Götzen-Dämmerung

Tanzen, spielen, lernen. Diese Dinge leben durch Wiederholung, Rhythmus, dem ewig werdenden „Vor“ und „Zurück“. Es ist ein Naturprinzip, wie die Wellen, die an den Strand tanzen. Sie sind weg und wieder da. Kommen und gehen. Wie das „Hin“ und „Her“ im Spiel. Einfach so. Genauso der Mensch, der sich im Tun verliert; versunken aufgeht. Fließend im Rhythmus von Herz und Atem. Die banalsten Dinge zu lernen – wie zu spielen oder zu tanzen – selbst wenn diese spontan daherkommen, bedarf der Übung. Stehen ist für das Kleinkind schwierig. Immer wider fällt es und steht wieder auf. Übung bedeutet Wiederholung. Hinzu kommen Konzentration und Willenskraft. Ohne Durchhaltevermögen kommen Menschen nicht voran.
Ich spüre, dass dieses Üben, welches den Weg zur Meisterschaft ebnet, nicht mehr ausreichend trainiert wird. Nicht im Kindergarten, nicht in der Schule und schon gar nicht in den Universitäten. Das wahre Lernen und Studieren verbirgt sich hinter genormten Zielen, Tabellen, Noten. Wie soll sich in einem solchen Rahmen etwas entwickeln. Wo ist hier Raum für sinnierende Neugierde und langfristiges Betrachten? Wo soll im rasenden Vollgeballere mit „Stoff“ Durchhaltevermögen gebildet werden? Wo ist der Prozess, der entgegen dem Rhythmus von Semester zu Semester, von Klausur zu Klausur ruhiges Verweilen zulässt? Das entspannte Fehlermachen, das sich korrigieren? Das Finden und Erfahren von kleinen Zielen? Der Raum Freude am erreichten Fortschritt zu genießen? Etwas zu erreichen oder aus dem Fehler gelernt zu haben? Es noch einmal, ohne Druck zu probieren? Immer wieder? Die Freude über die Korrektur durch die Mitlernenden oder die Lehrenden (die auch mitlernen sollten).
Das nicht nur ich so denke, dass dieses Problem schon sehr lange existiert, entdeckte ich freudig beim Lesen. Durch entspannte Lektüre unter mediterranem Himmel wurde ich durch Robert Pfaller in die Götzendämmerung geworfen.
Warum habe ich dieses Spätwerk des zunehmend giftiger werdenden Nietzsches nie gelesen? Nicht so explosiv wie Ecce Homo, aber klar, hart, voller Wahrheiten. Auch, wenn einige seiner Ergüsse im 19. Jahrhundert stecken geblieben sind, dort bleiben sollten. Ich zitiere den Denk-Meister, der an seiner Gesundheit und vielem Anderen gescheitert ist: „Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff mehr davon. Selbst auf den Universitäten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten der Philosophie beginnt Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk, auszusterben. Man lese deutsche Bücher: nicht mehr die entfernteste Erinnerung daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans, eines Willens zur Meisterschaft bedarf, – dass Denken gelernt sein will, wie Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen…“
Ich beobachte die Felsen am Meer. Das „Hin“ und „Her“ der Wellen zermahlt den Stein; mit immenser Geduld. Kleine Steine wirken reibend Löcher. Einfach so. Wieder und wieder. Als wenn sie üben. Voller Konzentration, Willenskraft und stürmischer Ruhe.

Pfaller, Robert (2013) wofür es sich zu leben lohnt. Fischer, Frankfurt am Main
Nietzsche, Friedrich. Götzen-Dämmerung (1889) (S.41-42).

Verweht und fest

Jeder Tag ist anders, neu, erfrischend. Die Angler haben Pause. Nichts tun? Anders tun? Doch zu früher Stunde schattige, morgendliche Strand, die Sonne erwartend, ist überraschenderweise nicht verwaist. Eine Gruppe griechischer Mädchen sitzt entspannt und fröhlich im Kreis. Ich bemerke zuerst den kleinen „großen“ Hund, der mich mit interessiertem Blick mustert. Dann fallen mir die Welpen auf, die in ihrer behüteten Mitte erste zögerliche Schritte in der Weite der Natur wagen.
Am Kraftplatz, eng an den Felsen gekauert ein Bündel, ein kleines Knäuel aus Schlafsäcken. Ich nähere mich. Zwei Schlafsäcke, Rucksäcke, eng verschlungen. Während der Gymnastik schält sich eine Frau oder ein Mädchen langsam erwachend, in die über den Horizont steigende, kühlwarme Sonne, blinzelnd aus ihrer Umhüllung. Als ich mich setze träumt sie müde in die Weite des Meeres , die gesetzten Berge hinaus. Jugendliche Nomaden, die kein steinernes Dach über dem Kopf benötigen. Ich nehme behütete Freiheit und zugleich Verbundenheit mit der Natur war. Wie bei der Hundegruppe.
Ich versinke in klarer Präsenz zwischen Himmel, Bergen, Meer. Fest mit der vergänglichen Erde verankert. Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.

Angler

Ruhig stehen sie da, blicken fernverloren an der Schnur entlang, die im leicht welligen Meer verschwindet. Ruhig, gelassen, wartend. Eine Übung in Geduld. Seit gestern haben zwei Angler in der frühen Dämmerung den Kraftplatz besetzt. Ihr Werkzeug, eine einfache Fadenrolle mit Schnur und Haken. In ihrer Nachbarschaft fällt mir sofort ein neuer Ort ins Auge; wir stören uns nicht, beobachten uns höchstens in stiller Neugierde.
Angeln scheint mir auch eine Form der Meditation zu sein. In sich ruhend, beobachtend, konzentriert-verträumt, ausdauernd. Vielleicht kurz durch den Moment unterbrochen, wenn die Schnur zittert, ein Fisch anbeißt; ein Moment, den ich nicht erlebt habe. Ich glaube nicht, dass es ums Fischen geht. Es geht ums Tun. Ums da sein. Darum am Meer zu sein, im leichten Wind stehen, den Sonnenaufgang spüren. Angler und der ursprünglich die Scholle bearbeitende Landwirt sind geerdet. Im Kontakt mit dem Boden, von dem ich in der Stadt in vielen Schichten getrennt bin. Schuhwerk mit Sohlen, Gehwegplatten, Asphalt, Sandbett und Fundament, Rohre und was noch alles mich von der Erde, von „Welt“ trennt.
Vielleicht treffe ich sie morgen wieder. Dann erden wir uns erneut gemeinsam, gehen barfuß den feuchten Sand spürend, nicht-handelnd in der Welt auf. Kommen zu uns, verbinden uns mit allem. Werden zu Sandkörnern, die sich wie Felsen fühlen.

Am Beach

Ein neuer, alter Kraftplatz am langen Strand. Der weiche Boden aus zermahlenem Fels, Muscheln und Ähnlichem lädt zur Bewegung ein. Ich spüre die Energie des letzten Jahres. Felsen rufen zum Sitzen auf. Die Ruhe in der frühen Sonne schwingt in der noch frischen Luft. Das Meer fordert zum Schwimmen auf. Badewannenfrische.
Neu ist die Erfahrung mit der Strandbar, die vormals nur als Fahrradparkplatz genutzt wurde. Den Blick in die Weite schweifen lassen. Die Elemente jenseits des Bistrotisches. Fels, der sich zu Bergen türmt, um dann von Wind und Wasser zernagt zu werden. Wieder das Vergänglichkeitsthema. Der strahlende Himmel, die wärmende, brennende Sonne. Wohltuend und dörrend.
Menschen beobachten, die ihre kurze, freie Auszeit genießen. In Reihen braten sie, kühlen sich zwischendrin ab. Viele wollen sich zeigen; prominieren, posen, machen. Wie schön, dass es sie gibt. Manche, wie der Junge mit dem frechen Bun über stoppeligem Haarschnitt erfreuen, locken ein inneres Lächeln hervor. Andere geben Anlass über sie zu Lästern. Gesprächsstoff, Abgrenzung, die sie wahrscheinlich auch betreiben. Ein wenig fehlt mir die leere Ecke, die ich am Tag besetzen kann. Wo kann ich am Tag – einfach – sitzen. Ohne Blicke, ohne Blick.

Vergehen

Da klebt sie, an der Decke des Schlafzimmers. Wie kurz vorm Absprung. Seit weit über einem Jahr. Eingefroren in der Zeit, mumifiziert, die Momente überdauernd und doch dem Verfall preisgegeben. Immer wieder fällt mein Blick auf die Hülle des Heimchens, dass sich dort irgendwann niedergelassen hat; als lebendes Wesen einfach aufhörte zu existieren. Vergänglichkeit, anicca, das erste bhuddistische Daseinsmerkmal. Ihr Schutzpanzer blieb. Zugleich ist sie immer noch da, mit mir verbunden; anatta, das dritte Daseinsmerkmal. Dazwischen dukkha, Leiden.
Die Klänge der Akkorde des Lebens. An- und abschwellen, im immer eigensten Rhythmus. Da fällt mir die alte Metapher vom Meer ein. Wenn wir die Wellen sehen, sind sie da und im selben Moment schon vergangen. Die Menschen sehen nur die Wellen. Als Emotionen, Ereignisse, Stimmungen, Freude und Schmerz. Doch die Substanz, welche die Wellen ermöglicht, das Wasser des Meeres, ändert sich in seinem Vergehen nicht. Es ist immer da, in seinem dauernden Werden.
Ich denke an die Grenze des Meeres, an dem es die Luft trifft. Den Leerraum mit der spritzigen Gischt, den wirbelnden Bläschen und Spritzern. Der Nicht-Ort, an dem es verdunstet, während sich die Feuchtigkeit der Luft im Meer niederschlägt. Auch hier vergehen im Statischen.
Ohne Vergänglichkeit, die wir so negativ betrachten, gibt es nichts Neues, kein Werden, keinen Aufbruch.
Es ist so einfach und doch so schwer zu sehen. So schwer einfach zu leben. Im Atem, in der Musik kann ich es jederzeit spüren. Wenn ich schaue. Ein zufriedenes Lächeln macht sich in meinem Gesicht breit.

Wut und Utopie

In einem Gespräch habe ich viel Wut gespürt. In den Worten, Gesten und Blicken versuchte sie zu mir herüberzukriechen. Sie war nicht laut, aber vorhanden. Es ging um Politik.
Ich bemerkte, dass ich den meisten Ärger empfinde, wenn sich ebendiese Wut ihren Weg durch die Eingeweide zum Hirn bahnt. Laute Wut um einen herum ist zumeist recht einfach zu vermeiden. Weg gehen, ausschalten, ignorieren oder ruhig atmen. Wenn mir diese, zumeist politische, militante Wut, die oft ruhig daherkommt begegnet, hilft neutrales Betrachten. Bevor die dunklen, aufsteigenden Wolken drohen zu Hass zu werden. Es ist nicht schwer ruhige Position dagegen beziehen, gestützt – vom Atem. Begreifen, dass diese Wut aus Leid entsteht, schlechten Erfahrungen und anderen Ungleichgewichten in den Menschen. Reden hilft auch. Ruhig bleiben, zuhören, die Wut aufnehmen, einmal kreisen lassen, spalten. So besteht zumindest die momentane Möglichkeit, sie im Jetzt verpuffen zu lassen. Eine schwere Übung, eine gute Übung. Fällt mit zunehmender Praxis immer leichter.
Auch die Wut in mir ist an sich recht einfach zu besiegen. Speziell, wenn der Körper nervt. Ich muss sie nur erkennen. Am besten in ihren Ursprüngen. Diese Wut ist wie ein Schnupfen. Desto leichter und unscheinbarer sie sich einschleicht, desto besser zu kurieren. Vielleicht spontan in einem kontrollierten Schrei. Konzentrierter Atem, der die Spannung bricht, dem Entspannung folgt. Totale Entspannung ist jedoch Illusion. Es geht darum, in einen guten Rhythmus einzutreten, im Jetzt zufrieden zu sein.
Kern ist, die Herkunft jeglichen Unwohlseins zu ergründen. Dies bedarf viel Übung, Konzentration und Willenskraft. Auch Musik machen, Schreiben, Sport etc. sind Möglichkeiten Emotionen, speziell die Negativen zu untersuchen; sie abzuladen, durch sie hindurch zu gehen. Wie schön ist es im Jetzt zu sein, einfach zu gehen, zu schauen, da zu sein. Utopia Now. Ohne Wut, Hass, Neid, Begehren und all dem Plumquatsch dunkler Wolken im Geist. Wenn ich dies schaffe, lebe ich in einer realen Utopie. Wo auch immer ich bin.
Mit Wut und Hass – gerade der Wütenden und Militanten – wird jede Utopie dunkel und trübe. Das zeigt leider die Geschichte – gerade der emanzipatorischen Bewegungen.

Einfach gehen

Sich treiben lassen. Nach innen schauen. Nach außen schauen. Sich verbinden. Auf den Atem achten. Auf das Rauschen des Lebens achten. Die Stadt ist voll. Voll von Dingen, voll von Menschen. Der Bräutigam, der seine Braut im Cargo Bike-Vorlader zur Trauung fährt. Gefolgt von der Hochzeitsgesellschaft. Alle auf Fahrrädern, in Anzug und schönen Kleidern. Der Obdachlose, der neben dem Portugiesen, bei dem ich meinen Galao schlürfe, auf der Palette hockt; döst. Auch seine zerknautschte Alditüte wird von der Sonne beschienen. Wovon träumt er? Vom Gestern, von besseren Zeiten, von der Zukunft? Hat er noch Träume? Hat er noch Wünsche? Wunschlos weitertreiben. Die Briten und ihr Pie-Stand. Einfach nur nett und witzig. So viel Freude. Mitten in der Betonwüste. Mitten im Leid. Mitten in der hektischen Betriebsamkeit. Mitten im Moloch.
Ich denke an Thich Nhat Hanhs „Einfach gehen“. Ein paar Schritte einatmen – ich bin ruhig. Ein paar Schritte ausatmen, ein halbes Lächeln zaubert sich in mein Gesicht. Es ist egal, wo ich bin, solange ich bin.

In die Leere wachsen

(18) Der Buddha sprach: „Meine Lehre besteht darin, den Gedanken zu denken, der undenkbar ist, die Tat zu tun, die nicht getan werden kann, die Sprache zu sprechen, die nicht ausgedrückt werden kann und mich in der Disziplin zu üben, die jenseits der Disziplin ist. Wer dies versteht, ist nah, wer davon verwirrt wird, ist fern. Der Weg ist jenseits von Worten und Ausdrücken und wird von nichts Irdischem gebunden. Verlieren wir ihn nur ein paar Zentimeter aus dem Blick, verfehlen wir ihn nur für einen Augenblick, dann sind wir für alle Ewigkeit davon entfernt.“ (Aus der 42-Kapitel-Sutra ( https://en.wikipedia.org/wiki/Sutra_of_Forty-two_Chapters)


Im Spaziergang sein. Weit weg von jeder Tätigkeit. Im Frühling, der brachial über die zerregneten Wochen hineinbrach. Sie auflöste. Frisches Grün erweckt totes Gehölz. Eine Frau am offenen Fenster. Sie streckt sie sich den strömenden Sonnenstrahlen entgegen. Eine Tasse in der Hand. Sie ist. Alles klingt nach „Sein“. Ist es auch – und dennoch nicht. Wie die Pause zwischen dem Ein- und Ausatmen. Wenn wir versuchen sie festzuhalten, ersticken wir. Ohne dieses Leere, diesem dazwischen, gäbe es kein weiter, keine Möglichkeiten, kein Werden.
In der Leere zu sein ist die wahre Lehre. Nur in ein leeres Gefäß kann die Präsenz einfließen. Es darf weder von Vergangenem, Anhaftendem noch von Träumen in Richtung Zukunft verstopft sein. In der Leere gibt es weder Glück noch Leid. In einer Leere sein, deren Sinn nicht ausgesprochen werden kann. Darum ist sie so schön – unbeschreiblich.

Blinder Aktivismus

„Jeder Schritt ist eine Revolte gegen die Geschäftigkeit. Mit jedem achtsamen Schritt sagen wir: »Ich will nicht mehr rennen. Ich will damit aufhören. Ich möchte mein Leben leben. Ich will die Wunder des Lebens nicht verpassen.« Wenn Sie wirklich ankommen, dann ist Frieden in Ihnen, dann haben sie aufgehört zu kämpfen. Jeder Fußabdruck ist voller Frieden, sein Kennzeichen ist »hier und jetzt«. Genießen Sie es, anzukommen und sich zu Hause zu fühlen, drei, vier, fünf oder zehn Minuten lang oder so lange sie wollen. Mit einer Stunde Praxis hat die Revolution bereits begonnen.“ (Thich Nhat Hanh (2016) Einfach Gehen. O.W. Barth, München S. 69)

Nur wenn ich mich selber stabilisiere, in mir klar bin, in mich hinein atme und -spüre, kann ich für andere da sein. Solange die Beziehung zu mir selber wankt, weil ich mich nicht sehe, den Atem nicht bemerken, den Ratschlägen meines Herzens nicht folge, bin ich einsam, verloren. Auch wenn ich von Menschen umgeben sein sollte, viele Kanäle voller Kommunikation in mich hinein und aus mir heraus zu strömen scheinen. Heiße Luft.
Solange Menschen nicht bei sich sind, nicht mit sich Verbunden, wie sollen sie gesunde Beziehungen aufbauen? Sie sollten es lassen die Welt ändern zu wollen. Erst wenn wir bewusst die Erde beschreiten, erkennen, dass wir ein Teil von ihr sind, können wir loslassen. Wenn wir losgelassen haben, eröffnen sich neue Horizonte. Solange wir an etwas fest halten, bauen wir Mauern. Verteidigen sinnlose Dinge, klammern uns an Identitäten.
Plötzlich wird aus Unklarheit und Unsicherheit, aus Verletzungen und Diskriminierung ein wütender Kampf. Zum Beispiel gegen Rassismus oder die Unterdrückung dieser oder jener Gruppe. Ein an sich lobenswerter, wichtiger und richtiger Kampf. Doch solange der Kampf mit sich selber nicht gewagt wurde, wird jede gutgemeinte Tat schnell zu ihrem Gegenteil. Antirassistische Doktrinen werden rassistisch, die Unterdrückten werden zu Unterdrückern. Der Wunsch nach Gleichheit, Freiheit und schönen Beziehungen erstarrt zur Ideologie. Einem Aktivismus, der genauso gefährlich, wenn nicht zerstörerischer ist, als Passivität.
Darum lieber nichts tun. Ein einfaches Atmen kann viel mehr bewirken als manche, noch so gut gemeinte emanzipatorische Proklamation, die herausgeschrien wird. Es wurde nicht bemerkt, dass wütendes Gepöbel nichts mit Atem, mit Leben, Klarheit, Vertrauen, Demut, Achtsamkeit zu tun hat. Schon garnicht mit Freiheit.

Frühlingswut

Wut. Die Äste unter dem seit heute wieder grauen Himmel sind auf einer Seite mit Moos bedeckt. Ein wunderbarer Anblick im Vorfrühling. Wut. Ach, was waren das für schöne Tage in der Sonne, die hoffentlich bald wieder kommt. Gedanken, die zu Wut führen wollen. Langsam gehen. Konzentration auf den Atem. Mitgefühl.

Eine erste Narzisse blüht einsam in den noch dunstigen Himmel. All die armen Menschen. Der graue Himmel wird verschwinden, der Sonne erneut weichen. Wie der dunkle Nebel, der versucht ins Herz zu dringen. Leiden gehört zu den Menschen, wie der Mensch in die Welt gehört. Es nutzt nichts, wütend zu sein, noch weniger wütend zu werden. In solchen Zeiten ist es wichtig, das Glück in dem wir leben zu nähren. Durch Liebe zu den Menschen, zur Welt. Die Krokusse sind heute ein wenig bedeckter als gestern. Haben sich im leichten Sprühregen zusammengezogen. Zusammengekauert, wie die armen Menschen in den U-Bahn Schächten der bedrohten Städte. Einzelne Tropfen erreichen mein Gesicht. Welch ein Glück, keine Bomben. Bitte nicht noch mehr Waffen. Jede Waffe tötet. Nicht noch mehr Wut und ihr Kind, der Hass. Einatmen, ausatmen. Ein wenig Frieden sein, in dieser wirren Welt, die, wenn man klar in die Weite schaut, so frei und offen ist, wie sie nur sein kann.