Einstieg in den Ausstieg

Meine Zeit ist der Zucker des Lebens. Jede Sekunde, jede Millisekunde ist ein unermesslicher, einmaliger, wohlschmeckender Schatz. Doch dann schleichen sie sich an. Kaum in Sichtweite schreien sie, fordern – die Termine. Wie Ameisen. In großer Zahl stürzen sie sich auf freie, unbesetzte Momente, schnappen, greifen zu, zernagen und verzehren die Zeit. Willkommen im Alltag, willkommen in der Arbeitswelt. In der genormten und künstlich gerasterten Welt. In der vollen, eckigen, zugemauerten, betonierten, lauten Plastikwelt.
Kaum angekommen regen sich in mir Fluchtreflexe. Trotz so manchem schmackhaften Zusammentreffen mit fantastischen Menschen zu hirnbewegenden Themen. Unter Anderem in einem Zelt, einer Jurte, eingekesselt von den systematisch entlebten Mauern. Schöne Momente drohen unter der digitalen Flut belanglosen Geplappers unterzugehen. Qualitative Momente werden von den Ergüssen der Tabellen und Listen erstickt, die bedient werden wollen. Das Berechnende hat sich in alle Ecken der Welt verteilt, greift die Köpfe an. Ohne Gnade wird Zeit geraubt. Erneut denke ich an die grauen Männer aus Momo, mit ihren Zigarren. In meinem Bauch regt sich Ekel, Abscheu, Abwehr. Tief atmen und die Beklemmung löst sich in einer schwarzen Wolke auf. Ich bin professionell, lebendig genug, den Getriebenen freundlich und offen zu begegnen. In dem Wissen, dass der Ausstieg absehbar ist. Dann können mich all die Ameisen mal. Sollen sie in ihrer gekästelten Welt weiterhin fleißig in den Kalendern und Tabellen den Zucker jagen.
Ich schaue auf den Regen, der langsam, kaum sichtbar die sehnsüchtige Erde benetzt. Zeit für einen gemächlich bedenklichen Spaziergang zu früher Stunde. Ich werde versuchen auf jeden Schritt zu achten, den Blick klar, aufmerksam in die Welt schweifend. Die Unregelmäßigkeit der Natur genießen, die Welt genießen, den neuen Tag, der mir geschenkt wurde genießen.

Strandgut

Tang, Muscheln, Bambus, manchmal ein toter Fisch, Gehäuse, Holz… Das Meer spült es an. Die kleinen Fliegen am Morgen, in der Dämmerung umschwirren meinen aufrechten Körper, wohl in der Annahme, er sei ebenfalls angetrieben worden. Immer wieder kitzeln sie auf der Haut. Sie irritieren den Fleischberg nahe der Brandung, zwischen den wassergeschliffenen Felsen. Je besser ich in die Leere komme, desto mehr werden sie ein Teil von mir und ich von ihnen. Wie jeden Tag rauschen die Wellen, geben ihren rhythmisch-chaotischen Takt. Mit und gegen den Atem. Spülen Dinge hierhin und dorthin, zermahlen, nehmen mit, verteilen, zersetzen…
Am Abend werde ich zu – fühle mich wie Strandgut. Gestrandet am Airport. Gelassen nehme ich nach einem kurzen Schreckmoment die Durchsage auf, dass der Flug ausfällt. Ein Zeichen? Soll ich auf der Insel bleiben, der Arbeit, dem Alltag entfliehen. Dumme Frage, es nutzt nichts, vor der Wirklichkeit wegzulaufen. Zudem ziehen mich die lieben Menschen an, die ich länger nicht sehen und spüren konnte. Die Ereignisse spülen unsere aufgeregte Gruppe zuerst vor das Terminal, dann in Busse und zuallerletzt in eine von diesen Hotelanlagen, die ich nie freiwillig betreten würde. Ich freue mich, lasse mich treiben. Ein Lächeln umspielt meinen Mund. Es gibt Neues zu entdecken, Unbekanntes: Das wirkliche Leben, welches sich für mich bislang hinter den immer gleichen, gephotoshoppten Bildern von Reiseprospekten verbarg. Mondänes Licht; ein schicker Name; 4 güldene Sterne, eine breite Auffahrt, der beleuchtete Pool, der Rasen gepflegt, die Liegen in Reih und Glied. Nur der Portier in schnieker, dezenter Uniform fehlt.

Alles so eckig hier… ein Vorgeschmack auf die Heimat


Einchecken, dann hungrig zum Essen. Urlauber*Innen, die um das Buffet schleichend dreinblicken, als wenn sie sich in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit drängeln. Liegt es an den Wolken, dem für die Insel ungewöhnlich frischem Wind, dass kaum Freude zu spüren ist? Morgens am Pool das einsame Paar, im Schatten des Schirms und der Wolken, in Badehose und Bikini. Beide den Blick auf ihre Smartphones gerichtet. Ich staune. Im Hintergrund ist die aufgewühlte Brandung des Meeres zu hören. Ich sinniere über den Konflikt „eckig“ vs. „rund“ bzw. „amorph“ nach. Der eckige Pool, der eckige Rasen, das eckige Hotel, die eckige Liege, die Anordnung der Dinge – eckig. Nur der Schirm ist rund. Dagegen im Hintergrund, vierhundert Meter weiter, der amorphe Strand, die wilden Wellen, die zackigen Berge, der freie Himmel an dem die Wolken spielen, der südländisch unebene Bürgersteig mit seinen Lücken und Unregelmässigkeiten…
Die Stimmung unter den Gestrandeten ist gut, freundlich gelöst. Begegnungen ereignen sich. Für mich sogar eine, die sich in der Heimat fortsetzen könnte (warum kommt man ausgerechnet mit Menschen ins Gespräch, mit denen man einiges gemeinsam hat?). Es werden Beziehungen geknüpft, man treibt fragend voran, tauscht sich aus. Rutger Bregman Betrachtungen aus dem herrlichen Buch „Im Grunde Gut“ werden bestätigt. In Krisen (Eine Nacht in der Hotelburg ist an sich keine) zeigt sich das Gute im Menschen. Hilfsbereitschaft, Offenheit, sogar Gelassenheit.
Dann nach weiteren letzten, kurzen Besuchen am mit Liegen vollgepflasterten Strand treibt es mich zurück in den Bus und dann an die heimatlichen Gestade… mal schauen, was so kommt.

Ende und Anfang

Die Wellen rauschen rhythmisch. Mal im Gleichmaß, selten ein dumpfer, knallender Bass, wenn sie in Felslöchern brechen. Dann die sanften Phasen, das gurgelnde Plätschern des Rückflusses; es klingt wie ein Bach. Unvermittelt trägt der leichte, warme Wind menschliches Geplapper an mein Ohr. Zwischen den Klängen des Meeres und der Luft kaum wahrnehmbar, aber dennoch vorhanden. Wie ein dunkles Zeichen frisst sich die Banalität sinnloser Wortfetzen in die da-seiende, geräuschvolle Kulisse des Meeressaumes, die dem Ohr schmeichelt, die Beruhigung meines ewig schnatternden Geistes fördert.
Wie von Bürokraten in Papier und Tabellen gebrannte Regeln und Gesetzte wird Unnötiges vor sich hingesagt, nur um etwas zu sagen. Es fühlt sich an, als falle der Alltag wie eine Horde gefräßig quiekender Ratten über die bewegte Stille her. Ich nutze den Atem, dem Hin und Her der Wellen folgend. Dann bin ich wieder „da“. Letzte Fragen verdampfen in die Leere. Was interessieren sie mich? Was haben sie mit mir, was mit der Erde, was mit der Welt zu tun? Sie verklingen, ob sie da sind oder nicht.
Ein Jahr Wu Wei, ein Jahr anders tun, ein Jahr nachdenken, ein Jahr in die Präsenz kommen. Ein Jahr ohne Excel-Tabellen, Bürokratie, Labermeetings und Sachzwänge. Mit nur wenig sinnlosem Geplapper. Was eine wunderbare Zeit der Erdung, voller Nähe zur Natur, voller Ruhe und zu-sich-kommen. Nicht denken, einfach denken, konzentriert denken. Nicht nachdenken, jetztdenken. Beziehungen pflegen, Verbundenheit zu lieben Menschen spüren. Welch ein Privileg, dies genießen zu dürfen, ohne wirklichen Verzicht, der dennoch geübt wurde. So voll, so vieles, so viel Leere, für die sonst zu wenig Raum ist.
Jetzt wird dieser Weg für zwei Jahre unterbrochen oder zumindest abgeschwächt. Ich nehme mir vor, ihn dennoch mit Haltung zu beschreiten. 道, – Do. Dazu gehört es, für die Menschen da zu sein, ihnen in ihrer jugendlichen Suche als verlässlicher Partner zur Seite zu stehen. Ich werde versuchen, ein aufmerksam präsenter hin-weisender zu sein, der den eigenen Weg zu finden hilft. Auch meinen – von ihnen lernen. Mehr will ich nicht. Mehr werde ich nicht tun. Wozu auch? Für die Politiker und Bürokraten, die Geldmacher und Spekulanten? Sie verdienen nichts, selbst wenn sie mit Bergen materieller Zeugs gestopft sind. Alles Illusion. Keine Werte. Banal wie das Geplapper am Strand, das nicht „da“ zu sein vermochte. Nur die Leere, das „Nicht“ bleibt. Wir sollten beides üben.
Nicht-Ziel ist es, so wenig wie möglich Teil der Raster und Berechnungen, unter denen Menschen und Natur leiden, zu sein!
Das große „Nein“, das zugleich ein großes „Ja!“ ist: Nein zu den leeren Worten und gedroschenen Phrasen neoliberaler Gesinnung. Das narzisstische Geplapper, welches letztlich nur der ökonomischen Verwertbarkeit dient; die Welt in den Abgrund reißt, Kriege führt…
Das große Ja dazu, wirklichem Sein und Denken Raum zu geben. Zeit leben. Zufrieden zu sein.
Wenn ich über die auf mich zukommenden Hohlheiten nachsinne, wird mir ganz schwummerig. Ich möchte die Insel am liebsten nie mehr verlassen. Trotz des Wissens, dass dieses würgende Netz, welches sich um Welt und Gedanken gelegt zu haben scheint, auch hier seine feinen, scharfen Fäden spinnt.
Nicht die Stellung ist wichtig, es ist die Haltung, die ich ein Jahr üben, entdecken und vertiefen durfte. Ich werde fortfahren und allen, die es hören wollen, gerne mitteilen, was dies für mich bedeutet.

Götzen-Dämmerung

Tanzen, spielen, lernen. Diese Dinge leben durch Wiederholung, Rhythmus, dem ewig werdenden „Vor“ und „Zurück“. Es ist ein Naturprinzip, wie die Wellen, die an den Strand tanzen. Sie sind weg und wieder da. Kommen und gehen. Wie das „Hin“ und „Her“ im Spiel. Einfach so. Genauso der Mensch, der sich im Tun verliert; versunken aufgeht. Fließend im Rhythmus von Herz und Atem. Die banalsten Dinge zu lernen – wie zu spielen oder zu tanzen – selbst wenn diese spontan daherkommen, bedarf der Übung. Stehen ist für das Kleinkind schwierig. Immer wider fällt es und steht wieder auf. Übung bedeutet Wiederholung. Hinzu kommen Konzentration und Willenskraft. Ohne Durchhaltevermögen kommen Menschen nicht voran.
Ich spüre, dass dieses Üben, welches den Weg zur Meisterschaft ebnet, nicht mehr ausreichend trainiert wird. Nicht im Kindergarten, nicht in der Schule und schon gar nicht in den Universitäten. Das wahre Lernen und Studieren verbirgt sich hinter genormten Zielen, Tabellen, Noten. Wie soll sich in einem solchen Rahmen etwas entwickeln. Wo ist hier Raum für sinnierende Neugierde und langfristiges Betrachten? Wo soll im rasenden Vollgeballere mit „Stoff“ Durchhaltevermögen gebildet werden? Wo ist der Prozess, der entgegen dem Rhythmus von Semester zu Semester, von Klausur zu Klausur ruhiges Verweilen zulässt? Das entspannte Fehlermachen, das sich korrigieren? Das Finden und Erfahren von kleinen Zielen? Der Raum Freude am erreichten Fortschritt zu genießen? Etwas zu erreichen oder aus dem Fehler gelernt zu haben? Es noch einmal, ohne Druck zu probieren? Immer wieder? Die Freude über die Korrektur durch die Mitlernenden oder die Lehrenden (die auch mitlernen sollten).
Das nicht nur ich so denke, dass dieses Problem schon sehr lange existiert, entdeckte ich freudig beim Lesen. Durch entspannte Lektüre unter mediterranem Himmel wurde ich durch Robert Pfaller in die Götzendämmerung geworfen.
Warum habe ich dieses Spätwerk des zunehmend giftiger werdenden Nietzsches nie gelesen? Nicht so explosiv wie Ecce Homo, aber klar, hart, voller Wahrheiten. Auch, wenn einige seiner Ergüsse im 19. Jahrhundert stecken geblieben sind, dort bleiben sollten. Ich zitiere den Denk-Meister, der an seiner Gesundheit und vielem Anderen gescheitert ist: „Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff mehr davon. Selbst auf den Universitäten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten der Philosophie beginnt Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk, auszusterben. Man lese deutsche Bücher: nicht mehr die entfernteste Erinnerung daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans, eines Willens zur Meisterschaft bedarf, – dass Denken gelernt sein will, wie Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen…“
Ich beobachte die Felsen am Meer. Das „Hin“ und „Her“ der Wellen zermahlt den Stein; mit immenser Geduld. Kleine Steine wirken reibend Löcher. Einfach so. Wieder und wieder. Als wenn sie üben. Voller Konzentration, Willenskraft und stürmischer Ruhe.

Pfaller, Robert (2013) wofür es sich zu leben lohnt. Fischer, Frankfurt am Main
Nietzsche, Friedrich. Götzen-Dämmerung (1889) (S.41-42).

Verweht und fest

Jeder Tag ist anders, neu, erfrischend. Die Angler haben Pause. Nichts tun? Anders tun? Doch zu früher Stunde schattige, morgendliche Strand, die Sonne erwartend, ist überraschenderweise nicht verwaist. Eine Gruppe griechischer Mädchen sitzt entspannt und fröhlich im Kreis. Ich bemerke zuerst den kleinen „großen“ Hund, der mich mit interessiertem Blick mustert. Dann fallen mir die Welpen auf, die in ihrer behüteten Mitte erste zögerliche Schritte in der Weite der Natur wagen.
Am Kraftplatz, eng an den Felsen gekauert ein Bündel, ein kleines Knäuel aus Schlafsäcken. Ich nähere mich. Zwei Schlafsäcke, Rucksäcke, eng verschlungen. Während der Gymnastik schält sich eine Frau oder ein Mädchen langsam erwachend, in die über den Horizont steigende, kühlwarme Sonne, blinzelnd aus ihrer Umhüllung. Als ich mich setze träumt sie müde in die Weite des Meeres , die gesetzten Berge hinaus. Jugendliche Nomaden, die kein steinernes Dach über dem Kopf benötigen. Ich nehme behütete Freiheit und zugleich Verbundenheit mit der Natur war. Wie bei der Hundegruppe.
Ich versinke in klarer Präsenz zwischen Himmel, Bergen, Meer. Fest mit der vergänglichen Erde verankert. Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.

Angler

Ruhig stehen sie da, blicken fernverloren an der Schnur entlang, die im leicht welligen Meer verschwindet. Ruhig, gelassen, wartend. Eine Übung in Geduld. Seit gestern haben zwei Angler in der frühen Dämmerung den Kraftplatz besetzt. Ihr Werkzeug, eine einfache Fadenrolle mit Schnur und Haken. In ihrer Nachbarschaft fällt mir sofort ein neuer Ort ins Auge; wir stören uns nicht, beobachten uns höchstens in stiller Neugierde.
Angeln scheint mir auch eine Form der Meditation zu sein. In sich ruhend, beobachtend, konzentriert-verträumt, ausdauernd. Vielleicht kurz durch den Moment unterbrochen, wenn die Schnur zittert, ein Fisch anbeißt; ein Moment, den ich nicht erlebt habe. Ich glaube nicht, dass es ums Fischen geht. Es geht ums Tun. Ums da sein. Darum am Meer zu sein, im leichten Wind stehen, den Sonnenaufgang spüren. Angler und der ursprünglich die Scholle bearbeitende Landwirt sind geerdet. Im Kontakt mit dem Boden, von dem ich in der Stadt in vielen Schichten getrennt bin. Schuhwerk mit Sohlen, Gehwegplatten, Asphalt, Sandbett und Fundament, Rohre und was noch alles mich von der Erde, von „Welt“ trennt.
Vielleicht treffe ich sie morgen wieder. Dann erden wir uns erneut gemeinsam, gehen barfuß den feuchten Sand spürend, nicht-handelnd in der Welt auf. Kommen zu uns, verbinden uns mit allem. Werden zu Sandkörnern, die sich wie Felsen fühlen.

Nichts

Ich sitze hier und tue nichts. Nur mein Körper schaut in die Weite, schweift gedankenverloren über das Meer, verliert sich in der Dünung, spürt den Wind, ahnt die vergängliche Solidität der Berge. Die Zikaden schreien sich in Wellen die Seele aus dem Leib. Ihnen ist egal, auf welchem Busch sie hocken. Hauptsache einfach mal rufen und hören, wer noch so da ist. Die Sonne brennt angenehm. Nur in solchen Momenten können Gedanken entstehen, die sich tief, schwer, zugleich hingegen ach so leicht anfühlen. Sie kommen und gehen. Wischen durch die Welt. Einfach so. Präsente Gedanken. Kein schweres hängen am Gestern und Morgen. Keine Ziele, Aufgaben und Termine.
Wozu braucht man sie? Das tätige Denken der heutigen Zeit ist verschwunden. Taugt es etwas, wenn es keine Kriege verhindert, diese wunderbare Welt in den Abgrund zieht? Das Leben nicht leben lassen? Dieses Denken hat Dinge wie Sesshaftigkeit, Arbeit, Lohn, Excel und Besitz erfunden. Dieses Denken behauptet ein Oben und ein Unten. Hierarchien und systemische Abhängigkeiten. Am besten durch Zahlen, die in kleinen eckigen Kästchen eingesperrt sind. Nur die Summe Zählt. Es lebe die Technologie. Alles wird nach Formeln formuliert. Einfach gesprochen: nachgeplappert. Nichts Neues, kein Werden. Starre. Früher Tod in jedem Moment.
Eine Böe und diese Gedanken des kalten Nordens sind vertrieben. Nun tanzen sie wieder, ganz für sich alleine. Im eigensten Rhythmus.

Schwach

Robert Pfallers Werke mögen gerne, wie auch die seines Denkfreundes Slavoj Žižek, in wärmerer Umgebung langsam verdaut werden. In südlichen Gefilden oder in der Badewanne. Sicherlich, das kleine Lächeln, wenn es schon wieder um das fremdbestimmte, individualisierte Subjekt geht, dem das gesellige Rauchen durch verinnerlichte, narzisstische neoliberale bzw. postmoderne Mindsets vergrämt wurde. Pfallers große Geschichte. Wie die des Materialismus.
Wirklich gefreut und zum Nachdenken angeregt hat mich sein Aufruf, wieder mehr Nietzsche zu lesen. Ein Aufruf an mein Ego sich mit der Vokabel „schwach“ auseinanderzusetzen. Es stellt die Frage nach dem Ressentiment: „Nietzsche hat gezeigt, dass Verlierer dazu tendieren, alles Siegreiche, Große grundsätzlich für Böse zu erklären und sich selbst damit selbstgefällig im Unglück zu verbarrikadieren […]. Die kritische Arbeit am Ressentiment, dem Hass auf das Glück, ist darum, Nietzsche zufolge, die entscheidende Leistung, die erbracht werden muss, damit jemals ein Glück erobert werden kann; damit also die Schwachen nicht beginnen, sich an ihrer Schwäche oder in ihrem Scheitern zu gefallen, umd man sich den eigenen Beuteverzicht nicht zur kritischen Gesinnung zurechtfaselt.“ (S. 87)
Ressentiment ist immer mit Besitz verbunden. Egal ob es sich um Dinge, Menschen oder Kultur handelt. Besitz ist nie ein noch so leises Geheul wert. Vermeintlicher Besitz, auch des eigenen Lebens, ist immer vergänglich. Eine einfache Erkenntnis, wie die, dass mit Besitz und Leben Leiden verbunden ist. Es geht nicht um Schwäche oder Stärke; das Gute oder Böse. Es geht um Überwinden. Ich mag den Übermenschen ja gerade deswegen, weil er zur (Selbst-) Überwindung aufruft. Zum (sich) erkennen wollen. Ein langer, gewundener, dunkler und morastiger Weg voller Tücken und Fallen. Aus diesem Grund schwächeln die Meisten, folgen blind den Irrlichtern – und gehen nicht selten unter. Sie versagen, weil es ihnen an Willenskraft, Konzentration und Bereitschaft zur stetigen Übung mangelt. Diese fordert Schritt für Schritt sorgsam zu setzen, manchmal den gleichen Weg mehrmals zu gehen.
Oder sie haben zu große Angst, sich der Vergänglichkeit zu stellen, die in allen Dingen und auch uns wohnt. Lassen wir also den Quatsch mit dem Ressentiment, und üben wir es, den Tag zu genießen, den Moment, unser Sein. In ihm ist nichts an sich „Gutes“ oder „Böses“, keine Moral oder Ideologie. Kein Ressentiment. Keine Metaphysik und auch kein Materialismus. Schwer zu lernen. Ich werde mich auch weiter mit dem Weg und diesen Moralen, dem von Pfaller und Han so verschmäten Narzissmus und Neoliberalismus, meiner geliebten Excel-Tabellenwelt auseinandersetzen müssen. Hoffentlich jedoch weniger und weniger, je weiter ich in der Selbst-Überwindung voranschreite. Ja, an Pfaller mag ich auch, dass er vieles, was ich im Lehrbetrieb erfahre, in dem es kein Studium und keine wirkliche Forschung mehr gibt, so schön auseinanderpflückt, zerreißt und beklagt. Heilige Hallen, voller Schwäche und Aufgabe an die Irrlichter, an das „das System“.
Nun denn, so ist es mit allen Schreibenden, die geschätzt werden. Sie formulieren in Teilen, was man denkt, manchmal nur spürt und erahnt. Ich danke Nietzsche, Pfaller, Lacan, Deleuze, Foucault, Han und und und… Verneigen tue ich mich vor dem Moment, den Thich Nath Hanh, Ayya Khema und meine Kyosanim und Meister*Innen mich zu lernen gelehrt haben. Den Pfad, Do zu gehen, Ki zu atmen. Wenn ich diesem Weg folge wird jede Schwäche zur Stärke. Alles wird im Sinne Nietzsches zu einem großen Ja! – im praktischen Werden.

Pfaller, R. (2015) Wofür es sich zu leben lohnt. Fischer (Sehr schätze ich auch sein Buch „Die Illusion der Anderen“)

Am Beach

Ein neuer, alter Kraftplatz am langen Strand. Der weiche Boden aus zermahlenem Fels, Muscheln und Ähnlichem lädt zur Bewegung ein. Ich spüre die Energie des letzten Jahres. Felsen rufen zum Sitzen auf. Die Ruhe in der frühen Sonne schwingt in der noch frischen Luft. Das Meer fordert zum Schwimmen auf. Badewannenfrische.
Neu ist die Erfahrung mit der Strandbar, die vormals nur als Fahrradparkplatz genutzt wurde. Den Blick in die Weite schweifen lassen. Die Elemente jenseits des Bistrotisches. Fels, der sich zu Bergen türmt, um dann von Wind und Wasser zernagt zu werden. Wieder das Vergänglichkeitsthema. Der strahlende Himmel, die wärmende, brennende Sonne. Wohltuend und dörrend.
Menschen beobachten, die ihre kurze, freie Auszeit genießen. In Reihen braten sie, kühlen sich zwischendrin ab. Viele wollen sich zeigen; prominieren, posen, machen. Wie schön, dass es sie gibt. Manche, wie der Junge mit dem frechen Bun über stoppeligem Haarschnitt erfreuen, locken ein inneres Lächeln hervor. Andere geben Anlass über sie zu Lästern. Gesprächsstoff, Abgrenzung, die sie wahrscheinlich auch betreiben. Ein wenig fehlt mir die leere Ecke, die ich am Tag besetzen kann. Wo kann ich am Tag – einfach – sitzen. Ohne Blicke, ohne Blick.

Vergehen

Da klebt sie, an der Decke des Schlafzimmers. Wie kurz vorm Absprung. Seit weit über einem Jahr. Eingefroren in der Zeit, mumifiziert, die Momente überdauernd und doch dem Verfall preisgegeben. Immer wieder fällt mein Blick auf die Hülle des Heimchens, dass sich dort irgendwann niedergelassen hat; als lebendes Wesen einfach aufhörte zu existieren. Vergänglichkeit, anicca, das erste bhuddistische Daseinsmerkmal. Ihr Schutzpanzer blieb. Zugleich ist sie immer noch da, mit mir verbunden; anatta, das dritte Daseinsmerkmal. Dazwischen dukkha, Leiden.
Die Klänge der Akkorde des Lebens. An- und abschwellen, im immer eigensten Rhythmus. Da fällt mir die alte Metapher vom Meer ein. Wenn wir die Wellen sehen, sind sie da und im selben Moment schon vergangen. Die Menschen sehen nur die Wellen. Als Emotionen, Ereignisse, Stimmungen, Freude und Schmerz. Doch die Substanz, welche die Wellen ermöglicht, das Wasser des Meeres, ändert sich in seinem Vergehen nicht. Es ist immer da, in seinem dauernden Werden.
Ich denke an die Grenze des Meeres, an dem es die Luft trifft. Den Leerraum mit der spritzigen Gischt, den wirbelnden Bläschen und Spritzern. Der Nicht-Ort, an dem es verdunstet, während sich die Feuchtigkeit der Luft im Meer niederschlägt. Auch hier vergehen im Statischen.
Ohne Vergänglichkeit, die wir so negativ betrachten, gibt es nichts Neues, kein Werden, keinen Aufbruch.
Es ist so einfach und doch so schwer zu sehen. So schwer einfach zu leben. Im Atem, in der Musik kann ich es jederzeit spüren. Wenn ich schaue. Ein zufriedenes Lächeln macht sich in meinem Gesicht breit.