Wut und Utopie

In einem Gespräch habe ich viel Wut gespürt. In den Worten, Gesten und Blicken versuchte sie zu mir herüberzukriechen. Sie war nicht laut, aber vorhanden. Es ging um Politik.
Ich bemerkte, dass ich den meisten Ärger empfinde, wenn sich ebendiese Wut ihren Weg durch die Eingeweide zum Hirn bahnt. Laute Wut um einen herum ist zumeist recht einfach zu vermeiden. Weg gehen, ausschalten, ignorieren oder ruhig atmen. Wenn mir diese, zumeist politische, militante Wut, die oft ruhig daherkommt begegnet, hilft neutrales Betrachten. Bevor die dunklen, aufsteigenden Wolken drohen zu Hass zu werden. Es ist nicht schwer ruhige Position dagegen beziehen, gestützt – vom Atem. Begreifen, dass diese Wut aus Leid entsteht, schlechten Erfahrungen und anderen Ungleichgewichten in den Menschen. Reden hilft auch. Ruhig bleiben, zuhören, die Wut aufnehmen, einmal kreisen lassen, spalten. So besteht zumindest die momentane Möglichkeit, sie im Jetzt verpuffen zu lassen. Eine schwere Übung, eine gute Übung. Fällt mit zunehmender Praxis immer leichter.
Auch die Wut in mir ist an sich recht einfach zu besiegen. Speziell, wenn der Körper nervt. Ich muss sie nur erkennen. Am besten in ihren Ursprüngen. Diese Wut ist wie ein Schnupfen. Desto leichter und unscheinbarer sie sich einschleicht, desto besser zu kurieren. Vielleicht spontan in einem kontrollierten Schrei. Konzentrierter Atem, der die Spannung bricht, dem Entspannung folgt. Totale Entspannung ist jedoch Illusion. Es geht darum, in einen guten Rhythmus einzutreten, im Jetzt zufrieden zu sein.
Kern ist, die Herkunft jeglichen Unwohlseins zu ergründen. Dies bedarf viel Übung, Konzentration und Willenskraft. Auch Musik machen, Schreiben, Sport etc. sind Möglichkeiten Emotionen, speziell die Negativen zu untersuchen; sie abzuladen, durch sie hindurch zu gehen. Wie schön ist es im Jetzt zu sein, einfach zu gehen, zu schauen, da zu sein. Utopia Now. Ohne Wut, Hass, Neid, Begehren und all dem Plumquatsch dunkler Wolken im Geist. Wenn ich dies schaffe, lebe ich in einer realen Utopie. Wo auch immer ich bin.
Mit Wut und Hass – gerade der Wütenden und Militanten – wird jede Utopie dunkel und trübe. Das zeigt leider die Geschichte – gerade der emanzipatorischen Bewegungen.