Vertikal

Commons, Allmende, was für warme Begriffe. Gemeinsam schützen, bewahren, leben. Gemeinsam kümmern, ernten und genießen. Jahrhundertealte Praxen ohne Zentralismus und Hierarchien. Praktizierter Anarchismus. Praktizierte Freiheit von Herrschaft, leben mit der Natur und anderen Menschen. Sicherlich, auch hier geht es nicht ohne Probleme, ohne Leiden, ohne Konflikte. Wertvoll ist jedoch das Wissen darum wie Konflikte gelöst, entschärft werden können; zum Nutzen aller. Klar, ab und an muss jemand, der garnicht passt, den Ort verlassen, sich eine andere Gemeinschaft suchen. Die Gruppe wechseln, wie in jeder Beziehung. Vielleicht Nomade werden, dem eigenen Pfad folgen.
Leider ist das Wissen durch die Ideologie der Mechanik, des Marktes, der Hierarchien oft vernichtet, verdrängt, ausgetilgt worden. In den Momenten, in denen Gemeineigentum Privatbesitz wurde. Ebenso wie die gecopyrighteten Thesen von Pseudowissenschaftlern (Offizielle Wissenschaft ist heute zumeist ein armseliger Wurmfortsatz der Ideologien, kein kollektiver Denk- und Probierfreiraum). Es war ein Genuß den Artikel über Elianor Ostrom zu lesen. Angesichts der Brutalität unserer vertikalen Gesellschaften ohne wirkliche Gemeinschaft (ich denke da an Adlers Gemeinschaftsbegriff) legt sich ein grauer Schleier der Funktionalität über die warmen Gedanken, die das Herz froh stimmen.

Einfach sitzen

Eine kurze Lektüre zur Einstimmung auf das Sitzen. Nachdenken entlang eingängiger, ruhiger Worte des verstorbenen Meisters. Wie in sanfter Rede gesprochen hallen sie in mir wieder. Ganz von selbst scheinen sie den Geist zu erreichen, wenn man es tut. Sitzen ohne ideologischen Ballast, ohne Wollen, ohne Ziel. Tun, einfach tun. Nichts tun. Diese Worte erinnern mich an meine ersten Worte hier, entstanden an den Gestaden der sonnigen Insel. Ein Ort, an dem ein Stein am Meer auf mich wartet um auf ihm zu sitzen. Wu Wei.
Doch lauschen wir dem Meister: „Viele versuchen, immer mehr und mehr zu tun. Wir glauben, wir müssten das tun, weil wir Geld verdienen, etwas erreichen wollen, weil wir uns um andere kümmern oder unser Leben und unsere Welt verbessern wollen. Oft tun wir etwas, ohne groß darüber nachzudenken, weil wir es so gewohnt sind, weil uns andere darum gebeten haben oder weil wir glauben, dass wir es sollten. Doch wenn wir in unseren Wesen nicht gefestigt sind , dann werden die Probleme in unserer Gesellschaft immer weiter zunehmen, je mehr wir tun.“ (S. 24, Hanh, T. N. (2016) Einfach sitzen O.W. Barth)
Wie wahr gesprochen. Ich muss mich anstrengen, um diese Weisheit, diese Haltung in die letzten Arbeitsjahre hineinzunehmen. Nein, es soll die verbliebenen Jahre meines Lebens durchdringen; diese klare und simple Aufforderung. Eine Sicht, eine Praxis, die seit über 2000 Jahren kultiviert und vor allem „getan“ wird.

Naturglück

Das Leben wuchert in vollsten Farben. Grün, grün und nochmal grün. Durchsetzt mit bunten Farbklecksen. Am meisten knallt das Ultramarinblau des Rittersporns. Dem Blau der Tiefe und Weite des Meeres. Nicht einmal Yves Klein hätte es so hinbekommen. Da hilft aller Verstand, welcher den Menschen gegeben sein soll, nichts. Die Natur ist das Glück in sich selber. Was hat angesichts dessen all das Werkeln, Tun und Schaffen für einen Sinn? Welt, Natur bahnt sich immer wieder einen Weg. An den verwunderlichsten Orten, auf die verwunderlichsten Weisen. Wie die Fledermäuse, die in einer lauen Junidämmerung in waghalsigen Manövern lautlos und geheimisvoll durch den Himmel gleiten.

Natur wuchert überall. Sie benötigt keine Menschen.


Dem Homo Sapiens, der immer so schlau tut, hat nur eine Möglichkeit: Sich seiner Naturhaftigkeit zu besinnen, dieser gewahr zu werden. Demütig realisieren, dass alles wunderbar vergänglich ist. Sicherlich, ein Individuum überlebt mit hoher Sicherheit die Blüte des Rittersporns, der schon im Spätsommer verblüht sein wird. Ein Vergehen im Werden. Wunderbare Welt. Jedes Einzelding, jedes Wesen zählt und zugleich nicht. Nur der Mensch sieht sich gerne einzigartig, individuell. Gefangen in seinem verzerrten Selbstbild, durchdrungen von Nöten und Ängsten. Natur ist. Sie wird auch sein, wenn wir alle wieder zu Erde geworden sind.
Die Welt, unsere Existenz ist Krise und Hoffnung zugleich. Ich wünsche all den Soldaten in den Schützengräben, all den Hungernden, all den gepeinigten und auch all den fettgefressenen Menschen in ihren Villen und Jachten, dass sie das Glück und die Fähigkeit haben das Blau des Rittersporn betrachten zu können. Im Moment.

Wut und Utopie

In einem Gespräch habe ich viel Wut gespürt. In den Worten, Gesten und Blicken versuchte sie zu mir herüberzukriechen. Sie war nicht laut, aber vorhanden. Es ging um Politik.
Ich bemerkte, dass ich den meisten Ärger empfinde, wenn sich ebendiese Wut ihren Weg durch die Eingeweide zum Hirn bahnt. Laute Wut um einen herum ist zumeist recht einfach zu vermeiden. Weg gehen, ausschalten, ignorieren oder ruhig atmen. Wenn mir diese, zumeist politische, militante Wut, die oft ruhig daherkommt begegnet, hilft neutrales Betrachten. Bevor die dunklen, aufsteigenden Wolken drohen zu Hass zu werden. Es ist nicht schwer ruhige Position dagegen beziehen, gestützt – vom Atem. Begreifen, dass diese Wut aus Leid entsteht, schlechten Erfahrungen und anderen Ungleichgewichten in den Menschen. Reden hilft auch. Ruhig bleiben, zuhören, die Wut aufnehmen, einmal kreisen lassen, spalten. So besteht zumindest die momentane Möglichkeit, sie im Jetzt verpuffen zu lassen. Eine schwere Übung, eine gute Übung. Fällt mit zunehmender Praxis immer leichter.
Auch die Wut in mir ist an sich recht einfach zu besiegen. Speziell, wenn der Körper nervt. Ich muss sie nur erkennen. Am besten in ihren Ursprüngen. Diese Wut ist wie ein Schnupfen. Desto leichter und unscheinbarer sie sich einschleicht, desto besser zu kurieren. Vielleicht spontan in einem kontrollierten Schrei. Konzentrierter Atem, der die Spannung bricht, dem Entspannung folgt. Totale Entspannung ist jedoch Illusion. Es geht darum, in einen guten Rhythmus einzutreten, im Jetzt zufrieden zu sein.
Kern ist, die Herkunft jeglichen Unwohlseins zu ergründen. Dies bedarf viel Übung, Konzentration und Willenskraft. Auch Musik machen, Schreiben, Sport etc. sind Möglichkeiten Emotionen, speziell die Negativen zu untersuchen; sie abzuladen, durch sie hindurch zu gehen. Wie schön ist es im Jetzt zu sein, einfach zu gehen, zu schauen, da zu sein. Utopia Now. Ohne Wut, Hass, Neid, Begehren und all dem Plumquatsch dunkler Wolken im Geist. Wenn ich dies schaffe, lebe ich in einer realen Utopie. Wo auch immer ich bin.
Mit Wut und Hass – gerade der Wütenden und Militanten – wird jede Utopie dunkel und trübe. Das zeigt leider die Geschichte – gerade der emanzipatorischen Bewegungen.

Einfach tun

Pflanzen wachsen einfach… Erneut driften meine Gedanken durch die Welt der Worte. Tun – ohne zu tun, während das Auge über das sommerlich satte Grün schweift. Dann die Frage. Was ist der Unterschied zwischen Handeln und Tun?
Tun ist das ältere Wort, kommt aus dem Mittelhochdeutschen. Es bedeutet laut Kluges etymologischen Lexikon „setze, tue“. Benennt also alles, inklusive „nix tun“. Alle Tuwörter, also Verben. Im 14. Jahrhundert wurde es zunehmend vom Wort „machen“ abgelöst, das sich viel aktiver und mächtiger anfühlt. „Tun“ lebte aber weiter. Im Englischen „to do“ stärker als im Deutschen.
Auch das Tuwort „handeln“ hat einen mittelhochdeutschen Ursprung und bedeutet ursprünglich, wie sollte es anders sein, „mit Händen fassen, bearbeiten“. Ein sinnlicher Ursprung. Etwas selber tun, sich durch die Tätigkeit feststellen. Im Tun versinken. Im Handeln zu versinken ist da schon schwieriger. Denn mit dem „Machen“ dringt das Zielgerichtete noch brutaler in den Begriff ein, als es schon vorhanden war. Und die Macht. Weit weg, vom einfachen setzen und – nichts tun. Es sei denn, ich ziehe mich in mein eigenstes, nicht zielgerichtetes tun ohne zu tun zurück.
Noch schlimmer im Kontext ist das mitschwingende Ökonomische, das Handeln in wirtschaftlichen Beziehungen. Es will unser heutiges „Tun“ bestimmen. Durchdrungen von den Machtstrukturen und ihren Zielen.
Beide treffen sich im Begriff „to act“, was ein aktives Tun oder Handeln bezeichnet. Eine Aktion, die aus dem „Inneren“ kommt. Eine Aktion die Handlungsbefähigung, also „agency“ benötigt.
Die Gedanken driften weiter. Tun, was sie tun. Die Augen warten auf die Sonne.

Driften

„Une ou plusieurs personnes se livrant à la dérive renoncent, pour une durée plus ou moins longue, aux raisons de se déplacer et d’agir qu’elles se connaissent généralement, aux relations, aux travaux et aux loisirs qui leur sont propres, pour se laisser aller aux sollicitations du terrain et des rencontres qui y correspondent“
(Eine oder mehrere abdriftende Personen verzichten für mehr oder weniger lange Zeit auf die Gründe für ihren Umzug und ihr Handeln, die sie im Allgemeinen kennen, auf Beziehungen, Arbeit und Hobbys, die für sie spezifisch sind, um die Aufforderungen des Feldes loszulassen und die Begegnungen, die ihm entsprechen.)
Debord, G. (1959) Théorie de la dérive (Internetquelle)

Das Wort „driften“ schreit danach genauer untersucht zu werden, nachdem ich mich auf meinem letzten Spaziergang habe treiben lassen. Einfach nur so voran. Zugleich „drifteten“ meine Gedanken. Zuerst zu den Situationisten, die das „driften“ als künstlerische Praxis, dem „dérive“ funden haben. Dabei ist die Übersetzung unscharf. Dies stammt vom lateinischen derivo ab. Hierzu erzählt das Schulwörterbuch, der „Kleine Stowasser“, dass es etwas mit „wegleiten“ zu tun hat – „de rivus“ – vom Fluss weg. Wir driften durch die Sprache, treiben durch Worte. Im reinen driften, Treiben ganz ohne Ziel. Eine schlaue Begriffsoperation von Herrn Debord. Ein Konzept gegen das geplante, teleologische Denken der Moderne mit ihren Regeln und Gesetzen, die oft wider jeglicher („natürlichen“) Natur operieren, sie gar vernichten, zerstören.
Nach Varela und Maturana entwickelt sich auch das Leben an sich ohne Ziel. Ohne Plan. Nicht-teleologisch. Es driftet, Stammbäume ergeben sich. Strukturelle Koppelungen beeinflussen die innere Entwicklung und die des Systems. Nichts lenkt und nichts steuert.
Was ein Konzept hinter diesem Wort. Was für eine Pool, um zu erkennen. Zu tun. Sich treiben lassen, aus sich heraus schöpfen…

Zahl und Tod

„10. November 2020. Claus ist kaum mehr bei Bewusstsein. Die Ärzte schreiben in die Akte: „Verschlechterung Allgemeinzustand. Patient somnolent. Fieber 39,1. Sättigung 84% bei Raumluft. TAA bis 140“. Zahlen. Zahlen. Zahlen.
Ein Krankenhaus funktioniert manchmal wie ein Rechenzentrum. Menschen werden zur komplexen Gleichung. Jedes Organ, jede Bewegung, jeder körperliche Zustand steht hier auf piepsenden Monitoren. Und wenn ein Mensch nur noch aus Werten und Zahlen besteht, braucht es andere Menschen, die mit ihnen rechnen. Ärzte. Das ist, was besonders Intensivmediziner lernen. Ausrechnen. Aufschreiben. Auswerten. Interpretieren. Und mit dem Ergebnis Entscheidungen treffen.“ (https://www.zeit.de/gesundheit/2022-05/corona-intensivpatient-krankenhaus-aerzte-behandlung)

Desto mehr ich über Zahlen lese, desto mehr fällt mir der Wahnsinn unserer Welt auf. Der Mensch, Natur, Tätigkeiten, Beziehungen… alles wird auf die Zahl gestellt. Mit brutalen Konsequenzen. Es gibt nur eine Alternative: Die Lücken im System finden, Regeln aushebeln. Für die Menschen, für die Natur, für eine menschliche Arbeit, für ein menschliches Lernen und Forschen Einsatz zu zeigen. Emanzipation für etwas, keine Partizipation, kein Bekämpfen! Gerade durch nichts tun, das weit über die „0“ hinausgeht, schreiten wir voran. Denn aus dem Nichtstun erwächst das Sein, erwächst das Neue, das Frische, das Lebendige. Autopoiesis. Aus sich selber heraus wachsen. Wie die altgriechische Physis, die das Potenzial, die Kraft beschreibt, die aus fast nichts alles heraustreiben kann. Das Wunder des Samens, aus dem ein Baum wächst. Alle großen Dinge fangen im Nichts und somit ganz klein an. Auch wenn der Mensch den Ast absägt auf dem er sitzt. Die Natur treibt immer wieder aus. Ohne Berechnung. Einfach so – wie im Bild.

Verfall: Strategische Perspektiven

Ich blicke ich aus der Ferne auf die Welt der Arbeit. Kafkaeske Schnipsel erreichen mich über die elektronische Post. Mein Körper signalisiert, sie haben nichts mit Glück zu tun. Er kommentiert mit Unwohlsein die („Finanz-“) Not des Systems. Einer Not, welche die freudige Tätigkeit in meinem „Traumjob“ in Teilen zu stupider, hirnloser Arbeit degradiert.
Wie immer, wenn es einem an Glück mangelt, man mit dem Jetzt hadert, lässt man sich beraten. So auch die Institutionen. Unternehmensberatungen oder „Coaches“, was das Gleiche ist, sollen helfen, die Probleme zu beheben. Hier offenbart sich der Irrwitz unserer Zeit. Augenfällig ist nicht nur ihre Fixation auf Zahlen und Tabellen. Über Inhalte wird nicht geredet. Die Sprache dieser Expert*Innen, die nichts anderes sind als armselige Wichtigtuer, die das immer gleiche Vokabular der Beratungsinstitutionen herunterbeten, sagt alles. Ein Satz fällt mir ins Auge: „Strukturen sind „gewachsen“ – nicht strategisch entwickelt.“ – Mein systemzernagtes Lehrerherz ruft aus: „Note 6, setzen“ (auch numerisch ;o)).

Wer so denkt, hat die Welt nicht begriffen, möchte alles rastern und betonieren. Die Apologeten des Untergangs. Es gibt zu viele davon und sie nähren sich gegenseitig. „Strategie!“ Sind wir im Krieg? Im Krieg gegen die Welt? Gegen die Menschen? Clausewitz muss her, ein Plan, schweres Geschütz wird aufgefahren. Verbale Schrapnelle gegen das, aus sich heraus Wachsende. Das sich organisch Entwickelnde. Die Natur. Die Unterstellung inklusive, dass die Lernenden und Lehrenden nicht wissen, was sie tun. Zum Beispiel wenn sie neue Stellen besetzen oder Studiengänge verändern. Generale brauchen Strategie. Wozu benötigen wir diese blinden Generale? Sie bringen nur Unglück und Leid. Wie im wirklichen Krieg. Diktiert aus ihren Befehlszentralen. Da hilft auch kein Anstrich durch Worte wie „Transparenz“. Ihre leeren Worte verschleiern nur.

Noch so ein Satz, den ich lese, dass das Studium den Anforderungen des Arbeitsmarktes der Zukunft genügen soll – als strategisches Ziel, vermute ich – unterstreicht dieses lächerliche Denken. Wer weiß denn, wie diese Anforderungen aussehen. Gibt es die eine? Ist sie generalisierbar? Wie schnell ändern sich die Anforderungen? … Hier sprechen Schreibtischtäter, die weg von der Realität nicht mal fähig sind, die wirklichen wichtigen Fragen zu entdecken. Bringt das Lernen Spaß? Herrscht ein fruchtbares, offenes, tolerantes Klima voller Neugierde und Faszination? Finden die jungen Menschen ihre Lebensaufgabe? Haben die Lehrenden sie gefunden? Ihren Lebenssinn? Gibt es und entstehen warme Verbindungen, die durch das Leben leiten? Sind sie am richtigen Platz?…

Kein Wort zu ihnen selbst. Sie können nur andere hinterfragen. Blinde Beobachter mit dicken Mäulern. Keine Frage zu Sinn oder Unsinn der Existenz und Vorgehensweise der Verwaltungen. Meine Frage wäre, wenn es denn nun darum geht zu sparen, ob wir nicht einfach den ganzen Wust überteuerter Verwalter und Papiertiger abschaffen sollten. Mit ihren tollen Abteilungen, die von ihrem Versagen zeugen? Sie hocken in ihren Verwaltungstürmen, fern ab der Realität. Sie haben kein sinnvolles, alltägliches Tun. Sie schweben im wichtigen Nichts. Irgendwo in der Pyramide, die hinauf bis zu EU und OSZE-Direktiven („Jawohl, auf Befehl“) reichen. Oh, wenn sie gingen – wie viele Ressourcen (Personal, Räume, Material) wären freigesetzt. Was für ein luxuriöses Lernen wäre dann möglich! Dann gäbe es Raum zum Wachsen und Wuchern. Zum Experimentieren, zum Emanzipieren. Dann entstände wirklich Neues. Jenseits der Tretmühle mit ihrer Scheinpartizipation.

Wobei anzumerken ist, dass der Begriff „Partizipation“ eigentlich alles ausdrückt. Das Wort bedeutet Teilhaben. Die Onkel oben in der Machtpyramide speisen mit Krümeln ab. Noch schlimmer ist, sie versuchen, Wissen zu stehlen, dass sie nicht haben, um so zu tun, als wenn sie Studium verständen.

Die Zahl

„Anfangs dachte ich, es gäbe bei den Pirahã die Zahlen eins, zwei und »viele«, ein System, das man weltweit an zahlreichen Orten findet. Aber dann wurde mir klar, dass das, was frühere Wissenschaftler und ich für Zahlen gehalten hatten, in Wirklichkeit nur relative Mengenangaben waren.“
Everett, D. (2010) Das glücklichste Volk – Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. München, DVA

Yeah, ich habe ein neues Feindbild. Nein, keines, das direkt mit Menschen zu tun hat. Etwas eigentlich extrem abstraktes, weit weg von unserer Lebenswelt. Die Zahl. Ja, sicherlich, sie ist nützlich und kann Sinn machen. Manche Menschen lieben sie sogar. Bis hinein in die Wirren ihrer Unendlich- und Unbestimmbarkeiten in der Mathematik. Doch um diese Zahlenspiele geht es nicht. Es geht um die, die uns alltäglich fordern und leiten. Die Zahlen, die wir so verinnerlicht haben, dass sie tief in uns viele – fast alle Momente – des Lebens steuern. Dies gefühlt zunehmend. Spätestens seitdem die Rechner mit ihren Tabellen und Datenbanken das Regime übernommen haben.
Kochen fand vor der Zahl nach Überlieferung und Gefühl statt. Mit der Zahl wird so getan, als ob genaue Angaben nutzbringend sind. Doch die Dinge schmecken intuitiv kombiniert und gewürzt oft besser, als es in jeder numerischen Anweisung eines Rezepts vorgegeben werden kann. Was nützt uns die genaue Angabe der Wahrscheinlichkeit in x Stellen nach dem Komma, dass es blitzt? Nichts, wenn unser Haus in Flammen steht. Auch Preise sagen nichts darüber aus, ob etwas uns guttut oder wir es brauchen. Ob es wertvoll ist; wie gut es uns tut. Alles Intuition.
Dennoch hat sich die Zahl in all unsere Lebensbereiche eingeschlichen. Sie hat die eigenste Dauer der Tätigkeiten in der Zeit, die genaue Beobachtung und das gefühlvolle Experimentieren unerbittlich zurückgedrängt. Heute bewegen wir uns nach exakten Stundenplänen, Fahrplänen, richten uns an Kontoständen aus. Willkürliche Preise und Aktienkurse forcieren Spekulation. Unsere Tätigkeiten werden am Einkommen gemessen, das in exakter Relation zu einem Durchschnitt bestimmt werden kann. Zahlen versuchen, die Welt berechenbar und bestimmbar zu machen. Schüren die Illusion von Wahrheiten. Am schlimmsten in den Datenbanken und Tabellenkalkulationen. Der Mensch, die Arbeit, die Natur (1,5% Ziel), die Lebensabschnitte (Die Zahl sagt, jetzt bin ich alt), ja der Blick auf die Welt und unsere Beziehungen (x Likes) werden von der Zahl be- und durchherrscht. Zur Illusion der Wahrheit gesellt sich gerne die Illusion der Effizienz.
Die Zahl schreit „Es stimmt“. Nein! Da stimmt gar nichts. Dinge, die auf Zahlen beruhen, sind nicht stimmig. Nur Summen und komische Ketten von Zeichen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Doch leider wirken sie sich auf unser Denken, unser Innerstes, unseren Alltag massiv aus. In jeder gezählten Sekunde, in jeder Planung in jeder Abrechnung mit der Vergangenheit.
Verdammt, wie komme ich von den Zahlen los. Weg von allem, was über das „ich hätte gerne einen Apfel, der sieht so schön aus“ hinausgeht. Ich muss mich trainieren zu sagen: „Ich hätte gerne diesen schönen Apfel“. Schon ist die Zahl vernichtet, sie löst sich in leckerer Präsenz auf. Wie die Konzentration auf das Jetzt, der Dauer eines Prozesses. Schwer, wo doch so viel Kommunikation auf die Zahl gestellt ist, dass wir meinen, wir kommen um sie nicht herum. Wir verabreden uns heutzutage über die Zahl. Doch dann, im schönsten Gespräch, in gemütlichster Atmosphäre blickt das Gegenüber auf das tickende Smartphone und muss los. Die Zahlen des Ziffernblatts schreien laut: „Zeit, ins Bett zu gehen“. Sind wir wirklich schon müde? Zahl behauptet Effizienz. Effizienz, ein Wert, der an sich keinen Wert hat. Abstrakt, wie die Zahlen – oder habt Ihr auf den Äpfeln schonmal Zahlen gesehen. Oder auf Sandkörnern?
Viel Stoff, über den es sich zu kontemplieren lohnt. Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Wu Wei.

Einfach gehen

Sich treiben lassen. Nach innen schauen. Nach außen schauen. Sich verbinden. Auf den Atem achten. Auf das Rauschen des Lebens achten. Die Stadt ist voll. Voll von Dingen, voll von Menschen. Der Bräutigam, der seine Braut im Cargo Bike-Vorlader zur Trauung fährt. Gefolgt von der Hochzeitsgesellschaft. Alle auf Fahrrädern, in Anzug und schönen Kleidern. Der Obdachlose, der neben dem Portugiesen, bei dem ich meinen Galao schlürfe, auf der Palette hockt; döst. Auch seine zerknautschte Alditüte wird von der Sonne beschienen. Wovon träumt er? Vom Gestern, von besseren Zeiten, von der Zukunft? Hat er noch Träume? Hat er noch Wünsche? Wunschlos weitertreiben. Die Briten und ihr Pie-Stand. Einfach nur nett und witzig. So viel Freude. Mitten in der Betonwüste. Mitten im Leid. Mitten in der hektischen Betriebsamkeit. Mitten im Moloch.
Ich denke an Thich Nhat Hanhs „Einfach gehen“. Ein paar Schritte einatmen – ich bin ruhig. Ein paar Schritte ausatmen, ein halbes Lächeln zaubert sich in mein Gesicht. Es ist egal, wo ich bin, solange ich bin.