Frische Kraft

Voll aufgeplustert, mit geschwollener Brust thront die Meise auf dem höchsten, kahlen Ast der Hecke, an dem sich zarte Knospen zeigen. Gell ruft sie in fast schrillen, dennoch wohlklingenden, rhythmischen Tönen nach Liebe; dem oder der Liebsten. Welch eine Kraft liegt in ihrer kleinen Lunge, durchflossen von der weichen Frühlingsluft. Diese strömt in jeden Winkel; alles im kühlen Schlaf verharrende Leben saugt sie auf. Schon sind sie da, genährt von der sich immer wieder durch die zarten Wolken schiebenden Sonne. Wie die Brust der Meise schwellen die Knospen. Hier und da erblüht ein erster Busch und kündigt von der Energie, welche die Pflanzen aus der saftigen Erde saugen.
Alles hat Potenzial, Kraft, φύσις. Die Kraft treibt, wie das uralte Konzept der Physis es beschreibt, von innen. Stärkt und nährt. Schon wird aus dem kleinen, unscheinbaren Samenkorn eine prächtige und mächtige Pflanze. Zum Baum werden benötigt es die gleiche Geduld, wie das suchende Harren der Meise auf dem Ast. Kraft kann nur aus dieser warmen, inneren Quelle entspringen, deren Ursprung sich uns entsagt, den wir aber spüren, dem wir nachspüren können. Sie ist so schön, so wunder- wie nicht berechenbar. Genießen wir sie. In dem Moment, der ist.
Ich blicke überrascht auf. Ein Zitronenfalter taumelt über den Weg…

Freiheit im Fluss

Wie Treibholz werden wir alltäglich vom Fluss der Zeit vorangezogen. Mal schneller, mal langsamer. Dieser Strom zernagt alles fest geglaubte. Aus Felsen wird Sediment, wird Felsen. Immer anders, immer neu. Frei fließt der Fluss, in sein Bett eingezwängt. Doch immer wieder sprengt er die Grenzen seines Laufes, versickert oder braust nicht geahnte Wege. Unaufhaltsam verändert er seinen Pfade. Freiheit ist zuallererst die Freiheit etwas zu ändern. Schon ein aktiver Schritt zur Seite öffnet neue Horizonte.
Das einengende Bett der Menschen sind die Gedanken, sind die Schemata, die gewohnten Denkbahnen. Woher immer sie kommen. Familie, Ereignisse, Beziehungen, Staat, Kultur, Religion… die Ursachen für sich egal. Vergangen, versandet. Es geht darum, die Verhaltensweisen zu entdecken, zu benennen, die Dämonen hinter sich zu lassen. Ja, manche sind kraftvoll, erscheinen fest, unüberwindlich wie ein betonierter Kanal. Andere hingegen sind porös und flexibel wie ein weiches in Sand und Schotter gegrabenes Bett. Ein aktiver Fluss findet immer seinen Weg. Sickernde Feuchtigkeit, hauchfeine Rinnsale schreiten langsam und geduldig voran. Manchmal drängt der Strom stürmisch und unaufhaltbar über die Ufer. Selbst, wenn die Tropfen versickern, versanden – immer neues Wasser sucht unbekannte Wege. Dann, überraschend stürmt die Flut heran und keine Barriere verstellt den Weg. Alles ist neu.

Strandgut

Tang, Muscheln, Bambus, manchmal ein toter Fisch, Gehäuse, Holz… Das Meer spült es an. Die kleinen Fliegen am Morgen, in der Dämmerung umschwirren meinen aufrechten Körper, wohl in der Annahme, er sei ebenfalls angetrieben worden. Immer wieder kitzeln sie auf der Haut. Sie irritieren den Fleischberg nahe der Brandung, zwischen den wassergeschliffenen Felsen. Je besser ich in die Leere komme, desto mehr werden sie ein Teil von mir und ich von ihnen. Wie jeden Tag rauschen die Wellen, geben ihren rhythmisch-chaotischen Takt. Mit und gegen den Atem. Spülen Dinge hierhin und dorthin, zermahlen, nehmen mit, verteilen, zersetzen…
Am Abend werde ich zu – fühle mich wie Strandgut. Gestrandet am Airport. Gelassen nehme ich nach einem kurzen Schreckmoment die Durchsage auf, dass der Flug ausfällt. Ein Zeichen? Soll ich auf der Insel bleiben, der Arbeit, dem Alltag entfliehen. Dumme Frage, es nutzt nichts, vor der Wirklichkeit wegzulaufen. Zudem ziehen mich die lieben Menschen an, die ich länger nicht sehen und spüren konnte. Die Ereignisse spülen unsere aufgeregte Gruppe zuerst vor das Terminal, dann in Busse und zuallerletzt in eine von diesen Hotelanlagen, die ich nie freiwillig betreten würde. Ich freue mich, lasse mich treiben. Ein Lächeln umspielt meinen Mund. Es gibt Neues zu entdecken, Unbekanntes: Das wirkliche Leben, welches sich für mich bislang hinter den immer gleichen, gephotoshoppten Bildern von Reiseprospekten verbarg. Mondänes Licht; ein schicker Name; 4 güldene Sterne, eine breite Auffahrt, der beleuchtete Pool, der Rasen gepflegt, die Liegen in Reih und Glied. Nur der Portier in schnieker, dezenter Uniform fehlt.

Alles so eckig hier… ein Vorgeschmack auf die Heimat


Einchecken, dann hungrig zum Essen. Urlauber*Innen, die um das Buffet schleichend dreinblicken, als wenn sie sich in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit drängeln. Liegt es an den Wolken, dem für die Insel ungewöhnlich frischem Wind, dass kaum Freude zu spüren ist? Morgens am Pool das einsame Paar, im Schatten des Schirms und der Wolken, in Badehose und Bikini. Beide den Blick auf ihre Smartphones gerichtet. Ich staune. Im Hintergrund ist die aufgewühlte Brandung des Meeres zu hören. Ich sinniere über den Konflikt „eckig“ vs. „rund“ bzw. „amorph“ nach. Der eckige Pool, der eckige Rasen, das eckige Hotel, die eckige Liege, die Anordnung der Dinge – eckig. Nur der Schirm ist rund. Dagegen im Hintergrund, vierhundert Meter weiter, der amorphe Strand, die wilden Wellen, die zackigen Berge, der freie Himmel an dem die Wolken spielen, der südländisch unebene Bürgersteig mit seinen Lücken und Unregelmässigkeiten…
Die Stimmung unter den Gestrandeten ist gut, freundlich gelöst. Begegnungen ereignen sich. Für mich sogar eine, die sich in der Heimat fortsetzen könnte (warum kommt man ausgerechnet mit Menschen ins Gespräch, mit denen man einiges gemeinsam hat?). Es werden Beziehungen geknüpft, man treibt fragend voran, tauscht sich aus. Rutger Bregman Betrachtungen aus dem herrlichen Buch „Im Grunde Gut“ werden bestätigt. In Krisen (Eine Nacht in der Hotelburg ist an sich keine) zeigt sich das Gute im Menschen. Hilfsbereitschaft, Offenheit, sogar Gelassenheit.
Dann nach weiteren letzten, kurzen Besuchen am mit Liegen vollgepflasterten Strand treibt es mich zurück in den Bus und dann an die heimatlichen Gestade… mal schauen, was so kommt.

Ende und Anfang

Die Wellen rauschen rhythmisch. Mal im Gleichmaß, selten ein dumpfer, knallender Bass, wenn sie in Felslöchern brechen. Dann die sanften Phasen, das gurgelnde Plätschern des Rückflusses; es klingt wie ein Bach. Unvermittelt trägt der leichte, warme Wind menschliches Geplapper an mein Ohr. Zwischen den Klängen des Meeres und der Luft kaum wahrnehmbar, aber dennoch vorhanden. Wie ein dunkles Zeichen frisst sich die Banalität sinnloser Wortfetzen in die da-seiende, geräuschvolle Kulisse des Meeressaumes, die dem Ohr schmeichelt, die Beruhigung meines ewig schnatternden Geistes fördert.
Wie von Bürokraten in Papier und Tabellen gebrannte Regeln und Gesetzte wird Unnötiges vor sich hingesagt, nur um etwas zu sagen. Es fühlt sich an, als falle der Alltag wie eine Horde gefräßig quiekender Ratten über die bewegte Stille her. Ich nutze den Atem, dem Hin und Her der Wellen folgend. Dann bin ich wieder „da“. Letzte Fragen verdampfen in die Leere. Was interessieren sie mich? Was haben sie mit mir, was mit der Erde, was mit der Welt zu tun? Sie verklingen, ob sie da sind oder nicht.
Ein Jahr Wu Wei, ein Jahr anders tun, ein Jahr nachdenken, ein Jahr in die Präsenz kommen. Ein Jahr ohne Excel-Tabellen, Bürokratie, Labermeetings und Sachzwänge. Mit nur wenig sinnlosem Geplapper. Was eine wunderbare Zeit der Erdung, voller Nähe zur Natur, voller Ruhe und zu-sich-kommen. Nicht denken, einfach denken, konzentriert denken. Nicht nachdenken, jetztdenken. Beziehungen pflegen, Verbundenheit zu lieben Menschen spüren. Welch ein Privileg, dies genießen zu dürfen, ohne wirklichen Verzicht, der dennoch geübt wurde. So voll, so vieles, so viel Leere, für die sonst zu wenig Raum ist.
Jetzt wird dieser Weg für zwei Jahre unterbrochen oder zumindest abgeschwächt. Ich nehme mir vor, ihn dennoch mit Haltung zu beschreiten. 道, – Do. Dazu gehört es, für die Menschen da zu sein, ihnen in ihrer jugendlichen Suche als verlässlicher Partner zur Seite zu stehen. Ich werde versuchen, ein aufmerksam präsenter hin-weisender zu sein, der den eigenen Weg zu finden hilft. Auch meinen – von ihnen lernen. Mehr will ich nicht. Mehr werde ich nicht tun. Wozu auch? Für die Politiker und Bürokraten, die Geldmacher und Spekulanten? Sie verdienen nichts, selbst wenn sie mit Bergen materieller Zeugs gestopft sind. Alles Illusion. Keine Werte. Banal wie das Geplapper am Strand, das nicht „da“ zu sein vermochte. Nur die Leere, das „Nicht“ bleibt. Wir sollten beides üben.
Nicht-Ziel ist es, so wenig wie möglich Teil der Raster und Berechnungen, unter denen Menschen und Natur leiden, zu sein!
Das große „Nein“, das zugleich ein großes „Ja!“ ist: Nein zu den leeren Worten und gedroschenen Phrasen neoliberaler Gesinnung. Das narzisstische Geplapper, welches letztlich nur der ökonomischen Verwertbarkeit dient; die Welt in den Abgrund reißt, Kriege führt…
Das große Ja dazu, wirklichem Sein und Denken Raum zu geben. Zeit leben. Zufrieden zu sein.
Wenn ich über die auf mich zukommenden Hohlheiten nachsinne, wird mir ganz schwummerig. Ich möchte die Insel am liebsten nie mehr verlassen. Trotz des Wissens, dass dieses würgende Netz, welches sich um Welt und Gedanken gelegt zu haben scheint, auch hier seine feinen, scharfen Fäden spinnt.
Nicht die Stellung ist wichtig, es ist die Haltung, die ich ein Jahr üben, entdecken und vertiefen durfte. Ich werde fortfahren und allen, die es hören wollen, gerne mitteilen, was dies für mich bedeutet.