Alleine, mit mir

Zum Sonnenaufgang hin verbinde ich mich mit den Elementen. Ich rieche die Luft, höre das Meer, spüre Wind, Stein und Sand. Kleine Fliegen verwechseln mich mit einem Haufen verwesenden Tangs und kitzeln. Sie helfen mir, mich in Konzentration und Willenskraft zu üben. Manchmal streife ich mir sanft über Arme und Beine, um die Horde für kurze Zeit zu vertreiben.
Mächtig und schwer stehen die Berge da. Tag für Tag, aber nicht für die Ewigkeit. Wie Kolosse, die aus den Tiefen des Meeres aufragen. Am Abend sind die schroffen, hinteren Gipfel wolkenumzogen. Trotz ihrer massiven Beständigkeit erscheinen sie wie schwebende Schatten, die sich mit dem nebeligen Firmament am Horizont vermischen. Himmel und Erde vereinigen sich mit der leicht kräuselnden See. Poseidon trifft Zeus, der in einer Höhle unweit von hier vor seinem Vater verborgen war.

Sanft senkt sich die Sonne genau zwischen den beiden stoischen Felsen von Nisi Paximadia in die Wolken herab. Das wunderbare Licht hebt das Eiland vor dem Horizont hervor. Wie in einem Schattenspiel. Es wird Herbst, die Schatten länger.
Auf mich geworfen sitze ich in der Taverne, nehme das friedliche Schauspiel in mir auf. Wohlgenährt von dem, was die Erde uns spendet. Die Gedanken sind leer. Ich bin alleine; bei mir; als Teil des Ganzen nicht einsam. Einsam sein, bedeutet mit sich sein. Mit sich selber sprechen können. Neben mir das junge Paar – schweigt sich an. Ein Mann telefoniert, mit laut gestelltem Handy. Das Meer löscht die blecherne Stimme aus. Für mich zu sein ist eine Qualität. Die Gedanken beruhigen sich, bekommen die Chance, sich der Weite der Natur aufzulösen. Wie durch eine sanfte Brise der Nebel werden sie, verbunden mit meinem Atem, bis hinter den Horizont verteilt.
Ich frage mich, ob das schweigende Paar gemeinsam einsam ist. Ob der Mann sinnlose Dinge in das quäkende Gerät geblubbert hat. Waren sie mit etwas verbunden? Mit jemandem? Mit sich selber? Ich spüre in mir die Liebsten, mit denen ich ohne Worte diesen herrlichen Moment teile. Sie sind wie mein Schatten: immer bei mir; geliebte Geister. Bald sehe ich Euch wieder und berichte.

Brandung

Das beruhigende Branden der sich ewig bemühenden Wellen nimmt kein Ende. Sie begleitet mich vom Aufstehen, dem ersten Strandgang, dem Bad. Bis ihr rollender Rhythmus mich sanft in den Schlaf sinken lässt. Es scheint so, als takten sie selbst die Worte, die ich schreibe.
Langsam erheben die Wellen sich aus der Weite des Meeres. Sie begegnen still und sanft dem Blick. Dann, ein anderes mal, türmen sie sich zu kleinen Bergen auf, sobald die innere Kraft der See sie zum Ufer hin treibt. Oft donnern sie schmetternd an die Felsen. Bald treffe sie wieder sanft wiegend und gluckernd an den flachen Sandstrand. Die unsichtbare Energie, die sie antreibt, die unheimliche Physis kommt aus den Tiefen des Ozeans. Ein unendliches Potenzial. Es wird ewig so weitergehen, solange die Erde sich dreht. Egal ob ich mich von ihnen sanft schwebend tragen lasse oder nicht mehr da bin. Die in ihrem Rhythmus dahingleitende Zeit zernagt die Felsen, spült den Sand, die zersplitterten Schalen der Meerestiere hin und her. Stetig, beständig, immer anders.
Nicht mehr da zu sein, kann vieles bedeuten. Wie in der Metapher von der Uhr ohne Zeiger in Murakamis „Die Stadt mit ihrer ungewissen Maurer“ zeitigt sich Zeit aus sich selber. Wenn ich die Wellen nicht mehr höre, weil ich ins Binnenland fahre, mich auf den Heimweg in den Norden begeben habe oder gestorben bin, wird ihr Orchester weiterspielen. Werde ich dann Wellenenergie? Treibe meine Myriaden Einzelteilen mal hier, mal dorthin? Von den Wellen lernen heißt leben lernen.

Ende und Anfang

Die Kraft der See verbindet sich mit den Wolken, den beharrlichen Felsen und dem Leben spendenen Licht der Sonne. Ich bin – da.
War es vor drei Jahren eine leichte Gischt, die auf der Insel von der Freiheit kündigte, ist es heute ein warmer Sturm. Die brausenden Wellen fegen den Kopf frei. Zeit zeitigt sich, als wenn die Uhr auf der letzten Strecke kurz verharrt, um dann wie die rollenden Wellen auf ein unbestimmtes Ziel zuzulaufen. Als wenn ich ungezielt durch die Welt driften würde, deren Gischt, deren Nebel mal dichter, mal weniger dicht sind. Alles trifft sich in einer endlosen Ruhe.
Neue Rhythmen werden sich mit den Alten vermählen. Ohne die Fixpunkte, die mich im Arbeitsleben immer wieder auf den Rasterpunkten der Zeit, in fremdbestimmten Kalendern und zu sinnlosen Ereignissen zwangen. Ein eigener Rhythmus tut sich auf und tut dem müde-frischen Kopf gut. Driften ist aktiv, tätig sein. Sei es durch den sich leerenden Blick in die Weiten des Ozeans, die konzentrierte Fokussierung auf ein würdevolles, sinnstiftendes Gespräch, die Lektüre… oder die gefühlt sinnlose Tätigkeit, die nichts zu schaffen scheint. Wu Wei.

Geplapper

Langes Schweigen der Welt. Leises Schweigen des sanft säuselnden Windes, das verhaltene Gurgeln der Wellen. Ruhe. Langsam verstummt nach und nach das Geplapper im Kopf. Mal mehr mal weniger. Welch eine Wonne sind die Momente, in denen ein „nur-da“ vorherrscht. Sitzen bleiben, atmen. Ich brauche all dieses, aus der Tiefe des Bewusstseins hervorstoßendes, Gerede nicht. Es quillt aus unergründlichen Tiefen, wie selbst träges Wasser jede Lücke im Felsen nutzt um seinen Weg an die Oberfläche zu finden. Diese unendlich erscheinende Kette aneinander gereihter Satzfragment und Worte ist ein ewiger Quell der Ablenkung und Zerstreuung. All die Bilder, die den Geist im Innersten bewegen, all diese Nichtigkeiten, die für wichtig gehalten werden. Schweigt.
Dann, zurück in der Welt. All die Menschen. All das Geplapper von Außen. Es dringt nicht von innen herauf. Es dröhnt aus der laut tönenden Zivilisation herein. Ja, die Rede, das Gerede mag zu seiner Zeit einen Sinn haben. Sie machen in manchen Fällen auf momentan Gewichtiges aufmerksam. Doch wie schnell verschwindet jegliches Ereignis wieder im Vergessen. Sinnloses Gerede greift die Ruhe, die ich suche, unermüdlich an. Der unendliche Strom, der jeden Damm zu zernagen droht, jedes Ufer gierig zu verschlingen trachtet. Dies Geplapper, diese Banalitäten; leere Worte der Worte wegen. Oft aus Angst vor dem Schweigen. Ja, ich rede gerne. Unterhalte mich, um Gemeinschaft zu „unterhalten“. Es ist unzweifelhaft, dass Kommunikation Zusammenhalt stiftet. Doch muss sie immer so laut, so flach, so leer sein? Vermag sie nicht leicht tönend und konzentriert zu schweigen wie das sanft wellende Meer? Ein erfrischender Quell?
Tiefer Austausch ist kein Geplapper. Teilen ist kein Geplapper. Teilen ist der Sinn von Mit-Teilungen. Hier werden Bande gefestigt. Wie sanfte Netze, die sich um uns legen, generieren sie Verständnis, Nähe, Liebe. Oft ohne Worte. Schweigend dasitzen und sich verstehen. Im beieinander und füreinander da sein. Gerede generiert eine Illusion von Gemeinsamkeit.Oh, und da ist das tiefe Gespräch. Über Bedrohungen, Ängste, das Schöne, Glück und Träume. Es bewegt, erfrischt den Geist; seine abgründige Tiefe hält ihn am Leben. Am besten bedächtig, durchdacht und so klar formuliert wie ein spiegelnd-transparenter See. Viel zu selten habe ich das Gefühl, dass ein gutes Gespräch meinen Kopf mit sonniger Wärme füllt. Zu oft bedroht das Gerede die Ruhe. Wie brodelnde Lava, die zischend das Meer verdampft. Gute Geschichten hingegen fließen stetig und wiederkehrend. Sie verorten und stiften Identität. Momente, die zu Ewigkeiten werden.
Meistens greift mich, speziell in öffentlichen Räume Gerede um des Redens willen an. Wie eine Horde giftiger Affen. Ich muss leider zugestehen, dass diese hüpfenden, lauten, an der Seele zerrenden Tierchen einen Sinn zu haben scheinen. Nach dem Genuss von Alkohol zum Beispiel, auf der Party, bei Feiern und geselligem Beisammensein. Hier ist das Tiefe Gespräch nicht möglich. Hier geht es um den oberflächlichen Austausch von Alltäglichkeiten, das Loswerden von Bedrängendem. Im Sinne des „comic relief“, der Katharsis, der ekstatischen Reinigung des Geistes? Aber alles zu seiner Zeit. Geplapper, Spektakel und Event gehören zusammen, haben, wenn auch selten, das Potenzial zu Geschichten zu werden.
Es ist an mir, vertiefend und bedenkend mit Worten umzugehen. Sie sind die Schätze unseres Denkens. Sie wollen gepflegt werden wie ein Garten. Geplapper ist zu vermeiden. Selbst bei gemeinschaftlichen Zusammenkünften lieber nichts sagen. Die Lauten, die zum Frühstück am lautgestellten quäkenden Telefon über Durchfall reden – ignorieren: Das innere Schweigen trainieren. Zuhören lernen.

Gestrandet

Wie durch den sanften Schlag der Wellen ein Stück Treibholz wurde ich erneut an bekannte Gestade gespült. Auf meinem Stein vernehme ich das Gluckern und Gurgeln des warmen Meeres. Friedlich glimmert es nach dem gestrigen, kurzen Sturm in der Morgensonne. So schnell wie sich das Wetter beruhigte, so langsam gleite ich in eine zufriedene Ruhe. Ausatmen dauert immer länger wie das Einatmen. Die Jahre der Lohnarbeit liegen hinter mir und wollen abgeschüttelt sein. Nein, langsam ins Vergessen gesogen werden, wie der zurückströmende Sog der Wellen, die ein momentanes Phänomen im immergleichen und zugleich immer anders werdendem Meer sind. Auf dem Stein sitzend bin ich Stein und Wasser zugleich.
Die mit jedem Atemzug austretende Feuchtigkeit verbindet sich mit der weiten See, deren Gischt durch den warmfrischen Wind getragen wird. Im Rhythmus der Welt saugt mein Körper die heilende Luft ein, nährt sich von der Kraft der Natur. Ich komme zu mir, zur Welt. Die Welt kommt zu mir. Ewiges Werden im ewigen Wechsel. Alles gleich und doch immer anders. Mal wieder. Gerne beuge ich mich dem Rhythmus des Gewöhnlichen, richte mich in ihm ein. Zentrierend. Ein langer weg, so lang wie die Kraft, welche Wind und Strömungen antreibt. Zeit die alles wie mit kräftigen oder plätschernden Welle durch den unendlichen Raum treibt. Ich bin Teil, alles ist verbunden

Klein statt groß

„Das Zuhören hat mich der Fluß gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen. Er weiß alles, der Fluß, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch du hast schon vom Wasser gelernt, daß es gut ist, nach unten zu streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen.“ (1)

Gemächlich zieht das grauspiegelnde Wasser seine Bahnen. Ablaufend gibt es mehr und mehr des sonst verborgenen, schlickigen Grundes frei. Ein Reiher fliegt, die Flügelspitzen bei jedem Schlag knapp das Wasser berührend, dynamisch mit klarer Haltung zügig auf ein unbekanntes Ziel zu. Der sonnenbebrillte Typ mit Bun taumelt, in der einen Hand seine Bierdose, in der anderen einen Gartenstuhl, an seinen Platz. Eine Gruppe durchflügt, geführt vom Trainer im Kajak, die trübe Elbe. Mit dumpfem Wummern zieht die Schaluppe mit den Chillenden und tanzenden Ravern vorbei. Jemand hört mir zu, ich entspanne mich. Der angetrunken lustige Showtyp verlässt seinen Gartenstuhl, inszeniert ein wenig obszön einen Furz, bemerkt das Loch in seinem Hemd und zerreisst es mit einem lustigen Kommentar. Dann verjagt er die Möwe und bittet er uns, die Musik lauter zu machen. Wir führen entspannte Gespräche. Über Banales und Tiefschürfendes. Die Sonne strahlt und lässt den Körper auf der Decke beim leckeren rote Beete-Sandwich schwitzen
Wie schön hier und jetzt zusammen an diesem Ort zu sein. Ja, wir wollten auf der Schaluppe tanzen. Es wäre ein größeres Ereignis gewesen. Wir sind ein wenig traurig. Aber warum traurig sein? Das banale Picknick an der weiten Elbe, mit Blick auf das überwucherte Boot, umbäumte Industrieanlagen bot so viele kleine Beobachtungen, die uns schmunzeln ließen. Warum immer das Große, den Event, wenn wir jederzeit Dinge eräugen können, die das Herz im Stillen lachen lassen. Manchmal auch ein wenig bedrückend. Wie über den engen Betondurchgang unter der Brücke, in der eine riesige Kolonie von gruseligen Kreuzspinnen bedrohlich ihre Netzegewimmel spann. Dazu die rasenden Radler, die uns fast zwangen, an das netzübersponnene Geländer auszuweichen. Was ein wundervoller Tag. Ein Tag, der, begleitet von schöner Musik und kleinen Ereignissen, einen tiefen Eindruck hinterließ.

(1) Hesse, H. (1986/1950) Siddharta. Klein und Wagner, Welsermühls, Wels, Österreich, S. 235

Ernstl und Mozart im Touristengedrängl

Wenn ich nicht auf Reisen gegangen – oder besser mit der Bahn gefahren wäre, hätte ich nie von Ernstl gehört. Ein Prolet, der bei Peter, einem Mitglied der Wandergruppe, im Haus lebt. In Wien. Ernstl kriecht jeden Morgen die Stiege hinab um sich dann auf eine Bank vor dem Haus zu setzen. Dort trinkt er schon in der Frühe ein Glaserl. In das Glas sinnierend geht er dunklem, rechten Gedankengut nach. Bis zum Glaserl, dass seinen Tag so beendet, wie er begann. Im Wiener dialekt vorgetragen, sehe ich den Ernstl förmlich vor mir. Höre, was und wie er redet. Die Frage, die Peter sich stellt, als wir über Weltanschauungen reden, ist eine, die mich schon lange bewegt. Ist Ernstl durch sein Glas hindurch durch freundliche Argumente erreichbar? Wie all die verpeielten Ernstls der Welt. Wo doch seine Ignoranz, seine Wut auf alles Fremde mit dem Preis für die Alkoholika steigt. Ich habe keine Antwort.
Ein weiteres Erlebnis trug sich in der von Touristen zugequetschten Mozartstadt Salzburg zu. Ab vom schweigsamen und leidvollen Kreuzweg hoch zum Kapuzinerkloster. Da folgte uns das japanische Paar, dass, wie so viele, zu den Festspielen in die Stadt gepilgert war. Nein, sie rannten nicht in im wunderschönen Ensemble hochherrschaftlicher Gebäude in Zweierreihen dem in die Luft gereckten Stab eines Führers hinterher, wie eine gehorsame Schulklasse. Oder ließen sich von traurigen Pferden und noch trauriger dreinschauenden DroschkerInnen durch die Gassen der verschnörkelte Stadt an der Salzau kutschieren. Geräuschvoll tauchten sie vor der opulenten barocken Kirche hinter unserem Rücken auf. Dumpfe Mozartgeigen drangen quäkend aus der armseligen Bluetoothbox, die sie im Rucksack verstaut hatten. Absurderweise folgten sie uns durch die Passagen, die an sich zum Flanieren einladen würden. Die ich schnellstens, voller Touriparanoia, hinter mir lassen wollte. Es war zuviel. Zuviel von allem. Touristen, Barock… Wie mittlerweile in jeder Stadt. Folklore, Mode, Schmuck, überteuerte Fressstände, Wiener Küche in schlechter Qualität, drängelnden Menschen auf Reisen – wie wir.
Die Geschichte von Ernstl hat mich zum Flanieren, Wandern und ja, auch zum Reisen motiviert. Die von Mozart aus dem Rucksack zeigt mir auf, dass es doch besser sein könnte, zu Hause zu bleiben. Dort den Reisehorden aus dem Weg gehend. Leider gibt es in meiner Umgebung nur wenige Angebote für philosophische Wanderungen. Ohne diese Reise wäre ich nicht motiviert worden noch einmal tiefer in die Philosophie der Stoa einzutauchen. In die ich mich bald am Mittelmeer vertiefen werde. Ohne anzukommen, weiter meinen Weg suchend und in der Gegenwart genießend.

P.S. Heute las ich in der NZZ einen Artikel über Ernstls Brüder im Osten. Sehr interessant.

Reisen

„Vergnügungs-Reisende. – Sie steigen wie Tiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, daß es unterwegs schöne Aussichten gebe.“ (1)

Will ich weiterhin reisen? In der heißen Bahn, eingequetscht auf die Weiterfahrt warten? Immer nervöser werdend, ob ich den Anschluss erreiche, am Ziel eintreffe? Mich nach elf Stunden zwischen schwitzenden Körpern, abgekämpft, im immer gleichen Hotel mit seinen stereotypen Bildern erhole? Durch drängelnde Massen in Betonbahnhöfen hetze, Wege und Gleise suche? Im unwirtlichen Gewusel neben billigen Fast Food Ständen auf die Zuganzeige starren, die mir erzählt, dass die Bahn ausfällt? Im Flieger wegen meiner CO2-Bilanz ein schlechtes Gewissen bekomme? Der Grusel lässt sich steigern: In der stinkenden Metallzelle namens Auto im Stau braten?… Warum mache ich das? Wohin? Wozu? Dennoch, irgend etwas bewegt mich, ich bewege mich. Aufatmend, den Reiseschweiß von der Stirn gewischt, in der Ruhe angekommen, sinniere ich über den Reisedrang, den Reisestress.
Es gibt viele Arten des Reisens. Damit meine ich nicht Wanderungen, die natürliche Form der Bewegung von Nomaden und Tieren. Ich meine das Katapultieren an einen anderen Ort. Weg von der Heimat. Zumeist um Neues zu erleben. Manchmal, weil irgendetwas erledigt werden muss oder soll. Dann aus ökonomischem Zwang, wie bei der Dienstreise. Doch was bedeutet Reisen als eine spezielle Form der Bewegung?
Beginnen wir mit dem Gehen: Flanieren, Spaziergang, Wanderung, kleine Reisen zu Fuß. Eingebettet in die eigenste Geschwindigkeit. Geruhsam setzen wir einen Fuß vor den Anderen. Der Blick schweift gelassen über die Welt. Nicht selten gleitet er weltvergessen nach innen, verliert sich in „Gedanken“. Gerne wird beim Dahinschreiten ein entspanntes Gespräch geführt. Der Fokus huscht umher, mal hier, mal dort hin. Immer wieder erfreuen angenehme Geräusche oder Gerüche die Sinne. Das Rauschen eines Baches, der Geruch der Zirbe. Ab und an ein Zögern, ein verharren, ein Da-Sein. Welt wird im Rhythmus des Körpers „erfahren“. Der Körper ist Welt, Leben. Schritt auf Schritt folgend, geleitet vom Atem. Beides wird in der Eigenbewegung selten bemerkt oder gar betrachtet. Es sei denn, dass die schweigsam-aufmerksame Ruhe der Gehmeditation (2) mich in einen wahrnehmend-vergessenen Augenblick innigster Konzentration geleitet.
Beschleunigung: Das schnelle, zielgerichtete Reisen oder Rennen zu einem Punkt. Der Beginn des sich selbst Verlierens. Im getrieben Werden wandelt sich der durchschrittene Raum. Verwischt im Verlorengehen. Der Weg wird zunehmend zu einer auf das Ziel, den Termin reduzierten Zeit; wird Datum, Koordinate, sinnentleertes Symbol, Funktion. Earpod verlorenes Joggen mit Smart-Tracking.
Der Verlust der Eigengeschwindigkeit, so sagte es Virilio (Dromologe, Theoretiker der Geschwindigkeit) irgendwo einmal, begann, als der Mensch sich auf das Pferd setzte. Er verlor den Rhythmus der schreitenden Füße, den direkten Kontakt des Körpers zum Weg. Er verlor sich selbst. Das zielgerichtete Vorankommen wird vom tragenden Galopp bestimmt. Auf das Pferd folgte das Auto, Bahnen, Flugzeuge, Raketen, Joggingschuhe… Die Träger der Bewegung werden zum Fokus, der Weg, die Welt verschwand. Hinter Scheiben, Stahl, Terminkalendern, Routenplanern, Fitness-Apps, unter Asphalt…, oder gänzlich. Nur das Ziel zählt, das es auf den Punkt zu erreichen gilt. Die vermeintlich exakten Apparate verwischen die Welt. Es entstehen Myriaden aneinander vorbeirasender, isolierter Inseln jenseits der Präsenz. Ohne Verbindung zur Welt, zum Leben und sich selber. Kein Verharren mehr, kein kontemplatives Da-Sein. Seinsverlust. Taumel im Anders-Sein, das uns freudig ekstatisch mitreißt, wie in einer Achterbahn. Oder dem Walkautomaten im Fitness-Studio. Die Illusion von Freiheit. Rennen, rennen, rennen. Wettrennen gegen den Verlust der Zeit, des verorteten Selbst. Sie sind längst auf der Strecke geblieben.
Die einst schweifende Bewegung wird in Apparaten, wie dem Automobil eingeschlossen, auf dessen festgefahrenen Bahnen jegliche Autonomie verloren geht. Die Reisenden liefern sich der Technik aus. Die Freiheit erstarrt nicht selten im Stau, wegen unpünktlicher Züge, ausfallender Flieger… An Sitze, Sattel gefesselt, eingepfercht, der Maschine, der Turbine oder der Schiene ausgeliefert, lassen wir uns durch die Welt schießen. Wo ist da das Reisen oder Flanieren? Wehe dem, der wandeln möchte.
Schon das Pferd, die Kutschen, die Goethe und Nietzsche nach Italien trugen, nährten die Sehnsucht nach weit entfernten Orten. Ja, Reisen öffnet den Blick, bildet. Ich frage mich, was hat die heutige Bewegung mit dem „normalen“ Leben oder Überleben, Schauen und Sehen zu tun? Reisende der postmodernen Reiseindustrie sind kaum mehr freie Nomaden, auf der Suche nach neuen Weidegründen oder Wissen. Nein, es geht darum, einmal da gewesen zu sein. Ein Selfie, ein Schnitzel, ein Workout am symbolischen Ort, der Blick technisch ausgerichtet auf den „Post“. Wie sollen derartig gefesselte Reisenden im Engadin an einem banalen Stein die „Wiederkehr des Gleichen“ (3) oder das Licht des Südens (4) erblicken? Die Heutigen sind schon lange in der Maschine der Reiseindustrie verloren. Ihre leere Schnappschuss- und Marken-Kultur, ihr Essen im Gepäck. Sie sind woanders und dennoch am gleichen Ort. …Ewige Wiederkehr. Als Touristen begegnet ihnen nur das, was sie mit sich trugen. Grotesk wird es mit den Kreuzfahrtschiffen. Massen-Sarkopharge, die mit ihren Zombies Städte und Strände invadieren; menschengeladene Mega-Bomben. Alles, was dort, wo sie landen „ursprünglich“ war, ist längst zur Folklore verkommen. Jegliche lokale Kultur wurde vernichtet, auf die immer gleichen Souvenirtasse reduziert. Die Einheimischen sind längst vertrieben, zu Bediensteten umgeformt. Ich denke an die Terrouristen in der Elbphilharmonie, die einer Musik lauschen, die sie nicht kennen, sie nicht interessiert. Aber sie waren mal da. Das Selfie beweist es.
Reisen bildet, sagt man. Ja, es kann motivieren, den Horizont zu erweitern, eine Sprache zu lernen. Neue Einsichten vermitteln. Dennoch frage ich mich, ob es sich lohnt, in Zukunft dem Treck der Massen zu folgen. Als Teil dieser Reisemaschine. Wohin soll ich flüchten? In mich? In meine Höhle? Mein Zuhause? Mein Geist tastet wie ein vorsichtiger Fuß und sucht den nächsten Schritt. Mit Bedacht.

(1) Nietzsche, F. (1878) Menschliches, allzu Menschliches, 2 Band, 2. Abteilung 202

(2) vgl. Tich Nhath Hanh (2016) Einfach gehen, O.W. Barth, München.

(3) Nietzsche kam dieser Satz an einem Stein in Sils Maria auf.

(4) Viele Maler, auch Goethe entdeckten es auf ihren mühseligen Reisen, versuchten es in Bildern festzuhalten oder dachten darüber nach.

Buchstabenreise

Alleine mit knapp 300 Seiten. Sie geleiten mich in das koloniale Malaysia der 20er Jahre. Atmosphäre, Beziehungen und kleine Ereignisse. Blicke in eine exotische Welt, in Lettern erstarrt und aus Worten geboren, werden sichtbar, fühlbar. Gerne folge ich dem Pfad, den die Sätze mir vorgeben, träume mich fort. Nur meine Augen bewegen sich. Was ein Luxus. Keine Koffer müssen gepackt, kein Ticket gekauft, keine hallenden, vollgestopften Terminals durchschritten werden. Im Jetzt, in der Vergangenheit, einfach da, eingekuschelt in das Kissen, das Papier sanft vom Licht der warmlichtigen Lampe beschienen. Über mir dröhnt ein Flugzeug, vergiftet die Welt. Bald quetschen sich die Urlauber*Innen in ihre dunklen Betonburgen, drängeln sich am Buffet oder bei den Plastikliegen am sterilen Pool, der überall gleich daherkommt. Hier ein arrangierter Stein, dort eine armselige Palme, die Exotik behauptet. Geplapper und langweilige Blicke auf das Neonleuchten der Smartphonedisplays. Mein Körper schüttelt sich und genießt die raue Oberfläche des matten Papiers. Sauber gesetzte Typen erzeugen heimelige Stimmungen, deren Karawane mich sanft in die Weiten der Welt trägt, während ich zufrieden verharre.

(Lektüre: Eng, Tan Twan (2023) The House of Doors, Conongate Books, Edinburgh)

Mairegen

Der letzte Maitag. Mit leichtem, chaotischem Rhythmus plätschert sanfter Regen in die sattgrünen Blätter. Ruhe in den Gedanken, Zufriedenheit, Frieden. Im Hintergrund der entspannte Rhythmus von Bedouin: „We are the Aliens from outer space, dancing on the human race“. Die Welt ist wunderbar. Tiefe und irritierende Gedanken streifen in der Weite des Horizonts irgendwo in den Weiten des Weltalls. Sie können mich nicht berühren. Sie haben Zeit. Wenn sie versuchen sich zu nähern, gehen sie im Rhythmus der Natur und dem entspannten Gesang unter. Alles kann warten. Alles wird.