Planung

Immer wieder fragen und fragten mich liebe Menschen, was ich im „Sabbatical“ so plane. Zumeist antworte ich, das ist nicht „planbar“ oder „ich will nicht planen“. Mit gutem Grund. Die Auszeit muss sich dem Planenden entziehen, soweit es geht. Es geht darum sich der Berechenbarkeit zu entziehen. Einer planenden Berechenbarkeit, die sich u.A. in den Mails, die ich aus der Arbeitswelt bekomme, zeigt. Zumeist geht es Finanzplanung, Stundenplanung, Studienplanung, Zukunftsplanung und Ähnliches …
Überall wird nach Plänen gerufen. Viele Menschen haben Pläne für das neue Jahr, neue Vorsätze. Ja, – Pläne werden heutzutage „voraus-“ und was noch schlimmer ist „vor“ gesetzt. Als wenn sie uns den rechten Weg weisen würden. Sie uns von dieser oder jener Unwägbarkeit befreien, retten könnten. Im Gegenteil, durch den wirren Blick auf Ziele, Schritte, Tabellen, Raster, Charts etc. wird das Wesentliche vergessen, gar verdeckt. Blind wird den „Vor-“gaben gefolgt, die irgendwo von irgendwem in hektischem Treiben ersonnen wurden. Oft ohne von der Materie Ahnung zu haben, in der trügerischen Hoffnung, alle Möglichkeiten mit „eingeplant“ zu haben. Pläne erzeugen das trügerische Gefühl, alles im Griff zu haben. Bis zum bösen Erwachen, wie so schön gesagt wird (man denke nur an die Finanzplanungen überall, die nicht selten vor Abschluss der Planung schon aus dem Ruder laufen – auch an den Hochschulen. Oder die Studienplanung, die auf individuelle Lernwege, Fähigkeiten und Bedürfnisse kaum Rücksicht nimmt…oder die Unplanbarkeit in Zeiten des Viruses).
Sicher, gewisse „Marker“ im Fortschreiten von Projekten, des Lebens, des Alltags sind nicht falsch. Doch Entwicklungsschritte kommen im Normalfall von selber. Solange das Leben nicht an der Planmaschine ausgerichtet wird. Die Füße gehen. Der Magen meldet sich, wenn er Hunger hat. Der Körper fordert Ruhe, wenn er ermüdet. Der Geist fordert Nahrung, wenn er wach und neugierig in die Welt blickt. Dinge begegnen uns, wenn sie uns begegnen. Doch oft wird auf die Natur der Dinge, nicht gehört. Weil es anders geplant wurde. Der moderne Mensch erscheint taub für das Sein und dessen geheimnisvolle Strukturen.
Viel angenehmer und schlauer deucht es mir daher, über Strukturen nachzudenken. Strukturen, die sich aus einer leeren Ebene („plan“), einem offenen Platz bzw. Zeit-Raum, ergeben. Fußabdrücke zeichnen sich im Werden ab. Strukturen entstehen im Jetzt. So wie sie auch wieder vergehen. Wie die Wellen, die der Wind in den Sand formt – um vom Wind wieder verweht zu werden; Strukturen, wie der sich immer verschiebende Sonnenaufgang; Strukturen, die der Körper in seinen Zyklen zwischen Leben und Tod vorgibt. Sie entstehen vorerst aus sich selber. Sie sind da. Oft bleiben sie unsichtbar, ohne in ihrer Vergänglichkeit benannt, bezeichnet zu werden. Sie melden sich gerne zaghaft, nicht selten „ungefähr“. Oft sind sie schwer erkennbar. Gerne, wenn wir sie erkennen lernen, beobachten, wachsen sie, werden klar, sichtbar. Nicht selten geben sie sich dann fordernd. Wir müssen uns nur für sie öffnen. Dann ist es möglich diese, ihnen folgend, zu bestärken. Ohne Plan bekommt ein Tag, eine Tätigkeit dann plötzlich eine klar erkennbare Struktur. Eine Struktur, die guttut, mit der wir mitfließen können. In ihrer eigenen, unserer Dauer.
Sicherlich liegt das Problem darin, dass alle Menschen unterschiedliche Strukturen haben. Zum Beispiel, wann sie konzentriert arbeiten können. Sicherlich gibt es viele Einflussfaktoren, die gewachsene Strukturen stören können. Doch zuerst müssen wir sie erkennen. Dann ist es möglich sie sanft nutzend, für uns und unsere Mitmenschen in Abstimmung zu synchronisieren. Dann können sie befriedigende Ereignisse erzeugen. Schöne Momente, Dinge, Begegnungen, Rituale, Tätigkeiten oder was auch immer…. Also alles, was wir anstreben.
Strukturen sind wichtig um uns vor der Beliebigkeit zu retten, die grundlegenden Bedürfnisse zu sichern und kommunikabel zu machen. Sie zu entdecken benötigt jedoch Aufmerksamkeit, eigenständiges Handeln, Willenskraft und Konzentration. Zudem die Bereitschaft, sich offen auf das Werden im Moment einzulassen. Aber bitte ohne Plan. Welch ein Traum in dieser verplanten Gesellschaft.