Wenn ich nicht auf Reisen gegangen – oder besser mit der Bahn gefahren wäre, hätte ich nie von Ernstl gehört. Ein Prolet, der bei Peter, einem Mitglied der Wandergruppe, im Haus lebt. In Wien. Ernstl kriecht jeden Morgen die Stiege hinab um sich dann auf eine Bank vor dem Haus zu setzen. Dort trinkt er schon in der Frühe ein Glaserl. In das Glas sinnierend geht er dunklem, rechten Gedankengut nach. Bis zum Glaserl, dass seinen Tag so beendet, wie er begann. Im Wiener dialekt vorgetragen, sehe ich den Ernstl förmlich vor mir. Höre, was und wie er redet. Die Frage, die Peter sich stellt, als wir über Weltanschauungen reden, ist eine, die mich schon lange bewegt. Ist Ernstl durch sein Glas hindurch durch freundliche Argumente erreichbar? Wie all die verpeielten Ernstls der Welt. Wo doch seine Ignoranz, seine Wut auf alles Fremde mit dem Preis für die Alkoholika steigt. Ich habe keine Antwort.
Ein weiteres Erlebnis trug sich in der von Touristen zugequetschten Mozartstadt Salzburg zu. Ab vom schweigsamen und leidvollen Kreuzweg hoch zum Kapuzinerkloster. Da folgte uns das japanische Paar, dass, wie so viele, zu den Festspielen in die Stadt gepilgert war. Nein, sie rannten nicht in im wunderschönen Ensemble hochherrschaftlicher Gebäude in Zweierreihen dem in die Luft gereckten Stab eines Führers hinterher, wie eine gehorsame Schulklasse. Oder ließen sich von traurigen Pferden und noch trauriger dreinschauenden DroschkerInnen durch die Gassen der verschnörkelte Stadt an der Salzau kutschieren. Geräuschvoll tauchten sie vor der opulenten barocken Kirche hinter unserem Rücken auf. Dumpfe Mozartgeigen drangen quäkend aus der armseligen Bluetoothbox, die sie im Rucksack verstaut hatten. Absurderweise folgten sie uns durch die Passagen, die an sich zum Flanieren einladen würden. Die ich schnellstens, voller Touriparanoia, hinter mir lassen wollte. Es war zuviel. Zuviel von allem. Touristen, Barock… Wie mittlerweile in jeder Stadt. Folklore, Mode, Schmuck, überteuerte Fressstände, Wiener Küche in schlechter Qualität, drängelnden Menschen auf Reisen – wie wir.
Die Geschichte von Ernstl hat mich zum Flanieren, Wandern und ja, auch zum Reisen motiviert. Die von Mozart aus dem Rucksack zeigt mir auf, dass es doch besser sein könnte, zu Hause zu bleiben. Dort den Reisehorden aus dem Weg gehend. Leider gibt es in meiner Umgebung nur wenige Angebote für philosophische Wanderungen. Ohne diese Reise wäre ich nicht motiviert worden noch einmal tiefer in die Philosophie der Stoa einzutauchen. In die ich mich bald am Mittelmeer vertiefen werde. Ohne anzukommen, weiter meinen Weg suchend und in der Gegenwart genießend.
P.S. Heute las ich in der NZZ einen Artikel über Ernstls Brüder im Osten. Sehr interessant.