Land

Altehrwürdige Balken mit güldenen, verschnörkelten Lettern. Jahreszahlen erzählen von vergangenen Geschlechtern, die mit der Scholle zutiefst verbunden waren. Alles ist fest in den Boden verankert, wie die Buchen und Eichen, die sich seit Jahrhunderten im Wind wiegen. Wir fahren über baumgesäumte Landstraßen, entlang von frisch gepflügten Feldern. Am Steuer ein 88-jähriger Bauernsohn: „Sie haben zu tief gepflügt, das ist nicht gut.“, sagt er. Wäre mir nie aufgefallen. Die Verbundenheit mit dem Boden, der Natur, den Zyklen, den Tieren spricht aus fast jedem seiner Worte. Er berichtet von der Zeit seines Vaters, dem Pflug und den Pferden, den Bauern, die beim Pflügen eingenickt sind; sie erwachten, als der Trecker über die Rüben des Nachbarn rumpelte. Manche sind wohl übermüdet in diesen oder jenen Bach geeiert. Nicht zu tief waren die alten Pflugspuren dann, sondern gebogen, ausbrechend.
Im Krieg wurde meine Mutter und ihre Geschwister auf den Geburtshof meiner Großmutter „verschickt“, damit die hungernden Stadtkinder aus dem Bombenhagel mal wieder „was ordentliches zu essen bekommen.“. Diese Gastfreundschaft und Herzlichkeit strahlt aus den Herzen der beiden Alten, deren Kraft aus der Scholle zu wachsen scheint. Aus jeder Pore spürt man die Verbundenheit mit der Natur. Konservatismus fühlt sich schön an, wenn sie über die moderne naturvergessende Agrarindustrie sprechen. Konservatismus, der zutiefst progressiv, welterhaltend klingt. Ich erinnere mich an den „Feldweg“ von Martin Heidegger. Sehe alte Eichen, die sich um Gehöfte, umgeben von knickbesäumten Wiesen und Ackerflächen scharen.
Im Dorf grüßt jeder jeden. Kurzer, knapper Augenkontakt, manchmal ein leichtes neugieriges Lächeln. Offen-reserviert. Der kläffende Hund hinter der Hecke wird zurückgerufen. Der dunkle Fleck auf der Wiese entpuppt sich als Bulle, als sich aus seinem Fell der breite Schädel erhebt. Myriaden von Vögeln zwitschern, schwatzen und krakelen in den alten Bäumen. Alles ist ein wenig heruntergekommen, bis auf den gepflegten Kirchplatz.
Im lärmenden Gedränge es Hauptbahnhofs hat mich die Stadt wieder…ein Teil meines Herzen ist reif fürs Land.