Ernstl und Mozart im Touristengedrängl

Wenn ich nicht auf Reisen gegangen – oder besser mit der Bahn gefahren wäre, hätte ich nie von Ernstl gehört. Ein Prolet, der bei Peter, einem Mitglied der Wandergruppe, im Haus lebt. In Wien. Ernstl kriecht jeden Morgen die Stiege hinab um sich dann auf eine Bank vor dem Haus zu setzen. Dort trinkt er schon in der Frühe ein Glaserl. In das Glas sinnierend geht er dunklem, rechten Gedankengut nach. Bis zum Glaserl, dass seinen Tag so beendet, wie er begann. Im Wiener dialekt vorgetragen, sehe ich den Ernstl förmlich vor mir. Höre, was und wie er redet. Die Frage, die Peter sich stellt, als wir über Weltanschauungen reden, ist eine, die mich schon lange bewegt. Ist Ernstl durch sein Glas hindurch durch freundliche Argumente erreichbar? Wie all die verpeielten Ernstls der Welt. Wo doch seine Ignoranz, seine Wut auf alles Fremde mit dem Preis für die Alkoholika steigt. Ich habe keine Antwort.
Ein weiteres Erlebnis trug sich in der von Touristen zugequetschten Mozartstadt Salzburg zu. Ab vom schweigsamen und leidvollen Kreuzweg hoch zum Kapuzinerkloster. Da folgte uns das japanische Paar, dass, wie so viele, zu den Festspielen in die Stadt gepilgert war. Nein, sie rannten nicht in im wunderschönen Ensemble hochherrschaftlicher Gebäude in Zweierreihen dem in die Luft gereckten Stab eines Führers hinterher, wie eine gehorsame Schulklasse. Oder ließen sich von traurigen Pferden und noch trauriger dreinschauenden DroschkerInnen durch die Gassen der verschnörkelte Stadt an der Salzau kutschieren. Geräuschvoll tauchten sie vor der opulenten barocken Kirche hinter unserem Rücken auf. Dumpfe Mozartgeigen drangen quäkend aus der armseligen Bluetoothbox, die sie im Rucksack verstaut hatten. Absurderweise folgten sie uns durch die Passagen, die an sich zum Flanieren einladen würden. Die ich schnellstens, voller Touriparanoia, hinter mir lassen wollte. Es war zuviel. Zuviel von allem. Touristen, Barock… Wie mittlerweile in jeder Stadt. Folklore, Mode, Schmuck, überteuerte Fressstände, Wiener Küche in schlechter Qualität, drängelnden Menschen auf Reisen – wie wir.
Die Geschichte von Ernstl hat mich zum Flanieren, Wandern und ja, auch zum Reisen motiviert. Die von Mozart aus dem Rucksack zeigt mir auf, dass es doch besser sein könnte, zu Hause zu bleiben. Dort den Reisehorden aus dem Weg gehend. Leider gibt es in meiner Umgebung nur wenige Angebote für philosophische Wanderungen. Ohne diese Reise wäre ich nicht motiviert worden noch einmal tiefer in die Philosophie der Stoa einzutauchen. In die ich mich bald am Mittelmeer vertiefen werde. Ohne anzukommen, weiter meinen Weg suchend und in der Gegenwart genießend.

P.S. Heute las ich in der NZZ einen Artikel über Ernstls Brüder im Osten. Sehr interessant.

Reisen

„Vergnügungs-Reisende. – Sie steigen wie Tiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, daß es unterwegs schöne Aussichten gebe.“ (1)

Will ich weiterhin reisen? In der heißen Bahn, eingequetscht auf die Weiterfahrt warten? Immer nervöser werdend, ob ich den Anschluss erreiche, am Ziel eintreffe? Mich nach elf Stunden zwischen schwitzenden Körpern, abgekämpft, im immer gleichen Hotel mit seinen stereotypen Bildern erhole? Durch drängelnde Massen in Betonbahnhöfen hetze, Wege und Gleise suche? Im unwirtlichen Gewusel neben billigen Fast Food Ständen auf die Zuganzeige starren, die mir erzählt, dass die Bahn ausfällt? Im Flieger wegen meiner CO2-Bilanz ein schlechtes Gewissen bekomme? Der Grusel lässt sich steigern: In der stinkenden Metallzelle namens Auto im Stau braten?… Warum mache ich das? Wohin? Wozu? Dennoch, irgend etwas bewegt mich, ich bewege mich. Aufatmend, den Reiseschweiß von der Stirn gewischt, in der Ruhe angekommen, sinniere ich über den Reisedrang, den Reisestress.
Es gibt viele Arten des Reisens. Damit meine ich nicht Wanderungen, die natürliche Form der Bewegung von Nomaden und Tieren. Ich meine das Katapultieren an einen anderen Ort. Weg von der Heimat. Zumeist um Neues zu erleben. Manchmal, weil irgendetwas erledigt werden muss oder soll. Dann aus ökonomischem Zwang, wie bei der Dienstreise. Doch was bedeutet Reisen als eine spezielle Form der Bewegung?
Beginnen wir mit dem Gehen: Flanieren, Spaziergang, Wanderung, kleine Reisen zu Fuß. Eingebettet in die eigenste Geschwindigkeit. Geruhsam setzen wir einen Fuß vor den Anderen. Der Blick schweift gelassen über die Welt. Nicht selten gleitet er weltvergessen nach innen, verliert sich in „Gedanken“. Gerne wird beim Dahinschreiten ein entspanntes Gespräch geführt. Der Fokus huscht umher, mal hier, mal dort hin. Immer wieder erfreuen angenehme Geräusche oder Gerüche die Sinne. Das Rauschen eines Baches, der Geruch der Zirbe. Ab und an ein Zögern, ein verharren, ein Da-Sein. Welt wird im Rhythmus des Körpers „erfahren“. Der Körper ist Welt, Leben. Schritt auf Schritt folgend, geleitet vom Atem. Beides wird in der Eigenbewegung selten bemerkt oder gar betrachtet. Es sei denn, dass die schweigsam-aufmerksame Ruhe der Gehmeditation (2) mich in einen wahrnehmend-vergessenen Augenblick innigster Konzentration geleitet.
Beschleunigung: Das schnelle, zielgerichtete Reisen oder Rennen zu einem Punkt. Der Beginn des sich selbst Verlierens. Im getrieben Werden wandelt sich der durchschrittene Raum. Verwischt im Verlorengehen. Der Weg wird zunehmend zu einer auf das Ziel, den Termin reduzierten Zeit; wird Datum, Koordinate, sinnentleertes Symbol, Funktion. Earpod verlorenes Joggen mit Smart-Tracking.
Der Verlust der Eigengeschwindigkeit, so sagte es Virilio (Dromologe, Theoretiker der Geschwindigkeit) irgendwo einmal, begann, als der Mensch sich auf das Pferd setzte. Er verlor den Rhythmus der schreitenden Füße, den direkten Kontakt des Körpers zum Weg. Er verlor sich selbst. Das zielgerichtete Vorankommen wird vom tragenden Galopp bestimmt. Auf das Pferd folgte das Auto, Bahnen, Flugzeuge, Raketen, Joggingschuhe… Die Träger der Bewegung werden zum Fokus, der Weg, die Welt verschwand. Hinter Scheiben, Stahl, Terminkalendern, Routenplanern, Fitness-Apps, unter Asphalt…, oder gänzlich. Nur das Ziel zählt, das es auf den Punkt zu erreichen gilt. Die vermeintlich exakten Apparate verwischen die Welt. Es entstehen Myriaden aneinander vorbeirasender, isolierter Inseln jenseits der Präsenz. Ohne Verbindung zur Welt, zum Leben und sich selber. Kein Verharren mehr, kein kontemplatives Da-Sein. Seinsverlust. Taumel im Anders-Sein, das uns freudig ekstatisch mitreißt, wie in einer Achterbahn. Oder dem Walkautomaten im Fitness-Studio. Die Illusion von Freiheit. Rennen, rennen, rennen. Wettrennen gegen den Verlust der Zeit, des verorteten Selbst. Sie sind längst auf der Strecke geblieben.
Die einst schweifende Bewegung wird in Apparaten, wie dem Automobil eingeschlossen, auf dessen festgefahrenen Bahnen jegliche Autonomie verloren geht. Die Reisenden liefern sich der Technik aus. Die Freiheit erstarrt nicht selten im Stau, wegen unpünktlicher Züge, ausfallender Flieger… An Sitze, Sattel gefesselt, eingepfercht, der Maschine, der Turbine oder der Schiene ausgeliefert, lassen wir uns durch die Welt schießen. Wo ist da das Reisen oder Flanieren? Wehe dem, der wandeln möchte.
Schon das Pferd, die Kutschen, die Goethe und Nietzsche nach Italien trugen, nährten die Sehnsucht nach weit entfernten Orten. Ja, Reisen öffnet den Blick, bildet. Ich frage mich, was hat die heutige Bewegung mit dem „normalen“ Leben oder Überleben, Schauen und Sehen zu tun? Reisende der postmodernen Reiseindustrie sind kaum mehr freie Nomaden, auf der Suche nach neuen Weidegründen oder Wissen. Nein, es geht darum, einmal da gewesen zu sein. Ein Selfie, ein Schnitzel, ein Workout am symbolischen Ort, der Blick technisch ausgerichtet auf den „Post“. Wie sollen derartig gefesselte Reisenden im Engadin an einem banalen Stein die „Wiederkehr des Gleichen“ (3) oder das Licht des Südens (4) erblicken? Die Heutigen sind schon lange in der Maschine der Reiseindustrie verloren. Ihre leere Schnappschuss- und Marken-Kultur, ihr Essen im Gepäck. Sie sind woanders und dennoch am gleichen Ort. …Ewige Wiederkehr. Als Touristen begegnet ihnen nur das, was sie mit sich trugen. Grotesk wird es mit den Kreuzfahrtschiffen. Massen-Sarkopharge, die mit ihren Zombies Städte und Strände invadieren; menschengeladene Mega-Bomben. Alles, was dort, wo sie landen „ursprünglich“ war, ist längst zur Folklore verkommen. Jegliche lokale Kultur wurde vernichtet, auf die immer gleichen Souvenirtasse reduziert. Die Einheimischen sind längst vertrieben, zu Bediensteten umgeformt. Ich denke an die Terrouristen in der Elbphilharmonie, die einer Musik lauschen, die sie nicht kennen, sie nicht interessiert. Aber sie waren mal da. Das Selfie beweist es.
Reisen bildet, sagt man. Ja, es kann motivieren, den Horizont zu erweitern, eine Sprache zu lernen. Neue Einsichten vermitteln. Dennoch frage ich mich, ob es sich lohnt, in Zukunft dem Treck der Massen zu folgen. Als Teil dieser Reisemaschine. Wohin soll ich flüchten? In mich? In meine Höhle? Mein Zuhause? Mein Geist tastet wie ein vorsichtiger Fuß und sucht den nächsten Schritt. Mit Bedacht.

(1) Nietzsche, F. (1878) Menschliches, allzu Menschliches, 2 Band, 2. Abteilung 202

(2) vgl. Tich Nhath Hanh (2016) Einfach gehen, O.W. Barth, München.

(3) Nietzsche kam dieser Satz an einem Stein in Sils Maria auf.

(4) Viele Maler, auch Goethe entdeckten es auf ihren mühseligen Reisen, versuchten es in Bildern festzuhalten oder dachten darüber nach.

Buchstabenreise

Alleine mit knapp 300 Seiten. Sie geleiten mich in das koloniale Malaysia der 20er Jahre. Atmosphäre, Beziehungen und kleine Ereignisse. Blicke in eine exotische Welt, in Lettern erstarrt und aus Worten geboren, werden sichtbar, fühlbar. Gerne folge ich dem Pfad, den die Sätze mir vorgeben, träume mich fort. Nur meine Augen bewegen sich. Was ein Luxus. Keine Koffer müssen gepackt, kein Ticket gekauft, keine hallenden, vollgestopften Terminals durchschritten werden. Im Jetzt, in der Vergangenheit, einfach da, eingekuschelt in das Kissen, das Papier sanft vom Licht der warmlichtigen Lampe beschienen. Über mir dröhnt ein Flugzeug, vergiftet die Welt. Bald quetschen sich die Urlauber*Innen in ihre dunklen Betonburgen, drängeln sich am Buffet oder bei den Plastikliegen am sterilen Pool, der überall gleich daherkommt. Hier ein arrangierter Stein, dort eine armselige Palme, die Exotik behauptet. Geplapper und langweilige Blicke auf das Neonleuchten der Smartphonedisplays. Mein Körper schüttelt sich und genießt die raue Oberfläche des matten Papiers. Sauber gesetzte Typen erzeugen heimelige Stimmungen, deren Karawane mich sanft in die Weiten der Welt trägt, während ich zufrieden verharre.

(Lektüre: Eng, Tan Twan (2023) The House of Doors, Conongate Books, Edinburgh)

Ruhende Kontinuität

Ich lese bei Bregman, in seinem schönen, wohltuenden, positiven Buch über das „Gute“, folgendes Zitat. Es stammt aus einem Interview mit dem Gründer einer großen Firma, die in den Niederlanden die Pflege auf den Kopf zu stellen scheint: «Die Welt profitiert oft mehr von Kontinuität als von kontinuierlichen Veränderungen», sagt er. «Wir haben jetzt Veränderungsmanager, Change Agents und lauter solche Leute. Aber wenn ich mir die Pflege in den Bezirken ansehe, hat sich der Beruf in 30 Jahren kaum verändert. Man versucht, eine Beziehung zu jemandem in einer schwierigen Situation aufzubauen, das bleibt immer gleich. Natürlich kann man neue Erkenntnisse und Techniken anwenden, aber die Basis ist unverändert.» (1)
Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Pflege. Überall haben die stählernen und eiskalten Verwalter von Strukturen das Heft in die Hand genommen. Inhalte, Techniken und Nachdenken sind genauso wenig gefragt wie Langeweile, Ruhe oder Gelassenheit. In diesen liegt eine „Nicht“- Kontinuität – im Werden des Stillstands. Bedenken und handelndes Tun, wozu „nur da sein“ oder „füreinander da sein“ gehören sind zutiefst menschliche Eigenschaften. Mal wieder „Wu Wei“.
Dröhnend wie die Hämmer eines Hochofens brechen verordnete Reformen, über uns herein. Aktionismus, der in seiner Hitze mehr vernichtet als er schafft. Daher die Vorliebe der Change-Manger für Begriffe wie „Kompetenzfelder“ oder „Management“, denn diese sind so hohl wie die mechanischen Gehirne der Bürokratiemaschinen. Niemand scheint dies zu bemerken wollen.
Durch diesen Aktionismus einer hämmernden Maschine kommt es zu permanenten Kollateralschäden, wie die, dass „Erkenntnisse und Techniken“, also Inhalte nicht einmal mehr gesehen werden. Das Bestehende, dass sich im Werden aus sich selber ändert, denn nichts bleibt ewig gleich, wird unter Euphemismen zertrümmert und zerrüttet. Wie an meiner Hochschule. Laut wird dort zum Beispiel das Wort „Interdisziplinarität“ hohl in den Raum gebrüllt. Gleichzeitig werden langsam und kontinuierlich gewachsene interdisziplinäre Strukturen in ihre isolierten Kästchen zurücksortiert. Noch schlimmer, es werden Beziehungen zerstört und in ihrer Entwicklung behindert. Techniker und Designer, die sich über Jahre zusammenfanden, um inhaltsgesteuert zu arbeiten, werden in ihre althergebrachten Schubladen zurückgedrängt, oder drängen sich gar selber. Ich fürchte, sie werden in den Essen der Leitungen eingeäschert und zerschmolzen, bis ein langweiliger, disziplinärer Einheitsbrei übrig bleibt.
Denn Strukturen, in ihrer starren Raserei eisiger Bergstürze, sind Grenzen, die sie selber nicht wahrnehmen. Festzurren und Einkästeln im Namen der Beweglichkeit, der Kontinuität, die schon lange gestorben ist. Ohne zu bemerken, dass das Leben – lebt, wird, Beziehung ist. Das Leben überschreitet permanent Grenzen, sucht neue Horizonte. Wie der schweifende Blick in der ruhenden Leere. Der Blick, den keine menschengemachte Regel, keine Excel- Tabelle, kein Kompetenzfeld zu verbauen vermag; kein Management erlaubt.
Nur der sich im Horizont verlierende warmen Blick, manchmal durch etwas Glut der Wut angeheizt, vermag es die Eiseskälte der bürokratischen Systeme zu zerschmelzen; vermag es den kalten Stahl aus deren Herzen zu drängen, zu verflüssigen.

(1) Bregman, Rutger. Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit (S.304). Rowohlt E-Book. Kindle-Version.

Der große Andere

Die Sonne, die strahlend vom unendlichen Firmament strahlt, erscheint mir real. Warm, sanft, nährend. Die blaue Weite steht gelassen über dem satten Grün in seinen leuchtenden Schattierungen der entfalteten Büsche, Bäume, Blumen und Gräser. Sie sind da. Unsichtbare Bänder verbinden mich mit dieser Welt, wenn ich meinen Blick hinausgleiten lasse, sie voller Ruhe insauge. Einzelne farbige Blütenflecken, das immer andere Zwitschern der Vögel. Eine reale Ordnung.
Darunter wir Menschen, gefangen in einer beweglichen Stasis symbolischer Ordnungen. Anrufungen bar jeder Ruhe und Gemächlichkeit. Krankmachender Forderungen, die wir zu ignorieren, nicht wahrzunehmen gewohnt sind; mit denen wir leben, die wir uns angeeignet haben, die uns von innen und außen zerfressen und treiben. Selbst wenn wir wissen, dass diese symbolische Ordnung des Geldes, der Macht, der Institutionen, unseres Images nichts als Schall und Rauch sind. Krampfhaft versuchen wir, sie aufrecht zu erhalten. Selbst wenn dieses unsichtbare Netz von Befehlen uns zu zerfressen droht. Gehorsam wie dummes Vieh folgen wir den Bahnen der Imperative der Macht. Zerrissen, zweifelnd, ängstlich und ungläubig – wie die grauen Gestalten in Kafkas Romanen. Manchmal rätselnd, ohne Wissen darum was uns antreibt – obwohl wir es wissen. Nur einmal genau schauen, in uns gehen – schon entfaltet sich das kalte Netz, das wir dennoch aufrechterhalten. Ein ideologisches Glaubenssystem.
Der Kollege, neben mir in der Sonne am Eingang der Finkenau auf der kühlenden Steinbank blickt traurig in die ergrünende Welt. Wir sprechen über Emails, deren Frust, Angst und Ohnmacht über den Reformprozess der seine kalte Hand zu unseren Seelen ausstreckt. Ich sage, sie sollten sich selber finden. Die Ordnungen hinter sich lassen. Strukturen sind keine Inhalte. Inhalte sind dort, wo das Herz schlägt. Begeisterung, Verbindungen oder besser Beziehungen, die etwas schaffen; etwas bewegen, benennbar sind. Nur daraus kann Zufriedenheit entstehen. Kraft, den Ordnungen und Anrufungen, die uns krank und traurig machen, zu widerstehen. Kraft, eigene Nicht-Strukturen aufzubauen, die uns nähren, satt und glücklich machen. Ich genieße die Sonne.

Göttinnen

Ich bin froh, bei Nietzsche gelesen und auf meine Weise verstanden zu haben, dass es nicht nur einen Gott gibt, den die Menschen mordeten, sondern wir zu vielen Götter werden (sollten). Ja, ich kenne viele, die zu Göttinnen und Göttern wurden. Die alles Hochherrschaftliche und zugleich alle Götzen und deren Ebenbilder, den Menschen, überwunden haben. All diese mutigen, heldenhaften Wesen, die über sich herausgewachsen sind. Sie bewirkten auf der Erde, diesem wunderbaren Planeten Dinge, die ich nie zu bewirken vermögen glaube. Ihr Mut, ihre Leben, ihre Liebe für etwas Größeres, Allumfassendes und zugleich sowenig Greifbares sollen mein Leitbild sein. Als einsame Blumen in einer weiten Wiese überstrahlen sie jede Ödnis des profanen, materiellen Ackers, dessen trockenes Gras dennoch die Kraft des Wachstums in sich birgt.
Zufrieden damit ein grünendes Gänseblümchen, ein Göttchen zu sein, lasse meine Gedanken schweifen. Gesichter und Geschichten ziehen vorbei. „HeldInnen“ fallen mir ein, die voller Liebe für Menschlichkeit und Gemeinschaftlichkeit stritten. Für Frieden und Wärme. Emma Goldman zum Beispiel, die, wie eine Freundin es sagte, mit viel Kraft aus ihren Beziehungen und Zusammenhängen eine Vorkämpferin der Emanzipation der Menschen war. Deren Biografie ich verschlungen und mehrfach verschenkt habe. Oder der buddhistische Mönch Thích Quảng Đức, der sich, geschützt durch seine Brüder, selbst verbrannt, sein Leben für Friede und Freiheit gegeben hat (2). Das Bild seiner Tat kannte ich schon lange, es hängt an meiner Bürotür. Sein Namen wurde mir durch ein wunderbares Buch des unvergleichlichen Thích Nhất Hạnh bekannt. Ayya Khema, deren Vorträge vielen Menschen, mich eingeschlossen, einen Weg aus der Unwissenheit heraus gezeigt haben. All die MusikerInnen, wie Kae Tempest, die jenseits des Mainstreams eine Message haben und diese voll Wärme in die Welt ausstrahlen. Georg Orwell, der selbst mit der Waffe in der Hand gegen die düsteren Visionen seiner Bücher kämpfte. Einen Kampf, den er z.B. in „Mein Katalonien“ beschrieb. Dann ist da so manches Wort, so manche sanfte Umarmung, manche warme Handlung von FreundInnen. Im kleinen, profanen Alltag geäußert. Die Liste von GöttInnen und Göttern ist unendlich. Sie kann gerne mit illustren, ikonischen Namen wie Gandhi, Che, Timothy Leary, Teresa von Ávila und all den Menschen, die im kleinen vieles bewirken, aufgefüllt werden.
Keine dieser Personen war perfekt. Alle mussten einen Weg der Kompromisse gehen. Einige haben für ihre Visionen das Töten von Menschen zumindest in Kauf genommen. Um weiteres Leid zu verhindern, den Überlebenden einen Weg zu zeigen. Jenseits von Moral und Humanismus, jenseits von Gut und Böse.

Heckenfreiheit im Kopf

Heute Morgen erwärmt die karg glimmende Vorfrühlingssonne die frostige Luft. Mein Körper schwingt in sanften Bewegungen zu entspannten Rhythmen. Zwei dunkle Knöpfe über einer roten Brust äugen, aus der kargen Hecke heraus; verharrend und voller Neugierde in meine Richtung die Lage abscheckend. Das Rotkehlchen begrüßt mich, denke ich. Welch ein Wonnemoment. Was es denkt, empfindet, ist nicht zu erschließen. Dann setzt es seinen Weg in der Mitte der Hecke fort. Auf der Suche nach Futter? Einer Partner*In?
Der Kaffee dampft, die Gedanken fließen wie zaghafte Schleierwolken durch den eingeschränkten Horizont meines Bewusstseins. Wollte ich nicht über Freiheit schreiben? Ein sinnierendes „wozu“ füllt den schweifenden Geist. Es gibt so viele Freiheiten wie Moralen, so viele Grade von Zwängen und offene Horizonte. Die Natur, andere Wesen, die Macht des Körpers… Am engsten sind die, welche wir uns selber schaffen. Besser ausgedrückt, schaffen können? Schaffen wollen? Ja, da sind die Anderen, da ist die Welt. Wie das Rotkehlchen dieses oder jenes Körnchen pickt, diesen oder jenen Grashalm zum Nestbau sammelt, auf diesen oder jenen Ast springt, ist es mein Privileg mal so, mal anders zu handeln. Möglichkeiten und Limitationen zu suchen und zu finden, wahrzunehmen. Wie ein Vogel vermag ich es im Schutz der Hecke zu hüpfen – oder mich in die unendliche Weite der Lüfte aufzuschwingen. Freiheit ist Wahl aus den gegebenen, erkannten Möglichkeiten. Ein Plural, den ich in jeder Sekunde neu (er)finden muss. Nicht selten ist ein Abenteuer zu wagen, um den Horizont zu erweitern. Letztendlich finde ich meine Freiheit(en) nur in mir.
Das Rotkehlchen hat mir Zufriedenheit gegeben. Gleichmut bedeutet absolute Freiheit. Im Glück (Sukha) des Moments bedarf es keiner weiteren Gedanken. Keiner Philosophie über die Freiheit.

Caspar David

Wie wassergefüllte Säcke hängen dunklen Wolken über einer still vernebelten Landschaft. Zaghaftes Licht sickert matt leuchtend durch ihre wulstige Ränder. Sanfte Illumination bannen den Geist mit einer verwunschenen, gelassenen Atmosphäre. Die perfekte Komposition strahlt eine wundersame, bleiern-erhabene Schwere aus. Ich versuche in diese Welt, dieses Bild hineinzugleiten. Doch es gelingt nicht. Um mich herum tobt hektischer, dumpfer Lärm. Drängelnde Menschen versperren das Blickfeld. Die Unruhe einer vollgestopften Einkaufsstraße, die jede Besinnlichkeit im Keim erstickt. Kunst ist zum Event verkommen. In Zeitslots schieben sich die Besuchermassen durch die zu engen Räume. Kein gelassener, versunkener Blick ist angesichts der konsumierenden Horden mir ihren stoßenden Ellenbogen möglich. Dazwischen Pulks von Ahnungslosen mit Kopfhörern, berieselt von einem Guide der ins Mikrofon plärrend den Bildungsbürgern Geschichten rund um die einmaligen Bilder erzählt. Trotz der Erklärungen auf ihren In-Ear-Empfängern plappern sie untereinander. Bar jeglicher Fähigkeit zur Konzentration. Jede Besinnlichkeit wird im Keime erstickt.
Es ist wie mit dem Kirchgang am Heiligen Abend, an dem all die, die nie eine Kirche besuchen, sich um die letzten Plätze rangeln. Ein Sommerschlussverkaufs-Gedrängel nach kulturellen Häppchen, von den dann stolz erzählt werden kann: „Ich war dabei!“. Sicher, es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Menschen sich bilden, mit Kunst auseinandersetzen, aktiv werden, sich aktivieren. Doch diese Massenevents, die über allen medialen Kanäle beworben werden, haben nichts mit Kultur, kulturellem Handeln, handelndem Tun gemein. Einem Tun, das Beuys in seinem berühmten Satz: „Jeder ist ein Künstler“ (eine Abwandlung des Satzes „Jeder Mensch kann ein Künstler sein“, des romantischen Dichters Novalis) gefordert hatte. Strömende Horden in Museumsevents sind nichts anderes als leere Events. Sie haben nichts mit einer „sozialen Plastik“ (Beuys) zu tun, höchstens mit der Plastikhaftigkeit unserer vermedialisierten Welt. Im rasenden Stillstand des Konsums erstarrt die Plastizität, das Denken, das Begreifen, das Erspüren erstirbt. Nichts Schöpferisches ist auf diesem Event zu spüren. Selbst der geschaffene Ausdruck auf den herrlichen Gemälden eines Caspar David Friedrich verliert seine Strahlkraft. Jede Aura geht verloren. Jede Besinnlichkeit, jeder Traum verliert sich angesichts der Kommerzialisierung durch die Massenkultur, die Kultur ist und zugleich nicht. Denn hier gedeiht nichts mehr außer leerem Geplapper, das in einem „ich war da“ oder „ich war dabei“ verreckt, das nach der pauschalen Städtereise mit Museumsbesuch am Kaffetisch von sich gegeben wird.
Besucht doch lieber einen dieser quietschbunten Events wie diese Musicals oder High Tech 3-D Visualisierungen von Künstlern, die gerade in sind; die genauso zappeln, wie ihr es tut. Rennt den Anweisungen Eurer Screens hinterher. Ich betrete die Kunsthalle erst wieder, wenn ihr weg seid. Dann kann ich in erneut in aller Ruhe in den Tiefen der romantischen Malerei versinken.

Zufriedenheit

Hektisch hüpfen die Vögel, einem geheimnisvollen Muster folgend, durch die Hecke. Wie der feine, kühle Winterregen fällt das Licht sanft über die Welt. Blätter zittern im Wind. Die klamme Luft stört sie ebenso wenig wie mich, der warm ummantelt im molligen Heim sitzt.
Meine Gedanken schweifen in die allverbundene Welt.Wie die Vögel die luftig vom sanften Wind getrieben werden, bis sie sich, unsichtbaren Schatten gleich, im Nebel der hängenden Wolken auflösen. Tröpfen, die sich mit Milliarden Artgenossen zu einer Wolke zusammenschließen, sich verfließend in der nächsten auflösen oder als Niesel dem Boden entgegenschweben. Die Pflanze nährend, an deren Früchte sich die Vögel laben. Ich bin Vogel, Pflanze, Erde, Wolke, Samen… jedes der unzähligen Teile zugleich. Bin und war. Im Moment träume ich wachdösig diesen flüchtigen Traum.
Welch ein Glück. Welch eine Wonne. Keine Bomben, kein Hass, keine herabsetzenden Worte, böse Gedanken bedrohen meine Besinnlichkeit. Im Moment muss ich nicht einmal achtsam sein, wie die Meise auf Futtersuche, die zuckend den Kopf nach links und rechts dreht; nach Nahrung, der Gemeinschaft, der Katze spähend.
All dies Angesichts des Elends, des Krieges, der Furcht, der Angst, des Hasses, der wütenden Worte, die versammelt auf dem anderen Fenster, dem glatten Monitor erstarrt sind. Welch ein Privileg ich habe, so sein zu können. In diesem Moment.

Rasender Stillstand

Es gibt nichts Absolutes. So sehr wir es zu denken versuchen, hoffen oder uns vorstellen. Das Feste, Beständige ist und bleibt eine Illusion. Wie das tiefe Meer, dass zum ruhenden, hohen Berg wächst, um als Sand erneut ins Meer gespült zu werden. Alles ist Bewegung. In dieser unendlichen Bewegung findet sich die Ruhe, wie nicht nur die alten Chinesen sinnierten: „Es ist das große Prinzip der Welt, das der wechselseitige Gegensatz wechselseitige Ursache wird. …Wenn es nur Bewegung ohne Ruhe gäbe, hätten wir die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass die Ruhe die Bewegung enthält und die Bewegung die Ruhe enthält. Im Extrem bewegt sich die Ruhe selbst notwendigrweise, und im Extrem ruht auch die Bewegung notwendigerweise. Wenn es das Eine gibt, gibt es die Zwei. Zwei stammen aus dem Einen. Könnte es wahr sein, daß alles Entgegengesetzte unter dem Himmel denselben Ursprung hat?“
Selbst in den entspanntesten Momenten, in denen wir tief in uns versunken liegen, schlafen, zu ruhen scheinen, wenn wir meditieren oder träumend aus dem Fenster schauen – unser Körper bewegt sich. Das Herz schlägt gemächlich, der Atem fließt ebenso wie der vor sich hin gluckernde Strom der Gedanken. Versiegen Atem, Puls und Gedankenstrom lösen wir uns auf, sterben, sind leer, sind tot. Indifferent, unbenennbar in der absoluten Ruhe, die kein Nichts ist. Selbst der finale Begriff der „Erstarrung im Tod“ trägt nicht. Der leblose, gestorbene Körper wird von Mikroben zersetzt, zu Humus, zu neuem Leben, neuer Bewegung.
Virgilio betitelte den Gegensatz zur bewegten Ruhe einmal in seinem Buch „rasender Stillstand“ (1). Desto mehr die Menschheit (technologisch) durch die Welt rast, desto mehr verfettet sie in ausgepolsterten Bürostühlen, bewegungslos an die lichtschnelle Technologie gekettet. Wer rast, dessen Gedanken hochbeschleunigt ins Chaos diffundieren, wird haltlos, hilflos. Er erstarrt in Bewegung. Denn im Geschwindigkeitsrausch lässt sich nichts mehr fassen. Der gleichmäßige Rhythmus des Atems kommt aus dem Lot, das Herz rast, bis zum Infarkt. Gerade in der „Raserei“ bemerken wir die Bewegung nicht, sind in einer tobenden Leere gefangen, die dem erstarren im Tod ähnlich zu sein scheint.
Genießen wir Schwingungen, Höhen und Tiefen der Berge und Täler, durch die wir uns bewegen. Gleiten wir sanft durch unser Leben, finden wir unseren Weg – „Dao“ – in der Mitte. Ohne zu verharren.

(1) Fang Yi-Zi, Dong Xi Jun (Ost-West-Gleichgewicht) zit. Nach L. Geldsetzer, H. Han-ding (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart S. 138

(2) Virilio, P. (1992) der Rasender Stillstand. Hanser, München/Wien – und interessant: https://taz.de/Der-rasende-Stillstand/!560693/