Unscharfes Denken

Das die Sonne scheint, ist eine Wahrheit. Klar und hell fallen ihre Strahlen auf meinen Körper, die Welt, in die mein Auge schaut. Dann die Wolke, ein weicher Flaum, der sanft über das Antlitz des Lichtgestirns zieht, es verdeckt. Der erste Eindruck löst sich auf, wird obsolet. Ich sinniere. Die Wandlung, die Verdeckung geschieht nicht unmittelbar, entlang einer scharf gezogenen Grenze. Sanft und zart schoben sich die ersten, nebelig-fransigen, sich selbst verändernden Ausläufer über die Lichtspenderin. Bis das direkte Licht gänzlich verborgen zu sein scheint. Trotz der Verdeckung strahlt sie weiter. Erhellen ihre Reflexionen indirekt die Welt. Nur, sie ist, wie ich es empfinde, nun etwas graublauer, weniger strahlend. Erst wenn die Nacht sich in wunderrotverzaubertem Wolkenmuster langsam um uns legt, wird es dunkel werden. Die Sonne wird weiterziehen, so spricht der Eindruck. Doch wir Heutigen wissen, das es die Erde ist, die sich um sie dreht.
Egal, das Gestirn schleicht stetig über den Horizont, verdunkelt den einen Bereich, erleuchtet einen Anderen. An jedem Ort, der sich ihr zuwendet, wird sie erneut einen Tag voll Wärme und Licht spenden. Tage, die mal so, mal so lang sind. Immerfort strahlt sie, verbrennt sich selber, löst sich langsam auf. Langsam, sehr langsam. Das sagt die Ansicht der armen, kurzlebigen Würmchen auf diesem irdenen Ball in der unendlichen Weite des Universums. Wo sind die Grenzen? Die klaren, fest geglaubten Objekte, Zustände und Gedanken? Alles fließt. Jeglicher Glaube an feste, ewige Wahrheiten ist eine Illusion, die vom Werden aufgehoben wird. Dialektik in Aktion, Sein in beziehender Bewegung.
Ebenso verhält es sich mit allem fest und unumstößlich gedachten Meinungen. Selbst die der reinen Mathematik oder der berechnenden Physik lösen sich in unscharfen, trüben Seen auf, in die das Denken kaum vorzustoßen vermag. Ich habe keine Ahnung von Mathematik. Dennoch höre ich von den „ungelösten“ Problemen dieser Wissenschaft oder vom „Gödelschen Unvollständigkeitssatz“, nach dem gewisse Annahmen weder bewiesen noch widerlegt werden können. Genauso in der harten, faktischen Physik, die bei Heisenbergs „Unschärferelation“ ins Teilchenwolkenschwimmen gerät. Materie wird/ist Energie wird/ist Materie. Was nun? Wie die Sprache, die es in ihrem unendlichen Wabern dennoch vermag zwischen den Zeilen von Wahrheiten zu künden
Die Unschärfe, das Ungefähre ist der Kern der Möglichkeit, immer wieder anders zu denken. Weg von den alltäglichen „Feststellungen“ die wir treffen, Neues behaupten; zu Meinen. Die „doxa“ (δόξα)(1). Sie leiten uns in die Irre. Was bleibt ist das Denken der Unschärfe in der „Vergäglichkeit“ des „Werden“. Das Denken in Beziehungen zu Welt. Mit dem Blick, auf das „Dazwischen“, weg von den Objekten. Solches Denken schafft Verbindungen, öffnet Horizonte.
Wo fängt mein Körper an? Wo beginnt die Welt, von der ich meine, dass sie ihn umgibt? Wo ist meine Identität, die eben doch so anders war. Wieder fällt mir Nietzsches Dividuum (2) ein. Oder Rimbauds Violine (3). Zu oft behaupten Gedanken Beständigkeit. Eine Beständigkeit, die sich so langsam wandelt, dass sie, wie die Sonne, fest erscheinen. Genauso wie mein „Ich“. Dennoch, ein Blick in den Spiegel und das Fotoalbum genügt. Dieses „Ich“ war eben und gar erst vor Tagen ein gänzlich Anderes. Ganz zu schweigen von den Bildern, aus denen heraus mich ein kleiner Junge fröhlich angrinst. Wolkig-emotionale Erinnerungen verbinden sich mit dem Bild. Der Eindruck, das Gefühl ist kaum in Worte zu fassen. Jede Behauptung wäre zu fest, zu starr. Scharf und unscharf zugleich.

(1) vergl. Parmenides und das Höhlengleichnis von Platon. Zudem der Musenaufruf Hesiods zur Wahrheit.

(2) Nietzsche, F. (1878) Menschliches, Allzumenschliches; erster Band, zweites Hauptstück 57.

(3) „Ich ist ein anderer. Umso schlimmer für das Holz, wenn es sich als Geige wiederfindet, und Hohn über die Ahnungslosen, die über das rechten, wovon sie nicht das Geringste verstehen.“ (Rimbaud A. (2002) Sämtliche Dichtungen. dtv, Seherbriefe 369)