Nietzsche war ein Patriarch und Sozialistenhasser. Er benutzte Begriffe, die man heute nicht mehr in den Mund nimmt. Doch was konnte er vom Missbrauch z.B. des Wortes „Arier“ durch die Nazis wissen? (1) Wie wir alle schwamm er bis oben hin durchnässt im Strom seiner Zeit. Dennoch, sein Denken war wie ein gegen die Strömung schwimmender Fisch: anders, explosiv, auf der Flucht vom Status Quo. Marx konnte seine Texte nur durch die Hilfe der Care- und Sekretariats-Arbeit der im Hintergrund wirkenden Revolutionärin und starken Frau Jenny schreiben; ein revolutionärer Chauvinist? Immer auf den Geldtropf von Engels, dem Fabrikantensohn mit schlechtem Gewissen angewiesen. Heidegger liebäugelte deutschtümelnd mit dem Faschismus, hat selbst die von ihm geliebte Jüdin Hannah Arendt im Stich gelassen – wie so viele Andere. Trotz eines messerscharfen Verstandes, der wie der Ostwind über die dunklen Wälder des Schwarzwaldes zum Feldweg fegt. Alice Schwarzer, Feministin der zweiten Welle wird heute von denen der Dritten ausgebuht. Einer der Lehrer der 68er Revolte, Adorno hatte einen Beef mit seinen Zöglingen, die ihn daraufhin im „Ho Chi Minh Wahn“ massiv angriffen. Die Liste liesse sich unendlich fortsetzen.
Sie lebten in ihrer Epoche, eingebunden in das Denken und der ihnen gegebenen Sprache. Sie fanden ihre Eigene. Trotz zeitsynchroner Gewohnheiten haben sie aus der Zeit gefallene Thesen in die Welt geworfen, gerotzt, gedacht, gesagt und geschrieben. Wer lauscht, kann seinen Geist erhellen. Ja, viele Gedanken von ihnen haben den Weltlauf der Geschichte beeinflusst. Die Spur von Nietzsche führt über die französischen, sogenannten Post-Strukturalisten bis hinein in die heutige Diskussion um solch umstrittene Begriffsklumpen wie dem des „Postkolonialismus“ (2) oder zu neuen feministischen Diskursen. Das Denken dieser Menschen durchzieht die Kritik des Denkens der Moderne wie ein unsichtbares Wurzelgeflecht. Hören wir ihnen zu, befragen wir ihre Positionen, erleuchten wir unsere Sicht auf Welt, springen wir in den kalten Bach; das erfrischt, weckt auf! Bedenken wir die eigenen, ebenso verstellenden Sprach- und Erlebniswelten. Jeder Satz, den ich hier schreibe, ist ein Produkt der Zeit, in der ich lebe. Ihr Geruch, ihre an-“sprüche“ durchdringen meinen Körper – bin in die letzte Zelle. Ich fürchte, in einigen Jahren werden viele meiner Worte als lächerlicher bewertet, als sie jetzt schon sind. Doch mit Freude lasse ich die „progressiv“ keifenden Ideologen und Rechthaber, all die revolutionäten Status-Quo Knutscher hinter mir. Sie fischen, wie schon seit Jahrhunderten im trüben Wasser. Ich blättere mit Lust in den Werken meiner verfehmten Denkfreunde.
(1) „Nachdem ich gar den den Namen Zarathustra in der antisemitischen Correspondenz gelesen habe, ist meine Geduld am Ende – ich bin jetzt gegen die Partei Deines Gatten im Zustand der N o t w e h r. Die verfluchten Antisemiten s o l l e n nicht an mein Ideal greifen.“ Zitiert nach Safranski, R. (2003) Nietzsche. Fischer, Frankfurt a. M. S 353
(2) „Mit recht ist Nietzsche, vermittelt über Gilles Deleuze , im strukturalistischen Frankreich als Machttheoretiker wirksam geworden.“ (Eine der wenigen Anmerkungen von Habermas zu Deleuze in seinem kritischen Werk zu den Strukturalisten.) Habermas, J. (1985) Suhrkamp, Frankfurt am Main S. 153