Schon wieder Glück – εὐδαιμονία

Die Sonne strahlt über dem Raureif. Der hellblaue Himmel ruft strahlend den Frühling. Die weißlich, kristallin überzogenen Pflanzen zeugen von der nach wie vor vorherrschenden kalten Frische des Winters. In der Wärme, mit Blick in die Natur, lese ich einen wundervoll wärmenden Artikel. Er erzählt vom Glück und Beziehungen.
Eine über Jahrzehnte laufend Studie mit tausenden von Menschen, die teilnahmen, bestätigt etwas so banales, dass ich freudig aufschreien möchte. Am glücklichsten werden die Menschen, die möglichst warme Beziehungen pflegen. Die kalten Dinge, die wir horten, die Waren und Besitztümer, Geldberge und stinkenden Autos spielen nur eine untergeordnete Rolle. All dieser „wertvolle“ Popanz mag sich glitzernd über ein Leben legen, hier und dort Bequemlichkeit und Wärme versprechen. Doch er ist belanglos, solange wir nicht frieren, der Bauch zur Genüge gefüllt ist und ein warmer Blick das Herz sanft umspielt.
Dinge, die über diese Grundbedürfnisse hinausgehen, von den geldgierigen, kalten Mündern der Werbung in Superlativen groß geredet werden, können keine warmen Beziehungen ersetzen. Schon garnicht die Beziehung zu uns selber, die zu üben ist. Wer kann anderen Gutes spenden oder mit ihnen Glück erleben, wenn die Person nicht in sich ruht. Mit sich zu“frieden“ oder besser im Frieden ist? Die Beziehung zu mir, ist die erste Beziehung.
Glück – ein eudaimonisches Axiom schon seit Aristoteles – bezieht sich nicht nur auf uns selbst, wie so oft gedacht wird. Es hat immer etwas mit gemeinsamer Aktivität und Handeln zu tun. Rechtes und gutes Handeln, nach bestem Wissen und Gewissen. Voller vertrauen. Oder schlicht gesagt: Wer für sich selber Wärme empfindet, kann diese geben. Wer Wärme empfängt, dem wird warm ums Herz. Wie simpel klingen die drei Wote: Füreinander da sein. Warm handeln, liebe- und vertrauensvoll handeln. In ihrer Umarmung streichelt mich die wonnigen Strahlen der Sonne. Jeder Raureif im Herzen schmilzt. Der strahlende Kreis der Frühlingssonne vertreibt die Kälte. Wie schön. Da. Dasein.
Mit Freude lese ich, dass der Leiter der Studie Zen Meister ist. Kein Wunder, dass seine Augen angefüllt von Liebe sind. Was für ein Glück für ihn und uns.

Angst-System

Ich schaue in den trüben Januarhimmel. Der kurze Satz: „das System ist krank“ schwingt durch meine Synapsen. Ein Satz, oft gehört, oft gesagt. Manchmal als Schlusspunkt, wenn der dümpelnde oder hitzige Wortwechsel ratlos im Argumentationsbrei versinkt. Ja, das Wort System steht für all die Probleme, die uns der glibberige Nachrichtenstrom in seinen bunttrüben Farben vor die Sinne knallt. Lassen wir doch dieses Wort, selbst wenn es durch Begriffe wie „neoliberal“, „kapitalistisch“, „naturzerstörerisch“, „narzisstisch“ – oft zu Recht – geschärft wird. Der Blick auf das „Ganze“ erschließt sich, so vergessen wir oft, im Detail. Dem Detail, das meist der Startpunkt jeder Diskussion ist. Lassen wir den Begriff System beiseite und schauen auf das Wort „krank“.
Eines dieser „Details“ – oder besser gesagt ein Phänomen – rempelt mich in letzter Zeit regelmäßig an. Die zunehmende Wahrnehmung, dass immer mehr Studierende und Menschen in meinem beruflichen und bedauerlicherweise auch im privaten Umfeld mit nicht unerheblichen psychischen Belastungen zu kämpfen haben. Oft in Verbund mit einer zunehmenden Schwierigkeit „professionelle Beratung“ zu bekommen. Die genannte Ursache ist zumeist der „Stress“ in Studium oder Beruf. Studierende, Krankenschwestern, Erzieherinnen, Pflegende, Projektleiter…
Dann sind da auch noch die Befragungen und Hilfsangebote, die das Problem laut von den Wänden oder Tischen schreien. Doch, was nutzen Umfragen und Hilfsangebote, wenn es keine Therapieplätze gibt, um die Betroffenen wieder studier- bzw. arbeitsfähig zu machen? All diese Klitterei ist sinnlos, solange sich die grundlegende Struktur von Verunsicherung und Verlorenheit weiter durch diese Gesellschaft frisst. Was nutzt Pausenyoga, wenn die Pause kaum reicht, den Übungsraum zu erreichen, der Kopf voll von nicht ausgefüllten Formularen ist? Die Angst, es nicht zu hinzubekommen die Seele zerfrisst? Der Druck jeden Schritt zur Qual macht? Die Frage „wie weiter“ im luftleeren Raum des immer mehr sinnlos schaffen und raffen zu müssen verhallt.
Die „Therapie- und Gesprächsangebote“ zeigen auf, dass es erstens schwerwiegende Probleme gibt. Prekariat, Leistungsdruck, Bürokratisierung die verwirrt und an den Nerven nagt, Unsicherheit um die eigene Zukunft und Vereinsamung. Zweitens zeigt sich das Fehlen an wirklichen Angeboten und Möglichkeiten zu sich selber zu kommen. Wo sind die Menschen, die „Stop“ rufen, den Weg zur großen Gesundheit weisen, damit sich die Gepeinigten selbst zu überwinden helfen. Ohne Markt, Wettbewerb, Einpreisung, Bewertung… Ein wenig Atem holen in der gerasterten Pause vertreibt die trübdunklen Wolken nicht. Um zu aufrecht zu stehen benötigen wir Übung und Praxis. Wie das Kleinkind, das nach jedem Taumel und Fall wieder aufsteht und weiter übt. Den nächsten Schritt wagt. Es hat Zeit, kann sich die Zeit nehmen. Kein Plan, keine Prüfung, kein Chef und kein Formular rufen und vernebeln den Kopf.
An sich gibt es nur eine Lösung – Wu Wei – „Nicht handeln“ im Sinne von aussteigen. Das System hinter sich lassen und nach gesunden Beziehungen schauen, in denen jemensch sich aufgehoben fühlt. Eine warme Höhle der Ruhe. Ruhe bedeutet Zeit haben. Was für viele vor dem Dauerburnout oder im depressiven Loch steckende extrem schwierig ist. Das System versucht jeden, der diesen Schritt versucht am langen Arm verhungern zu lassen. Ein bisschen Pausenberatung oder -bewegung muss reichen.
Eine wirkliche Befreiung durchzuführen bedarf hingegen, wie bei jeder Praxis, Geduld, Ausdauer, Konzentration und Willenskraft. Da helfen all diese Befragungen und Angebote, die nur den Marktwert wiederherzustellen sollen, nichts. Die Kraft muss von innen kommen.

Aggression und Leiden

Dunkle Gefühlswolken strömten mir vor ein paar Tagen auf der Arbeit entgegen. Wie ein kalter Herbstwind, hinter dem ein Sturmtief lauert und die Haut zittern lässt. In den Augen meines Gegenübers blitzt es. Der Blick verkniffen, trübe, verregnet. Ich atme ein, atme aus; versuche die Welle dunkelnebelig-aggressiver Energie an mir abprallen zu lassen. Welch ein Damm ist da gebrochen, wurde vom Rinnsal zur Welle?
Ja, dort sitzt er wie ein nassgeregneter Hund. Er schüttelt, windet sich, um die an ihm haftende klebriger Feuchte in die Welt zu spritzen. Ein Hund, der sich nicht traut laut zu bellen, dennoch nicht loslassen kann. Mich erreicht ein schon fast ängstliches knurren. Ich versuche, klar zu bleiben, zu beschwichtigen. Meine Worte versagen. Wiederholte Sätze vermögen es nicht den düster giftigen Odem aufzulösen. Das knurrende Gewinsel schiebt sich immer wieder, kreisförmig drehend in den engen Raum zwischen uns. Verpesteter Atem. Sätze, die sachlich klingen und dennoch nichts anderes sprechen als Frustration, Angst. Sie gerinnen immer wieder zu verstohlener Wut. Persönliche Angriffe, die nichts mit der Sache zu tun haben. In mir entsteht neben Betroffenheit das Gefühl der „Peinlichkeit“.
Was knurrt er mich an? Es sind nicht meine Frustrationen, meine Aggressionen. Was mir bleibt, ist eine Mauer zu errichten, zu versuchen, das Tosen zu ignorieren. Die Wellen, die bei mir ankommen im Zaum zu halten, meinen Geist liebevoll zu umfassen. Ich versuche die schwarze Energie, die an mir vorbeiströmt, ins Leere fließen zu lassen. Es gelingt zum Teil, nicht gänzlich. Es kostet Willenskraft und Anstrengung, den dunklen Wolken zu begegnen.
Es rettet der Atem, mein Atem. Sanft umwiegt er mit jedem Schritt den Geist. Auf dem Heimweg von der Arbeit brauche ich ein wenig, um wieder ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern. Ein Lächeln, das Mitgefühl für diesen Menschen zu empfinden versucht. Diesem Menschen, der es nicht schafft, in sich selber Ruhe und Frieden zu finden. Wie so viele.
Was eine Menge Wut ist da in der Welt. Hervorgerufen durch Neid, Selbstsucht, Kontrollzwang, dem besitzen wolle von Dingen. All dem, das nicht glücklich macht. Nicht sich selber, nicht die Menschen um sich herum. Ach, denke ich, soll er alles haben, was er begehrt. Mich interessiert nichts davon (was als Besitz von „Nicht wollen“ ausgelegt wird). Woher kommt sein Gefühl der Ungerechtigkeit? Was zeigt sich in dem Moment, in dem die oft kindlich, verspielt-freundliche Fassade dieses Menschen bröckelt? Er ist ein stechender Schmerz, verdrängter, schwerer Verletzungen, die an die Oberfläche treiben.
All das Geknurre und aggressive Gesabber hat nichts mit mir zu tun. Ich suche das Auge des Hurrikans. Das einzige Rezept welches hier hilft, ist loslassen, verlassen. Ich freue mich darauf, diesen Menschen nicht mehr sehen zu müssen. Möge er sich finden und in sich glücklich werden. Ich atme ein. Beim Ausatmen zaubere ich ein Lächeln in mein Gesicht.

Herbstgefühle

Ich erahne das Gefühl der Liebe in mir. Spüre ihm nach. Dem warmen Strahlen, das vom Bauch aus durch den Körper oszilliert, die Muskeln entspannt, den Körper tanzen lässt, ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Die fröhliche Zufriedenheit, wenn die Augen sich verklärt mit der Welt verbinden, jeder Atemzug ein wohliges Gefühl hinterlässt. Locker, leicht, lässig, von einer sanften Spannung umhüllt. Ich greife es, umhülle mich mit ihm, genieße es. Ohne Objekt.
Politik, die Welt, die Zukunft versucht hingegen immer ein schleimiges Gespinst über die Gedanken zu legen. Glitschig, transparent, fast unsichtbar, jedem Zugriff ausweichend, unheimlich, kalt und heiß zugleich. In ihm blitzen Splitter auf, der Nachhall von Informationen, die durch die Welt rasen, verdampfen, kurz ihre Hitze entfalten. Dann verflüchtigen sie sich. Zum Glück.
Die Stimmung mit liebender Wärme zu durchtränken, sich heimelig und wohl in sich und mit anderen fühlen: Das einzige Rezept gegen die kalte Welt da draußen. Wie eine Wärmflasche, ein gutes Buch, ein kuscheliges, geteiltes Bett im frostigen Winter. Was ficht mich dann der kalte Wind an? Wie vermögen es dann die dürren, kahlen Äste, die wie gierige finger in den goldenen Himmel greifen, krallen, mich zu erreichen. Sollen die verwirrten einsam leblosen Reichtum sammeln, an ihrem Machtstreben, ihrer Wichtigtuerei ersticken. Was kümmert es mich?
Dann das sitzen auf einem Kissen; zentriert, entspannt bei sich seiend, präsent. An nichts mehr gebunden sein. Ohne etwas oder jemanden zu verlassen. Der Moment, in dem der Winter schön wird, bleibt das kalte, dumm-wahnsinnige Geblubber der Politik draußen. Ausatmen.

Ver-fall

Warme Herbstsonne kitzelt das Gesicht. Ruhe, wonnige Ruhe. Ein leichtes, schabendes Rascheln von oben, dann ein sanftes Auftreffen unten, auf dem Boden. Abermals. Mal lauter, mal leiser, dann kaum vernehmbar ein weiteres. In die Lücken zwischen der Leere meiner Gedanken mogeln sich Gefühle, Worte, Sätze die sich wie Haikus anfühlen. Ja!, das ist die Zen-Stimmung, aus der diese komprimierten Empfindungszeilen gewachsen sind. Schwere, wohlige Ruhe im Fall, Verfall. Ein weiteres Blatt, schwach vernehmbar trifft es auf den Boden. Ich sehe es nicht, denn ich bin bei mir. Mein Ohr ahnt die Berührung in Bewegung hin zur Stille. Pause. Alles geht vorüber. Der nächste Atemzug.

Einstieg in den Ausstieg

Meine Zeit ist der Zucker des Lebens. Jede Sekunde, jede Millisekunde ist ein unermesslicher, einmaliger, wohlschmeckender Schatz. Doch dann schleichen sie sich an. Kaum in Sichtweite schreien sie, fordern – die Termine. Wie Ameisen. In großer Zahl stürzen sie sich auf freie, unbesetzte Momente, schnappen, greifen zu, zernagen und verzehren die Zeit. Willkommen im Alltag, willkommen in der Arbeitswelt. In der genormten und künstlich gerasterten Welt. In der vollen, eckigen, zugemauerten, betonierten, lauten Plastikwelt.
Kaum angekommen regen sich in mir Fluchtreflexe. Trotz so manchem schmackhaften Zusammentreffen mit fantastischen Menschen zu hirnbewegenden Themen. Unter Anderem in einem Zelt, einer Jurte, eingekesselt von den systematisch entlebten Mauern. Schöne Momente drohen unter der digitalen Flut belanglosen Geplappers unterzugehen. Qualitative Momente werden von den Ergüssen der Tabellen und Listen erstickt, die bedient werden wollen. Das Berechnende hat sich in alle Ecken der Welt verteilt, greift die Köpfe an. Ohne Gnade wird Zeit geraubt. Erneut denke ich an die grauen Männer aus Momo, mit ihren Zigarren. In meinem Bauch regt sich Ekel, Abscheu, Abwehr. Tief atmen und die Beklemmung löst sich in einer schwarzen Wolke auf. Ich bin professionell, lebendig genug, den Getriebenen freundlich und offen zu begegnen. In dem Wissen, dass der Ausstieg absehbar ist. Dann können mich all die Ameisen mal. Sollen sie in ihrer gekästelten Welt weiterhin fleißig in den Kalendern und Tabellen den Zucker jagen.
Ich schaue auf den Regen, der langsam, kaum sichtbar die sehnsüchtige Erde benetzt. Zeit für einen gemächlich bedenklichen Spaziergang zu früher Stunde. Ich werde versuchen auf jeden Schritt zu achten, den Blick klar, aufmerksam in die Welt schweifend. Die Unregelmäßigkeit der Natur genießen, die Welt genießen, den neuen Tag, der mir geschenkt wurde genießen.

Strandgut

Tang, Muscheln, Bambus, manchmal ein toter Fisch, Gehäuse, Holz… Das Meer spült es an. Die kleinen Fliegen am Morgen, in der Dämmerung umschwirren meinen aufrechten Körper, wohl in der Annahme, er sei ebenfalls angetrieben worden. Immer wieder kitzeln sie auf der Haut. Sie irritieren den Fleischberg nahe der Brandung, zwischen den wassergeschliffenen Felsen. Je besser ich in die Leere komme, desto mehr werden sie ein Teil von mir und ich von ihnen. Wie jeden Tag rauschen die Wellen, geben ihren rhythmisch-chaotischen Takt. Mit und gegen den Atem. Spülen Dinge hierhin und dorthin, zermahlen, nehmen mit, verteilen, zersetzen…
Am Abend werde ich zu – fühle mich wie Strandgut. Gestrandet am Airport. Gelassen nehme ich nach einem kurzen Schreckmoment die Durchsage auf, dass der Flug ausfällt. Ein Zeichen? Soll ich auf der Insel bleiben, der Arbeit, dem Alltag entfliehen. Dumme Frage, es nutzt nichts, vor der Wirklichkeit wegzulaufen. Zudem ziehen mich die lieben Menschen an, die ich länger nicht sehen und spüren konnte. Die Ereignisse spülen unsere aufgeregte Gruppe zuerst vor das Terminal, dann in Busse und zuallerletzt in eine von diesen Hotelanlagen, die ich nie freiwillig betreten würde. Ich freue mich, lasse mich treiben. Ein Lächeln umspielt meinen Mund. Es gibt Neues zu entdecken, Unbekanntes: Das wirkliche Leben, welches sich für mich bislang hinter den immer gleichen, gephotoshoppten Bildern von Reiseprospekten verbarg. Mondänes Licht; ein schicker Name; 4 güldene Sterne, eine breite Auffahrt, der beleuchtete Pool, der Rasen gepflegt, die Liegen in Reih und Glied. Nur der Portier in schnieker, dezenter Uniform fehlt.

Alles so eckig hier… ein Vorgeschmack auf die Heimat


Einchecken, dann hungrig zum Essen. Urlauber*Innen, die um das Buffet schleichend dreinblicken, als wenn sie sich in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit drängeln. Liegt es an den Wolken, dem für die Insel ungewöhnlich frischem Wind, dass kaum Freude zu spüren ist? Morgens am Pool das einsame Paar, im Schatten des Schirms und der Wolken, in Badehose und Bikini. Beide den Blick auf ihre Smartphones gerichtet. Ich staune. Im Hintergrund ist die aufgewühlte Brandung des Meeres zu hören. Ich sinniere über den Konflikt „eckig“ vs. „rund“ bzw. „amorph“ nach. Der eckige Pool, der eckige Rasen, das eckige Hotel, die eckige Liege, die Anordnung der Dinge – eckig. Nur der Schirm ist rund. Dagegen im Hintergrund, vierhundert Meter weiter, der amorphe Strand, die wilden Wellen, die zackigen Berge, der freie Himmel an dem die Wolken spielen, der südländisch unebene Bürgersteig mit seinen Lücken und Unregelmässigkeiten…
Die Stimmung unter den Gestrandeten ist gut, freundlich gelöst. Begegnungen ereignen sich. Für mich sogar eine, die sich in der Heimat fortsetzen könnte (warum kommt man ausgerechnet mit Menschen ins Gespräch, mit denen man einiges gemeinsam hat?). Es werden Beziehungen geknüpft, man treibt fragend voran, tauscht sich aus. Rutger Bregman Betrachtungen aus dem herrlichen Buch „Im Grunde Gut“ werden bestätigt. In Krisen (Eine Nacht in der Hotelburg ist an sich keine) zeigt sich das Gute im Menschen. Hilfsbereitschaft, Offenheit, sogar Gelassenheit.
Dann nach weiteren letzten, kurzen Besuchen am mit Liegen vollgepflasterten Strand treibt es mich zurück in den Bus und dann an die heimatlichen Gestade… mal schauen, was so kommt.

Ende und Anfang

Die Wellen rauschen rhythmisch. Mal im Gleichmaß, selten ein dumpfer, knallender Bass, wenn sie in Felslöchern brechen. Dann die sanften Phasen, das gurgelnde Plätschern des Rückflusses; es klingt wie ein Bach. Unvermittelt trägt der leichte, warme Wind menschliches Geplapper an mein Ohr. Zwischen den Klängen des Meeres und der Luft kaum wahrnehmbar, aber dennoch vorhanden. Wie ein dunkles Zeichen frisst sich die Banalität sinnloser Wortfetzen in die da-seiende, geräuschvolle Kulisse des Meeressaumes, die dem Ohr schmeichelt, die Beruhigung meines ewig schnatternden Geistes fördert.
Wie von Bürokraten in Papier und Tabellen gebrannte Regeln und Gesetzte wird Unnötiges vor sich hingesagt, nur um etwas zu sagen. Es fühlt sich an, als falle der Alltag wie eine Horde gefräßig quiekender Ratten über die bewegte Stille her. Ich nutze den Atem, dem Hin und Her der Wellen folgend. Dann bin ich wieder „da“. Letzte Fragen verdampfen in die Leere. Was interessieren sie mich? Was haben sie mit mir, was mit der Erde, was mit der Welt zu tun? Sie verklingen, ob sie da sind oder nicht.
Ein Jahr Wu Wei, ein Jahr anders tun, ein Jahr nachdenken, ein Jahr in die Präsenz kommen. Ein Jahr ohne Excel-Tabellen, Bürokratie, Labermeetings und Sachzwänge. Mit nur wenig sinnlosem Geplapper. Was eine wunderbare Zeit der Erdung, voller Nähe zur Natur, voller Ruhe und zu-sich-kommen. Nicht denken, einfach denken, konzentriert denken. Nicht nachdenken, jetztdenken. Beziehungen pflegen, Verbundenheit zu lieben Menschen spüren. Welch ein Privileg, dies genießen zu dürfen, ohne wirklichen Verzicht, der dennoch geübt wurde. So voll, so vieles, so viel Leere, für die sonst zu wenig Raum ist.
Jetzt wird dieser Weg für zwei Jahre unterbrochen oder zumindest abgeschwächt. Ich nehme mir vor, ihn dennoch mit Haltung zu beschreiten. 道, – Do. Dazu gehört es, für die Menschen da zu sein, ihnen in ihrer jugendlichen Suche als verlässlicher Partner zur Seite zu stehen. Ich werde versuchen, ein aufmerksam präsenter hin-weisender zu sein, der den eigenen Weg zu finden hilft. Auch meinen – von ihnen lernen. Mehr will ich nicht. Mehr werde ich nicht tun. Wozu auch? Für die Politiker und Bürokraten, die Geldmacher und Spekulanten? Sie verdienen nichts, selbst wenn sie mit Bergen materieller Zeugs gestopft sind. Alles Illusion. Keine Werte. Banal wie das Geplapper am Strand, das nicht „da“ zu sein vermochte. Nur die Leere, das „Nicht“ bleibt. Wir sollten beides üben.
Nicht-Ziel ist es, so wenig wie möglich Teil der Raster und Berechnungen, unter denen Menschen und Natur leiden, zu sein!
Das große „Nein“, das zugleich ein großes „Ja!“ ist: Nein zu den leeren Worten und gedroschenen Phrasen neoliberaler Gesinnung. Das narzisstische Geplapper, welches letztlich nur der ökonomischen Verwertbarkeit dient; die Welt in den Abgrund reißt, Kriege führt…
Das große Ja dazu, wirklichem Sein und Denken Raum zu geben. Zeit leben. Zufrieden zu sein.
Wenn ich über die auf mich zukommenden Hohlheiten nachsinne, wird mir ganz schwummerig. Ich möchte die Insel am liebsten nie mehr verlassen. Trotz des Wissens, dass dieses würgende Netz, welches sich um Welt und Gedanken gelegt zu haben scheint, auch hier seine feinen, scharfen Fäden spinnt.
Nicht die Stellung ist wichtig, es ist die Haltung, die ich ein Jahr üben, entdecken und vertiefen durfte. Ich werde fortfahren und allen, die es hören wollen, gerne mitteilen, was dies für mich bedeutet.

Fest

Nach dem Kloster hört die asphaltierte Straße auf. Der vierradgetriebene Geländewagen, der sonst Weinkisten, Oliven und Material auf und von den Feldern transportiert, steuert souverän über die enge, sandige, steinige Piste. In dieser und jener Serpentine hat so mancher Sturzregen seine Spuren hinterlassen. Durch Kurven, mit kurzem Gruß und ein paar Worten zum gelassenen Schäfer an der improvisierten Hütte vorbei, geht es hinunter in das tiefe Tal. Hier und dort klettern Ziegen in den steilen Hängen oder chillen im Schatten. Am Gebäude mit Unterstand, das aus rohen Steinen zusammengefügt wurde, werden die Stühle, Getränke, das Gemüse für den Salat und vom Dorfschlachter erstandenes, lokales Fleisch ausgeladen. Dann wird der Grill aus umliegenden Steinen improvisiert. Feiern mit einheimischen und deutschen Freunden, auf kretische Art. die Kinder tollen herum, hüpfen in der kaum bevölkerten Bucht ins Wasser, klettern auf Felsen oder inspizieren die schattige Höhle weiter oben an der Steilwand.


Katzen oder sanft bimmelnde Ziegen schauen vorbei und machen sich über die Gemüsereste her. Ich sitze auf einem Fels. Wellen lassen die Steine am Ufer immer wieder leise klackern. Gen Horizont am Felsen brechen sich ihre großen Brüder des offenen Meeres. Nach dem morgendlichen kurzen Regenguss mit Regenbogen brennt die Sonne erneut auf die trockene Landschaft. Ich genieße das Tief, die entspannte Gemeinschaft, den „greek talk“ und das auf den Punkt gebrachte Dasein.

Weinlese

Trinken, trinken, trinken. Der Körper stößt jeden Milliliter Wasser bei 36 Grad und körperlicher Arbeit sofort aus. Die Frische des frühen Morgen ist gewichen. Jetzt, nach vier Stunden, brennt die Sonne. Die nächste Traube glitzert dunkelrot durch das Grün, verwickelt im Stock. Ihr kleiner Ansatz verborgen im Gewirr der Blätter und Reben. Klack, sie fällt in die freie Hand, wird sanft zu den schon geernteten in die Kiste geworfen. Daneben die Nächste. Ein paar Meter weiter – klack, klack, klack. Eine Reihe nach der Anderen lassen wir hinter uns. Wir, die Hilfsarbeiter und Freunde des Besitzers. Hier und dort ein Gespräch, gut gelaunte Tätigkeit. Trotz der Anstrengung. Zwischendrin, im Schatten, Pause nehmen. Trinken, trinken, trinken.
Die un- oder falsch trainierten Muskeln im Rücken rumoren. Sie Halten durch, versehen ihren Dienst. Ich fühle mich geerdet. Spüre Demut, den Respekt vor den Menschen, die Tag aus und Tag ein die Flur bestellen, säen, Brunnen bohren, Bewässerungen legen, pflegen, ernten…. Ein rauer Alltag, so widerborstig wie das hakige Gras, dass sich im schwarzen Stoff meiner Schuhe festbeißt. Hier ist nichts glatt wie die spiegelnde, knisternde Plastikverpackung im Supermarkt. Keine Ware. Ein Produkt, das Mühe und Arbeit in sich trägt.
Eine große Anstrengung, die wie jeder Kraftakt dem man sich stellt, mit einer tiefen Freude und Erfahrung belohnt. Dabei tritt das Tun, das fließt, bis es erledigt ist, in den Hintergrund. Es geht um das Miteinander, die Beziehungen zwischen den Menschen zur Natur, zu sich selbst.
Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, als wir am Nachmittag völlig erschöpft „chillen“.