Brandung

Das beruhigende Branden der sich ewig bemühenden Wellen nimmt kein Ende. Sie begleitet mich vom Aufstehen, dem ersten Strandgang, dem Bad. Bis ihr rollender Rhythmus mich sanft in den Schlaf sinken lässt. Es scheint so, als takten sie selbst die Worte, die ich schreibe.
Langsam erheben die Wellen sich aus der Weite des Meeres. Sie begegnen still und sanft dem Blick. Dann, ein anderes mal, türmen sie sich zu kleinen Bergen auf, sobald die innere Kraft der See sie zum Ufer hin treibt. Oft donnern sie schmetternd an die Felsen. Bald treffe sie wieder sanft wiegend und gluckernd an den flachen Sandstrand. Die unsichtbare Energie, die sie antreibt, die unheimliche Physis kommt aus den Tiefen des Ozeans. Ein unendliches Potenzial. Es wird ewig so weitergehen, solange die Erde sich dreht. Egal ob ich mich von ihnen sanft schwebend tragen lasse oder nicht mehr da bin. Die in ihrem Rhythmus dahingleitende Zeit zernagt die Felsen, spült den Sand, die zersplitterten Schalen der Meerestiere hin und her. Stetig, beständig, immer anders.
Nicht mehr da zu sein, kann vieles bedeuten. Wie in der Metapher von der Uhr ohne Zeiger in Murakamis „Die Stadt mit ihrer ungewissen Maurer“ zeitigt sich Zeit aus sich selber. Wenn ich die Wellen nicht mehr höre, weil ich ins Binnenland fahre, mich auf den Heimweg in den Norden begeben habe oder gestorben bin, wird ihr Orchester weiterspielen. Werde ich dann Wellenenergie? Treibe meine Myriaden Einzelteilen mal hier, mal dorthin? Von den Wellen lernen heißt leben lernen.

Ende und Anfang

Die Kraft der See verbindet sich mit den Wolken, den beharrlichen Felsen und dem Leben spendenen Licht der Sonne. Ich bin – da.
War es vor drei Jahren eine leichte Gischt, die auf der Insel von der Freiheit kündigte, ist es heute ein warmer Sturm. Die brausenden Wellen fegen den Kopf frei. Zeit zeitigt sich, als wenn die Uhr auf der letzten Strecke kurz verharrt, um dann wie die rollenden Wellen auf ein unbestimmtes Ziel zuzulaufen. Als wenn ich ungezielt durch die Welt driften würde, deren Gischt, deren Nebel mal dichter, mal weniger dicht sind. Alles trifft sich in einer endlosen Ruhe.
Neue Rhythmen werden sich mit den Alten vermählen. Ohne die Fixpunkte, die mich im Arbeitsleben immer wieder auf den Rasterpunkten der Zeit, in fremdbestimmten Kalendern und zu sinnlosen Ereignissen zwangen. Ein eigener Rhythmus tut sich auf und tut dem müde-frischen Kopf gut. Driften ist aktiv, tätig sein. Sei es durch den sich leerenden Blick in die Weiten des Ozeans, die konzentrierte Fokussierung auf ein würdevolles, sinnstiftendes Gespräch, die Lektüre… oder die gefühlt sinnlose Tätigkeit, die nichts zu schaffen scheint. Wu Wei.

Meer

„Eine Welle kann hoch oder flach sein, kann entstehen oder vergehen, aber die Essenz der Welle, das Wasser, ist weder hoch noch flach, ist weder entstehend noch vergehend. Alle Kennzeichen wie hoch, flach, entstehend, vergehend berühren nicht das Wesen des Wassers.“ (1)


Es brandet unablässig an den feinkörnigen Strand. Selbst die zarteste Welle zermahlt geduldig und sanft die umspülten Felsen, gluckert gelassen vor sich hin. Doch so manche stürmt mit der Wucht einer galoppierenden Elefantenherde an die Gestade. Der Ozean ist eine Metapher für alles, was ist und wird. Er ist nie beständig im permanenten Vergehen. Dennoch ruht die See scheinbar fest im schweifenden Blick. Was ein Lehrmeister (2). Alle Elemente, alle Sinne werden verbunden. Unendlich schillert ein tiefes blaugrün in rascher Farbfolge in den Augen, spürt der Körper die Gischt, riecht die Frische, vernimmt Gluckern, Branden und Grollen.
Am sonnenbeschienenen Ufer gibt er bei klarem Wasser den im Sonnenlicht schimmernden, wellengeformten, von Muscheln, Steinen und Tangresten durchsetzten Meeresboden frei. Die Felsen, an denen das Meer nagt, sind von versteinerten Muschelfragmenten durchsetzt. Sie zeugen vom ewigen Kreislauf des werdenden Seins. Wie jede Welle, die sanft vom Wind getrieben oder aufgepeitscht schäumend rumpelt, sich in der Weite des Ufers auflöst. Die See, eine träge ruhende und bleibende Einheit aus Wasser. Wasser, der Quell des Lebens, dessen Kreislauf alles nährt. Eingebettet in die Elemente. Die Wärme der Sonne lässt mit Hilfe des Windes die Meerespartikel wie einen taumelnden Möwenschwarm in den Himmel aufsteigen. Der Mond und all die anderen Kräfte, welche die Welt durchwalten, ziehen und treiben die Wasser mal hier und mal dorthin.
Am Meer zeigt sich nicht nur die Weite des Universums, sondern ebenso die runde Form der Erde. Am gebogenen Horizont treffen sich Uranos und Gaia in der Schönheit einer Aphrodite, deren Tochter, aus ejakuliertem Meeresschaum geboren wurde. Wie ein Kiesel zwischen mächtigen Felsen der Mensch; klein und vergänglich, den Elementen preisgegeben. Nur eines der Myriaden lebender Wesen, welche die Welt bevölkern. Selbst die größten Tiere, die Wale, erscheinen gegenüber der nicht fassbaren Weite des Meeres hilflos und klein. In deren Tiefe oder am Ufersaum spielend, von der See aufgezogen, angezogen, aufgesogen und manchmal ausgespuckt; umspült und genährt. Das Meer gibt Nahrung und Tod. Ist Ort der Sehnsucht und der Angst, wovon schon die alten Griechen auf ihren Triremen, die sich nie weit vom Ufer zu entfernen wagten, sangen. Die in der sanften Brandung um ihr überleben kämpfende, frisch geschlüpfte Schildkröte, der tote Fisch am Ufersaum, das wimmelnde Leben bis in die dunkelste Tiefsee.
Das Meer, die See, der Ozean, der große Lehrmeister. Es lehrt Geduld und Achtsamkeit, Ruhe und Zufriedenheit. Vor allem aber diese zu bewahren, selbst wenn der Sturm die Wassermassen aufpeitscht. Die Zeit vergeht. Spuren des Jetzt werden unabänderlich getilgt. Jede Welle löscht die Vorherigen aus, zeichnet die Ihrigen. So spricht der eherne Fels. Einst selbst sandiger, von Muschelresten durchsetzter Meeresboden, den die Brandung Millimeter für Millimeter schleift.

(1) Hanh, Thich Nhat. Das Wunder des bewussten Atmens (S.66-67). Arkana. Kindle-Version.

(2) Lehrmeister ist ein männlich gelesener Begriff, auf den ich nicht verzichten mag. Ich lese ihn geschlechtsneutral. Dennoch hab ich auf Sternchen verzichtet, da sie den Lesefluss stören. See ist weiblich, Meer neutral, Ozean männlich…

Gestrandet

Wie durch den sanften Schlag der Wellen ein Stück Treibholz wurde ich erneut an bekannte Gestade gespült. Auf meinem Stein vernehme ich das Gluckern und Gurgeln des warmen Meeres. Friedlich glimmert es nach dem gestrigen, kurzen Sturm in der Morgensonne. So schnell wie sich das Wetter beruhigte, so langsam gleite ich in eine zufriedene Ruhe. Ausatmen dauert immer länger wie das Einatmen. Die Jahre der Lohnarbeit liegen hinter mir und wollen abgeschüttelt sein. Nein, langsam ins Vergessen gesogen werden, wie der zurückströmende Sog der Wellen, die ein momentanes Phänomen im immergleichen und zugleich immer anders werdendem Meer sind. Auf dem Stein sitzend bin ich Stein und Wasser zugleich.
Die mit jedem Atemzug austretende Feuchtigkeit verbindet sich mit der weiten See, deren Gischt durch den warmfrischen Wind getragen wird. Im Rhythmus der Welt saugt mein Körper die heilende Luft ein, nährt sich von der Kraft der Natur. Ich komme zu mir, zur Welt. Die Welt kommt zu mir. Ewiges Werden im ewigen Wechsel. Alles gleich und doch immer anders. Mal wieder. Gerne beuge ich mich dem Rhythmus des Gewöhnlichen, richte mich in ihm ein. Zentrierend. Ein langer weg, so lang wie die Kraft, welche Wind und Strömungen antreibt. Zeit die alles wie mit kräftigen oder plätschernden Welle durch den unendlichen Raum treibt. Ich bin Teil, alles ist verbunden

Klein statt groß

„Das Zuhören hat mich der Fluß gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen. Er weiß alles, der Fluß, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch du hast schon vom Wasser gelernt, daß es gut ist, nach unten zu streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen.“ (1)

Gemächlich zieht das grauspiegelnde Wasser seine Bahnen. Ablaufend gibt es mehr und mehr des sonst verborgenen, schlickigen Grundes frei. Ein Reiher fliegt, die Flügelspitzen bei jedem Schlag knapp das Wasser berührend, dynamisch mit klarer Haltung zügig auf ein unbekanntes Ziel zu. Der sonnenbebrillte Typ mit Bun taumelt, in der einen Hand seine Bierdose, in der anderen einen Gartenstuhl, an seinen Platz. Eine Gruppe durchflügt, geführt vom Trainer im Kajak, die trübe Elbe. Mit dumpfem Wummern zieht die Schaluppe mit den Chillenden und tanzenden Ravern vorbei. Jemand hört mir zu, ich entspanne mich. Der angetrunken lustige Showtyp verlässt seinen Gartenstuhl, inszeniert ein wenig obszön einen Furz, bemerkt das Loch in seinem Hemd und zerreisst es mit einem lustigen Kommentar. Dann verjagt er die Möwe und bittet er uns, die Musik lauter zu machen. Wir führen entspannte Gespräche. Über Banales und Tiefschürfendes. Die Sonne strahlt und lässt den Körper auf der Decke beim leckeren rote Beete-Sandwich schwitzen
Wie schön hier und jetzt zusammen an diesem Ort zu sein. Ja, wir wollten auf der Schaluppe tanzen. Es wäre ein größeres Ereignis gewesen. Wir sind ein wenig traurig. Aber warum traurig sein? Das banale Picknick an der weiten Elbe, mit Blick auf das überwucherte Boot, umbäumte Industrieanlagen bot so viele kleine Beobachtungen, die uns schmunzeln ließen. Warum immer das Große, den Event, wenn wir jederzeit Dinge eräugen können, die das Herz im Stillen lachen lassen. Manchmal auch ein wenig bedrückend. Wie über den engen Betondurchgang unter der Brücke, in der eine riesige Kolonie von gruseligen Kreuzspinnen bedrohlich ihre Netzegewimmel spann. Dazu die rasenden Radler, die uns fast zwangen, an das netzübersponnene Geländer auszuweichen. Was ein wundervoller Tag. Ein Tag, der, begleitet von schöner Musik und kleinen Ereignissen, einen tiefen Eindruck hinterließ.

(1) Hesse, H. (1986/1950) Siddharta. Klein und Wagner, Welsermühls, Wels, Österreich, S. 235

Ruhende Kontinuität

Ich lese bei Bregman, in seinem schönen, wohltuenden, positiven Buch über das „Gute“, folgendes Zitat. Es stammt aus einem Interview mit dem Gründer einer großen Firma, die in den Niederlanden die Pflege auf den Kopf zu stellen scheint: «Die Welt profitiert oft mehr von Kontinuität als von kontinuierlichen Veränderungen», sagt er. «Wir haben jetzt Veränderungsmanager, Change Agents und lauter solche Leute. Aber wenn ich mir die Pflege in den Bezirken ansehe, hat sich der Beruf in 30 Jahren kaum verändert. Man versucht, eine Beziehung zu jemandem in einer schwierigen Situation aufzubauen, das bleibt immer gleich. Natürlich kann man neue Erkenntnisse und Techniken anwenden, aber die Basis ist unverändert.» (1)
Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Pflege. Überall haben die stählernen und eiskalten Verwalter von Strukturen das Heft in die Hand genommen. Inhalte, Techniken und Nachdenken sind genauso wenig gefragt wie Langeweile, Ruhe oder Gelassenheit. In diesen liegt eine „Nicht“- Kontinuität – im Werden des Stillstands. Bedenken und handelndes Tun, wozu „nur da sein“ oder „füreinander da sein“ gehören sind zutiefst menschliche Eigenschaften. Mal wieder „Wu Wei“.
Dröhnend wie die Hämmer eines Hochofens brechen verordnete Reformen, über uns herein. Aktionismus, der in seiner Hitze mehr vernichtet als er schafft. Daher die Vorliebe der Change-Manger für Begriffe wie „Kompetenzfelder“ oder „Management“, denn diese sind so hohl wie die mechanischen Gehirne der Bürokratiemaschinen. Niemand scheint dies zu bemerken wollen.
Durch diesen Aktionismus einer hämmernden Maschine kommt es zu permanenten Kollateralschäden, wie die, dass „Erkenntnisse und Techniken“, also Inhalte nicht einmal mehr gesehen werden. Das Bestehende, dass sich im Werden aus sich selber ändert, denn nichts bleibt ewig gleich, wird unter Euphemismen zertrümmert und zerrüttet. Wie an meiner Hochschule. Laut wird dort zum Beispiel das Wort „Interdisziplinarität“ hohl in den Raum gebrüllt. Gleichzeitig werden langsam und kontinuierlich gewachsene interdisziplinäre Strukturen in ihre isolierten Kästchen zurücksortiert. Noch schlimmer, es werden Beziehungen zerstört und in ihrer Entwicklung behindert. Techniker und Designer, die sich über Jahre zusammenfanden, um inhaltsgesteuert zu arbeiten, werden in ihre althergebrachten Schubladen zurückgedrängt, oder drängen sich gar selber. Ich fürchte, sie werden in den Essen der Leitungen eingeäschert und zerschmolzen, bis ein langweiliger, disziplinärer Einheitsbrei übrig bleibt.
Denn Strukturen, in ihrer starren Raserei eisiger Bergstürze, sind Grenzen, die sie selber nicht wahrnehmen. Festzurren und Einkästeln im Namen der Beweglichkeit, der Kontinuität, die schon lange gestorben ist. Ohne zu bemerken, dass das Leben – lebt, wird, Beziehung ist. Das Leben überschreitet permanent Grenzen, sucht neue Horizonte. Wie der schweifende Blick in der ruhenden Leere. Der Blick, den keine menschengemachte Regel, keine Excel- Tabelle, kein Kompetenzfeld zu verbauen vermag; kein Management erlaubt.
Nur der sich im Horizont verlierende warmen Blick, manchmal durch etwas Glut der Wut angeheizt, vermag es die Eiseskälte der bürokratischen Systeme zu zerschmelzen; vermag es den kalten Stahl aus deren Herzen zu drängen, zu verflüssigen.

(1) Bregman, Rutger. Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit (S.304). Rowohlt E-Book. Kindle-Version.

Mairegen

Der letzte Maitag. Mit leichtem, chaotischem Rhythmus plätschert sanfter Regen in die sattgrünen Blätter. Ruhe in den Gedanken, Zufriedenheit, Frieden. Im Hintergrund der entspannte Rhythmus von Bedouin: „We are the Aliens from outer space, dancing on the human race“. Die Welt ist wunderbar. Tiefe und irritierende Gedanken streifen in der Weite des Horizonts irgendwo in den Weiten des Weltalls. Sie können mich nicht berühren. Sie haben Zeit. Wenn sie versuchen sich zu nähern, gehen sie im Rhythmus der Natur und dem entspannten Gesang unter. Alles kann warten. Alles wird.

Trauerweide

Beim täglichen Spaziergang frage ich mich, woher die Trauerweide ihren Namen bekommen hat. Strahlen ihre kleinen, frischen Blätter nicht schon früh gegen den grauen, verregneten Winterhimmel an? Rufen sie nicht in ihrem zarten Grün das Frühjahr herbei? Selbst durch den Nieselregen hindurch leuchten ihre filigran hängenden Ästchen mit den zarten Blättern wie Angelruten in Richtung des Gewässers.
Boten des schleichenden Wechsels, ein Ruf nach Sonne und Wärme, der sich alsbald erfüllen wird. Ich atme tief durch. Trotz der feuchten Luft schmecke ich das Voranschreiten, welches sich im Moment anschickt, die klamme Kühle des Winters zu vertreiben. Meine Mundwinkel verziehen sich zu einem sinnierenden Lächeln. Ich spüre die Steinchen auf dem Weg, wenn auch nur wage, während ich einen Schritt vor den anderen setze, ein Atemzug den nächsten ablöst. Wie die Jahreszeiten. Im jetzt. Es gibt nichts festzuhalten. In mir leben die Generationen, ich werde in den Folgenden aufgehen.

Was gibt es da zu betrauern?

Heckenfreiheit im Kopf

Heute Morgen erwärmt die karg glimmende Vorfrühlingssonne die frostige Luft. Mein Körper schwingt in sanften Bewegungen zu entspannten Rhythmen. Zwei dunkle Knöpfe über einer roten Brust äugen, aus der kargen Hecke heraus; verharrend und voller Neugierde in meine Richtung die Lage abscheckend. Das Rotkehlchen begrüßt mich, denke ich. Welch ein Wonnemoment. Was es denkt, empfindet, ist nicht zu erschließen. Dann setzt es seinen Weg in der Mitte der Hecke fort. Auf der Suche nach Futter? Einer Partner*In?
Der Kaffee dampft, die Gedanken fließen wie zaghafte Schleierwolken durch den eingeschränkten Horizont meines Bewusstseins. Wollte ich nicht über Freiheit schreiben? Ein sinnierendes „wozu“ füllt den schweifenden Geist. Es gibt so viele Freiheiten wie Moralen, so viele Grade von Zwängen und offene Horizonte. Die Natur, andere Wesen, die Macht des Körpers… Am engsten sind die, welche wir uns selber schaffen. Besser ausgedrückt, schaffen können? Schaffen wollen? Ja, da sind die Anderen, da ist die Welt. Wie das Rotkehlchen dieses oder jenes Körnchen pickt, diesen oder jenen Grashalm zum Nestbau sammelt, auf diesen oder jenen Ast springt, ist es mein Privileg mal so, mal anders zu handeln. Möglichkeiten und Limitationen zu suchen und zu finden, wahrzunehmen. Wie ein Vogel vermag ich es im Schutz der Hecke zu hüpfen – oder mich in die unendliche Weite der Lüfte aufzuschwingen. Freiheit ist Wahl aus den gegebenen, erkannten Möglichkeiten. Ein Plural, den ich in jeder Sekunde neu (er)finden muss. Nicht selten ist ein Abenteuer zu wagen, um den Horizont zu erweitern. Letztendlich finde ich meine Freiheit(en) nur in mir.
Das Rotkehlchen hat mir Zufriedenheit gegeben. Gleichmut bedeutet absolute Freiheit. Im Glück (Sukha) des Moments bedarf es keiner weiteren Gedanken. Keiner Philosophie über die Freiheit.

Begehren

Ich lese Lacan, denke, versuche zu verstehen. Dabei scheint es so banal. Andauernd begehren wir Dinge. Weil die Anderen sie begehren. Weil Andere wollen, dass wir sie begehren. Ab der Geburt werden wir angerufen, diese ebenfalls haben zu wollen. Gegenstände, Menschen, Kontakte, Nationen, Reichtum, Image, Ansehen, Titel, Geld, Erlebnisse… Unsere Hände werden feucht, wenn Andere etwas haben, was wir zu wollen meinen. Schlimmer noch. Durch jedes Objekt appellieren die Anderen an uns, etwas zu wollen. Stopfen uns mit Sehnsüchten voll. Usere Begierde ist die der Anderen. Verinnerlicht. Ohne diese Dinge vermeinen wir nicht vollständig zu sein.
Ein ungezügelter Appetit galoppiert durch unseren Geist, setzt sich in den Gedärmen fest. Er schreit nach mehr; wuchert. Möchte alle Leerstellen füllen, die wir vermeinen zu haben. Schon längst gesättigt stopfen wir mehr und mehr in uns hinein. Ein in wörtlichem Sinne tödlicher An“spruch“. Wir bemerken nicht, das wir schon lange geplatzt sind. Die geglaubte Fülle ist die eines reifen Abszesses. Der von Begierde verseuchte Eiter quillt über die Erde. Sie stöhnt unter den beton- und plastikverseuchten Schritten der Menschheit.
Alles nur, um dem großen Anderen, den verinnerlichten Blicken – ja von wem eigentlich – zu genügen. Sind wir passend gekleidet? Wohnen wir am richtigen Ort? Ist unsere politische Meinung genehm oder gar die erwartete, passende Provokation? Verhalte ich mich so, wie die Eltern, Freunde, oder Lehrer es erwarten? Die Liste ist unendlich. Doch nichts vermag die innere Leere zu beseitigen, die sich im Eventlachen oder Fremdschämen zu Hause fühlt. Eine Leere, die große Frage, mit der wir geboren wurden. Die wir stets nur allzugerne verdrängen: Wer bin ich? Die Leerstelle, die wir mit all dem Lob, all der Anerkennung, all dem Plastikquatsch zu füllen versuchen.
Eine Meinung besitzen, Dinge zu besitzen hat nichts mit „Sein“ zu tun. Hat nichts mit Haltung zu tun. Das einzige was für mich zählt, ist zu versuchen eine Haltung zu erlangen, die den Blicken der Anderen, meinen Blicken genügt. Eine bewegliche Haltung, die all den Ansprüchen in ihrer Flexibilität standhält. Genügsam sein bedeutet, das zu akzeptieren, was nicht perfekt zu sein scheint; vertrauensvoll und liebend in die Welt zu schauen. In ihrer beweglichen Mitte zentrier zu bleiben. Lücken zuzulassen. Bei uns selber. Einem Selbst, dass immer wieder anders ist, wird. Das darauf schaut, wie die Zeit an uns vorüberstreicht, die Wesen und Menschen vorbeiziehen, vergehen um neu zu erstehen. Wie wir selber. Alles ist Vergänglichkeit im Werden.
Es ist an uns zu üben, nicht mit dem dämlichen Plastikgrinsen der bunten Figuren, die stumpf in die Welt starren, auf diese zu schauen. Zu lernen nicht leer wie die meisten Menschen, auf ihrer vergeblichen Suche nach Inhalten, mit trübem Blick auf die Arbeit, durch die Warenhäuser und Reisebüros zu schleichen. Sie kämen ihrem Ziel näher, wenn sie bei sich blieben. Wild tanzen oder schweigsam ihren Atem betrachten würden. Für sich, ohne darauf zu achten, was die Anderen denken. Meintswegen nackt.
Ich betrachte die Vögel in der kahlen Hecke. Suchend, pickend, plusternd, flüchtend. Flüchtig.