Voll aufgeplustert, mit geschwollener Brust thront die Meise auf dem höchsten, kahlen Ast der Hecke, an dem sich zarte Knospen zeigen. Gell ruft sie in fast schrillen, dennoch wohlklingenden, rhythmischen Tönen nach Liebe; dem oder der Liebsten. Welch eine Kraft liegt in ihrer kleinen Lunge, durchflossen von der weichen Frühlingsluft. Diese strömt in jeden Winkel; alles im kühlen Schlaf verharrende Leben saugt sie auf. Schon sind sie da, genährt von der sich immer wieder durch die zarten Wolken schiebenden Sonne. Wie die Brust der Meise schwellen die Knospen. Hier und da erblüht ein erster Busch und kündigt von der Energie, welche die Pflanzen aus der saftigen Erde saugen.
Alles hat Potenzial, Kraft, φύσις. Die Kraft treibt, wie das uralte Konzept der Physis es beschreibt, von innen. Stärkt und nährt. Schon wird aus dem kleinen, unscheinbaren Samenkorn eine prächtige und mächtige Pflanze. Zum Baum werden benötigt es die gleiche Geduld, wie das suchende Harren der Meise auf dem Ast. Kraft kann nur aus dieser warmen, inneren Quelle entspringen, deren Ursprung sich uns entsagt, den wir aber spüren, dem wir nachspüren können. Sie ist so schön, so wunder- wie nicht berechenbar. Genießen wir sie. In dem Moment, der ist.
Ich blicke überrascht auf. Ein Zitronenfalter taumelt über den Weg…