An einem dämmerig feuchten Dezembersonntag leere ich meinen aufmerksamen Geist in der Gehmeditation. Fast alleine in meinem Atem und der Welt. Nur ein paar Joggerinnen und Jogger hasten wie programmiert an mir vorbei. Rhythmisch, in schickem Outfit, Fitnessgetracked, mit Kopfhörern. Sie ertüchtigen und formen ihren Leib. Weichen den Pfützen aus. Übersehen die matschigen Kunstwerke, in denen sich die Welt spiegelt. Sind sie auf dem richtigen Weg? In der richtigen Geschwindigkeit?
Dann dampft der Tee heiß in der Tasse. Mein Blick schweift von kahlem Geäst zum dichten Netz der Buchstaben. Von den ersten Seiten der „Seelenburg“ der Kirchenmystikerin Theresa von Avila (1515-1582) gleiten folgende Zeilen in mein Bewusstsein: „Unsere Unvernunft, wenn wir nicht zu erfahren suchen, wer wir sind; wenn wir nur von unserem lieblichen Dasein Kunde haben, und zwar nur im Allgemeinen vom Hörensagen und, weil es Glaubenslehre ist, Wissen, dass wir eine Seele haben, aber nicht nach dem Wesen, den Eigenschaften, dem Wert, der Bestimmung dieser Seele fragen und ihrer nur selten gedenken. Während wir ihre Schönheit zu bewahren, eifrig bemüht sein sollten, sorgen wir nur für den Leib. Wir arbeiten einzig an den Außenwerken der herrlichen Burg.“ (1) So alt der Text sein mag, so zutreffend er mir erscheint, so passt er in unsere heutige Zeit.
Klar, der Begriff Seele, der hier gemeint ist, ist ein anderer, als der meine. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich mich mit ihr verständigen könne, wenn „Seele“ als die Essenz unseres (Da-)seins gelesen wird. Etwas, dass für den „Geist“, „spirit“ steht. Das, was uns ausmacht und über ein Bewusstsein hinausgeht.
Doch was beschreibt die mittelalterliche Mystikerin? Etwas, das ich aus allen buddhistischen Lehren, manchem tief denkenden philosophischen Text und meinem Welterleben herauslese. Die alltägliche, daseinsverfallene Sichtweise auf Körper und Geist in unserer materiellen Welt. Ein „nur“ Dasein, das an der Oberfläche klebend, den sinnlichen Dingen und Begierden hinterherhechelt. Wie ein Hund seinem Herrn und Meister. Ein Sein, dass nicht einmal im Kleinsten versucht, zu dem durchzudringen, was und wie es ist. Ein Dasein, das nicht fragt, was uns, das Leben ausmacht. Erschrocken reagiert der vernachlässigte Geist zumeist nur in den Situationen, in welchen das Materielle zerfällt, sich entzieht. Sei es durch Armut, Hunger oder Krieg. In Momenten, in denen die Seele sich in seiner Existenz bedroht fühlt. In Krisen, wenn die ach so objektive, körperliche (leibliche) Welt zusammenzubrechen droht, Beziehungen sich auflösen, Einsamkeit uns umnachtet; wenn Lebenskrisen Menschen aus der Kauf-Autobahn werfen.

Zu uns zu kommen, bedarf der forschenden Arbeit einer Geistestätigkeit, die anstrengender erscheint, als die Pflege und das Verwöhnen des „Leibes“. Bei dieser „Suche“ hilft kein Shoppen in einer Drogerie oder das Hüpfen in einem Fitness-Studio, um wohlig zu stinken oder den Körper an Maschinen zu Quälen. Sicher, durchdachtes Training des Körpers ist unumgänglich um den Geist gesund und frisch zu erhalten. Zur Pflegen der Seele hingegen müssen wir lernen, materielle und immaterielle Begierden hinter uns zu lassen – soweit wir es vermögen. In vielen kleinen, mühseligen Schritten. Zeit nehmen. Den Blick aus der Welt auf das Innerste richtend zu uns selber kommen. Konzentration und Disziplin. Ankommen. Den unablässigen Gedankenstrom betrachten, den hektischen Geist in einen wachen Schlaf streicheln. Eine innere Leere erzeugen, in der wir, unsere Gedanken, Ruhe finden. Aus einer tiefen Klarheit heraus die Nebel der körperlichen Begierden durchschreitend in Zufriedenheit und Freiheit erwachen. Wenn der Pfad sich zögernd, Stück für Stück erhellt, lichtet sich wer und was wir sind. Kontemplation, Meditation, tiefes Nachdenken wird uns zeigen, was der Geist benötigt; was wir zum Erhalt des instabilen Fleisches wirklich brauchen.
Mögen uns die Dinge anrufen, die das Leben zum Leben macht. Unsere Beziehung zu uns selbst, zu den Menschen, die wir lieben, zur ganzen Welt. Als vergänglicher Teil von all dem. Ein leerer Punkt in einem unendlichen, sich immer wieder erneuernden Netz. Reiner Geist, Spirit, Seele – reines, verbundenes Sein. Welch ein Glück.
(1) Theresa von Avila (1515-1582) von Avila, T. (2022) die Seelenburg; Anaconda, München (Kursivierung vom Autor)
