Glück und Lust

Was ein Luxus: In der Badewanne Epikur lesen (1). Ich genieße die umhüllende Wärme. Sie macht den Geist frei. Es ist nicht das Mittelmeer, aber dennoch ein kleines, lustvolles Glück. Epikurs Ausführungen regen zum Denken an – warum sonst sollte man sich dieser Lektüre hingeben?
Schön bissig ist sein Verhältnis zu den Naturwissenschaften.
„XI Wenn uns nicht Anwandlungen von Argwohn vor den Himmelserscheinungen quälen oder vor dem Tode, er könnte uns irgendwie betreffen, dazu die Tatsache, daß wir die Grenzen der Schmerzen und Begierden nicht erkennen, so bedürfen wir der Naturforschung nicht.
XII Es ist nicht möglich, die Angst bezüglich der entscheidenden Gesetzmäßigkeiten zu lösen, wenn man nicht verstanden hat, welches die Gesetzmäigkeit des Alls ist, sondern von sich aus irgendetwas auf Grund der Mythen argwöhnt. Es ist also nicht möglich, ohne Naturforschung unbeeinträchtigte Lustempfindungen zu erlangen.“ (2)
Auf der einen Seite meint er, man solle sich mit der Naturforschung auseinandersetzen. Durch die Naturwissenschaften können die Probleme untersucht und erkannt werden, die das Glück bedrohen. Gemeint sind Lebensphänomene wie der Schmerz, der Tod und die Naturereignisse, die Schmerz und Unlust erzeugen. Auf der anderen Seite ist die Naturforschung nicht notwendig.
Für mich nachvollziehbar. Warum sollte man sich um andere Dinge kümmern, als um jene, die das Glück (die Lust) behindern? Medizin ist z.B. wichtig, um Schmerzen zu bewältigen. Mathematik, Logik, Mechanik etc. reduzieren die Unlust hingegen nicht direkt (2). Sie tragen nicht direkt zur Erlangung der Ataraxie (3) bei. Zu einem guten Leben. Zum Glück. Sie lenken eventuell sogar ab.
Weiter schweifen die spekulativen Gedanken, warm umhüllt. Was wäre, hätten Platon, Aristoteles etc. sich mit ihrer logozentrischen Denkweise als unsere westliche Denktradition nicht durchgesetzt, sondern Epikur? Sähe das westliche Denken dann anders aus? Zum Beispiel so ganz ohne diese rational-kalte mechanistische, kategorisierende wissenschaftliche Logik? Epikur lehnte anscheinend die Logik als Untersuchungsgegenstand ab, da sie aus sich heraus keine Unlust verringert. Ich frage mich, ob durch die todbringende Denkmaschine der Logik nicht vieles erforscht wurde, das uns jetzt bedrängt. Wie zum Beispiel Kriegstechnologie. Wie hoch bewerten wir den Ingenieur, den Techniker, der ursprünglich Festungsbauer war. Heute gestaltet er die Festungen der Technologien. Sie dringen bis in unsere Inneres vor. Ferfestigen und versteifen die Gedanken. Und dann sind da noch die Kriegs- die Überwachungs-, Konsummaschinen und viele mehr. Ihre Erschaffer bauen sie, weil es der Logik entspricht, möglich ist. Wir und die Erbauer nutzen sie oft, ohne über deren Folgen für uns Menschen auch nur eine Sekunde nachzudenken. Dies Denken hat fatale Auswirkungen auf das Glück aller Lebewesen.
Und dann sind da noch die Atomenergie und all der Mist, mit dem wir in die Welt und unsere Gehirne zumüllen. Die uns davon abhalten uns mit uns selber und unserem Leben an sich zu beschäftigen. All die Konsumgüter, die uns anschreien, gekauft werden wollen. All die Dinge, die danach rufen besessen zu werden. Dinge die Gier und damit Schmerzen erzeugen. Dinge, die unsere Umwelt zerstören, uns und den Planeten zu einem kranken Patienten gemacht haben. Einen Patienten, der durch noch mehr Technologie geheilt werden soll.
Das warme Wasser treibt dieses Gedankenspiel plätschernd voran. Was wäre geschehen, wenn sich ein Denken in Epikurs Bahnen durchgesetzt hätte? Wären Krieg und Unterdrückung verschwunden? Wahrscheinlich nicht. Sie hätten Bestand. Wohl auf die harte Weise. Wie sie in griechische Polis, ja weltweit, seit Urzeiten verbreitet waren. Logos, Wissen, Technik haben, wenn ich so darüber sinniere, das Elend der Welt höchstens graduell vermindert.
Ich danke Epikur und der Badewanne, die diese Gedanken in Bewegung setzten. Der einfache, luxuriöse Pool warmen Wassers, der an die Einfachheit erinnert. Solche Gedanken fordern, all dieses „Haben“ und „Sein wollen“ hinter sich zu lassen. Ein warmes Bad, ein schönes Buch, ein heißer Tee möge uns im kalten Winter genügen. Epikurs Fragmente sind Anregungen, um entspannt über gruseliges zu sinnieren. Über uns Menschen. In in der Wanne.

(1) Zizek über Lacan ist eigentlich nur in der Badewanne erträglich. Ein tolles Buch: https://www.fischerverlage.de/buch/slavoj-zizek-lacan-9783104904320

(2) Epikur, entscheidende Lehrsätze in Briefe, Sprüche, Werkfragmente (1980) Reclam, Stuttgart. S. 69

(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Ataraxie

Langsamkeit

Der graue Winter verlangsamt. Ruhe kehrt ein. Rückzug in die Besinnlichkeit, in den Verzicht. Den Verzicht; der, wie Heidegger am Ende des Feldwegs sagt, nicht nimmt, sondern gibt. Zum Beispiel eine gemütliche Ecke. Ein schönes Buch. Das Schweifen aus dem Fenster, über die kahlen Bäume in der Dämmerung. Die den Geist wärmende Kerze. Der den Körper wärmenden Tee. Zu solcher Zeit empfiehlt es sich, Epikur zu lesen. Über die Ataraxie, den Gleichmut, die Seelenruhe nachzudenken. Die heitere Gelassenheit der Buddhisten. Wobei die Bedeutung des Begriffs Gelassenheit im mittelhochdeutschen Wort „gelaeze“, was „Niederlassung“ bedeutet (später „gottergeben“), verwurzelt ist. Der Winter ist die Zeit sich an einem gemütlichen Ort niederzulassen. Bei sich und seinen Liebsten zu sein, während die ungesunde Hektik des Konsums, der Nachrichten und der Arbeit an einem vorbeirauscht. Glücklich sind die, die einen solchen Ort haben, an dem sie sich zeitigen können.
Vielleicht wird es darum auch hier, im Blog, ruhiger. Denn wenn viel in Ruhe gedacht und gelesen wird, braucht es auch viel mehr Zeit und Stille um die Gedanken zu sortieren, zu formulieren. Gedanken haben ihre eigene Dauer um zu reifen. Denn in der Ruhe, im Nicht-Handeln geschieht mehr, als wir beschränkten Wesen zu erahnen glauben.

Natur – Studium

Ich stehe am Ufer und studiere. Fühle den nachgiebigen Sand unter den Füßen. Das nördliche Meer riecht anders, der Wind bläst anders, das Licht strahlt anders und auch das Rauschen der Wellen ist anders – als im Süden. Irgendwie fühlt es sich schärfer, härter, wilder an. Die Kraft des Nordens, die bewegt. Auch hier ist die Natur ohne Ziel. In ihrem eigenen Rhythmus, in der eigenen Dauer.
Ja, die Dauer, die Henri Bergson untersuchte. Das zeitlose Sein, das in seiner Bewegung braucht, so lange es braucht. Der Volksmund spricht: „Jedes Ding will Weile haben“. Die Welle hat ihre eigene Dauer ohne Ziel. Wie der Windstoß oder der Geruchseindruck. Auch das Studium benötigt seine Dauer; wie jeder Moment und jedes Ereignis, das wir eräugen. Man kommt nicht umhin sich der Ruhe und Leere zu ergeben, um die Qualitäten der Dauern zu erfassen und zu begreifen. Auch wenn es uns in dieser getakteten Welt schwerfällt. Nur hieraus kann eine „Qualität ohne Namen“ (Christopher Alexander) entstehen, die etwas wirklich entwickeln lässt. Zulässt. Leider vergessen viele Menschen dieses Wissen, das ihn ihnen – in uns allen steckt.. Eine Frage nach dem „Warum“ etwas so oder so ist, erübrigt sich im Moment der Dauer, der Präsenz. Eine Gesellschaft, die nicht mehr studiert, sondern nur noch zerlegt, zerteilt, bewertet und somit quantifiziert kann kaum noch aus dieser Falle herausgeraten. Einer Falle, die immerfort nach Fortschritt ruft und nach messbaren Zielen verlangt.
Im Takt des Blicks auf das Ziel, den Zeitpunkt verlieren die Menschen die Perspektive, den offenen Blick der Weite. Fokussiert scheitern sie an den Forderungen der Zahlen, der Stunden und Minuten: Du musst bis dann das sein, dies geschafft, soviel verdient, die Klausuren bestanden haben… Gewäsch! Wir steigen 2038 aus der Kohle aus, 2030 oder 2070. Egal! Es muss jetzt geschehen, konsequent angegangen werden! Nur wer mindestens eine 4,0 geschrieben hat, darf weiter studieren. Didaktischer Blödsinn! Im getakteten Moloch wird nicht studiert. Dort gibt es keine natürliche Dauer (mehr). Denn die Dauer eines Studiums ist für jeden Menschen unterschiedlich. Sie hängt von Ereignissen, Situationen, den Studierenden, Lehrenden und vielem Anderen ab. Immer mehr. Doch dazu habe ich ja schon Worte verloren (1) (2).
Die einzige Möglichkeit besteht darin, sich zu befreien. Den eigenen Rhythmus studieren zu lernen. Die Momente erkennen, sich gleiten lassen. In heiterer Gelassenheit kann es gelingen. Die Dauer kann Glück bringen. Zufriedenheit, Frieden. Man muss die Dauer nur Dauer sein lassen. Dann entdeckt man den Geruch des Meeres, weiß um den Wind, die Wellen, die Wolken und das Sein in seiner Endlichkeit. Dinge müssen reifen. Denn alle Dauer endet – irgendwann. Das ist Qualität.

architékton

Der Architekt, den ich auf die Fassade und den Blick aus dem Zimmer ansprach, kannte Christopher Alexander nicht. Er scheint nur den Blick von Außen zu kennen. Die schicke Fassade. Doch was nützt sie, wenn innen eine „Qualität ohne Namen“ entstehen sollte? Viele Architekten scheinen wie Designer zu denken. Sie denken in Oberflächen. Oberflächen, die ihr Image spiegeln, ihr Ego erhöhen. Was haben sie geschaffen? Wie die Werber: Nichts! Sie vermögen nicht einmal die Qualität der Leere zu finden oder ihn in seiner gelassenen Ruhe greifbar zu machen. Kein Wunder, dass die HafenCity so kalt, so monoton, so gewollt künstlerisch, so leer und tot daherkommt.
Das Problem ist die Arbeitsteilung, sagt ein Freund. Architekten sind für die Oberfläche, InnendesignerInnen für die Innenräume, StadtplanerInnen für den Stadtraum zuständig. Wenn in Schubladen, vom Ego, vom nur eigenen Standpunkt aus gedacht wird, kann nichts wachsen. Wachsen ist organisch. Doch das Diktat der (Konsum-) Maschine schreit: Wenn mal etwas wächst, muss das Krumme ausgemerzt werden. Es passt nicht in das Raster der Produktion. Ich sehne mich nach Wabi-Sabi, der Störung, dem Bruch.
Bei den „ersten Baumeistern“ ist nichts „tektonisches“ mehr zu finden. Nichts Natürliches, nichts das bewegt. So wie die Erdkruste es von sich her tut, immer in Bewegung. Dies fällt umso mehr auf, wenn man die gewachsenen Reste der Orte im Süden betrachtet, die es früher auch bei uns und eigentlich überall in ihrer natürlicher Form gab. Sie verschwinden zunehmend… Ich möchte schreien:
„Tod dem „Rechten Winkel“! Tod der Oberfläche! Tod dem Tabellen-Raster!“

Don’t Dream It – Be It

Was auch immer das „It“ in diesem Text aus der „Rocky Horror Picture Show“ bedeuten soll… – Über dies „It“ muss an anderer Stelle intensiv kontempliert werden. Hier nur ein paar Gedanken zu Träumen. Speziell zu denen, die davon träumen, etwas „haben“ oder „sein“ zu wollen. Sowie das „beleidigt“ sein, wenn die Wirklichkeit nicht den Träumen entspricht.
Die Allmacht der Natur mit ihrer Brutalität kann alle Träume zerstören. Sie greift den Körper an, die Liebsten und vernichtet das Geschaffene. Ein natürlicher Prozess, denn alles ist der Vergänglichkeit geweiht. Träume werden vom Geist geboren. Was wir oft übersehen ist, dass die Natur unseres Geistes permanent damit beschäftigt ist im gleichen Atemzug Träume zu Fall zu bringen; zu durchkreuzen, zu verunmöglichen. Weil unser Geist von sich aus verwirrt ist. Kreuz und quer denkt er aus dem Unbewussten heraus. Folgt Trieben und Lüsten, den Dingen, die vorteilhaft erscheinen. Gedanken drängen uns dahin, wohin wir meinen uns träumen zu müssen: zum haben oder nicht mehr haben wollen.
Bevor wir die Welt, die Natur oder andere Menschen beschuldigen, die eigenen Träume zu durchkreuzen, sollten wir in uns selber schauen. Schauen, durch welche Handlungen wir uns selber im Weg stehen; uns selber ein Bein stellen. Machen wir uns selber für unser Scheitern verantwortlich! Jede Handlung, die wir tun, geht von uns und nur von uns aus. Die Welt reflektiert unsere Bewegungen. Daher ist es oft ratsam – nicht zu handeln. Daher erscheint es ratsam, wenn wir handeln mit Bedacht vorzugehen. Genießen wir die kleinen Träume, die niemanden und nichts behindern, träumen. Die Träume, die für uns und Anderen zur Freude, jedoch keinem unserer Mitmenschen oder der Welt zur Last werden. Bescheiden, dankbar für das sein, was wir haben und sind. Im Jetzt. Was mir leider auch nicht immer gelingt.
Einzig die Utopie ist ein Ort, den wir anstreben sollten, weil es ihn nicht gibt (altgr. ou – nicht / Topos – Ort).

Veränderung

Die Sonne kriecht gemächlich über den Horizont. Der morgendliche Sand unter den Füßen ist kühl. So frisch wie der starke Gewitterschauer von gestern. So frisch wie der stürmende Südwind. So frisch wie die kräftigen Wellen, die aus der weiten, glatt erscheinenden Unendlichkeit des Meeres heranrollen. Doch kaum berühren die Füße den Brandungssaum, eine kleine Überraschung. Wohlige Wärme strahlt in die langsam schreitenden Sohlen. Eine Wärme, die aus dem Meer kommt, übergeben an den feuchten Grund, der sich mit jeder Welle ändert.
Der zweite Kraftstein ist verschwunden. Wohl von der tosenden Brandung begraben. Als wenn die Insel von mir Abschied nehmen möchte. Ich finde neue. Die Energie des südlichen Herbstes gibt Kraft, Kraft für die Reise in den noch kühleren Norden. Dort, wo man das warme Gestirn unter Hochnebelschwaden oft nur noch erahnen kann. Wo kein weites und tiefes Meer die Kraft des Helios speichert und an dessen Saum trägt, um meinen spürenden Füßen erquickende Energie zu geben.

Ausgewaschener Sandstein: Er war Meeresboden – bei jedem Regen löst er sich und wird wieder zu Sand und…


Kein Stein wird mich zum Verweilen in der Natur einladen. Wo soll ich dann, eingeschlossen in vier eckige, künstlich erwärmte Wände, den chaotische Rhythmus der Brandung, der warme Hauch des Windes und die frische Kraft des Sturms erfahren? Es erwartet mich eine Zeit der Innerlichkeit. Es erwarten mich die Familie und die Freunde, von denen viele hier zu Besuch waren. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich an die wundervolle Zeit in der Gemeinschaft in Paleochora denke. Tiefer Dank gilt auch den Besucher*Innen. Wie wundervoll waren die Spaziergänge, das herumhängen am Strand und der Hippie Bar, das abendliche Essen zum „TouchDown“. Die wundervollen Worte, die gewechselt wurden. Banales und Tiefsinniges. Wie schön, dass Ihr da wart, wir unsere Beziehungen vertiefen konnten. Auf dieser Insel, diesem abwechslungsreichen, bebenden Felsenberg im Meer, der so viele Zeiten und Kulturen gesehen hat. Der von den Elementen in steter Folge zu Sand zermahlen wird. Starke Gefühle…

Nein!

Ich fordere für mich das starke „Nein“. Ein Nein, das in mir schallt. Eine Energie, die die Welt erreicht. Wie ein Wirbelwind, der aus vielen Winden zusammengesetzt ist und all die armseligen Jas in Stücke reißt. Sie in alle Himmelsrichtungen vertreibt. Ein Nein, das zerschmettert, auf dass eine Leere entsteht, in der etwas wachsen kann. Das Wissen um das endgültige Nein, dem wir alle ausgesetzt sind.
All die Ja’s, die die Leere verstopfen, das Nein zu verdecken suchen, ohne, dass es ihnen je gelingen mag. Sie müssen ausgelöscht werden. All die armseligen Jas zu Ablenkung und Konsum, zu Politik und Systemen, die Jas in den „Ja ich will dies, ja ich brauche das.“ Schwachsinn, Massenwahn, Irrtum, Dummheit. Sie müssen zertreten werden. Ich muss taub für sie werden. Wie der Fels! Auf dass die Brandung mich langsam zernagt. Ein Nein, das stärker als alle Jas ist. Ein Nein, das gibt. Mehr gibt, als all die Jas, die uns in unserer verfetteten, oberflächlichen (westlichen) Welt um die Ohren gehauen werden. Der Materialismus muss sich in der Spiritualität auflösen.

Handeln – Veränderung

Das Meer hatte Kraft. Mein kleiner Fels war umspült. So musste ich handeln. Jeder Tag beginnt gleich und auch anders. Mal glitzern silberne, sich tummelnde Fischbäuche im glatten Meer – bei dem Versuch von einem Fels Algen abzubeißen. Mal eine Krabbe, die den Stein als Dach für ihre Höhle nutzt. Es gilt die Kraft der Natur anzunehmen, die Füße umspülen zu lassen, den Wind zu erspüren, die Kraft des Atems zu nutzen, um in Bewegung zu kommen. Sich mit der Natur mitzubewegen. Handeln… Wu Wei
Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Doch all das Wissen nutzt nichts, wenn die Bewegung, die Veränderung, das Werden mit unserer Natur, in der Natur aufhört; alles geht immer weiter. Da hilft das Schalten und Walten der kleinen Würmer, die sich für die mächtigen Herrscher der Welt halten, nichts. Sie können den Lauf der Dinge nicht anhalten und schon gar nicht bestimmen. Ich musste handeln, um auf dem Stein sitzen zu können. Morgen wieder.

Die große Gesundheit: „Wessen Seele danach dürstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werte und Wünschbarkeiten erlebt und alle Küsten dieses idealischen »Mittelmeers« umschifft zu haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zumute ist, insgleichen einem Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem Gelehrten, einem Frommen, einem Wahrsager, einem göttlich-abseitigen alten Stils: der hat dazu zuallererst eins nötig, die große Gesundheit – eine solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt und erwerben muß, weil man sie immer wieder preisgibt, preisgeben muß!“ Nietzsche, F. (1882) Die Fröhliche Wissenschaft, 5. Buch 382

Studium 2 – entmenschlicht

Einen Tag nach dem Post zum Begriff des „Studiums“ unterstrich der Hilferuf einer Studentin, die psychische Probleme hat, was ich schrieb. Zunehmend muss ich beobachten, dass bei Studierenden Angststörungen, Depressionen und anderer Probleme auftreten. Sicherlich durch Covid verstärkt, aber nicht erst seit Corona. Gefühlt nimmt dieses Phänomen seit etwa 5- 6 Jahren massiv zu (im Nachgang zum desaströsen Übergang vom Diplom zu BA und MA). Einige Studierende, die offen mit ihren Problemen umgingen, konnte ich zum erfolgreichen Abschluss geleiten. Zum Teil mit intensiver Beratung und psychologischer Unterstützung, die sich die Studierenden geholt haben. Leider gab es auch den Abbruch der MA Thesis einer sehr begabten Studentin. Einige Studierende sind schweigend aus dem Studium verschwunden, vielleicht, weil sie keine Hilfe suchten und fanden. Für mich ein nicht quantifizierbares Alarmsignal über den Zustand von Gesellschaft und Studium.
Es kann sicherlich auch daran liegen, dass die „junge Generation“ an sich schwach, nicht forderbar, überfordert, verwöhnt etc. ist, wie manche meinen. Ich muss jedoch feststellen, dass es sich bei den Betroffenen zumeist um hochbegabte und fähige Studierende handelt, die, wenn sie es schafften, im sehr guten bis guten Bereich abschlossen.
Ebenso könnte behauptete werden, dass wir „Alten“, die kurz vor der Rente stehen, ebenso verweichlicht sind. Warum sonst kommen von der Hochschule und Firmen gutgemeinte Angebote zur Stressbewältigung, für Tai Chi und andere netten, hilfreiche Dinge? Warum boomt der Markt für solche Kurse? Warum ist es so schwer, einen Therapieplatz zu bekommen…? Ist dies nicht auch symptomatisch? Ein Armutszeugnis für den Zustand der Hochschul- und Arbeitswelt? Vielleicht sogar unserer Lebenswelt.
Es ist unglaublich, wie viele Menschen in meinem persönlichen Umfeld, speziell solche in Positionen mit Verantwortung – von der Erzieherin, der Krankenschwester über technische Fachkräfte in Großunternehmen, Kolleg*Innen bis hin zum IT Projektleiter berichten, dass sie nicht mehr können oder wollen. Dass sie intensiv an einer „Exit-Strategie“ aus dem Berufsalltag arbeiten. Nicht nur, wenn das Gespräch auf mein Sabbat Jahr kommt. Oft bringt der Job, wie mir, noch Spaß. Doch die Belastung durch die Verwaltung, Email-Aufkommen, Bürokratie, Taktung, Normzahlen (Liste kann erweitert werden) etc. ist kaum noch zu ertragen. Zudem tragen die neuen Medien diese belastenden, jobfremden Tätigkeiten in die Wochenenden, Abende und die Freizeit. Allen Verlautbarungen der Verwaltungs- und Führungsebenen der Arbeitenden zum Trotz. Also auf zum nächsten Kurs, zur nächsten Verpflichtung, die – ach so freiwillig ist…
Ich kann nur dankbar sein, dass ich mir den Luxus dieser Auszeit erlauben darf. Das System hat keine Fehler, es ist der Fehler.

Dankbarkeit

Ein wunderbarer Sonnenuntergang. Dessen letzten Strahlen kitzeln die Wolken des Nordsturms, der über die Berge treibt. Frischer Wind peitscht das Meer und treibt den Sand vor sich her. Touristen hetzen in windgeschützte Tavernen, jammern über den frischen Wind. Die letzte Rettung: der Aperol Spritz – oder wie das Zeugs heißt. Als sich der Wagen von Phöbus Apollon durch fadige Wolken gen Heimat aufmacht, die in schillernden Tönen am Himmel leuchten, hüpfen beleibte Körper schwerfällig aus den Sesseln. Handys werden gezückt und der Frust des Tages ist Vergessen.
Ich bin dankbar, dass ich hier sitzen, die wunderbare Natur mit ihren Gewalten genießen darf. In Eigenbewegung. Ich bin dankbar, dass ich es spüren darf. Ich denke an all die, die sich diesen Luxus nicht erlauben können.