Dauer

„Es war die Analyse des Zeitbegriffs, so wie er sich in der Mechanik und Physik findet, die all meine Ideen umgestürzt hat. Mir wurde zu meiner großen Überraschung deutlich, daß die wissenschaftliche Zeit nicht dauert (que le temps scientifique ne dure pas), daß sich nichts an unserer wissenschaftlichen Erkenntnis ändern würde, wenn sich die gesamte Wirklichkeit plötzlich in nur einem Augenblick entfalten würde und daß die positive Wissenschaft wesentlich darin besteht, daß sie die Dauer ausschließt. Dies war der Ausgangspunkt einer Reihe von Überlegungen, die mich Schritt für Schritt dazu führten, beinahe alles zurückzuweisen, was ich bisher angenommen hatte, und meinen Standpunkt gänzlich zu ändern.“ (Henri Bergson, zit. im Vorwort zu „Materie und Gedächtnis“ von Erik Oger XV)(1)
Da ist sie wieder. Die Dauer. Nach Jahren der Griff ins Regal, zu Bergsons Materie und Gedächtnis. Gedanken verbinden seine Begriffe der Durée und der Intuition mit dem der Präsenz. Dem „Da Sein“ in all seiner Ruhe und Gelassenheit. Als notwendiger nicht aufständiger Aufstand gegen die Zeit und deren Diebe. Ja, die grauen Herren aus Momo sind auch wieder mit dabei, mit ihren dicken Zigarren. Zunehmend schaffe ich es ihnen aus dem Weg zu gehen, einen Schritt beiseite von der tumben Herde, die sich ihre Lebensenergie aussaugen lässt. Ich umschleiche sie, stehle mich davon. Langsam, in der Dauer, die es benötigt. Meine Intuition geleitet mich. In die Präsenz. Einer Präsenz, die genauso schnell verschwindet, wie sie gekommen ist. Oft nur der beharrende Moment zwischen zwei Atemzügen.
Dauer beinhaltet, so lehrt es Bergson, Bleibendes. Wenn etwas bleibt, verändert es. Die Zustände sind anders als zuvor. Das Wasser kommt und geht, nagt am Felsen, feinste Veränderungen, für das Auge nicht sichtbar. In seiner eigensten Dauer wird der Felsen zu Sand, löst sich auf. Die Zeit, die Termine sind einfach nur da um zu verschwinden; wie das eckige Springen der Sekundenzeiger. Tick – vorbei – tack – vorbei – tick – vorbei – tack -… Banalität
Hingegen der Atem, das „Ein“ und „Aus“ schenkt Dauer und zugleich Präsenz, verbindet Körper und Geist, bring Klarheit. Eine Klarheit, die Zeitdiebe mit ihren sinnlosen Sitzungen und Terminen nicht kennen. Wir könnten sie jetzt sofort abschaffen. Es würde unserer Arbeit, dem Studium, dem Leben nicht schaden. Sie sollen uns nur die Räume und Mittel geben, um diese warm zu halten. Ohne Verwaltung wäre es besser zu bewältigen, die Zeit in Dauer zu verwandeln. Den Raum, das dazwischen mit Sinnvollem zu füllen – studierend zu handeln.
Bergson, H. (1991) Materie und Gedächtnis. Meiner Verlag, Hamburg