Kraut, neues Futter wachsen lassen. Käfer zerfressen irgendwann ihren Leib, wie auch den alterskranken Baum, der langsam zerfällt und zur Nahrung für neues Sprießen wird. Wie jeder Körper.
Der Mensch hingegen… – hat seine Balance verloren. Im Kleinen wie im Großen. Die Welt – und damit ist die der Humanoiden gemeint – scheint ihr Gleichgewicht verloren zu haben. So raunt es alle Tage durch Medien und Köpfe. Kaum sind solche finsteren Gedanken gedacht, versanden sie im Rausch der betriebsamen Verdrängung. Nicht die Welt, die Natur sind aus dem Gleichgewicht – die Menschheit ist es. Die verblendeten und arroganten Affen sind die einzigen Wesen, die laut der chinesischen Philosophie ihre Mitte verlassen bzw. verloren haben – ihr Sein in der Natur. Ihr Sein in und mit sich selber: „Zong 中 – die Mitte – ist die große Wurzel aller Dinge unter dem Himmel; He 和 – die Harmonie – ist der Zielgerichtete Weg aller Dinge unter dem Himmel. Wenn Zong und He erreicht werden, so sind Himmel und Erde in Ordnung und alle Dinge gedeihen.“ (1) Wir Menschen scheinen blind für solche banalen Erkenntnisse. Aus der Mitte gefallen, vergessen wir das Einfachste – und Wichtigste. Es ist „zunächst die Aufforderung, die Dinge und Lagen richtig zu erkennen und zu durchschauen, und das brachte Shun 舜 wohl durch sein Nachfragen zustande, dann aber »dem Volk gegenüber« aus der Mitte her handeln, kann nur »sachgerechtes« Handeln ohne Rücksicht auf eigenen und fremden Vor- und Nachteilen sein.“ (2).
Wie maßlos ungleichgewichtig krakelen die Menschen unserer Zeit. Blubbern und Plappern über mannigfaltige Kanäle. Führen kleine Kriege in den Haushalten, auf den glatten Displays ihrer Smartphones, auf den Straßen – große zwischen Staaten. Sie haben ihre eigene Mitte verloren, ihren Ort, ihren Platz, ihren Frieden. Geist und Verstand werden mit Freude in den Trubel des Meinens geschleudert, der dunkler, wilder und hektischer daherkommt als jeder Hurrikan. Wo ist ihr inneres Gleichgewicht? Wir haben uns aus der Mitte in eine ungesunde, unharmonische Haltung gebracht. Die Konsequenz dieser Rückgratlosigkeit sind Unsicherheit, Angst und Hass.
Die Mitte suchen, Harmonie erstreben hat nichts mit Neutralität zu tun. Die Mitte ist nicht fest. Wie die Rosenblütenblätter, die sich chaotisch in blendender Schönheit entfalten, bevor sie herabfallen und vergehen. Permanent schwingt sich die Welt um ihre bewegte Mitte ein, wie ein im Wind wiegender Grashalm oder das unsichtbare Wanken des mächtigen Stamms einer Eiche. Selbst der massive Berg bewegt sich. Meist langsam, manchmal schnell, wie es jüngst in der Schweiz zu beobachten war. Neutral bedeutet nicht nur das Schwingen hin zur Harmonie. Es zeigt auf den Weg zu einem „in sich zufrieden sein“. Nur aus dieser Zufriedenheit im Inneren kann Frieden entstehen. Nur aus diesem inneren Frieden heraus können wir über wirklichen Frieden reden. Ich denke an das freundlich versunkene Lächeln von orange berobten Mönchen, die gelassenen Worte eines Meister Eckardts, eines Rumi oder Theresa von Avilas „Seelenburg“.
Ich spüre, wie Menschen aller Weltkulturen diese Erkenntnis auf so unterschiedliche Weise gedacht und gelebt haben. Das innere Gleichgewicht ist, wie das Körperliche, die Basis für einen festen, klaren Halt, für eine klare und kräftige Haltung. Nur diese mag vor den dunklen Gewittern der Ideologie schützen, die mit ihren verbrennenden Gedankenblitzen die Gehirne zerschmelzen. „Die ersten „-ismen“-Bezeichnungen wie etwa „Fanatismus“, „Materialismus“, „Spinozismus“ u.ä. sind in der Regel medizinischen Krankheitsbezeichnungen (vgl. Rheumatismus u.a.) nachgebildet und sollten krankhaften Überschwang, Exaltation und eben aus der Mittellage „verrücktes“ Denken zeigen.“ (3)
Strengen wir uns an, stabil und harmonisch nah an der Mitte zu kreisen, uns beweglich zu halten. In festem Stand. Die energetische Mitte des Körpers ist im fernöstlichen Denken das Herz.

(1) Kaiser Shun „Mitte und Maß“ zitiert nach Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (162)

(2) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (160)

(3) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (165)

Sandsturm

Der feine Dunst war weit über das Meer gereist; wie wir. In der Sahara aufgewirbelt, trieb er über die Insel. Als wir an gutbekannten Gestaden landeten, begrüßte er uns. In Form eines geheimnisvollen, gelbroten Himmels, durch den die Sonne zwischen verschwommenen Wolkenformationen verwunschen schimmerte. Die seefrische Luft umwehte uns feucht-trocken. Philosophisch gesprochen war es wie immer und doch anders. Das Meer, die Weite, alles schillerte in fremden Farben. Befand ich mich auf dem Mars? Eine apokalyptische Atmosphäre, in die wir eingetaucht waren. Vereinzelte Regentropfen, die sich ihren langen Weg gebahnt hatten, versammelten die feinen Partikel. Kleine braunrote Kreise musterten sich auf allen Oberflächen.
Natura naturans at its best. Natur schöpft sich aus sich selber. Sie gebiert in ihrem Sein Momente, die uns staunen lassen. Ein Staunen, hinter dem all die geschaffenen Dinge verblassen. Einkehr und Ankommen in einen Moment, der bedenklich zum denkenden Verweilen ruft. Aus der Hektik der Reise heraus kehrt beschauliche Ruhe ein. Die Wellen glitzern in einem fremden Türkis, gluckern und rauschen dennoch in ewiger Stete vor sich hin. Der Fluss der Welt, des Lebens.
Am folgenden Tag wird überall geputzt und gewaschen, der Staub, das erhabene Erlebnis weggekehrt. Nur die besinnliche Erinnerung bleibt. Momente gerinnen zu Geschichten.

Fest und grenzenlos

Ich bin kein Freund der Mathematik. Mein Gehirn scheint deren Konzepte in ihrer diskreten Erscheinungsweise nicht so locker anzunehmen. Es bewegt sich lieber im Raum des Ungefähren, des Unscharfen, des künstlerisch-spielerischen Philosophierens. Mit Freude lese ich Deleuzes und Guattaris Auslassungen. Selbst wenn von Abzissen und Mengenlehre die Rede ist, scheinen Denkpfade und spannende Aspekte auf. Diese Freunde im Wort helfen selbst bei der Diskussion „natürlicher Zahlen“. Diese Zahlzeichen spielen in meinem Leben kaum eine Rolle, außer ich muss etwas zählen oder bezahlen. Dennoch bringt die Diskurswolken dieser Φίλοι mir über mathematische Begriffe, gepaart mit der Bewegung, dem Werden, das Konzept der Grenzen näher: „Verzögerung heißt, eine Grenze im Chaos zu ziehen, die von allen Geschwindigkeiten unterschritten wird, so daß sie eine als Abszisse bestimmte Variable bildet, die man nicht überschreiten kann (etwa ein Maximum an Kontraktionen).“ (1)… Und so fort. Der Grenzwert. Die Grenze, ein Funktiv wie die Variable; im eingegrenzten Raum, den die Wissenschaft erzeugt. Arbiträr. Territorialisierung, Deterritorialisierung und Reterritorialisierung zwischen funktionalen Begriffen (Zahlen?) der Wissenschaft und beweglichen Begriffswolken der Philosophie, der wie alles eine handelnd-werdende Versammlung (Assemblage) darstellt. Erneut denke ich an ziehende Wolken. Ich denke Kunst und Spiel.
Ein fluides Denken schwebt in meinem Geist. Es greift nomadisierend nach Horizonten auf Plateaus. Deleuze und Guattari sprechen vom All-Einen (2). In meinem Kopf verbindet und verweben sich die Begriffe. Das All-Eine wird zum Brahman der Upanischaden (3), in das sich unser selbst (Atman) nach uralter Lesart dereinst eingeht; wir uns auflösen, entgrenzen werden. Über den leeren Raum schweife ich zu den Begriffsbrüdern Anatta und Anicca des Buddhismus. Alles ist im Werden, okzidental gesprochen „universell“. Jedoch ohne Fixpunkte, Transzendentalien. Begriffe, die sich in einem feinen Gespinst von All-Verbundenheit verknoten und zugleich wieder neu verbinden. Wir können sie als Variable, als mögliche Container nur kurz fassen (Grenzwerte), bis sie uns entgleiten. Ein wunderbares neues und zugleich uraltes Denken, dass immer wieder versucht, unser Klammern an feste Dinge (auch Zahlen) mit ihren scheinbar fassbaren Grenzen aufzulösen. Ein Denken, das erlebt, praktiziert werden möchte, um sich in der Leere zu zeigen. Heraklits πάντα ῥεῖ ! Das Yogi Siegel aus Mohenjo Daru! Atem, Prana und Ki, deren Begriffe so kraftspendend wie leer sind. Die Körper-Geist-Einheit muss sie gelebt, wir uns entgrenzt haben. Ohne deren Energie und ein kreisendes Ein und Aus stetigen Atemflusses ist kein Leben. Fließender Austausch.
Durch dieses Denken stellt sich alles fest geglaubtes, speziell in Bezug auf ein Festhalten (Besitz) in Frage. Denn wer besitzt schon mein Leben? Ich? Wo ist mein Trauma? Im unergründlichen Unbewussten? Woher kommen meine Gedanken? Von mir? Wo ist eine Wahrheit? Mal hier mal dort, mal fest, mal ein im Nebel ungreifbarer Schemen… Von Ast zu Ast schwingende Affen, die im Dickicht des Urwaldes davon gleiten, bis ihre letzten Rufe verhallt sind. Ziehende Wolken…

(1) Deleuze, G., Guattari, F. (1996) Was ist Philosophie? Suhrkamp (S. 136)

(2) „Als vorphilosophisch oder gar nicht-philosophisch jedenfalls setzt die Philosophie die Macht des All-Einen, und zwar als wandernde Wüste, die von Begriffen besiedelt wird.“ (ebenda S. 14)

(3) „Das Universum kommt aus dem Brahman hervor und wird zu Brahman zurückkehren. Wahrlich alles ist Brahman.“ Chandogya-Upanischad in Easwaran, E. (2008) die Upanischaden. Arkana, München (S. 243)

Sanft

Schwebend driftend, ohne Hast, voller Ruhe. Leicht, fast schwerelos, sanft sich drehend. Ein unmerklicher Hauch reicht. Das fedrige Gespinst torkelt vor meinem Gesicht. Ich atme; ein, dann aus. Wie ein flüchtiger Gedanke verweht das den Lungen entstömende Pneuma den Samen, der sich weder für eine Richtung, ein Oben oder Unten zu entscheiden vermag. Ein wager Hauch streicht von nirgendwoher durch die saftige ergrünende Vegetation. Strahlend blickt der Frühlingshimmel auf uns herab. Der Samen beschleunigt leicht, um dann seine Reise mal hier, mal dorthin fortzusetzen. Erneute Windstille. Langsam beginn das leichte, hellweiße Bällchen abzusteigen. Der sattfeuchten erde entgegen. Ein Lächeln steigt in mir auf. Eine tiefe Zufriedenheit, während mein schweifender Blick dem wolligen Punkt folgt.
Ich frage mich, was aus dem kleinen schwarzen Kern werden wird. Kann sein Grün sich dem Himmel entgegenstrecken? Schafft er es, inmitten all der Konkurrenz, die um uns herum tanzt, sein Ziel zu erreichen? Mit all den Myriaden taumelnden Wattebäuschchen, durchschwirrt von der hektischen Betriebsamkeit der Insekten, zieht er seines Weges. Langsam, schweigend, bedächtig. Wie auch ich. Verbunden mit der Welt in ihrem steten Werden auf immer gleichen Pfaden

Philos

„Es sind zwei Freunde, die sich im Denken üben, das Denken selbst verlangt, daß der Denker ein Freund ist, damit es sich in sich selbst teilen und ausüben kann. Das Denken selbst verlangt diese Aufteilung des Denkens unter Freunden. Das sind keine empirischen, psychologischen und gesellschaftlichen Bestimmungen mehr, noch weniger Abstraktionen, sondern Früsprecher, Kristalle oder Keime des Denkens.“ (1)

Ich schwirre zwischen Immanenzebenen, versuche dem transzendentalen Sog zu umgehen. Wie Wirbelstürme verfestigen sie das Denken und verlieren das Werden, die Vergänglichkeit, der wir uns stellen müssen. Wie schön Denkfreunde zu haben, die den Weg geleiten, anregen, motivieren. Spiegel, die in einer Falte des Plateaus die kurzen Sekunden einer sich zugleich auflösenden Wahrheit zeigen. Blitzlichter, die Begriffe schaffen und zerstäuben.
Mir deucht, ein altes, uraltes Wissen. Im monolithischen Westen vergessen, nicht geübt. Dabei ist es so einfach, so banal. Im Hin und Her des Spiels bliebt nie etwas so, wie es erscheint. Alles ist immer anders. Selbst im unendlich kleinen Moment. Die Allverbundenheit, das zeitlose All-Eine. In ihm ruht die Möglichkeit zur Gelassenheit. Dem Zulassen, sich darauf-ein-lassen. Eins werden, ohne sich zu verlieren. Ja, die Welt erscheint paradox. Sie ist in sich paradox. Wie in diesem Zustand zu leben möglich ist, haben schon die alten Chinesen oder Inder begriffen. Im nicht-denkenden Denken, jenseits jeglicher Begriffe. Die Vergänglichkeit der symbolisierten Gedanken betrachten und und im selben Moment loszulassen ist eine Kunst, die geübt werden möchte. Wie die Lücke zwischen den Perlen der Perlenkette, die es immer weiter auseinanderzuziehen gilt. Bis wir deterritorialisiert das Ewig-Eine Territorium des werdenden, seienden Scheins durchwabern. Sich selbst, den Denkfreunden und der Welt ein philos sein…

(1) Deleuze, D.; Guattari, F. (1996) Was ist Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt a.M. S. 79

Teleologie

Heute habe ich mit den Krokussen geatmet. Zart sind ihre ersten Blüten, die sich zwischen den vertrockneten Überresten des letzten Herbsts, in der frischwürzigen Luft des Frühlings, den weichen Sonnenstrahlen entgegenstrecken. Jeder Aufbruch lässt uns nur zu gerne ein großes Ziel vermuten. Die feingefärbten, vergänglichen Blüten zeigen hingegen, dass jegliche Ziele Illusionen darstellen. Das Aufblühen von heute stellt das Welken von morgen dar. Genährt vom zersetzten Erblühen und vergangenem Verfall des letzten Jahres. Ein ewiges Werden und Vergehen, ein unablässiger Kreislauf. Nie werden wir wissen, wann, wie oder ob überhaupt etwas jemals endet.
Die Teleologie wiederum, das Denken in Zielen, ist trotz dieser simplen Erkenntnis unendlich mächtig. Er hat sich in die dunkle Erde, speziell das okzidentale Denken eingegraben wie die mächtigsten Wurzeln. Diese dunkel verdeckten Hölzer wuchern in unserem Geist, haben sich im scheinbar festen Mutterboden verankert. Wie ein Evangelium wird es uns modernen Menschen eingebläut. Es predigt davon, etwas zu werden (was bitte?), etwas zu sein (was bitte?). Es flüster davon, Dinge haben zu wollen, zu besitzen (wieso?), zu gewinnen oder zu den Gewinnenden zu gehören (warum?)…; kurzum immer weiter voranzustreben. In der Hoffnung ein mächtiger, ewigbeständiger Baum zu sein.
Wie tief diese Subjekt-Objekt-Ideologie unser Gehirn, unseren Geist durchdrungen und zersetzt hat, lässt sich unschwer in der Meditation erkennen. Es bedarf konzentrierter Anstrengung und Übung, den ein- und ausgehenden Atem in seinem vergänglichen Sein wahrnehmend zu genießen. Zudem fokussierte, unwillentliche Willenskraft, um den unendlichen Strom von zielgerichteten Gedanken sich verflüchtigen zu lassen. Gedanken, sie sich zumeist um zu lösende oder zu erreichende Dinge drehen. Seinen sie noch so klein, noch so groß. Mit ihren Bildern und Imperativen kommen und gehen die mit ihnen verbundenen Sorgen, Ängste, Wünsche, Hoffnungen.
Doch was ein Genuss, wenn der Geist in der Leere verweilen darf. Frei von allen Ansprüchen und Anrufungen, die uns täglich vorgaukeln, was wir alles Benötigen; wer wir sind. Bei der Freude, in der Betrachtung der Krokusse löse ich mich auf. Im Jetzt. Bis sich die Ziele erneut drohend melden. Es ist ein langer Weg, dessen Ende nie erreicht werden wird. Nicht in diesem, endlichen Leben, das alsbald vergehen wird.

Unscharfes Denken

Das die Sonne scheint, ist eine Wahrheit. Klar und hell fallen ihre Strahlen auf meinen Körper, die Welt, in die mein Auge schaut. Dann die Wolke, ein weicher Flaum, der sanft über das Antlitz des Lichtgestirns zieht, es verdeckt. Der erste Eindruck löst sich auf, wird obsolet. Ich sinniere. Die Wandlung, die Verdeckung geschieht nicht unmittelbar, entlang einer scharf gezogenen Grenze. Sanft und zart schoben sich die ersten, nebelig-fransigen, sich selbst verändernden Ausläufer über die Lichtspenderin. Bis das direkte Licht gänzlich verborgen zu sein scheint. Trotz der Verdeckung strahlt sie weiter. Erhellen ihre Reflexionen indirekt die Welt. Nur, sie ist, wie ich es empfinde, nun etwas graublauer, weniger strahlend. Erst wenn die Nacht sich in wunderrotverzaubertem Wolkenmuster langsam um uns legt, wird es dunkel werden. Die Sonne wird weiterziehen, so spricht der Eindruck. Doch wir Heutigen wissen, das es die Erde ist, die sich um sie dreht.
Egal, das Gestirn schleicht stetig über den Horizont, verdunkelt den einen Bereich, erleuchtet einen Anderen. An jedem Ort, der sich ihr zuwendet, wird sie erneut einen Tag voll Wärme und Licht spenden. Tage, die mal so, mal so lang sind. Immerfort strahlt sie, verbrennt sich selber, löst sich langsam auf. Langsam, sehr langsam. Das sagt die Ansicht der armen, kurzlebigen Würmchen auf diesem irdenen Ball in der unendlichen Weite des Universums. Wo sind die Grenzen? Die klaren, fest geglaubten Objekte, Zustände und Gedanken? Alles fließt. Jeglicher Glaube an feste, ewige Wahrheiten ist eine Illusion, die vom Werden aufgehoben wird. Dialektik in Aktion, Sein in beziehender Bewegung.
Ebenso verhält es sich mit allem fest und unumstößlich gedachten Meinungen. Selbst die der reinen Mathematik oder der berechnenden Physik lösen sich in unscharfen, trüben Seen auf, in die das Denken kaum vorzustoßen vermag. Ich habe keine Ahnung von Mathematik. Dennoch höre ich von den „ungelösten“ Problemen dieser Wissenschaft oder vom „Gödelschen Unvollständigkeitssatz“, nach dem gewisse Annahmen weder bewiesen noch widerlegt werden können. Genauso in der harten, faktischen Physik, die bei Heisenbergs „Unschärferelation“ ins Teilchenwolkenschwimmen gerät. Materie wird/ist Energie wird/ist Materie. Was nun? Wie die Sprache, die es in ihrem unendlichen Wabern dennoch vermag zwischen den Zeilen von Wahrheiten zu künden
Die Unschärfe, das Ungefähre ist der Kern der Möglichkeit, immer wieder anders zu denken. Weg von den alltäglichen „Feststellungen“ die wir treffen, Neues behaupten; zu Meinen. Die „doxa“ (δόξα)(1). Sie leiten uns in die Irre. Was bleibt ist das Denken der Unschärfe in der „Vergäglichkeit“ des „Werden“. Das Denken in Beziehungen zu Welt. Mit dem Blick, auf das „Dazwischen“, weg von den Objekten. Solches Denken schafft Verbindungen, öffnet Horizonte.
Wo fängt mein Körper an? Wo beginnt die Welt, von der ich meine, dass sie ihn umgibt? Wo ist meine Identität, die eben doch so anders war. Wieder fällt mir Nietzsches Dividuum (2) ein. Oder Rimbauds Violine (3). Zu oft behaupten Gedanken Beständigkeit. Eine Beständigkeit, die sich so langsam wandelt, dass sie, wie die Sonne, fest erscheinen. Genauso wie mein „Ich“. Dennoch, ein Blick in den Spiegel und das Fotoalbum genügt. Dieses „Ich“ war eben und gar erst vor Tagen ein gänzlich Anderes. Ganz zu schweigen von den Bildern, aus denen heraus mich ein kleiner Junge fröhlich angrinst. Wolkig-emotionale Erinnerungen verbinden sich mit dem Bild. Der Eindruck, das Gefühl ist kaum in Worte zu fassen. Jede Behauptung wäre zu fest, zu starr. Scharf und unscharf zugleich.

(1) vergl. Parmenides und das Höhlengleichnis von Platon. Zudem der Musenaufruf Hesiods zur Wahrheit.

(2) Nietzsche, F. (1878) Menschliches, Allzumenschliches; erster Band, zweites Hauptstück 57.

(3) „Ich ist ein anderer. Umso schlimmer für das Holz, wenn es sich als Geige wiederfindet, und Hohn über die Ahnungslosen, die über das rechten, wovon sie nicht das Geringste verstehen.“ (Rimbaud A. (2002) Sämtliche Dichtungen. dtv, Seherbriefe 369)

Materialisten

Eine vielversprechende Diskussion über Grenzen lockt uns ins Internet. Das Zoom-Fenster öffnet sich; ein Text leitet ein. Dann, im Rahmen der Einleitung fällt mein Blick auf das Wort „materialistisch“ (1). Ich bemerke, wie ideologische Kälte meinen Magen zusammenzieht. Die Begriffsauslegung, die mir hier entgegenstrahlt, ist mir allzu bekannt. Es riecht nach verstaubtem „orthodox marxistischen“ Kontext. Er verweist, wie eine metallene, starre Leitplanke auf den ideologischen Überbau des Denkansatzes, der den Diskurs von Vortrag und Diskussion leiten wird. Meine Zehennägel rollen sich hoch. Ich spüre ein leichtes, emotionales Gruseln; das kann nicht gut werden. Die Denkautobahn ist, bevor das erste Wort fällt, asphaltiert.
Mein ganzer Körper spürt den mentalen Beton. Betonmarxisten. Ein in beton gegossener Begriff, der auch anders gedacht werden kann. Die Gespenster, die nach wie vor umgehen. Ideologiezombies. Fremdschäme ich mich für die, in diesen ausgefahrenen Gleisen argumentierenden Menschen, die sich vor prall gefüllten Bücherregalen präsentieren? Ideologen, deren Gehirn so erstarrt sind, wie eben dieses Baumaterial, dass metaphorisch für Vorstadt-Ghettos, Autobahnen, AKW-Kühltürme, Bunker und all den Wachstumswahn steht.
In einer Vision sehe ich den Materialisten, wie er auf einem mittelalterlichen Turm verzweifelt eine festgehauene Zinne umgreift. Den kalten Stein förmlich knutscht. Wie er sich mit letzter Anstrengung an ihn klammert. An das entgleitende Objekt seines Begehrens gebunden – während ein Erdbeben nach dem Anderen die Geisteswelt erschüttert. Argumentative Steine und Staub stürzen durcheinander. Sammel sich als Schutt auf dem Boden. Nichts bleibt, wo es vorher war. Dennoch, er vermag es nicht loszulassen, klammert sich frenetisch fest, wo ein anders Bewegen doch so einfach wäre. Er stürzt mit ab, wird von Staub bedeckt. Freudig und blind wie Scrat aus Ice Age, der als philobatisches Objekt seine Eichel umklammernd ins Verderben gerissen wird. Comic relief…
Durch ihre verschrobene Maske aus Wortbeton hindurch merken sie nichts. Haben nie erfahren, wie sanft und glatt, sperrig und fließend, rauschend und vieldeutig Begriffe und Sprache sind. Klammern sich an festgegossene Erklärungsschemata, welche die Zeit als Ruinen überdauert zu haben scheinen. Ich seufze innerlich. Denke an meine eigenen Ruinen. Wie schwer es war, sie abzureißen und in fruchtbares Diskursland umzuwandeln. Immer wieder. Doch ich habe erfahren wie erbaulich, lustvoll es ist, sich Werdend anderen Denkhorizonten zu öffnen. Ein geistiger Nomade zu bleiben. Der Welt in ihrer Vielheit – und Fremdheit – bis hin zur Befremdlichkeit zu lauschen. Ich danke dem „Materialisten“, dass er mich an diese, nicht leichte Aufgabe erinnert hat. Vielleicht hat sein Ruinendenken doch einen Sinn.

(1) Heidegger schreibt in seinem Aufsatz „Über den Humanismus“ ((2000) Frankfurt am Main, Klostermann) folgendes; „Das Wesen des Materialismus besteht nicht in der Behauptung, alles sei nur Stoff, vielmehr in einer metaphysischen Bestimmung, der gemäß alles Seiende als das Material der Arbeit erscheint.“ (S. 32)

Schnee und Hegel

„Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt. –“ (1)

Sanft stürmen rauschen flauschige, weiße Bällchen vom Himmel, bedecken alles. Sammeln sich in Astgabeln, lassen den Himmel in ihrem Getaumel verschwinden. Eine rastlose Ruhe, ebenso erhaben wie die Lektüre Hegels. Sinnierend, schauend, klar und verwirrt zugleich. Meine Aufmerksamkeit schwankt von der Naturschönheit zum Text und zurück. Taumelt, wird, wie Hegel es formuliert, zerrissen. Begriffe bilden sich und vergehen, ebenso wie die Sinneseindrücke. Sie sagen nichts, als das, was ist. Im ewigen Werden, dem Hin und Her der spielerischen Entwicklung. Zug für Zug in immer neuen Runden. Ich denke an Nietzsches „Ewige Wiederkunft“, die ihm im Hochgebirge am Stein beim See zufiel. Mein Geist arbeitet, Begriffe formen sich und vergehen, manchmal bringe ich ihn zur Ruhe. Entspannt schaue ich auf das wilde Treiben der Schneeflocken und atme langsam die wohlige Wärme des Schweigens.

(1) G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, aus der Vorrede

Jahreswechsel

Verstrichen, ein Jahr. Ich denke an Heideggers Feldweg. An den Baum, unter dem er sinnierte. Die Zeit zeitigt sich auf die immer gleiche Weise, ohne dasselbe zu wiederholen. Mannigfaltiges hat sich gelichtet, ist in meine Augen, meine Sinne, meinen Geist gefallen; hat ihn vorangetrieben, in der Änderung noch mehr Änderung bewirkt. Die Gedanken bewegen sich immer. Nehmen den neuen Geist der Freiheit wahr. Beweglicher ohne das Korsett der Lohnarbeit. Es gibt so viel zu tun, so viel zu denken, so viele Gedanken zum Schweigen zu bringen.
In sich ruhen, im Auge der um mich herumwirbelnden Luft. Der Winterwind treibt den Nebel von einer Ecke in die Andere, die Welt verschleiert sich, um sich erneut zu entbergen; zu verbergen. Baumgedanken werden entwurzelt und öffnen den Boden für neues Sinnen – ohne zu denken. Als der Baum stürzte flohen die Affen. Lasst sie schweigen, wie die Exceltabellen, die Rufe der Getriebenen, die in blinder Betriebsamkeit versuchten auf das morschen Gehölz zu klettern. Treiben lassen, driften, entleeren, träumen. Die Liebsten genießen, deren Wärme spüren und Wärme geben. Bis zum ewigen, kalten Schlaf, der in seiner Unerbittlichkeit heranschleicht. Jeden Moment auskosten, wie immer er sich zu präsentieren mag. Eine der schwersten Übungen für das nächste Jahr.