Immer wieder anders klingen die Tropfen, die vom Himmel in den Sommerabend stürzen. Wer konzentriert lauscht, vernimmt ein wahres Konzert mannigfaltiger Geräusche. Mal treffen sie ploppend einen Stein, raschelnd ein Blatt, platternd sattgrünen Rasen, fast unhörbar auf Sand, glucksend auf eine Pfütze oder ein dahinfließendes Gewässer. Ein rhythmisches Konzert aus plappernden Tönen, eine Sprache der Frische, der Kraft des Wassers; der Natur, die uns alle nährt. Welch ein Genuß.Wenn dann am morgen die Sonne die Feuchtigkeit aufsaugt, der Wind sie verteilt, setzt sich der nährende Kreislauf fort. Ohne Anfang, ohne Ende. Immerwährend aus der Sicht unseres beschränkten Horizonts.
Kategorie: Ereignisse
Freundschaft – immer wieder
„Will man einen Freund haben, so muß man auch für ihn Krieg führen wollen: und um Krieg zu führen, muß man Feind sein können.
Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.“ (1)
Ich huschte über die flüchtigen Buchstaben auf dem matt glimmenden Bildschirm. Zuerst scannend, dem ansich belanglosen Medium entsprechend. Unvermittelt drängten sich die unscharfen Buchstaben, als sie sich zu Wörter und Sätzen formten, ihren Sinn extrahierten, klar in mein Bewusstsein. Der Text griff zu, er ergriff mich. Als würden die Lettern in Form eines stählernen Stempels auf meinen Kopf geknallt werden. Sich wörtlich einprägen. Mein Herz zog sich zusammen, vibrierenden Schauern durchwanderen es. Schwere, Traurigkeit breitete sich aus. Mitfühlend setzte sich mein Geist in Bewegung, Ein Bekannter postete in den belanglosen Weiten der sozialen Medien, auf Facebook, dass ihm die Freunde ausgegangen seien. Durch zu viele Umzüge, dem Fokus auf Job und Kinder. Ein Hilferuf in die Leere der Nicht-Community, in der alle mit allen und allem in Beliebigkeit verbunden, „befreundet“ scheinen. Offentsichtlich hatte er seinen Ort verloren, auch wenn er in der Familie eine gefunden hatte.
Tags darauf, in der warmen Sonne, zu gluckernden Beats tanzend, kam dieses schwere Thema rund um Freundschschaft abermals auf. Nicht wie der warme Nebel, der aus der umrankten DJ Box des Südpols wabert. Nein, wie kalter Herbstdunst, der sich als eisiges Gespinst schnürend, kalt, erstickend um die Eingeweide legt.
Hier ist ebenso Rede davon, dass uns immer weniger Freunde umgeben, viele in die wärmende Höhle der Familie verschwanden, vom Job absorbiert werden. Abermals spüre ich den Schmerz, vernehme den Trauer in der Stimme. Ich kann es nachvollziehen, auch ich trauere um jede versandete Freundschaft. Unsere Worte kreisen um das Thema wie die Beats, die in immer neuen Varianten wiederkehren.
Sicher, Familie war und ist für viele der Ankerpunkt des Lebens. Heute ist es nicht mehr die Großfamilie von der wir behütend und zugleich einengend umgeben sind. Sie war der Ort, an dem die Menschen immer jemanden hatten, der oder die für einen da war; Konflikte löst. Der Ort an dem man eine feste, wärmende Schulter vorfand, jemanden zum reden hatte. Trotz der Enge der Sippe waren dort immer Menschen die Freiräume schaffen. Wie die Großmutter oder -vater, die auf die Kinder aufpassen um Zeit für sich und Andere zu generieren. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Der große Unterschied zum Freundeskreis, ist jedoch: Die Sippe sucht man sich nicht aus. Freunde schon. Oder besser, sie suchen einen.
Heute müssen wir zumeist den Kreis der Menschen, die uns eng, nicht einengend umgeben und durchs Leben begleiten, eine wärmende Höhle generieren, finden, hegen und pflegen. Eine nicht selten anstrengende Aufgabe. Freunde wollen ausgebrütet werden wie ein frisch gelegtes Ei. Mit Geduld, Liebe und Aufopferung. Nur dann kann Leben im Nest entstehen, das nicht nur den einen Geruch hat, der jeder Sippe anhaftet. Nein, dort vermischen sich viele unterschiedlichsten Düfte mit mannigfaltigen Noten. Sie durchdringen und überlagern sich; wechselnd, je nach Saison und Stimmung. Riechen mal besser mal schlechter. Ich schnüffele in die Weite der allverbundenen Welt, vor mich hin sinnierend.
Wie schön von Euch, meine Freundinnen und Freunde, denke ich, das Ihr immer noch da seid; meine Weggefährten. Euch, mit denen ich gestritten und gelitten habe. Manche gingen verloren, neue kamen. Kaum einen von Euch kenne ich weniger als 10 Jahre, manche einige Jahrzehnte. Seit jungen, suchenden Tagen, folgten wir unseren Wegen, begleiteten uns – mal mehr mal weniger. Mal eng und hitzig debattierend, mal wärmend oder gar in Distanz. Die, die geblieben sind, füllen das Herz mit Liebe zur Welt, der großen Freundin. Sie sind – neben der Familie – der Sinn des Lebens.
Ich wünsche allen, die das Gefühl keine FreundInnnen zu haben bedrückt, dass sie zumindest sich selber FreundIn sind. Ein erster Schritt, auf dem Abenteuer neue Freund*Innen zu finden, aus Menschen, denen man begegnet, welche zu formen. Freundschaft braucht Zeit, Liebe und Geduld. Somit sage ich zu den Meinen.: „Ich finde es toll, Euch aushalten zu dürfen. Daher haltet mich bitte aus – und in Euren Armen, wenn ich Euer bedarf. Meine Arme sind offen.“
1) Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra, vom Freunde
Luftige Höhe
Schwankend sitzen sie sicher in den zarthängenden Ästen der Birke. Weit oben in luftigster Höhe. Dann der Absprung, ein Absacken, kurzes, kräftiges Flattern, um mehr Höhe zu gewinnen. Schon schweben sie grazil durch den sommerlichen Himmel, der nicht heller strahlen könnte. Was für ein tolles Gefühl muss das sein. Eben an einen Ast geklammert, ängstlich, unsicher . Jetzt frei und ungebunden schwebend, vom Wind getrieben. Ohne Grenzen über allem dahinzugleiten. Vielleicht mit einem leichten Ziehen im Bauch. Welch eine Metapher für Freiheit, für das Dasein. Eine Forderung den Moment zu genießen.
Ja, die jungen Ringeltauben üben diese Kunst, welche die Evolution ihnen gegeben hat. Unter den wachsamen Augen Ihren Eltern. Seit Jahrtausenden begleitet von den sehnsüchtigen Blicken neidender Menschen.
Von Menschen, die auf dem festen Beton-Boden unter ihren Füßen festgeklebt zu sein scheinen. Mit schweren Füßen rennen und wimmel sie durch Kaufhäuser, rasen in festgeschmiedeten Stahlsärgen durch die Lüfte, über Autobahnen, in die Büros, zum nächsten Event. Dennoch verharren sie, wie in Eisen gegossene Statuen; schwer und langsam sinnlos vor sich hin rostend. Gefangen in unsichtbaren Ketten aus Gold und Geld, die sie davon abhalten frei zu gleiten, zu driften, sich in die kühlen Höhen des Schicksals zu wagen. Festgeschraubt auf dem Sockel des Durchschnittlichen meiden sie gar die Gefahr der Reise zu sich selber. Abgelenkt durch Verlockungen, die sie immer träger und schwerer machen, kauern sie in ihrer Existenz. Wie ein ängstliches Küken, das sich im Gehölz versteckt. Bis der Ast auf dem es sitzt zerbricht.
Sehnsüchtig schließen sie die Augen vor Dingen, die sie schwindeln lassen würde. So sehen sie nicht das große Geschenk, geschweige denn die vielen Kleinen. Wo ist der zaghafte Schritt in den klaren, weiten Himmel? Wir alle könnten durchs Leben zur Sonne schweben; unseren kurzen Flug zum unvermeidlichen Ende antreten. Bewusst, klar, taumelnd, voller Freude und Zufriedenheit.
Am nächsten Tag ist keine der Tauben zu sehen. Aus gutem Grund. Ein Falke patrouilliert die Lüfte. Jede Freiheit birgt ihre eigensten Gefahren, die es zu erkennen und meistern gilt.
Alles vergänglich, alles verbunden
Die Sonne strahlt warm. Die alten Bäume entlang des Kanals werfen sanfte Schatten auf das altehrwürdige Backsteingebäude. Pause. Der Blick schweift gelassen.
Da sitzen sie. Zwei Fliegen, eine hässlicher als die Andere. Genügsam tunken sie ihre gierigen Rüssel in ein schwarzes, angetrocknetes kleines Würstchen, dass von einem dreckigweißen, verkrusteten See umgeben ist. In aller Ruhe laben sie sich in der Morgenstimmung am trockenen, verwesenden Vogelkot.
Die Welt dreht sich langsam und gemächlich weiter. Ich betrachte das satte Grün. Nicht allzu bald werden sich die Blätter verfärben, von den Bäumen zu Boden schweben. Wie der Kot, an dem sich die Fliegen laben, werden sie von Mikroben aufgesogen werden. Diese nähren. Irgendwann werden auch die Bäume sich morsch und alt auflösen. Aufgelöst werden. Wie alles Lebende werden sie zu Humus aus dem wiederum die neuen Triebe sprießen. Satter Boden, voller Mikroben, die zum Futter für Insekten, diese wiederum Nahrung für Vögel werden. Vögel, welche die Samen in ihrem Kot verteilen. Kot, der wiederum zugleich Futter ist um die Fliegen – Vogelfutter – zu nähren. Ein komplexes, wunderbares ewiges Werden und Vergehen; in unendlicher Verbundenheit.
Mein beobachtender Körper ist ebenso ein Teil dieses Kreislaufs. Bis ich nicht mehr bin. Dann ist er Fliegenfutter. Die Fliege ist nicht hässlich. Sie ist einfach nur da, sie lebt. Im Moment.
Sprachlos – Vom Ärger zur Ruhe
„Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. »Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.“ (Nietzsche, F. (1884) Also sprach Zarathustra, Vorrede Kap. 5)
Beim WWF Fußabdruck Rechner komme ich, weil ich z.B. kein Auto fahre, energetisch saniert wohne, Gemüse über die Biokiste bekomme, wenig in Klamotten und Möbel investiere, einen kurzen Arbeitsweg habe, max. einmal im Jahr in den Urlaub fliege, versuche Fleisch zu reduzieren, und wenn dann nur Bio, etc. auf einen recht passablen Wert. Unter dem deutschen Durchschnitt, jedoch über dem der Weltbevölkerung, was kein Wunder ist. Sicher, ich habe hier und dort meinen Luxus und konsumiere sinnlose Dinge. Dies und das könnte ich weiterhin verbessern. Nach dem Motto, „Jeder Mensch sollte versuchen die Welt ein wenig besser zu machen“. Dies gilt umso mehr in Anbetracht der nahenden Katastrophe, welche speziell die Generation unsere Kinder bedroht.
Als ich mein Ergebnis eines ähnlichen Rechners von Brot für die Welt betrachtete, fiel mir der folgende Satz ins Auge: „Zu Deinem persönlich beeinflussbaren Fußabdruck wird ein Sockelbetrag von 0,9 globalen Hektar (gha) addiert. Dieser kollektive Fußabdruck steht für die Infrastruktur in Deutschland (z.B. Straßen und Krankenhäuser).“ Gefühlt bedeutet dies, dass ich auf vieles keinen direkten Einfluss habe. So wenig wie auf das Wachsen eines Berges durch tektonische Plattenverschiebungen. Doch welche Möglichkeiten gibt es, ein wenig mit einem Löffel an diesem Gebirge des Wahnsinns zu kratzen? Dem Gebirge, dass den Abgrund formt, über dessen Klippen die nächste Generation zu stürzen droht? Für mich bedeutet es, die Klima-Aktivist:Innen ohne Wenn und Aber zu unterstützen. Die, die sich aktiv, mit allen ihnen gegebenen Mitteln der Klimakatastrophe entgegenstellen. Bis hin zum Einsatz ihres Körpers. Nur so lässt sich vielleicht gerade noch der Abgrund vermeiden, in den wir stürzen werden. Es geht für alle darum, aktiv zu werden. Ruhig und in dem Maß, das uns möglich ist. Gegen unseren inneren Schweinehund und der leider (aus meiner Sicht) trägen, Bildzeitungsverdummten, Auto- und Konsumversessenen Bevölkerung. Sowie deren Volksvertreter:Innen und Meinungsmaschine.
Diese Gedanken sind der Hintergrund, vor dem mir gestern ein kalter, versengender Blitz durch die Eingeweide zuckte. Brennende Wallungen wie ein überhitzter Saharawind, durchtosten und erregten meinen Leib. Wie die Schockwellen eines Steins, der voller Kraft in den still da liegenden Teich am Fuß des Abgrunds geschleudert wurde. Die emotionale Attacke riss meinen ganzen Körper mit. Zum Glück meldete sich sich dann mein Geist. Auch wenn er durch die, über den Bildschirm flimmernde, Nachricht entgeistert war. Einatmen, ausatmen. Den wilden Gefühlscocktail Wahrnehmen, erkennen, annehmen, umarmen. Die ersten drei Schritte, um mit aufkommendem Ärger umzugehen. Ich fasse es nicht. Kaum habe ich den hitzigen Angriff der Gefühle ein wenig umarmt, ein wenig beruhigt, rutsche ich unvermittelt in die vierte Phase. Tief schauen.
Klar, was da los ist, kann ich in den Worten lesen, die mich so getroffen haben: Die Staatsgewalt hat sich blind agierend über junge, verzweifelte Menschen hergemacht: Wie ein zerfleischendes Raubtier über ein graziles Opfer, das sich zu behaupten versucht. Ein Opfer, dass aus der Verzweiflung heraus einen umstrittenen Pfad gewählt hat. Den Pfad des Widerstandes. Ich denke, wenn sie so fühlen, aus gutem Grund. Friedvoll, kraftvoll, überlegt wurden Grenzen überschritten. Doch was sind das für lächerliche Regelbrüche angesichts der nahenden Katastrophe. Der Klimakatastrophe, vor der eine große Mehrheit der Wissenschaft warnt. Vor dieser Katastrophe gibt es keine Flucht.
Was ein Fehlgriff, was eine armselige Hilflosigkeit (oder gar Berechnung) einer von stinkenden Automotoren angetriebenen Politik. Bilder schießen durch meine Gedanken. Grüne haben schon immer die größten Dreckschleudern gefahren. Deren Abgase haben deren einst idealistisches, kämpferisches Hirn abgetötet. Heute sind sie Teil der Weltvernichtungsmaschine. Weitaus schlimmer fühle ich die Arroganz der Autoknutscher aus der SPD, deren nicht handelnder Oberguru die letzte Generation zuletzt als „völlig bekloppt“ diffamiert hat. Mir fällt die Liste seines Versagens ein. Elbphilharmonie, Olympia, G20, Warburg und jetzt in der Klimapolitik… Über die Wölfe im Schafspelz der FDP, denen unter dem Banner der Freiheit des Geldes, die Schönheit der Welt, das Leben nebensächlich und egal zu sein scheint. Über die Konservativen, die schon lange nur noch destruktiv daherkommen und nichts mehr bewahren, rede ich garnicht erst.
Was eine Dummheit, diese mutigen Kinder, die in ihrer Verzweiflung über die Stränge schlagen, als kriminelle – äh, war ein Fehler der Staatsanwaltschaft (wohl aus Berechnung?) Vereinigung zu diffamieren. Sie auf Geheiß der Auto- und anderer CO2 Lobbies, der (auf-)gehetzten SUV-Bürger in eine kriminelle Ecke drängen zu wollen. Es ist so, als ob man jungen Menschen, die das Leben vor sich haben und genießen sollten, erst den Boden unter den Füßen wegzieht und diese dann für den Sturz bestraft.
Es ist nicht die „letzte Generation“, die kein Rückgrat hat. Ich fürchte der Rechtsstaat, die „letzen Menschen“, die „Heerdenthiere“ (Nietzsche), personifiziert von den gekauften Volksvertreter:Innen, hat es schon lange verloren. Ein wahrscheinliche tödliches Konglomerat aus Politik und Industrie, welche dem dummen Volk die heilige Kuh in Form des Automobils seit Jahrzehnten als Heils- und Freiheitsbringer angepriesen hat. Diese kleinen Hochgeschwindigkeitsgefängnisse, die unsere Erde jede Sekunde milliardenfach überfahren und verpesten. All dies hab ich verstanden.
Ich werde und muss mich für diesen jungen Menschen, die sich überwunden haben aktiv zu werden, einsetzen, mit ihnen gegen die Mikropartikel-verstaubten dunklen Mächte auf die Straße gehen. Klar gehört dazu, zu versuchen weiterhin mein (Konsum-) Verhalten zu ändern. Ich muss noch mehr für die Zukunft meiner und unserer Kinder tun. Nach dem Motte, es bringt nichts, wenn wenige alles tun, sondern viel mehr, wenn viele ein wenig tun. In kleinen Schritten. Geradeaus. Mit Rückgrat und ohne Rücksicht auf die lobbyverpesteten Volksvertreter:Innen.
Ich gehe in die Badewanne. Luxus. Ich verschwende Energie. Der Sturm legt sich weiter, die sanften Wellen beruhigen sich. Nach dem Verstehen kommt die Ruhe. Dann muss die Aktion folgen. Ich gehöre zur (vor-)letzten Generation. Für die Kinder kämpfen.
Werden – Vergehen
„Die Meisterin des Lebens – nicht zu fassen und dennoch immer da!“ Schießt es durch meinen Kopf.
Kraftvoll sprießt das Grün, ein heller, weicher Flaum umhüllt eben noch karge Äste. Leuchtend blüht der Kirschbaum, den ich vor 17 Jahren gepflanzt habe. Die japanische Kirsche um die Ecke schüttelt die welken Reste der jetzt schon vergangenen Pracht ab. Sanft sinkt sie in den feuchten Boden. Braun und verschrumpelt löst sich das vorab so prächtig strahlende hellrosa auf. Frischer Humus. Kleine Blättchen sprießen zaghaft an den erneut kahlen Ästen. Wachsen, gedeihen. Werden und Vergehen im gleichen Moment. Die Kraft der Natur.
Ein Mann schiebt geduldig seine Frau in das wohlige Heim. Sie ist seit kurzem an den Rollstuhl gebannt. Ich denke: „Welch ein Glück, dass ich aufstehen kann“ – noch. Mein Atem kommt und geht, meine Beine tun ihren Dienst. Werden und Vergehen, das ist die Welt. Wir können diesem Fortschreiten der Zeit nichts entgegensetzen. Wozu? Der Moment zählt. Morgen wird der Kirschbaum erneut in sattem Grün in der Frühjahrssonne erstrahlen. Frischer als in der abendlich-heimeligen grauen Dämmerung. Dann bin ich wieder einen Tag älter. Die Sonne wärmt zaghaft.
„No Future“ – Now!
In meinem Inneren gefangen schleiche ich müde aus der U-Bahn. Dem Tross der arbeitsträgen und konsumverbrauchten Menschen folgend. Im Rhythmus der Wohlstandsmaschine. Wieder und wieder dreht sich das leere Rad. Dennoch… ich halte mich aufrecht, um nicht völlig vom Moloch des stetig ratternden Produktionsbandes absorbiert zu werden.
Dann, mein Blick schweift offen umher; ein Plakat. Es drängt sich unvermittelt auf. Zerreißt den träge gleitenden Gedankenstrom. Paul Weller. Es durchblitzt meine watteweich träumenden Gedanken. „Mann ist der alt geworden“. Wild assoziierend rattern weitere Bilder wie eine Diashow über die Leinwand meines inneren Auges. Iggy Pop. Hugh Cornwell, Tony Iommy, Nick Mason… Alte Heroen mit zerlebten Gesichtern. Dennoch voller Kraft.
Mein Geist ist klar. Ich falle aus der Masse, bin bei mir. Die Zeit bleibt einen Moment stehen. Sie oszilliert zwischen dem Jetzt auf der Rolltreppe und unscharfen Eindrücken aus der Jugend. Nach wie vor gefangen, ummantelt, eingekesselt von träge vor sich hin hetzenden Menschen. Erinnerungen. Wie oft habe ich „In the City“ gehört. In jungen Jahren, mit mehr Haaren und weniger Falten. Wild aufbrechender Sound der „No Future“, welcher uns aus allen Boxen der Welt scheppernd entgegen dröhnte. Ja, wir sind trotzdem in die Zukunft geglitten, sie ist da. Einige der Heroen zum Teil schon lange nicht mehr. Sie leben durch ihre Musik, im Soundtrack meines Lebens fort. Der innere Walkman. Solange bis ich gehe. Klaus Schulze, Göttsching, Joe Strummer, Lou Reed, David Byron, Richard Wright… Namen, Bilder, Töne bombardieren im Stakkato-Ryhthmus eines Schlagzeugs meine Synapsen. Ich bin da. Habe eine „Future“, sei sie noch so begrenzt.
Zuhause angekommen wühle ich in alten, abgenutzten Platten mit ihren zum Teil welken, rissigen und abgegriffenen Covern. Voller Spuren der verwehten Jahre. Im Jetzt spürt und erlebt mein Herz verflossene Momente. Ich sehe, fühle, rieche und höre sie. Ich genieße das Knacken der Kratzer. Ich bin da. „Future Now!“.
Sonnenliebe
Ist es die wärmende Sonne, die weiche Luft, sind es die sprießenden Knospen, die zarten Blättchen, der Geruch nach Aufbruch und Entwicklung? Ich sitze. Voller Kraft durchzieht meinen Körper dies wohliges Gefühl. Wie ein sanfter, warmer Windhauch. Es ist kaum zu benennen. Später, ich denke darüber nach, schwirren etliche Namen durch den erwärmten Geist. Platon nannte es „agape“ (ἀγάπη), dass gerne mit wohlwollender Liebe übersetzt wird. Ist es das? Ist es die Allverbundenheit der „liebenden Güte“ (maitri oder metta), wie sie der Buddhismus bezeichnet, die ich gespürt habe? Wie ein im Sonnenlicht seidenglänzend, verwundener Strang aus schimmernden Fäden durchflutete sie mich. Verknüpfte mich über unendlich viele fein leuchtende Pfade mit der Welt. Das Allganze strahlte freundschaftlich, vertraut. Verdrängte den Winter grauer oder gar dunkler Gefühle und Gedanken. Die Präsenz, das Sein in seiner heimeligen Ganzheit, ist einfach nur da. Wie herrlich.
Aus einer derartigen Empfindung wächst wahre Verbundenheit mit allen Wesenheiten und Dingen. Das funkelnde wohlige Leuchten einer verquirlt-verwobenen Welt. Am stärksten im Energiezentrum unter dem Nabel präsent. Es lässt wärmendes Ki strömen, verteilt es bin in die letzte Faser des Körpers. Diese indifferente, nicht fassbare Stimmung lässt Frieden, das Schöne, das Gute im einfachsten Da-Sein gedeihen, sich verbinden, ganz werden. Beziehung.
Dieses Gefühl kann sich, Platon erneut folgend, zu freundschaftlicher Liebe, philia (φιλία) oder gar zur erotischer Liebe (éρως) mit ihrer erhebenden und zugleich blendenden „Verknalltheit“ entwickeln. Doch sowohl Philia als auch Eros tragen, desto mehr sie sich von der liebenden Güte, Agape entfernen, eine dunkle Schwere in sich. Sie fokussieren auf das Objekt der Begierde und zerschneiden das allumfassende Geflecht „wahrlich seiender“ Beziehungen. Sie sind Anhaftung in sich. Besitzen und konsumieren wollen, melden sich zu Wort, Gerade der Eros sticht mit seinem Pfeil, verdunkelt den Verstand auf wunderbare weise. Der Stich des Gottes vergiftet die Liebenden mit der Droge der Seinsvergessenheit. Nur das angebetet Wesen wird gesehen, all das Leuchten der Ganzheit ist da. Bis hin zur Selbstvergessenheit, der Selbstverlorenheit des Narziss. Verlorenheit bis in den Tod
Die Philia, wahre Freundschaft ist ein tiefes Gefühl, eine starke Verbindung. Sie gibt Geborgenheit ebenso wie Konfrontation. Speziell mit uns selber. Freunde sind ein Spiegel für uns und unseren Weg, wie es Nietzsche im Zarathustra so treffend formulierte: „In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben“. Freundschaft mit sich, den wahren Freunden und zu allen Wesen, ist die Brücke zwischen der Verlorenheit des Eros und der tiefen Allverbundenheit mit der Welt. Aus der Freundschaft zu sich selber und zu allen Wesen kann bei rechter Anstrengung, Konzentration und Willenskraft wahre Liebe erwachsen, die allumfassende Liebe, die liebende Güte, die eine tiefe Zufriedenheit in uns wachsen lässt. Einen Frieden, der in die Welt ausstrahlt und diese ein kleines Stück schöner macht.
(1) Nietzsche, F. (1883/1885) Also sprach Zarathustra: Vom Freunde
Frische Kraft
Voll aufgeplustert, mit geschwollener Brust thront die Meise auf dem höchsten, kahlen Ast der Hecke, an dem sich zarte Knospen zeigen. Gell ruft sie in fast schrillen, dennoch wohlklingenden, rhythmischen Tönen nach Liebe; dem oder der Liebsten. Welch eine Kraft liegt in ihrer kleinen Lunge, durchflossen von der weichen Frühlingsluft. Diese strömt in jeden Winkel; alles im kühlen Schlaf verharrende Leben saugt sie auf. Schon sind sie da, genährt von der sich immer wieder durch die zarten Wolken schiebenden Sonne. Wie die Brust der Meise schwellen die Knospen. Hier und da erblüht ein erster Busch und kündigt von der Energie, welche die Pflanzen aus der saftigen Erde saugen.
Alles hat Potenzial, Kraft, φύσις. Die Kraft treibt, wie das uralte Konzept der Physis es beschreibt, von innen. Stärkt und nährt. Schon wird aus dem kleinen, unscheinbaren Samenkorn eine prächtige und mächtige Pflanze. Zum Baum werden benötigt es die gleiche Geduld, wie das suchende Harren der Meise auf dem Ast. Kraft kann nur aus dieser warmen, inneren Quelle entspringen, deren Ursprung sich uns entsagt, den wir aber spüren, dem wir nachspüren können. Sie ist so schön, so wunder- wie nicht berechenbar. Genießen wir sie. In dem Moment, der ist.
Ich blicke überrascht auf. Ein Zitronenfalter taumelt über den Weg…
Moment
Ist es nicht wunderbar nach dem Aufwachen, mit einem warmen Malzkaffe in den Händen, gemütlich im weichen Stuhl träumend aus dem Fenster zu schauen. Der Blick über eine sanft glitzernde, verschneite Landschaft schweifend. Vorsichtigen Schrittes zur Arbeit hetzende Passanten, zusammengezogen und geduckt unter der abschirmenden Kaputzen, schleichen vorbei. Kein Gedanke, keine Bewegung vermag diese heimelige Stimmung zu stören. Sie ist.
Wie froh bin ich, nicht auf Autos und vermatschte Straßen schauen zu müssen. Die Stadt, die um mich erwacht, um ihre hektische Betriebsamkeit aufzunehmen, die ich an sich so liebe, grenzt sich aus. Jedes sanft niedersinkende zarte Schneeflöckchen bringt die Maschine ein weiteres Stück zum Verschwinden. Spendet gelassene Ruhe. Auch ich bin gerufen zu tun. Ich lasse es langsam angehen, demütig diesem Moment gegenüber.
Für einen gelungenen Tag sollten drei Dinge reichen: Ein bewusster, schöner Moment, eine warme Begegnung, ein starker Gedanke. Wenn wir diesem nachstreben, weiten sich unser Horizont. Jeder Moment, jeder Gedanke, jede Begegnung hat das Potenzial wunderbar zu sein. Sinn zu stiften. Wie jede der vergänglichen, taumelnden Schneeflocken. Schon ist das ganze Leben eine verträumte weiße Winterlandschaft.
