Commons, Allmende, was für warme Begriffe. Gemeinsam schützen, bewahren, leben. Gemeinsam kümmern, ernten und genießen. Jahrhundertealte Praxen ohne Zentralismus und Hierarchien. Praktizierter Anarchismus. Praktizierte Freiheit von Herrschaft, leben mit der Natur und anderen Menschen. Sicherlich, auch hier geht es nicht ohne Probleme, ohne Leiden, ohne Konflikte. Wertvoll ist jedoch das Wissen darum wie Konflikte gelöst, entschärft werden können; zum Nutzen aller. Klar, ab und an muss jemand, der garnicht passt, den Ort verlassen, sich eine andere Gemeinschaft suchen. Die Gruppe wechseln, wie in jeder Beziehung. Vielleicht Nomade werden, dem eigenen Pfad folgen.
Leider ist das Wissen durch die Ideologie der Mechanik, des Marktes, der Hierarchien oft vernichtet, verdrängt, ausgetilgt worden. In den Momenten, in denen Gemeineigentum Privatbesitz wurde. Ebenso wie die gecopyrighteten Thesen von Pseudowissenschaftlern (Offizielle Wissenschaft ist heute zumeist ein armseliger Wurmfortsatz der Ideologien, kein kollektiver Denk- und Probierfreiraum). Es war ein Genuß den Artikel über Elianor Ostrom zu lesen. Angesichts der Brutalität unserer vertikalen Gesellschaften ohne wirkliche Gemeinschaft (ich denke da an Adlers Gemeinschaftsbegriff) legt sich ein grauer Schleier der Funktionalität über die warmen Gedanken, die das Herz froh stimmen.
Kategorie: Arbeit – Tätigkeit
Einfach tun
Pflanzen wachsen einfach… Erneut driften meine Gedanken durch die Welt der Worte. Tun – ohne zu tun, während das Auge über das sommerlich satte Grün schweift. Dann die Frage. Was ist der Unterschied zwischen Handeln und Tun?
Tun ist das ältere Wort, kommt aus dem Mittelhochdeutschen. Es bedeutet laut Kluges etymologischen Lexikon „setze, tue“. Benennt also alles, inklusive „nix tun“. Alle Tuwörter, also Verben. Im 14. Jahrhundert wurde es zunehmend vom Wort „machen“ abgelöst, das sich viel aktiver und mächtiger anfühlt. „Tun“ lebte aber weiter. Im Englischen „to do“ stärker als im Deutschen.
Auch das Tuwort „handeln“ hat einen mittelhochdeutschen Ursprung und bedeutet ursprünglich, wie sollte es anders sein, „mit Händen fassen, bearbeiten“. Ein sinnlicher Ursprung. Etwas selber tun, sich durch die Tätigkeit feststellen. Im Tun versinken. Im Handeln zu versinken ist da schon schwieriger. Denn mit dem „Machen“ dringt das Zielgerichtete noch brutaler in den Begriff ein, als es schon vorhanden war. Und die Macht. Weit weg, vom einfachen setzen und – nichts tun. Es sei denn, ich ziehe mich in mein eigenstes, nicht zielgerichtetes tun ohne zu tun zurück.
Noch schlimmer im Kontext ist das mitschwingende Ökonomische, das Handeln in wirtschaftlichen Beziehungen. Es will unser heutiges „Tun“ bestimmen. Durchdrungen von den Machtstrukturen und ihren Zielen.
Beide treffen sich im Begriff „to act“, was ein aktives Tun oder Handeln bezeichnet. Eine Aktion, die aus dem „Inneren“ kommt. Eine Aktion die Handlungsbefähigung, also „agency“ benötigt.
Die Gedanken driften weiter. Tun, was sie tun. Die Augen warten auf die Sonne.
Zahl und Tod
„10. November 2020. Claus ist kaum mehr bei Bewusstsein. Die Ärzte schreiben in die Akte: „Verschlechterung Allgemeinzustand. Patient somnolent. Fieber 39,1. Sättigung 84% bei Raumluft. TAA bis 140“. Zahlen. Zahlen. Zahlen.
Ein Krankenhaus funktioniert manchmal wie ein Rechenzentrum. Menschen werden zur komplexen Gleichung. Jedes Organ, jede Bewegung, jeder körperliche Zustand steht hier auf piepsenden Monitoren. Und wenn ein Mensch nur noch aus Werten und Zahlen besteht, braucht es andere Menschen, die mit ihnen rechnen. Ärzte. Das ist, was besonders Intensivmediziner lernen. Ausrechnen. Aufschreiben. Auswerten. Interpretieren. Und mit dem Ergebnis Entscheidungen treffen.“ (https://www.zeit.de/gesundheit/2022-05/corona-intensivpatient-krankenhaus-aerzte-behandlung)
Desto mehr ich über Zahlen lese, desto mehr fällt mir der Wahnsinn unserer Welt auf. Der Mensch, Natur, Tätigkeiten, Beziehungen… alles wird auf die Zahl gestellt. Mit brutalen Konsequenzen. Es gibt nur eine Alternative: Die Lücken im System finden, Regeln aushebeln. Für die Menschen, für die Natur, für eine menschliche Arbeit, für ein menschliches Lernen und Forschen Einsatz zu zeigen. Emanzipation für etwas, keine Partizipation, kein Bekämpfen! Gerade durch nichts tun, das weit über die „0“ hinausgeht, schreiten wir voran. Denn aus dem Nichtstun erwächst das Sein, erwächst das Neue, das Frische, das Lebendige. Autopoiesis. Aus sich selber heraus wachsen. Wie die altgriechische Physis, die das Potenzial, die Kraft beschreibt, die aus fast nichts alles heraustreiben kann. Das Wunder des Samens, aus dem ein Baum wächst. Alle großen Dinge fangen im Nichts und somit ganz klein an. Auch wenn der Mensch den Ast absägt auf dem er sitzt. Die Natur treibt immer wieder aus. Ohne Berechnung. Einfach so – wie im Bild.
Verfall: Strategische Perspektiven
Ich blicke ich aus der Ferne auf die Welt der Arbeit. Kafkaeske Schnipsel erreichen mich über die elektronische Post. Mein Körper signalisiert, sie haben nichts mit Glück zu tun. Er kommentiert mit Unwohlsein die („Finanz-“) Not des Systems. Einer Not, welche die freudige Tätigkeit in meinem „Traumjob“ in Teilen zu stupider, hirnloser Arbeit degradiert.
Wie immer, wenn es einem an Glück mangelt, man mit dem Jetzt hadert, lässt man sich beraten. So auch die Institutionen. Unternehmensberatungen oder „Coaches“, was das Gleiche ist, sollen helfen, die Probleme zu beheben. Hier offenbart sich der Irrwitz unserer Zeit. Augenfällig ist nicht nur ihre Fixation auf Zahlen und Tabellen. Über Inhalte wird nicht geredet. Die Sprache dieser Expert*Innen, die nichts anderes sind als armselige Wichtigtuer, die das immer gleiche Vokabular der Beratungsinstitutionen herunterbeten, sagt alles. Ein Satz fällt mir ins Auge: „Strukturen sind „gewachsen“ – nicht strategisch entwickelt.“ – Mein systemzernagtes Lehrerherz ruft aus: „Note 6, setzen“ (auch numerisch ;o)).
Wer so denkt, hat die Welt nicht begriffen, möchte alles rastern und betonieren. Die Apologeten des Untergangs. Es gibt zu viele davon und sie nähren sich gegenseitig. „Strategie!“ Sind wir im Krieg? Im Krieg gegen die Welt? Gegen die Menschen? Clausewitz muss her, ein Plan, schweres Geschütz wird aufgefahren. Verbale Schrapnelle gegen das, aus sich heraus Wachsende. Das sich organisch Entwickelnde. Die Natur. Die Unterstellung inklusive, dass die Lernenden und Lehrenden nicht wissen, was sie tun. Zum Beispiel wenn sie neue Stellen besetzen oder Studiengänge verändern. Generale brauchen Strategie. Wozu benötigen wir diese blinden Generale? Sie bringen nur Unglück und Leid. Wie im wirklichen Krieg. Diktiert aus ihren Befehlszentralen. Da hilft auch kein Anstrich durch Worte wie „Transparenz“. Ihre leeren Worte verschleiern nur.
Noch so ein Satz, den ich lese, dass das Studium den Anforderungen des Arbeitsmarktes der Zukunft genügen soll – als strategisches Ziel, vermute ich – unterstreicht dieses lächerliche Denken. Wer weiß denn, wie diese Anforderungen aussehen. Gibt es die eine? Ist sie generalisierbar? Wie schnell ändern sich die Anforderungen? … Hier sprechen Schreibtischtäter, die weg von der Realität nicht mal fähig sind, die wirklichen wichtigen Fragen zu entdecken. Bringt das Lernen Spaß? Herrscht ein fruchtbares, offenes, tolerantes Klima voller Neugierde und Faszination? Finden die jungen Menschen ihre Lebensaufgabe? Haben die Lehrenden sie gefunden? Ihren Lebenssinn? Gibt es und entstehen warme Verbindungen, die durch das Leben leiten? Sind sie am richtigen Platz?…
Kein Wort zu ihnen selbst. Sie können nur andere hinterfragen. Blinde Beobachter mit dicken Mäulern. Keine Frage zu Sinn oder Unsinn der Existenz und Vorgehensweise der Verwaltungen. Meine Frage wäre, wenn es denn nun darum geht zu sparen, ob wir nicht einfach den ganzen Wust überteuerter Verwalter und Papiertiger abschaffen sollten. Mit ihren tollen Abteilungen, die von ihrem Versagen zeugen? Sie hocken in ihren Verwaltungstürmen, fern ab der Realität. Sie haben kein sinnvolles, alltägliches Tun. Sie schweben im wichtigen Nichts. Irgendwo in der Pyramide, die hinauf bis zu EU und OSZE-Direktiven („Jawohl, auf Befehl“) reichen. Oh, wenn sie gingen – wie viele Ressourcen (Personal, Räume, Material) wären freigesetzt. Was für ein luxuriöses Lernen wäre dann möglich! Dann gäbe es Raum zum Wachsen und Wuchern. Zum Experimentieren, zum Emanzipieren. Dann entstände wirklich Neues. Jenseits der Tretmühle mit ihrer Scheinpartizipation.
Wobei anzumerken ist, dass der Begriff „Partizipation“ eigentlich alles ausdrückt. Das Wort bedeutet Teilhaben. Die Onkel oben in der Machtpyramide speisen mit Krümeln ab. Noch schlimmer ist, sie versuchen, Wissen zu stehlen, dass sie nicht haben, um so zu tun, als wenn sie Studium verständen.
Jetzt!
Mal sanfter und mal lauter klick-klackern die Regentropfen im eigensten Rhythmus kühl an die Scheiben. Wie sinnlos eine Struktur erkennen zu wollen. Sie spielen ihre eigene Musik. Wie im Tanz muss man mitgehen. Regentropfen werden. Auch in der Sonne muss man Sonne sein. Dem Wind sollten wir uns beugen. Flexibel und biegsam im Moment. Wunderbare Welt.
Welch ein Luxus, es leben zu können.
In diesem Moment der Ruhe muss ich an Thích Nhất Hạnh denken, der am 22 Januar mit 95 verstorben ist. Später lese ich nach – in seinem schönen Büchlein „Im Hier und Jetzt zu Hause sein“:
„Wer einmal erlebt hat, wie wohltuend, erfrischend und heilsam es ist, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein, im Hier und Jetzt wirklich anzukommen, in dem wird eine tiefe Sehnsucht erwachsen, solche Augenblicke öfter und länger zu erleben. Ganz bei sich und gleichzeitig mit allem verbunden, fühlt man sich zuhause, nichts fehlt, alles ist da.“ (7)
„Wir glauben, wenn wir nichts tun, dann vergeuden wir unsere Zeit. Das ist nicht wahr. Unsere Zeit ist zunächst für uns da, ist da für uns, damit wir sein können – was zu sein? Lebendig zu sein. Frieden zu sein, Freude zu sein, zu lieben. Das ist, was die Welt am dringendsten braucht. Wir üben uns darin zu sein. Und wenn wir die Kunst beherrschen, friedlich zu sein, stabil zu sein, dann haben wir die Grundlage für jedes Handeln geschaffen, denn die Grundlage jedes Tuns ist, zu sein. Und die Qualität des Seins bestimmt die Qualität des Tuns. Das Tun muss auf dem Nichtstun basieren.“ (17) Wu Wei…
Schön ist, dass der nächste Regen, der nächste Sonnenschein, der nächste Wind mit Sicherheit kommt. Ob ich da bin oder nicht.
Thích_Nhất_Hạnh (2016) Im Hier und Jetzt zu Hause sein, Theseus
Planung
Immer wieder fragen und fragten mich liebe Menschen, was ich im „Sabbatical“ so plane. Zumeist antworte ich, das ist nicht „planbar“ oder „ich will nicht planen“. Mit gutem Grund. Die Auszeit muss sich dem Planenden entziehen, soweit es geht. Es geht darum sich der Berechenbarkeit zu entziehen. Einer planenden Berechenbarkeit, die sich u.A. in den Mails, die ich aus der Arbeitswelt bekomme, zeigt. Zumeist geht es Finanzplanung, Stundenplanung, Studienplanung, Zukunftsplanung und Ähnliches …
Überall wird nach Plänen gerufen. Viele Menschen haben Pläne für das neue Jahr, neue Vorsätze. Ja, – Pläne werden heutzutage „voraus-“ und was noch schlimmer ist „vor“ gesetzt. Als wenn sie uns den rechten Weg weisen würden. Sie uns von dieser oder jener Unwägbarkeit befreien, retten könnten. Im Gegenteil, durch den wirren Blick auf Ziele, Schritte, Tabellen, Raster, Charts etc. wird das Wesentliche vergessen, gar verdeckt. Blind wird den „Vor-“gaben gefolgt, die irgendwo von irgendwem in hektischem Treiben ersonnen wurden. Oft ohne von der Materie Ahnung zu haben, in der trügerischen Hoffnung, alle Möglichkeiten mit „eingeplant“ zu haben. Pläne erzeugen das trügerische Gefühl, alles im Griff zu haben. Bis zum bösen Erwachen, wie so schön gesagt wird (man denke nur an die Finanzplanungen überall, die nicht selten vor Abschluss der Planung schon aus dem Ruder laufen – auch an den Hochschulen. Oder die Studienplanung, die auf individuelle Lernwege, Fähigkeiten und Bedürfnisse kaum Rücksicht nimmt…oder die Unplanbarkeit in Zeiten des Viruses).
Sicher, gewisse „Marker“ im Fortschreiten von Projekten, des Lebens, des Alltags sind nicht falsch. Doch Entwicklungsschritte kommen im Normalfall von selber. Solange das Leben nicht an der Planmaschine ausgerichtet wird. Die Füße gehen. Der Magen meldet sich, wenn er Hunger hat. Der Körper fordert Ruhe, wenn er ermüdet. Der Geist fordert Nahrung, wenn er wach und neugierig in die Welt blickt. Dinge begegnen uns, wenn sie uns begegnen. Doch oft wird auf die Natur der Dinge, nicht gehört. Weil es anders geplant wurde. Der moderne Mensch erscheint taub für das Sein und dessen geheimnisvolle Strukturen.
Viel angenehmer und schlauer deucht es mir daher, über Strukturen nachzudenken. Strukturen, die sich aus einer leeren Ebene („plan“), einem offenen Platz bzw. Zeit-Raum, ergeben. Fußabdrücke zeichnen sich im Werden ab. Strukturen entstehen im Jetzt. So wie sie auch wieder vergehen. Wie die Wellen, die der Wind in den Sand formt – um vom Wind wieder verweht zu werden; Strukturen, wie der sich immer verschiebende Sonnenaufgang; Strukturen, die der Körper in seinen Zyklen zwischen Leben und Tod vorgibt. Sie entstehen vorerst aus sich selber. Sie sind da. Oft bleiben sie unsichtbar, ohne in ihrer Vergänglichkeit benannt, bezeichnet zu werden. Sie melden sich gerne zaghaft, nicht selten „ungefähr“. Oft sind sie schwer erkennbar. Gerne, wenn wir sie erkennen lernen, beobachten, wachsen sie, werden klar, sichtbar. Nicht selten geben sie sich dann fordernd. Wir müssen uns nur für sie öffnen. Dann ist es möglich diese, ihnen folgend, zu bestärken. Ohne Plan bekommt ein Tag, eine Tätigkeit dann plötzlich eine klar erkennbare Struktur. Eine Struktur, die guttut, mit der wir mitfließen können. In ihrer eigenen, unserer Dauer.
Sicherlich liegt das Problem darin, dass alle Menschen unterschiedliche Strukturen haben. Zum Beispiel, wann sie konzentriert arbeiten können. Sicherlich gibt es viele Einflussfaktoren, die gewachsene Strukturen stören können. Doch zuerst müssen wir sie erkennen. Dann ist es möglich sie sanft nutzend, für uns und unsere Mitmenschen in Abstimmung zu synchronisieren. Dann können sie befriedigende Ereignisse erzeugen. Schöne Momente, Dinge, Begegnungen, Rituale, Tätigkeiten oder was auch immer…. Also alles, was wir anstreben.
Strukturen sind wichtig um uns vor der Beliebigkeit zu retten, die grundlegenden Bedürfnisse zu sichern und kommunikabel zu machen. Sie zu entdecken benötigt jedoch Aufmerksamkeit, eigenständiges Handeln, Willenskraft und Konzentration. Zudem die Bereitschaft, sich offen auf das Werden im Moment einzulassen. Aber bitte ohne Plan. Welch ein Traum in dieser verplanten Gesellschaft.
Nein!
Ich fordere für mich das starke „Nein“. Ein Nein, das in mir schallt. Eine Energie, die die Welt erreicht. Wie ein Wirbelwind, der aus vielen Winden zusammengesetzt ist und all die armseligen Jas in Stücke reißt. Sie in alle Himmelsrichtungen vertreibt. Ein Nein, das zerschmettert, auf dass eine Leere entsteht, in der etwas wachsen kann. Das Wissen um das endgültige Nein, dem wir alle ausgesetzt sind.
All die Ja’s, die die Leere verstopfen, das Nein zu verdecken suchen, ohne, dass es ihnen je gelingen mag. Sie müssen ausgelöscht werden. All die armseligen Jas zu Ablenkung und Konsum, zu Politik und Systemen, die Jas in den „Ja ich will dies, ja ich brauche das.“ Schwachsinn, Massenwahn, Irrtum, Dummheit. Sie müssen zertreten werden. Ich muss taub für sie werden. Wie der Fels! Auf dass die Brandung mich langsam zernagt. Ein Nein, das stärker als alle Jas ist. Ein Nein, das gibt. Mehr gibt, als all die Jas, die uns in unserer verfetteten, oberflächlichen (westlichen) Welt um die Ohren gehauen werden. Der Materialismus muss sich in der Spiritualität auflösen.
Studium 2 – entmenschlicht
Einen Tag nach dem Post zum Begriff des „Studiums“ unterstrich der Hilferuf einer Studentin, die psychische Probleme hat, was ich schrieb. Zunehmend muss ich beobachten, dass bei Studierenden Angststörungen, Depressionen und anderer Probleme auftreten. Sicherlich durch Covid verstärkt, aber nicht erst seit Corona. Gefühlt nimmt dieses Phänomen seit etwa 5- 6 Jahren massiv zu (im Nachgang zum desaströsen Übergang vom Diplom zu BA und MA). Einige Studierende, die offen mit ihren Problemen umgingen, konnte ich zum erfolgreichen Abschluss geleiten. Zum Teil mit intensiver Beratung und psychologischer Unterstützung, die sich die Studierenden geholt haben. Leider gab es auch den Abbruch der MA Thesis einer sehr begabten Studentin. Einige Studierende sind schweigend aus dem Studium verschwunden, vielleicht, weil sie keine Hilfe suchten und fanden. Für mich ein nicht quantifizierbares Alarmsignal über den Zustand von Gesellschaft und Studium.
Es kann sicherlich auch daran liegen, dass die „junge Generation“ an sich schwach, nicht forderbar, überfordert, verwöhnt etc. ist, wie manche meinen. Ich muss jedoch feststellen, dass es sich bei den Betroffenen zumeist um hochbegabte und fähige Studierende handelt, die, wenn sie es schafften, im sehr guten bis guten Bereich abschlossen.
Ebenso könnte behauptete werden, dass wir „Alten“, die kurz vor der Rente stehen, ebenso verweichlicht sind. Warum sonst kommen von der Hochschule und Firmen gutgemeinte Angebote zur Stressbewältigung, für Tai Chi und andere netten, hilfreiche Dinge? Warum boomt der Markt für solche Kurse? Warum ist es so schwer, einen Therapieplatz zu bekommen…? Ist dies nicht auch symptomatisch? Ein Armutszeugnis für den Zustand der Hochschul- und Arbeitswelt? Vielleicht sogar unserer Lebenswelt.
Es ist unglaublich, wie viele Menschen in meinem persönlichen Umfeld, speziell solche in Positionen mit Verantwortung – von der Erzieherin, der Krankenschwester über technische Fachkräfte in Großunternehmen, Kolleg*Innen bis hin zum IT Projektleiter berichten, dass sie nicht mehr können oder wollen. Dass sie intensiv an einer „Exit-Strategie“ aus dem Berufsalltag arbeiten. Nicht nur, wenn das Gespräch auf mein Sabbat Jahr kommt. Oft bringt der Job, wie mir, noch Spaß. Doch die Belastung durch die Verwaltung, Email-Aufkommen, Bürokratie, Taktung, Normzahlen (Liste kann erweitert werden) etc. ist kaum noch zu ertragen. Zudem tragen die neuen Medien diese belastenden, jobfremden Tätigkeiten in die Wochenenden, Abende und die Freizeit. Allen Verlautbarungen der Verwaltungs- und Führungsebenen der Arbeitenden zum Trotz. Also auf zum nächsten Kurs, zur nächsten Verpflichtung, die – ach so freiwillig ist…
Ich kann nur dankbar sein, dass ich mir den Luxus dieser Auszeit erlauben darf. Das System hat keine Fehler, es ist der Fehler.
Studium
„PHAIDROS. Genug! Meine Hoffnung hast du vereitelt, Sokrates, da ich dachte, mich an dir zu üben. – Also, wo willst du nun, daß wir uns hinsetzen, um zu lesen?
SOKRATES. Laß uns hier nach draußen abbiegen und den Ilissos entlanggehen, dann wollen wir uns, wo es uns gefällt, in der Stille niederlassen.
PHAIDROS. Zu rechter Zeit bin ich offenbar gerade diesmal barfuß – du bist es ja immer. So ist es am einfachsten für uns, das Wässerchen hinabzugehen und dabei unsere Füße zu netzen. Besonders in dieser Stunde und in dieser Jahreszeit ist das recht angenehm.
SOKRATES. So führe also und schau dich zugleich um, wo wir uns niedersetzen können.
PHAIDROS. Siehst du da jene hochaufsteigende Platane?
SOKRATES. Ja.
PHAIDROS. Dort ist Schatten und mäßiger Lufthauch und Rasen, uns zu setzen oder, wenn wir wollen, uns niederzulegen.“ (Platon, Phaidros – oder vom Schönen, 3)

Das lateinische „studere“ bezeichnet den Prozess nach etwas zu streben, sich um etwas zu bemühen. Also ein sehr allgemeiner und alltäglicher Prozess. Um welches „Etwas“ es geht ist egal. Im Kontext von Forschung und Lehre bedeutet „studieren“ Wissen zu erwerben und anwenden zu können. Wissen, so sollte allgemein bekannt sein, bedeutet noch lange nicht, etwas zu können. Ich weiß, was es bedeutet, auf einem Drahtseil in luftigen Höhen zu balancieren. Doch alle Gleichungen die eine optimale Balance kalkulieren, die Windgeschwindigkeit, das Schwingungsverhalten des Seils, seine Spannkraft etc. berechnen können, nutzen mir nix. Stellt mich auf das Seil und ich stürze ab. Um auf einem Seil einen Abgrund überwinden zu können, bedarf es langer Übung, Überwindung und vielleicht ein wenig Talent. Hinzu kommen Willenskraft, Anstrengung und… Übung! Zudem Muße und Ruhe zum üben, nachdenken, reflektieren und verinnerlichen – am besten in der Natur. Denn beim Lernen geht es darum, die „Natur“ der Dinge möglichst spielerisch zu erfassen. Im wahrsten Sinne des Wortes möglichst intuitiv zu be-greifen.
Wie Byung-Chul Han in seinem schönen Aufsatz über Rituale erwähnt, kommt das Wort Schule aus dem Griechischen: scholé bedeutet Muße*. Die Muße, die auf die Arbeit zum Lebenserhalt folgen sollte. Die der Erholung dient. In der Pause bildet sich die Kraft für den nächsten Gedanken, die nächste Idee, den nächsten Atemzug.
Rechte Anstrengung und Willenskraft etwas wirklich zu studieren bedürfen der Zeit und einer entspannten, motivierten Herangehensweise. Faktoren, die in jeder Situation, je nach Mensch, total unterschiedlich ausfallen können. Studieren bedarf eines eigensten Rhythmus. Sicherlich helfen vermittelte Erfahrungen, das gelebte Wissen eines Meisters oder Lehrers. Speziell wenn es darum geht Hinweise zu geben, wo Dinge falsch eingeschätzt oder gar nicht richtig gemacht werden. Dabei muss der Meister oder Lehrer ebenfalls danach streben die Lernenden in einem horizontalen Verhältnis zu studieren – zu fordern und zu fördern. Lehrende und Studierende müssen sich umeinander bemühen. Lernende Lehrende.
Die heutigen Lehranstalten haben sich, trotz besseren Wissens, meilenweit von diesem Prozess entfernt. Getaktet und in Excel Tabellen gerastert folgen sowohl Lehrende als auch Lernende in weiten Teilen den Vorgaben der (Profit-)Maschine. Dem entmenschlichten Dampfhammer der Effizienz und des Drucks ökonomischer Verwertbarkeit. Bis in die letzte armselige Synapse haben viele Lehrende und Lernende diese quantifizierende Ideologie verinnerlicht. Es geht um Produktion und Reproduktion. Auf einem, über die Zeit abgeblätterten Etikett lassen sich fünf verwitterte Buchstaben lesen: „Studium“. Dahinter finden wir die Raster der CNW Werte, Regelstudienzeiten, Numerus Clausus, Kapazitäten, Evaluationsbögen, Berichte, Anträge, Kalkulationen, Forschungs-Etats, Stundenpläne, Ordnungen… alles in riesigen Tabellen mühevoll erfasst.
Daten, die nicht das Geringste vermögen, sondern nur noch verwaltet werden wollen. Heute kommt in Hochschulen auf eine hauptamtliche Lehrperson in etwa eine Person, die verwaltet (dazu noch die politischen Verwalter bis hoch zur EU). Verwaltung ist das Gegenteil von Studium. Es ist Produktion – Verwaltung produziert bekanntlich nur noch mehr Verwaltung. Sie zwingt die Lehrenden durch ihre Gesetzvorgaben, Formulare und Tabellen mitzuverwalten. Wertvolle Lebenszeit und Lehrzeit wird für die zwangsgestörte Bürokratie verschwendet. Forschen und Lernen im maschinellen Takt, in einem vertikalen Macht-Verhältnis, in dem die Bürokratie mit ihren Normvorgaben (aus Industrie und Politik) zur Gewinnmaximierung an der Spitze steht. Eine neue Form der Sklavenhaltergesellschaft. Selten kommt wirklich etwas Qualitatives heraus. Dies kann nur geschehen, wenn die Studierenden und Lehrenden das Raster verlassen, die Regeln brechen; aus sich selber heraus beginnen die Welt zu studieren. Kein Wunder, es sollen ja Arbeitssklaven für den Markt produziert werden, für die Gewinnmaximierung an den Börsen, denen der Zustand der Welt egal ist.
Die Geldmaschine kennt keine Muße. Doch gerade Muße ist eine essentielle Voraussetzung für jedes wirkliche Studium, jedes wirkliche Bemühen und Streben. Muße, aus der die Dialoge des Platon und der anderen großen griechischen Philosophen entstanden; Gedanken, die bis heute gedacht werden. Tiefsinnig, wegweisend, am Mittelmeer unter Platanen beim dialogischen Spaziergang gedacht. Verlassen wir die toten Kammern der Hochschulen und wandeln unter Platanen, um ein wirkliches Studium zu beginnen!
*“Die Hoch-Zeit ist auch die Zeitlichkeit der Hochschule. Im Altgriechischen heißt Schule scholé, also Muße. Hochschule ist demnach Hoch-Muße. Sie ist heute keine Hoch-Muße mehr. Sie selbst ist eine Produktionsstätte geworden, die das Humankapital zu produzieren hat.“ (Byung-Chul Han (2019) Vom Verschwinden der Rituale. Ullstein, Berlin S. 52
Befremdliche Zeugnisse

Vor ein paar Tagen erreichten mich im quadratischen Fenster des Mail Clients zwei „Informationen“ aus der Arbeitswelt. Befremdliche Zeugnisse einer befremdlichen Welt. Sie erregten in mir nur ein süffisantes Lächeln. Das Lächeln, das sich lächelt, wenn man über den Zustand der Welt eigentlich heulen sollte. Doch aus der Distanz war die innere, spöttische Erregtheit ein wenig mit Arroganz gepaart. Ausgelöst durch diese entfremdeten, traurige Statements des Verlorenseins der Menschen in der digitalen Maschine. Sinnlos in dem Sinne, dass sie in Form und Inhalt völlig fern von jeder sinnlichen Erfahrbarkeit liegen. Eine Mail beinhaltete den Status eines Forschungsprojekts. In Form einer unsäglichen SAP Liste, die kein normaler Mensch zu lesen vermag oder gar zur Kenntnis nehmen sollte. Die andere enthielt drei Excel Tabellen, voll von wirren Zahlen, Kürzeln und Werten. Beide ein Ausdruck der Entmenschlichung dessen, um was es ging – Forschung und Lehre – kurz Studium; eigentlich sogar, so will ich mal sagen, der Welt. Teile eines transzendentalen Programms (einer Vor-Schrift), denen wir alle zu folgen scheinen, folgen sollen und (mich eingeschlossen) oft vermeinen zu müssen. Lächerlich. Ich habe die Mails und Tabellen sofort gelöscht. Sie sind so vergänglich, egal und sinnlos wie alles, an dem sich schwache Menschen (speziell Bürokraten) in ihrer quantifizierten, kleinen, gekästelten, armseligen Welt klammern. In der Hoffnung, sie kontrollieren zu können.
Welt ist ein chaotischer Taumel. Schroff, durchlöchert, bewegt, immer in Veränderung, vergänglich. Keine klaren Ecken und Kanten, keine wirklichen Grenzen. Nirgends ist sie so, wie es die moderne Welt glauben machen möchte. Die Oberflächen mit ihren Quadraten, Icons und Fenstern, die Zellen der Tabellenkalkulationen, die Raster der Städte (die nicht mehr aus sich wachsen) formulieren die Entfremdung der Menschen von sich und der Natur. Langweilige Versuche etwas zu kontrollieren, was nicht zu kontrollieren ist. Noch langweiliger ist das Studium derartiger Objekte. Auch wenn viele Menschen sie zur Ultima Ratio erklären.
Ausatmen. Qualität. Für uns Menschen sollte es nur eine beherrschende Quantität geben, die im Rhythmus der Wiederholung fußt. Diese kommt ohne Gleichförmigkeit daher: Jeder Atemzug ist anders. Ein und aus, wie das rhythmisch-chaotische rauschende Spiel der Wellen. Kommen und Gehen. Jeder Atemzug ist einer weniger auf dem Weg zum Tod. Die Anzahl ist nicht bestimmbar. Nie.