Klein statt groß

„Das Zuhören hat mich der Fluß gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen. Er weiß alles, der Fluß, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch du hast schon vom Wasser gelernt, daß es gut ist, nach unten zu streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen.“ (1)

Gemächlich zieht das grauspiegelnde Wasser seine Bahnen. Ablaufend gibt es mehr und mehr des sonst verborgenen, schlickigen Grundes frei. Ein Reiher fliegt, die Flügelspitzen bei jedem Schlag knapp das Wasser berührend, dynamisch mit klarer Haltung zügig auf ein unbekanntes Ziel zu. Der sonnenbebrillte Typ mit Bun taumelt, in der einen Hand seine Bierdose, in der anderen einen Gartenstuhl, an seinen Platz. Eine Gruppe durchflügt, geführt vom Trainer im Kajak, die trübe Elbe. Mit dumpfem Wummern zieht die Schaluppe mit den Chillenden und tanzenden Ravern vorbei. Jemand hört mir zu, ich entspanne mich. Der angetrunken lustige Showtyp verlässt seinen Gartenstuhl, inszeniert ein wenig obszön einen Furz, bemerkt das Loch in seinem Hemd und zerreisst es mit einem lustigen Kommentar. Dann verjagt er die Möwe und bittet er uns, die Musik lauter zu machen. Wir führen entspannte Gespräche. Über Banales und Tiefschürfendes. Die Sonne strahlt und lässt den Körper auf der Decke beim leckeren rote Beete-Sandwich schwitzen
Wie schön hier und jetzt zusammen an diesem Ort zu sein. Ja, wir wollten auf der Schaluppe tanzen. Es wäre ein größeres Ereignis gewesen. Wir sind ein wenig traurig. Aber warum traurig sein? Das banale Picknick an der weiten Elbe, mit Blick auf das überwucherte Boot, umbäumte Industrieanlagen bot so viele kleine Beobachtungen, die uns schmunzeln ließen. Warum immer das Große, den Event, wenn wir jederzeit Dinge eräugen können, die das Herz im Stillen lachen lassen. Manchmal auch ein wenig bedrückend. Wie über den engen Betondurchgang unter der Brücke, in der eine riesige Kolonie von gruseligen Kreuzspinnen bedrohlich ihre Netzegewimmel spann. Dazu die rasenden Radler, die uns fast zwangen, an das netzübersponnene Geländer auszuweichen. Was ein wundervoller Tag. Ein Tag, der, begleitet von schöner Musik und kleinen Ereignissen, einen tiefen Eindruck hinterließ.

(1) Hesse, H. (1986/1950) Siddharta. Klein und Wagner, Welsermühls, Wels, Österreich, S. 235

Buchstabenreise

Alleine mit knapp 300 Seiten. Sie geleiten mich in das koloniale Malaysia der 20er Jahre. Atmosphäre, Beziehungen und kleine Ereignisse. Blicke in eine exotische Welt, in Lettern erstarrt und aus Worten geboren, werden sichtbar, fühlbar. Gerne folge ich dem Pfad, den die Sätze mir vorgeben, träume mich fort. Nur meine Augen bewegen sich. Was ein Luxus. Keine Koffer müssen gepackt, kein Ticket gekauft, keine hallenden, vollgestopften Terminals durchschritten werden. Im Jetzt, in der Vergangenheit, einfach da, eingekuschelt in das Kissen, das Papier sanft vom Licht der warmlichtigen Lampe beschienen. Über mir dröhnt ein Flugzeug, vergiftet die Welt. Bald quetschen sich die Urlauber*Innen in ihre dunklen Betonburgen, drängeln sich am Buffet oder bei den Plastikliegen am sterilen Pool, der überall gleich daherkommt. Hier ein arrangierter Stein, dort eine armselige Palme, die Exotik behauptet. Geplapper und langweilige Blicke auf das Neonleuchten der Smartphonedisplays. Mein Körper schüttelt sich und genießt die raue Oberfläche des matten Papiers. Sauber gesetzte Typen erzeugen heimelige Stimmungen, deren Karawane mich sanft in die Weiten der Welt trägt, während ich zufrieden verharre.

(Lektüre: Eng, Tan Twan (2023) The House of Doors, Conongate Books, Edinburgh)

Mairegen

Der letzte Maitag. Mit leichtem, chaotischem Rhythmus plätschert sanfter Regen in die sattgrünen Blätter. Ruhe in den Gedanken, Zufriedenheit, Frieden. Im Hintergrund der entspannte Rhythmus von Bedouin: „We are the Aliens from outer space, dancing on the human race“. Die Welt ist wunderbar. Tiefe und irritierende Gedanken streifen in der Weite des Horizonts irgendwo in den Weiten des Weltalls. Sie können mich nicht berühren. Sie haben Zeit. Wenn sie versuchen sich zu nähern, gehen sie im Rhythmus der Natur und dem entspannten Gesang unter. Alles kann warten. Alles wird.

Caspar David

Wie wassergefüllte Säcke hängen dunklen Wolken über einer still vernebelten Landschaft. Zaghaftes Licht sickert matt leuchtend durch ihre wulstige Ränder. Sanfte Illumination bannen den Geist mit einer verwunschenen, gelassenen Atmosphäre. Die perfekte Komposition strahlt eine wundersame, bleiern-erhabene Schwere aus. Ich versuche in diese Welt, dieses Bild hineinzugleiten. Doch es gelingt nicht. Um mich herum tobt hektischer, dumpfer Lärm. Drängelnde Menschen versperren das Blickfeld. Die Unruhe einer vollgestopften Einkaufsstraße, die jede Besinnlichkeit im Keim erstickt. Kunst ist zum Event verkommen. In Zeitslots schieben sich die Besuchermassen durch die zu engen Räume. Kein gelassener, versunkener Blick ist angesichts der konsumierenden Horden mir ihren stoßenden Ellenbogen möglich. Dazwischen Pulks von Ahnungslosen mit Kopfhörern, berieselt von einem Guide der ins Mikrofon plärrend den Bildungsbürgern Geschichten rund um die einmaligen Bilder erzählt. Trotz der Erklärungen auf ihren In-Ear-Empfängern plappern sie untereinander. Bar jeglicher Fähigkeit zur Konzentration. Jede Besinnlichkeit wird im Keime erstickt.
Es ist wie mit dem Kirchgang am Heiligen Abend, an dem all die, die nie eine Kirche besuchen, sich um die letzten Plätze rangeln. Ein Sommerschlussverkaufs-Gedrängel nach kulturellen Häppchen, von den dann stolz erzählt werden kann: „Ich war dabei!“. Sicher, es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Menschen sich bilden, mit Kunst auseinandersetzen, aktiv werden, sich aktivieren. Doch diese Massenevents, die über allen medialen Kanäle beworben werden, haben nichts mit Kultur, kulturellem Handeln, handelndem Tun gemein. Einem Tun, das Beuys in seinem berühmten Satz: „Jeder ist ein Künstler“ (eine Abwandlung des Satzes „Jeder Mensch kann ein Künstler sein“, des romantischen Dichters Novalis) gefordert hatte. Strömende Horden in Museumsevents sind nichts anderes als leere Events. Sie haben nichts mit einer „sozialen Plastik“ (Beuys) zu tun, höchstens mit der Plastikhaftigkeit unserer vermedialisierten Welt. Im rasenden Stillstand des Konsums erstarrt die Plastizität, das Denken, das Begreifen, das Erspüren erstirbt. Nichts Schöpferisches ist auf diesem Event zu spüren. Selbst der geschaffene Ausdruck auf den herrlichen Gemälden eines Caspar David Friedrich verliert seine Strahlkraft. Jede Aura geht verloren. Jede Besinnlichkeit, jeder Traum verliert sich angesichts der Kommerzialisierung durch die Massenkultur, die Kultur ist und zugleich nicht. Denn hier gedeiht nichts mehr außer leerem Geplapper, das in einem „ich war da“ oder „ich war dabei“ verreckt, das nach der pauschalen Städtereise mit Museumsbesuch am Kaffetisch von sich gegeben wird.
Besucht doch lieber einen dieser quietschbunten Events wie diese Musicals oder High Tech 3-D Visualisierungen von Künstlern, die gerade in sind; die genauso zappeln, wie ihr es tut. Rennt den Anweisungen Eurer Screens hinterher. Ich betrete die Kunsthalle erst wieder, wenn ihr weg seid. Dann kann ich in erneut in aller Ruhe in den Tiefen der romantischen Malerei versinken.

Zufriedenheit

Hektisch hüpfen die Vögel, einem geheimnisvollen Muster folgend, durch die Hecke. Wie der feine, kühle Winterregen fällt das Licht sanft über die Welt. Blätter zittern im Wind. Die klamme Luft stört sie ebenso wenig wie mich, der warm ummantelt im molligen Heim sitzt.
Meine Gedanken schweifen in die allverbundene Welt.Wie die Vögel die luftig vom sanften Wind getrieben werden, bis sie sich, unsichtbaren Schatten gleich, im Nebel der hängenden Wolken auflösen. Tröpfen, die sich mit Milliarden Artgenossen zu einer Wolke zusammenschließen, sich verfließend in der nächsten auflösen oder als Niesel dem Boden entgegenschweben. Die Pflanze nährend, an deren Früchte sich die Vögel laben. Ich bin Vogel, Pflanze, Erde, Wolke, Samen… jedes der unzähligen Teile zugleich. Bin und war. Im Moment träume ich wachdösig diesen flüchtigen Traum.
Welch ein Glück. Welch eine Wonne. Keine Bomben, kein Hass, keine herabsetzenden Worte, böse Gedanken bedrohen meine Besinnlichkeit. Im Moment muss ich nicht einmal achtsam sein, wie die Meise auf Futtersuche, die zuckend den Kopf nach links und rechts dreht; nach Nahrung, der Gemeinschaft, der Katze spähend.
All dies Angesichts des Elends, des Krieges, der Furcht, der Angst, des Hasses, der wütenden Worte, die versammelt auf dem anderen Fenster, dem glatten Monitor erstarrt sind. Welch ein Privileg ich habe, so sein zu können. In diesem Moment.

Rasender Stillstand

Es gibt nichts Absolutes. So sehr wir es zu denken versuchen, hoffen oder uns vorstellen. Das Feste, Beständige ist und bleibt eine Illusion. Wie das tiefe Meer, dass zum ruhenden, hohen Berg wächst, um als Sand erneut ins Meer gespült zu werden. Alles ist Bewegung. In dieser unendlichen Bewegung findet sich die Ruhe, wie nicht nur die alten Chinesen sinnierten: „Es ist das große Prinzip der Welt, das der wechselseitige Gegensatz wechselseitige Ursache wird. …Wenn es nur Bewegung ohne Ruhe gäbe, hätten wir die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass die Ruhe die Bewegung enthält und die Bewegung die Ruhe enthält. Im Extrem bewegt sich die Ruhe selbst notwendigrweise, und im Extrem ruht auch die Bewegung notwendigerweise. Wenn es das Eine gibt, gibt es die Zwei. Zwei stammen aus dem Einen. Könnte es wahr sein, daß alles Entgegengesetzte unter dem Himmel denselben Ursprung hat?“
Selbst in den entspanntesten Momenten, in denen wir tief in uns versunken liegen, schlafen, zu ruhen scheinen, wenn wir meditieren oder träumend aus dem Fenster schauen – unser Körper bewegt sich. Das Herz schlägt gemächlich, der Atem fließt ebenso wie der vor sich hin gluckernde Strom der Gedanken. Versiegen Atem, Puls und Gedankenstrom lösen wir uns auf, sterben, sind leer, sind tot. Indifferent, unbenennbar in der absoluten Ruhe, die kein Nichts ist. Selbst der finale Begriff der „Erstarrung im Tod“ trägt nicht. Der leblose, gestorbene Körper wird von Mikroben zersetzt, zu Humus, zu neuem Leben, neuer Bewegung.
Virgilio betitelte den Gegensatz zur bewegten Ruhe einmal in seinem Buch „rasender Stillstand“ (1). Desto mehr die Menschheit (technologisch) durch die Welt rast, desto mehr verfettet sie in ausgepolsterten Bürostühlen, bewegungslos an die lichtschnelle Technologie gekettet. Wer rast, dessen Gedanken hochbeschleunigt ins Chaos diffundieren, wird haltlos, hilflos. Er erstarrt in Bewegung. Denn im Geschwindigkeitsrausch lässt sich nichts mehr fassen. Der gleichmäßige Rhythmus des Atems kommt aus dem Lot, das Herz rast, bis zum Infarkt. Gerade in der „Raserei“ bemerken wir die Bewegung nicht, sind in einer tobenden Leere gefangen, die dem erstarren im Tod ähnlich zu sein scheint.
Genießen wir Schwingungen, Höhen und Tiefen der Berge und Täler, durch die wir uns bewegen. Gleiten wir sanft durch unser Leben, finden wir unseren Weg – „Dao“ – in der Mitte. Ohne zu verharren.

(1) Fang Yi-Zi, Dong Xi Jun (Ost-West-Gleichgewicht) zit. Nach L. Geldsetzer, H. Han-ding (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart S. 138

(2) Virilio, P. (1992) der Rasender Stillstand. Hanser, München/Wien – und interessant: https://taz.de/Der-rasende-Stillstand/!560693/

Nix Tun

Es kommt im Leben nicht darauf an, was man getan hat. Es kommt darauf an, was man nicht getan hat. Dieser Satz, diese Weisheit rumpelte während der Morgengymnastik in meinen Kopf. Habe ich ihn gedacht oder ist es die Erinnerung an den Ausspruch eines Weisen, der sich in meinem Unbewussten festgesetzt hatte? Er riecht nach uraltem Wissen, das feststellt, das zu selten gehandelt – oder besser – nicht gehandelt wird. Im Chinesischen etwas „Heiliges“: Wu Wei – NixTun – Natur wirkt aus sich heraus. (1) Ohne Ziel, ohne Intention.
Ein Satz gegen die alltägliche Betriebsamkeit, das Gerenne und Gehetze. Der Drang, etwas zu erreichen, wo nichts zu erreichen ist. Gedanken gegen die Hin und Her hüpfenden Affen im Kopf, die antreiben, verzetteln, verwirren. Falsche Ziele Setzen. Der Affen, die schwer zur Ruhe zu bringen sind. Der Affen die rufen und schreien, fordern und zerren. Dabei ist es so simpel. Auf den sanften Atem konzentrieren. Den weichen Strom gleiten lassen, der die Affen verharren lässt, bis sie, verwirrt den Kopf kratzend, verträumt auf ihren Ästen hocken und – nichts tun.
Im nichts tun können wir bei uns sein, bei all den Anderen sein, in der Welt sein. Im nichts-tun wird Niemand durch unser betriebsames, maschinelles Handeln angetrieben, beleidigt, herausgefordert, verletzt. Wie oft habe ich mir durch gedankenloses Tun Ruhe versagt, mich antreiben lassen. Statt in Gelassenheit zu treiben; zu schweben,. Wie das Blatt, das gemütlich und zielstrebig vom Baum zur Erde taumelt. Es wird auf der feuchten Erde landen, um zu vergehen, neues Leben zu spenden. Ich bin das Blatt. Ich schillere in buntesten Farben. Die Affen sitzen weiterhin oben in den Ästen und staunen verwirrt, halten inne, ohne es zu bemerken. Dann, der nächste Sprung, das nächste Schwingen. Ich wünsche allen Affen, dass sie zu Blättern werden, ihren Ort finden. Nicht abstürzen.

(1)Lao Zi spricht allerdings vom Heiligen so: „“Der Heilige geht nicht – Bu Xing (…)und weiß doch, er sieht nixht – Bu Jian (…) – und ist doch klar, er handelt nicht – Bu wie (…) und bringt doch zustande.“ Und noch deutlicher heißt es bei ihm; “Ohne aus der Tür zu gehen kennt er doch alles unter dem Himmel; ohne aus dem Fenster zu schauen, sieht er das Himmelsdao. Je weiter er heraus hinausgeht, desto geringer wird sein Wissen.““ (1) Geldsetzer, L, Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart; S. 81

Den Schmerz atmen

Der Körper. Was ein Gestell aus Knochen und Muskeln, was ein Haufen Zellen. Was ein Wunder voller Wasser! Was für eine rufende, schreiende, meckernde Illusion. Lange vor den Gedanken will der Körper. Er fordert. Gnadenlos. Unsere Emotionen und der ach so freie Geist sind seine Sklaven, ihrem vergänglichen Träger auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Belagert von einem andauernden Strom von Anrufungen, bis hin zu wildem Geschrei, solange dieser todgeweihte Zellhaufen über die Erde wandelt. Das Grollen des Hungers, hier ein Mucken, dort ein Jucken. Die vielen Seiten des Schmerzes. Von stechend fein, scharf ziehend, über dumpfes sich bemerkbar machen, bis hin zum alles einsaugenden Malstrom, der das Ich in den Moment hineinreißt, bis jeder Gedanke Schmerz ist.
Zu dieser dunklen Seite des Körpers gesellt sich die sonnige, luftige, freudige Lust des Begehrens. Wir verorten sie zumeist im Geist. Dort machen sich dessen Diktatoren, die Emotionen bemerkbar; wenn sie aus unseren Eingeweiden in den Kopf geworfen, geschossen werden – oder langsam in das Bewusstsein wandern. Manche dunkel und voller Schmerz, manche licht und hell.
Das der Leib für den Geist Strafe zu sein vermag, durchdringt die Geschichte. Jedes Herrschaftswissen weiß zu berichten, dass wir den freien Geist, den Willen durch einen Angriff auf den Körper strafen und brechen können. Offen und brachial; nicht so fein und fröhlich geheuchelt wie durch die vernebelnde Rede (1). Doch denken wir jetzt nicht an die gesellschaftlichen Körper, die Metaphern unserer Fleischlichen.
Leiden und das Begehren nach dem Ende des Schmerzes sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie bleiben bestehen, solange wir nicht gelernt haben, die Ursachen zu erkennen. Doch erkennen reicht nicht. Wir müssen den Körper, die Schmerzen umarmen, Freundschaft mit ihnen schließen, sie akzeptieren, verstehen. Dann findet sich ein Weg, mit ihnen in Frieden zu leben. Nur so vermag sich Linderung einzustellen. Bei uns selber im gesellschaftlichen Körper. Eine harte, immerwährende Aufgabe für unser aller Leben. Daher versuche ich im Schmerz meinen Körper, alle Körper zu lieben (was schwer ist). Bis dieser Zellenhaufen sich im Universum auflöst, der Geist befreit wird. Solange versuche ich zu verstehen, was mein Körper sagt. Egal wie stark der Schmerz meinen Geist nervt und martert.

(2) 1. Souveränitätsmacht: Die Macht des Schwertes „Sie hat insofern einen geringen Differenzierungs- und Vermittlungsgrad, als ihre Sprache auf die einfache »Symbolik des Blutes« beschränkt ist: »Gesellschaft des Blutes oder richtiger des ‚Geblütes‘: im Ruhm des Krieges und in der Angst vor dem Hunger, im Triumph des Todes, in der Souveränität des Schwertes, der Scharfrichter und der Martern spricht die Macht durch das Blut hindurch, das eine Realität der Symbolfunktion ist.« Das Blut bedeutet. Auch der Körper des Gemarterten wirkt zeichenhaft. Er ist ein „Mal«, ein Mahnmal, das bedeutet, Die Macht des Souveräns spricht durch den zerstückelten Körper oder durch die Narben, die die Marter auf dem Körper hinterlässt. […] Und Folter und Marter vollziehen sich als ein Ritual, als eine Inszenierung, die mit Zeichen und Symbolen arbeitet“ (Han, B. C. (2005) Was ist Macht. Reclam, Stuttgart (49 zit nach Der Wille zum Wissen 175))

Nicht Praxis

Dann, wie erwartet, erhellt das erste Sonnenlicht, dass über den Hügel schleicht, meine Sonnenuhr. Ήλιος ruft mich an. Ich setze mich langsam in Bewegung. Die Wellen schlagen im leisen Rhythmus an das weit gestreckt Ufer; umschlingen die Steine, gurgeln im Sand. Kleine Blasen schlagend. Schweigend drückt eine große Runde, im Kreis auf ihren Matten hockend, ihren Zeigefinger an die Nase. Eine Yogagruppe scheint ebenfalls die Energie des Ortes zu genießen.
Weiter… die paar langsamen Schritte an den Fels, und schon ist der rechte Stein gefunden. Zurück an meinem Kraftplatz! Mein Herz lächelt in die Natur hinein, lässt sich nieder, praktiziert Nicht Praxis (1). Kein Ziel, nur sein. Der Kreis schließt sich. Die gleiche Präsenz, die gleiche Tiefe, vom Meer kommend, in den Boden verwurzelt, vom Wind bewegt, dringt tief in mich ein. Ich werde (eins).
Langsam spüre ich wie der Atem sich mit der Brise vremischt. Wie die Sonne nach einer Weile den Körper vom Kopf herab sanft mit ihrer Wärme streichelt. Einatmen-Ausatmen. Einfach nur genießen, nichts erlangen wollen. Da-Sein. Wu Wei.

„Meine Praxis (…) ist die Praxis der Nicht Praxis, das Erlangen des Nichterlangens.“ (1)

The Buddha said: „My doctrine is to think the thought that is unthinkable, to practise the deed that is not-doing, to speak the speech that is inexpressible, and to be trained in the discipline that is beyond discipline. Those who understand this are near, those who are confused are far. The Way is beyond words and expressions, is bound by nothing earthly. Lose sight of it to an inch, or miss it for a moment, and we are away from it forevermore.“

(1) Hanh, Thich Nhat. Einfach gehen (S.78). O.W. Barth eBook. Kindle-Version.


Sommerregen

Immer wieder anders klingen die Tropfen, die vom Himmel in den Sommerabend stürzen. Wer konzentriert lauscht, vernimmt ein wahres Konzert mannigfaltiger Geräusche. Mal treffen sie ploppend einen Stein, raschelnd ein Blatt, platternd sattgrünen Rasen, fast unhörbar auf Sand, glucksend auf eine Pfütze oder ein dahinfließendes Gewässer. Ein rhythmisches Konzert aus plappernden Tönen, eine Sprache der Frische, der Kraft des Wassers; der Natur, die uns alle nährt. Welch ein Genuß.Wenn dann am morgen die Sonne die Feuchtigkeit aufsaugt, der Wind sie verteilt, setzt sich der nährende Kreislauf fort. Ohne Anfang, ohne Ende. Immerwährend aus der Sicht unseres beschränkten Horizonts.