Die Sonne strahlt warm. Die alten Bäume entlang des Kanals werfen sanfte Schatten auf das altehrwürdige Backsteingebäude. Pause. Der Blick schweift gelassen.
Da sitzen sie. Zwei Fliegen, eine hässlicher als die Andere. Genügsam tunken sie ihre gierigen Rüssel in ein schwarzes, angetrocknetes kleines Würstchen, dass von einem dreckigweißen, verkrusteten See umgeben ist. In aller Ruhe laben sie sich in der Morgenstimmung am trockenen, verwesenden Vogelkot.
Die Welt dreht sich langsam und gemächlich weiter. Ich betrachte das satte Grün. Nicht allzu bald werden sich die Blätter verfärben, von den Bäumen zu Boden schweben. Wie der Kot, an dem sich die Fliegen laben, werden sie von Mikroben aufgesogen werden. Diese nähren. Irgendwann werden auch die Bäume sich morsch und alt auflösen. Aufgelöst werden. Wie alles Lebende werden sie zu Humus aus dem wiederum die neuen Triebe sprießen. Satter Boden, voller Mikroben, die zum Futter für Insekten, diese wiederum Nahrung für Vögel werden. Vögel, welche die Samen in ihrem Kot verteilen. Kot, der wiederum zugleich Futter ist um die Fliegen – Vogelfutter – zu nähren. Ein komplexes, wunderbares ewiges Werden und Vergehen; in unendlicher Verbundenheit.
Mein beobachtender Körper ist ebenso ein Teil dieses Kreislaufs. Bis ich nicht mehr bin. Dann ist er Fliegenfutter. Die Fliege ist nicht hässlich. Sie ist einfach nur da, sie lebt. Im Moment.
Schlagwort: Ruhe
Angst-System
Ich schaue in den trüben Januarhimmel. Der kurze Satz: „das System ist krank“ schwingt durch meine Synapsen. Ein Satz, oft gehört, oft gesagt. Manchmal als Schlusspunkt, wenn der dümpelnde oder hitzige Wortwechsel ratlos im Argumentationsbrei versinkt. Ja, das Wort System steht für all die Probleme, die uns der glibberige Nachrichtenstrom in seinen bunttrüben Farben vor die Sinne knallt. Lassen wir doch dieses Wort, selbst wenn es durch Begriffe wie „neoliberal“, „kapitalistisch“, „naturzerstörerisch“, „narzisstisch“ – oft zu Recht – geschärft wird. Der Blick auf das „Ganze“ erschließt sich, so vergessen wir oft, im Detail. Dem Detail, das meist der Startpunkt jeder Diskussion ist. Lassen wir den Begriff System beiseite und schauen auf das Wort „krank“.
Eines dieser „Details“ – oder besser gesagt ein Phänomen – rempelt mich in letzter Zeit regelmäßig an. Die zunehmende Wahrnehmung, dass immer mehr Studierende und Menschen in meinem beruflichen und bedauerlicherweise auch im privaten Umfeld mit nicht unerheblichen psychischen Belastungen zu kämpfen haben. Oft in Verbund mit einer zunehmenden Schwierigkeit „professionelle Beratung“ zu bekommen. Die genannte Ursache ist zumeist der „Stress“ in Studium oder Beruf. Studierende, Krankenschwestern, Erzieherinnen, Pflegende, Projektleiter…
Dann sind da auch noch die Befragungen und Hilfsangebote, die das Problem laut von den Wänden oder Tischen schreien. Doch, was nutzen Umfragen und Hilfsangebote, wenn es keine Therapieplätze gibt, um die Betroffenen wieder studier- bzw. arbeitsfähig zu machen? All diese Klitterei ist sinnlos, solange sich die grundlegende Struktur von Verunsicherung und Verlorenheit weiter durch diese Gesellschaft frisst. Was nutzt Pausenyoga, wenn die Pause kaum reicht, den Übungsraum zu erreichen, der Kopf voll von nicht ausgefüllten Formularen ist? Die Angst, es nicht zu hinzubekommen die Seele zerfrisst? Der Druck jeden Schritt zur Qual macht? Die Frage „wie weiter“ im luftleeren Raum des immer mehr sinnlos schaffen und raffen zu müssen verhallt.
Die „Therapie- und Gesprächsangebote“ zeigen auf, dass es erstens schwerwiegende Probleme gibt. Prekariat, Leistungsdruck, Bürokratisierung die verwirrt und an den Nerven nagt, Unsicherheit um die eigene Zukunft und Vereinsamung. Zweitens zeigt sich das Fehlen an wirklichen Angeboten und Möglichkeiten zu sich selber zu kommen. Wo sind die Menschen, die „Stop“ rufen, den Weg zur großen Gesundheit weisen, damit sich die Gepeinigten selbst zu überwinden helfen. Ohne Markt, Wettbewerb, Einpreisung, Bewertung… Ein wenig Atem holen in der gerasterten Pause vertreibt die trübdunklen Wolken nicht. Um zu aufrecht zu stehen benötigen wir Übung und Praxis. Wie das Kleinkind, das nach jedem Taumel und Fall wieder aufsteht und weiter übt. Den nächsten Schritt wagt. Es hat Zeit, kann sich die Zeit nehmen. Kein Plan, keine Prüfung, kein Chef und kein Formular rufen und vernebeln den Kopf.
An sich gibt es nur eine Lösung – Wu Wei – „Nicht handeln“ im Sinne von aussteigen. Das System hinter sich lassen und nach gesunden Beziehungen schauen, in denen jemensch sich aufgehoben fühlt. Eine warme Höhle der Ruhe. Ruhe bedeutet Zeit haben. Was für viele vor dem Dauerburnout oder im depressiven Loch steckende extrem schwierig ist. Das System versucht jeden, der diesen Schritt versucht am langen Arm verhungern zu lassen. Ein bisschen Pausenberatung oder -bewegung muss reichen.
Eine wirkliche Befreiung durchzuführen bedarf hingegen, wie bei jeder Praxis, Geduld, Ausdauer, Konzentration und Willenskraft. Da helfen all diese Befragungen und Angebote, die nur den Marktwert wiederherzustellen sollen, nichts. Die Kraft muss von innen kommen.
Getrieben
Ich war lange genug ein getriebener. Die fordernden Gedanken folgten den Forderungen des Alltags. Doch wohin treibt es uns. Letztendlich in den Tod. Zwischen dem Jetzt und dem alles verändernden Moment , ebendiesem nicht benennbaren Moment des „Da“, gibt es nur eins. Die Meisten würden sagen „Zeit“. Zeit die verrinnt. Doch was ist das, verinnende Zeit? Blicken wir auf eine Sanduhr. Feiner Sand rieselt durch den engen Hals. Korn um Korn, bis sich im oberen Glas gähnende Leere zeigt. Wir stehen immer an der unendlich engen, fast nicht vorhandenen Stelle der Ruhe vor dem Fall. Dort scheint der Sand zu verharren, um dann unerbittlich in den unteren Teil zu stürzen. Er erscheint fest. Diesen kleinen Punkt, diesen Moment versuchen wir festzuhalten, zum Beispiel mit Fotos. Warum?
Doch meist rieseln wir einfach um uns zu verlieren. Wie die feinen Körner. Alles Schwachsinn. Wir sollten das Rieseln, die Bewegung, das Leben anschauen, genießen, in ihm sein. In der Dauer, im Jetzt. Jeder Moment ist wie der Folgende oder der Vergangene. Sei er noch so klein. Einfach wunderbar.
Endlich wären wir das vorher und nachher los, dass uns Sorgen bereitet, Leid bereitet, ablenkt, antreibt.
Bewegen
Ich gehe. Nur so. Meine Sohlen spüren den warmen Boden – oder kühlere Stellen; kleinen Steinchen, das weiche Gras, den nachgiebigen Sand. Ich bin nur da. Jetzt ist immer. Tausendfach beschrieben. Selten bewusst wahrgenommen. Die meiste Zeit rennen wir, die Umgebung löst sich in rauschende Streifen auf. Wie bei einer Langzeitbelichtung, nichts ist da, alles im Rauschen verschwommen.
Zivilisation. Die Füße sind abgeschirmt. Da ist der Beton, darunter Kabel, Schotter. Irgendwann kommt das, so vermute ich, was mal die Erde war. Versiegelt, zernagt, durchwühlt, verdreckt, befleckt… Auf den kalten, glatten und quadratisch angeordneten Betonplatten die Plastiksohlen. Den Sohlen folgt das Fußbett, die Einlagen, die Socken. Fast eingemauert der Fuß in seinem genormten Industriebett.
Bewegungslos rast das Bewusstsein durch den Raum. Drüber, drunter, hindurch, omnipräsent. Bewegung, die nur so tut,, als ob sie Bewegung ist. Virilio schrieb mal vom rasenden Stillstand. Dem rasenden Stillstand der Technologie. Kalte Oberflächen, rasante Bildwechsel, Töne, Texte. Der Körper spielt keine Rolle, der Geist isoliert im apathischen Taumel. Rausch, Datenrausch, Kaufrausch.
Ich lese den Artikel über den Jakobsweg. Von den Beschwerden der Bewohner einst beschaulicher Dörfer, in denen die Pilger nach vollendeter Tagesstrecke Party machen. Laut und verloren. Sie werden sich nie finden, auch wenn sie meinen einem Weg zu folgen. Erstarrt im Rausch.
Es beschleicht mich das Gefühl, dass das Einfache nur noch einfach, sprich banal geworden ist. Durchschnittlich. Das elende „man“ von Heidegger („man macht das so oder so…“) Eindimensional ist die Sklavenmoral der letzten Menschen (Nietzsche). Wer durchschnittlich durch diese Plastikwelt rauscht, kann nicht da sein. Kommt nie bei sich selbst an. Kreuzfahrten, Shoppingtrip, Karierre, Menschen konsumieren, Befreiungstrip, Yogaworkshop, Pilgerpfad, Geplapper und Geschwätz, gestopftes Wissen. Wo ist das Studium? Das Verweilen in der Bewegung? Das Sein? Nichts scheint mehr es selbst zu sein. Wer erkennt sie noch? Die Einfachheit, das reduzierte sinnliche Sein des da. So einfach und doch so schwer zu ergründen.
Herbstgefühle
Ich erahne das Gefühl der Liebe in mir. Spüre ihm nach. Dem warmen Strahlen, das vom Bauch aus durch den Körper oszilliert, die Muskeln entspannt, den Körper tanzen lässt, ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Die fröhliche Zufriedenheit, wenn die Augen sich verklärt mit der Welt verbinden, jeder Atemzug ein wohliges Gefühl hinterlässt. Locker, leicht, lässig, von einer sanften Spannung umhüllt. Ich greife es, umhülle mich mit ihm, genieße es. Ohne Objekt.
Politik, die Welt, die Zukunft versucht hingegen immer ein schleimiges Gespinst über die Gedanken zu legen. Glitschig, transparent, fast unsichtbar, jedem Zugriff ausweichend, unheimlich, kalt und heiß zugleich. In ihm blitzen Splitter auf, der Nachhall von Informationen, die durch die Welt rasen, verdampfen, kurz ihre Hitze entfalten. Dann verflüchtigen sie sich. Zum Glück.
Die Stimmung mit liebender Wärme zu durchtränken, sich heimelig und wohl in sich und mit anderen fühlen: Das einzige Rezept gegen die kalte Welt da draußen. Wie eine Wärmflasche, ein gutes Buch, ein kuscheliges, geteiltes Bett im frostigen Winter. Was ficht mich dann der kalte Wind an? Wie vermögen es dann die dürren, kahlen Äste, die wie gierige finger in den goldenen Himmel greifen, krallen, mich zu erreichen. Sollen die verwirrten einsam leblosen Reichtum sammeln, an ihrem Machtstreben, ihrer Wichtigtuerei ersticken. Was kümmert es mich?
Dann das sitzen auf einem Kissen; zentriert, entspannt bei sich seiend, präsent. An nichts mehr gebunden sein. Ohne etwas oder jemanden zu verlassen. Der Moment, in dem der Winter schön wird, bleibt das kalte, dumm-wahnsinnige Geblubber der Politik draußen. Ausatmen.
Dauer
„Es war die Analyse des Zeitbegriffs, so wie er sich in der Mechanik und Physik findet, die all meine Ideen umgestürzt hat. Mir wurde zu meiner großen Überraschung deutlich, daß die wissenschaftliche Zeit nicht dauert (que le temps scientifique ne dure pas), daß sich nichts an unserer wissenschaftlichen Erkenntnis ändern würde, wenn sich die gesamte Wirklichkeit plötzlich in nur einem Augenblick entfalten würde und daß die positive Wissenschaft wesentlich darin besteht, daß sie die Dauer ausschließt. Dies war der Ausgangspunkt einer Reihe von Überlegungen, die mich Schritt für Schritt dazu führten, beinahe alles zurückzuweisen, was ich bisher angenommen hatte, und meinen Standpunkt gänzlich zu ändern.“ (Henri Bergson, zit. im Vorwort zu „Materie und Gedächtnis“ von Erik Oger XV)(1)
Da ist sie wieder. Die Dauer. Nach Jahren der Griff ins Regal, zu Bergsons Materie und Gedächtnis. Gedanken verbinden seine Begriffe der Durée und der Intuition mit dem der Präsenz. Dem „Da Sein“ in all seiner Ruhe und Gelassenheit. Als notwendiger nicht aufständiger Aufstand gegen die Zeit und deren Diebe. Ja, die grauen Herren aus Momo sind auch wieder mit dabei, mit ihren dicken Zigarren. Zunehmend schaffe ich es ihnen aus dem Weg zu gehen, einen Schritt beiseite von der tumben Herde, die sich ihre Lebensenergie aussaugen lässt. Ich umschleiche sie, stehle mich davon. Langsam, in der Dauer, die es benötigt. Meine Intuition geleitet mich. In die Präsenz. Einer Präsenz, die genauso schnell verschwindet, wie sie gekommen ist. Oft nur der beharrende Moment zwischen zwei Atemzügen.
Dauer beinhaltet, so lehrt es Bergson, Bleibendes. Wenn etwas bleibt, verändert es. Die Zustände sind anders als zuvor. Das Wasser kommt und geht, nagt am Felsen, feinste Veränderungen, für das Auge nicht sichtbar. In seiner eigensten Dauer wird der Felsen zu Sand, löst sich auf. Die Zeit, die Termine sind einfach nur da um zu verschwinden; wie das eckige Springen der Sekundenzeiger. Tick – vorbei – tack – vorbei – tick – vorbei – tack -… Banalität
Hingegen der Atem, das „Ein“ und „Aus“ schenkt Dauer und zugleich Präsenz, verbindet Körper und Geist, bring Klarheit. Eine Klarheit, die Zeitdiebe mit ihren sinnlosen Sitzungen und Terminen nicht kennen. Wir könnten sie jetzt sofort abschaffen. Es würde unserer Arbeit, dem Studium, dem Leben nicht schaden. Sie sollen uns nur die Räume und Mittel geben, um diese warm zu halten. Ohne Verwaltung wäre es besser zu bewältigen, die Zeit in Dauer zu verwandeln. Den Raum, das dazwischen mit Sinnvollem zu füllen – studierend zu handeln.
Bergson, H. (1991) Materie und Gedächtnis. Meiner Verlag, Hamburg
Ver-fall
Warme Herbstsonne kitzelt das Gesicht. Ruhe, wonnige Ruhe. Ein leichtes, schabendes Rascheln von oben, dann ein sanftes Auftreffen unten, auf dem Boden. Abermals. Mal lauter, mal leiser, dann kaum vernehmbar ein weiteres. In die Lücken zwischen der Leere meiner Gedanken mogeln sich Gefühle, Worte, Sätze die sich wie Haikus anfühlen. Ja!, das ist die Zen-Stimmung, aus der diese komprimierten Empfindungszeilen gewachsen sind. Schwere, wohlige Ruhe im Fall, Verfall. Ein weiteres Blatt, schwach vernehmbar trifft es auf den Boden. Ich sehe es nicht, denn ich bin bei mir. Mein Ohr ahnt die Berührung in Bewegung hin zur Stille. Pause. Alles geht vorüber. Der nächste Atemzug.
Fest
Nach dem Kloster hört die asphaltierte Straße auf. Der vierradgetriebene Geländewagen, der sonst Weinkisten, Oliven und Material auf und von den Feldern transportiert, steuert souverän über die enge, sandige, steinige Piste. In dieser und jener Serpentine hat so mancher Sturzregen seine Spuren hinterlassen. Durch Kurven, mit kurzem Gruß und ein paar Worten zum gelassenen Schäfer an der improvisierten Hütte vorbei, geht es hinunter in das tiefe Tal. Hier und dort klettern Ziegen in den steilen Hängen oder chillen im Schatten. Am Gebäude mit Unterstand, das aus rohen Steinen zusammengefügt wurde, werden die Stühle, Getränke, das Gemüse für den Salat und vom Dorfschlachter erstandenes, lokales Fleisch ausgeladen. Dann wird der Grill aus umliegenden Steinen improvisiert. Feiern mit einheimischen und deutschen Freunden, auf kretische Art. die Kinder tollen herum, hüpfen in der kaum bevölkerten Bucht ins Wasser, klettern auf Felsen oder inspizieren die schattige Höhle weiter oben an der Steilwand.

Katzen oder sanft bimmelnde Ziegen schauen vorbei und machen sich über die Gemüsereste her. Ich sitze auf einem Fels. Wellen lassen die Steine am Ufer immer wieder leise klackern. Gen Horizont am Felsen brechen sich ihre großen Brüder des offenen Meeres. Nach dem morgendlichen kurzen Regenguss mit Regenbogen brennt die Sonne erneut auf die trockene Landschaft. Ich genieße das Tief, die entspannte Gemeinschaft, den „greek talk“ und das auf den Punkt gebrachte Dasein.
Angler
Ruhig stehen sie da, blicken fernverloren an der Schnur entlang, die im leicht welligen Meer verschwindet. Ruhig, gelassen, wartend. Eine Übung in Geduld. Seit gestern haben zwei Angler in der frühen Dämmerung den Kraftplatz besetzt. Ihr Werkzeug, eine einfache Fadenrolle mit Schnur und Haken. In ihrer Nachbarschaft fällt mir sofort ein neuer Ort ins Auge; wir stören uns nicht, beobachten uns höchstens in stiller Neugierde.
Angeln scheint mir auch eine Form der Meditation zu sein. In sich ruhend, beobachtend, konzentriert-verträumt, ausdauernd. Vielleicht kurz durch den Moment unterbrochen, wenn die Schnur zittert, ein Fisch anbeißt; ein Moment, den ich nicht erlebt habe. Ich glaube nicht, dass es ums Fischen geht. Es geht ums Tun. Ums da sein. Darum am Meer zu sein, im leichten Wind stehen, den Sonnenaufgang spüren. Angler und der ursprünglich die Scholle bearbeitende Landwirt sind geerdet. Im Kontakt mit dem Boden, von dem ich in der Stadt in vielen Schichten getrennt bin. Schuhwerk mit Sohlen, Gehwegplatten, Asphalt, Sandbett und Fundament, Rohre und was noch alles mich von der Erde, von „Welt“ trennt.
Vielleicht treffe ich sie morgen wieder. Dann erden wir uns erneut gemeinsam, gehen barfuß den feuchten Sand spürend, nicht-handelnd in der Welt auf. Kommen zu uns, verbinden uns mit allem. Werden zu Sandkörnern, die sich wie Felsen fühlen.
Nichts
Ich sitze hier und tue nichts. Nur mein Körper schaut in die Weite, schweift gedankenverloren über das Meer, verliert sich in der Dünung, spürt den Wind, ahnt die vergängliche Solidität der Berge. Die Zikaden schreien sich in Wellen die Seele aus dem Leib. Ihnen ist egal, auf welchem Busch sie hocken. Hauptsache einfach mal rufen und hören, wer noch so da ist. Die Sonne brennt angenehm. Nur in solchen Momenten können Gedanken entstehen, die sich tief, schwer, zugleich hingegen ach so leicht anfühlen. Sie kommen und gehen. Wischen durch die Welt. Einfach so. Präsente Gedanken. Kein schweres hängen am Gestern und Morgen. Keine Ziele, Aufgaben und Termine.
Wozu braucht man sie? Das tätige Denken der heutigen Zeit ist verschwunden. Taugt es etwas, wenn es keine Kriege verhindert, diese wunderbare Welt in den Abgrund zieht? Das Leben nicht leben lassen? Dieses Denken hat Dinge wie Sesshaftigkeit, Arbeit, Lohn, Excel und Besitz erfunden. Dieses Denken behauptet ein Oben und ein Unten. Hierarchien und systemische Abhängigkeiten. Am besten durch Zahlen, die in kleinen eckigen Kästchen eingesperrt sind. Nur die Summe Zählt. Es lebe die Technologie. Alles wird nach Formeln formuliert. Einfach gesprochen: nachgeplappert. Nichts Neues, kein Werden. Starre. Früher Tod in jedem Moment.
Eine Böe und diese Gedanken des kalten Nordens sind vertrieben. Nun tanzen sie wieder, ganz für sich alleine. Im eigensten Rhythmus.