Verfall: Strategische Perspektiven

Ich blicke ich aus der Ferne auf die Welt der Arbeit. Kafkaeske Schnipsel erreichen mich über die elektronische Post. Mein Körper signalisiert, sie haben nichts mit Glück zu tun. Er kommentiert mit Unwohlsein die („Finanz-“) Not des Systems. Einer Not, welche die freudige Tätigkeit in meinem „Traumjob“ in Teilen zu stupider, hirnloser Arbeit degradiert.
Wie immer, wenn es einem an Glück mangelt, man mit dem Jetzt hadert, lässt man sich beraten. So auch die Institutionen. Unternehmensberatungen oder „Coaches“, was das Gleiche ist, sollen helfen, die Probleme zu beheben. Hier offenbart sich der Irrwitz unserer Zeit. Augenfällig ist nicht nur ihre Fixation auf Zahlen und Tabellen. Über Inhalte wird nicht geredet. Die Sprache dieser Expert*Innen, die nichts anderes sind als armselige Wichtigtuer, die das immer gleiche Vokabular der Beratungsinstitutionen herunterbeten, sagt alles. Ein Satz fällt mir ins Auge: „Strukturen sind „gewachsen“ – nicht strategisch entwickelt.“ – Mein systemzernagtes Lehrerherz ruft aus: „Note 6, setzen“ (auch numerisch ;o)).

Wer so denkt, hat die Welt nicht begriffen, möchte alles rastern und betonieren. Die Apologeten des Untergangs. Es gibt zu viele davon und sie nähren sich gegenseitig. „Strategie!“ Sind wir im Krieg? Im Krieg gegen die Welt? Gegen die Menschen? Clausewitz muss her, ein Plan, schweres Geschütz wird aufgefahren. Verbale Schrapnelle gegen das, aus sich heraus Wachsende. Das sich organisch Entwickelnde. Die Natur. Die Unterstellung inklusive, dass die Lernenden und Lehrenden nicht wissen, was sie tun. Zum Beispiel wenn sie neue Stellen besetzen oder Studiengänge verändern. Generale brauchen Strategie. Wozu benötigen wir diese blinden Generale? Sie bringen nur Unglück und Leid. Wie im wirklichen Krieg. Diktiert aus ihren Befehlszentralen. Da hilft auch kein Anstrich durch Worte wie „Transparenz“. Ihre leeren Worte verschleiern nur.

Noch so ein Satz, den ich lese, dass das Studium den Anforderungen des Arbeitsmarktes der Zukunft genügen soll – als strategisches Ziel, vermute ich – unterstreicht dieses lächerliche Denken. Wer weiß denn, wie diese Anforderungen aussehen. Gibt es die eine? Ist sie generalisierbar? Wie schnell ändern sich die Anforderungen? … Hier sprechen Schreibtischtäter, die weg von der Realität nicht mal fähig sind, die wirklichen wichtigen Fragen zu entdecken. Bringt das Lernen Spaß? Herrscht ein fruchtbares, offenes, tolerantes Klima voller Neugierde und Faszination? Finden die jungen Menschen ihre Lebensaufgabe? Haben die Lehrenden sie gefunden? Ihren Lebenssinn? Gibt es und entstehen warme Verbindungen, die durch das Leben leiten? Sind sie am richtigen Platz?…

Kein Wort zu ihnen selbst. Sie können nur andere hinterfragen. Blinde Beobachter mit dicken Mäulern. Keine Frage zu Sinn oder Unsinn der Existenz und Vorgehensweise der Verwaltungen. Meine Frage wäre, wenn es denn nun darum geht zu sparen, ob wir nicht einfach den ganzen Wust überteuerter Verwalter und Papiertiger abschaffen sollten. Mit ihren tollen Abteilungen, die von ihrem Versagen zeugen? Sie hocken in ihren Verwaltungstürmen, fern ab der Realität. Sie haben kein sinnvolles, alltägliches Tun. Sie schweben im wichtigen Nichts. Irgendwo in der Pyramide, die hinauf bis zu EU und OSZE-Direktiven („Jawohl, auf Befehl“) reichen. Oh, wenn sie gingen – wie viele Ressourcen (Personal, Räume, Material) wären freigesetzt. Was für ein luxuriöses Lernen wäre dann möglich! Dann gäbe es Raum zum Wachsen und Wuchern. Zum Experimentieren, zum Emanzipieren. Dann entstände wirklich Neues. Jenseits der Tretmühle mit ihrer Scheinpartizipation.

Wobei anzumerken ist, dass der Begriff „Partizipation“ eigentlich alles ausdrückt. Das Wort bedeutet Teilhaben. Die Onkel oben in der Machtpyramide speisen mit Krümeln ab. Noch schlimmer ist, sie versuchen, Wissen zu stehlen, dass sie nicht haben, um so zu tun, als wenn sie Studium verständen.