Kompetenzfeld „Worthülsen“

Das neue Jahr ist da, es hat geschneit. Ein wunderbarer Anblick. Erholung für das Auge. Glitzernde Kristalle verdecken den grauen Alltag. Erholung vom ewig gleichen Geschwätz auf dem Bildschirm. Zeile um Zeile Langeweile, unproduktive Leere…
„Reformprozess“ lese ich. „Kompetenzstukturmodell“ lese ich. „Learning Outcome“ lese ich. „Kompetenzfelder“ lese ich. Dann sind da, im verteilten Verzeichnis, die beiden Ordner für die Ergebnisse des Reformprozesses. So leer wie die bürokratischen Floskeln, die mich triggern: „Prozess“, „Reform“ , „Kompetenz“. Sie formulieren die institutionelle Luftnummer, die (nicht nur) an den Hochschulen wie ein wuchernder, schleimiger Giftpilz um sich greifen. Er zersetzt seit Jahren jegliches humanistisches Bildungsideal. Übrig bleibt die effiziente Wichtigtuerei von ausgehöhlten Institutionen und deren „Spezialisten“ für hohle Begriffe, Euphemismen, Präsentationen und Geplapper bei Bürokeksen und Kaffee. Spezialisten ohne explizite Praxis in Lehre und Studium, was heutzutage in den Verwaltungen (wie in der Politik) die Regel zu sein scheint.
Die Folge sind leergelaufene Köpfe in den Seminarräumen. Schon in jungen Jahren funktionieren sie, beginnend mit dem Kindergarten, in dem sie verwahrt werden. Im Takt der Ausbildungsindustrie tickt die Schuluhr. Kein Wunder, dass sie nicht selten scheitern, psychisch erkranken, orientierungslos umherirren… Die Verwalter der Misere retten sich in kalte Tabellen, (Pisa) Studien und Zahlen sowie die… leeren Begriffe.
Was bedeutet „Kompetenz“? Manchmal sind die banalsten Fragen die wichtigsten. Der Duden sagt, es handelt sich um „Fertigeiten“ und den daraus sich ergebenden „Zuständigkeiten“. Werden diese „studiert“? Wie studiert man? Sprechen wir hier von Können, Wissen, Vermögen, Erkenntnis- und Handlungsbefähigung? Wie wird das gemessen? Wann und wo wird gemessen? Ein Kriterium scheint über allem zu schweben. Das der Effizienz. Doch was wiederum bedeutet Effizienz? Heute lesen wir es als „Output“, als „Produkt“, das möglichst günstig die Produktionsanlage verlässt. Geradlinig, genormt, ohne Umwege und ohne Verschwendung von Ressourcen. Es geht um Ausbeute im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Relation. Das war nicht immer so.
Seit den alten Griechen ist der Begriff der Effizienz mit qualitativen Fähigkeiten verbunden. Er wurde somit anders, wesentlich klarer und umfänglicher gedacht als heute in den quantifizierenden Amtsstuben. Bei Aristoteles lesen wir von der causa efficiens, altgriechisch der κίνησις „kinesis“ (1). Zu Deutsch: Der Ursache, die bewirkt, dass etwas in die Welt, in Bewegung kommt. Die Ursache, die bewirkt das etwas gewirkt wird. Gemeint sind zum Beispiel die schöpfenden HandwerkerInnen, IngenieurInnen oder MusikerInnen, die einen Tisch, eine Brücke oder ein Musikstück hervorbringen. Doch was sind Handwerkende, Ingenieurende, Musizierende, die nach der heutigen Lesart „effizient“ rein quantifizierend und funktional vorgehen. Nichts. Sie sind leer. Ersetzbar. Zum Beispiel durch Algorithmen. KI oder was auch immer. Aristoteles hingegen dachte die causa efficiens ganzheitlich, in einem Zusammenspiel mit drei weiteren Ursachen: Der causa finalis (das was es werden soll wie ein Tisch oder Musikstück) der causa materialis (aus was es beschaffen sein soll, aus Tönen oder Beton) und der causa formalis (was ist das Wesen, das „wesentliche“ des zu Schaffenden ist). Ziel ist es zum Beispiel, dass Musik wohl klingen soll, die Brücken Menschen sicher über einen Fluss führen müssen.
In diesem Prozess des bewegenden Schaffens ist die causa efficiens das Bewirkende, der verbindende Knoten. Sie versammelt sich selber sowie die drei anderen Ursachen (Was kann ich? Will ich es versuchen? Was brauche ich an Wissen, Material…). Dieses Studium der Vermögen setzt jegliche Schöpfung in Bewegung. Dafür muss die personifizierte causa efficiens mit Leib und Körper spüren, was sie bewirken kann; wo ihre Limitationen liegen, welche Fähigkeiten benötigt werden. Dies bedeutet noch lange nicht, dass es gelingt, das Vorgestellte so in die Welt zu bringen, wie gewünscht und vorgestellt. Planende würden sagen, die causa efficiens benötigt „Kompetenz“, in Sinne einer Eignung. Doch wo kommt diese Befähigung her? Wer definiert sie? Wohl keine Exceltabellen und wirr herbeigeredete Kompetenzfelder. Keine Titel oder Noten. Eignung können die potenziell Schaffenden nur aus sich selber heraus an“eignen“, zu „Eigen“ machen. Vermittelt durch Zuhören, Betrachten, Beobachten. Studieren als Gleichklang von Neugierde, Übung, Geduld, Konzentration; durch Versuch und Irrtum. Gepaart mit einer substanziellen Dosis kritischer Selbsteinschätzung. Wenn dann gehandelt, etwas bewegt wird, gewinnt das handelnde Wesen Selbstwirksamkeitserfahrung, Sicherheit und somit ein Wissen um sein Können und seine Einschränkungen. Essentiell ist, dass im Studium der Welt auf die Dinge und Menschen gehört wird, die ein Werk kritisch spiegeln.
Kern ist demnach das Begreifen, was nichts anderes heißt als körperlich ausprobieren, machen, tun, aktiv sein. Selbst im metaphorischen Sinne am Computer (im Computer gibt es strenggenommen nichts mit den Händen „begreifbares“, nur immer gleiche Oberflächen und Symbole). Tun, aktiv sein bedeutet in einer Sache aufgehen, sie durchdringen. Ihr mit Lust zu begegnen, mit Neugierde, Konzentration und Willenskraft. Zum Lernen, zum Studium (lat. „nach etwas streben, sich bemühen“) gehört Übung und Scheitern. Wenn diese Dinge gegeben sind, besteht die Chance, dass jemand etwas schafft, schöpft, gestaltet; etwas her-, in die Welt stellen kann.
Begeben sie sich auf den Weg der Schaffenden werden die Machenden aus sich heraus merken, ob sie geeignet sind; die Fähigkeit besitzen Dinge zu schöpfen. Alleine ist es schwer, etwas zu bewerkstelligen. Dies gelingt zumeist nur äußerst Begabten Tüftlern und Denkern, die oft als Genies bezeichnet werden. Menschen als soziale Tiere lernen und schaffen am besten gemeinsam, in Gruppen. Hier können sie ihre Fähigkeiten einbringen, sich austauschen, korrigieren und suchen – voneinander lernen. Dafür hingegen bedarf es freier Räume, voller Herausforderungen und Fragen, Aufgaben und Vorstellungen, die geteilt werden. Lehrer, Coaches und Meister vermögen es, wenn sie offen sind, als mentale „causa efficiens“ die Lernenden und Suchenden zu unterstützen, sie auf den Weg zu bringen und helfen Fehler zu vermeiden, die schon gemacht wurden. Dazu gehört es, diese zu wiederholen – oder zu begehen, um aus ihnen zu lernen.
Jedes Individuum sollte aus sich heraus eine Beziehung zur Welt und sich selber erschließen. Bekanntlich begreifen wir alle auf unterschiedliche Art und Weise. Hier helfen neben den richtigen Zielen, Materialien und Werkzeugen die richtigen Fragen: Bin ich eher künstlerisch oder technisch orientiert? Bringt mir dies oder das Spaß, so dass ich hierfür Konzentration und Willenskraft aufwenden kann und will? Kann ich das? Fällt es mir leicht oder schwer? Was brauche ich? … Alles Dinge, die nicht „objektivierbar“ sind; nur grob Feldern zugeordnet werden können, wenn diese Helfen die Komplexität unserer Umwelt zu reduzieren. Das, was im Allgemeinen Kompetenz genannt wird, entwickelt sich, wenn die richtigen Spielplätze eingerichtet, die richtigen Beziehungen zwischen den Menschen angeboten werden – alleine, aus sich selber heraus. Dafür brauch es keine Reformen oder leeren Begriffe wie Kompetenzfelder. Dafür braucht es eben: Freiräume und Spielfelder. Aus solchen heraus hat jedes Kind die ersten Schritte getan. Ist ausgezogen die Welt zu begreifen, seine Wirksamkeit zu spüren. Unter der sanft leitenden Hand von Geschwistern, Eltern, Freunden, später Mentoren. Das Meiste, was heute in Prozessen und Kompetenzfeldern vorformuliert wird, spricht von der Verwertbarkeit und entmenschlichten, quantitativ zerlegte Maschinenhaftigkeit des Lernens. Von nichts Anderem.
Niemand muss akzeptieren, dass die Spielwiese von „Planerinnen“ und „Coaches“, der Institutionen weitab der Praxis stattfindet, in Prozessdokumenten bei Kaffegeschwätz voller Worthülsen und unreflektierten Präsentationen. Kein Wunder, dass die Bürokraten Begriffe, die Dinge um die es im Kern geht, oft schlicht vergessen oder ignorieren. Sie vermögen es zum Beispiel an den Hochschulen nicht mehr Worte wie „Studium“ oder „lernen“ zu denken, da sie nie in einem Seminarraum sitzen oder eine Gruppe junger Menschen geholfen haben Schaffende zu werden. An ihren Monitoren eiern ihre Mäuse wichtig durch Tabellen, Evaluationsbögen etc. die so leer sind wie die Begriffe die sie in die Welt husten, uns aufzwingen wollen. Ignorieren wir sie, sie sind nutzlos. Es ist an uns das, was wichtig ist zu leben, vor ihnen zu retten. Dies vermögen nur die, die in der Praxis handeln. Das ist „efficiens“. Nur im Handlungsraum von Menschen in praktischen Beziehungen (zur Welt) kann „Kompetenz“ sichtbar werden. Nicht in Papierstapeln.

(1) Aristoteles, Physik, II Buch, III Kapitel Hier zusammengefasst

Versagen? (Polemik gegen Reformen)

Warum ist es so schwer den simplen Satz aussprechen: „Das läuft so ganz gut…, wir lassen es so.“ Was bedeutet diese Aussage in unserer gehetzten Welt. Einer Welt, die von Plänen, Reformen und Zielen verseucht ist? Mir fällt sofort ein: „Wenn etwas funktioniert, Bestand zu haben scheint, ist es im Gleichgewicht“. Dann läuft es rund; nicht aus dem Ruder. Wie ein Rad, das zentriert ist, in der Mitte. Mag sein, dass es ein wenig eiert. Aber was solls! Es geht im wahrsten Sinne voran. Wird. Im banalen, in kleinen gewöhnlichen Schritten liegt die Kraft des Werdens.
Wenn ich mir mein Arbeitsumfeld, die Hochschule (und auch die Politik) anschaue, scheint gar nichts rund zu laufen. Es wackelt und zuckelt, kratzt, sitzt fest. Warum sonst bedarf es all dieser Reformen? Was soll dieses fordernde Geschrei nach „Innovation“? Ein Ruf der Verlorenen, so scheint es mir. Alles was ist, ist schlecht, wird an jeder Ecke geunkt. Ist unsere Lehre wirklich reformbedürftig? Nur weil die Leitungen über die Jahre den Haushalt verrockert hat, sich Schulden Türmen? Geld für bürokratische Zeitdiebe rausgeschmissen wird, bis keins mehr für die Lehre da ist? Sie nicht führen, sondern mit eingezogenem Schwanz in vorauseilendem Gehorsam den Schreibtischtätern von OECD und EU den Mors lecken?
Können bitte, trotz einer wahrgenommenen Krise, die Strukturen, die funktionieren, die laufen, nicht so lassen werden, wie sie sind? Ändert alles, wie auch das Studium, sich nicht von selbst; von innen heraus? Ewige Akkreditierung, ewiges Qualitätsmanagement, Reformen, Geschwätz all derer, die hinter ihren Aktenbergen hocken, in Gremien ihre Legitimität erlabern; Zettel und Tabellen Produzieren, die uns von der Lehrtätigkeit abhalten. Keiner von denen lehrt, hat jeh gelehrt. Gefühlt brennt in deren Herzen nichts für die Studies, das Studium. All diese Komweids und Präsidien quäken wie frustrierte Froschbändiger nach Reformen des Karrens, den Sie in den Dreck gefahren haben. Fantasielos brüten sie über hohlen Konzepten, die nichts verbessern. Unser Karren, die Lehre, rollt trotz der in den Weg gelegten Steine weiter. Läuft. Rumpelt über die Schlaglöcher, die sich durch das Versagen von Bürokratie und Verwaltung auftun. Der Wagen schlingert und knirscht halt ein wenig. Aber was solls?
Wie mein Herzenstudiengang: Läuft. Mal runder, mal wenig rund; zentriert. Mal gibt es mehr Preise, mehr Ausgründungen, mal weniger. Wie das Rad auf dem Weg der Mitte, das immer etwas eiert; zumeist unmerklich. Selbst wenn der Studienplan die Struktur starr erscheint; jedes Jahr kommen neue Menschen, lernen, finden und entwickeln Dinge. Bringen sich selber voran, so wie ich mich entwickle, jeden Tag ein Anderer bin (Rimbaud (1)). Der ganze Studiengang ist jeden Tag anders – durch diese feine, schmierende Bewegung von unten. Mal ein wenig besser, mal ein wenig schlechter. Werden. Kraft von Ĭnnen.
Bald gehe ich, der Games Master läuft weiter. Ein wenig anders als zuvor. Neue Menschen verändern. Mit oder ohne Reformen. Wozu dann immer wieder Herden von Bürokraten beschäftigen? Korintenkacker nannte sie mein Vater. Er hatte recht. Sie stehlen uns, die wir versuchen den Studierenden eine angenehme, spannende und auch anstrengende Lehrumgebung zu schaffen, die Zeit. Sie zwingen uns, unsere Ideen, den laufenden Status quo zu verteidigen. Sie zwingen uns, in gähnend langweiligen Sitzungen gegen die Tabellen, leere Powerpointeuphemismen und Vorgaben zu kämpfen? Mein Magen grummelt, ich denke „verpisst Euch“ – ja, ich bin froh, mich bald verpissen zu dürfen. In der Mitte bleibt der Studiengang mit seinen Studierenden. Ich werde sie vermissen. Zurück bleiben die Kolleg*Innen, die hilflos dem Gezerre der Bürokratie und deren Reformwahn ausgeliefert sind.

(1) „Ich ist ein anderer. Umso schlimmer für das Holz, wenn es sich als Geige wiederfindet, und Hohn über die Ahnungslosen, die über das rechten, wovon sie nicht das Geringste verstehen.“ (Rimbaud A. (2002) Sämtliche Dichtungen. dtv, Seherbriefe 369)

Begehren

Ich lese Lacan, denke, versuche zu verstehen. Dabei scheint es so banal. Andauernd begehren wir Dinge. Weil die Anderen sie begehren. Weil Andere wollen, dass wir sie begehren. Ab der Geburt werden wir angerufen, diese ebenfalls haben zu wollen. Gegenstände, Menschen, Kontakte, Nationen, Reichtum, Image, Ansehen, Titel, Geld, Erlebnisse… Unsere Hände werden feucht, wenn Andere etwas haben, was wir zu wollen meinen. Schlimmer noch. Durch jedes Objekt appellieren die Anderen an uns, etwas zu wollen. Stopfen uns mit Sehnsüchten voll. Usere Begierde ist die der Anderen. Verinnerlicht. Ohne diese Dinge vermeinen wir nicht vollständig zu sein.
Ein ungezügelter Appetit galoppiert durch unseren Geist, setzt sich in den Gedärmen fest. Er schreit nach mehr; wuchert. Möchte alle Leerstellen füllen, die wir vermeinen zu haben. Schon längst gesättigt stopfen wir mehr und mehr in uns hinein. Ein in wörtlichem Sinne tödlicher An“spruch“. Wir bemerken nicht, das wir schon lange geplatzt sind. Die geglaubte Fülle ist die eines reifen Abszesses. Der von Begierde verseuchte Eiter quillt über die Erde. Sie stöhnt unter den beton- und plastikverseuchten Schritten der Menschheit.
Alles nur, um dem großen Anderen, den verinnerlichten Blicken – ja von wem eigentlich – zu genügen. Sind wir passend gekleidet? Wohnen wir am richtigen Ort? Ist unsere politische Meinung genehm oder gar die erwartete, passende Provokation? Verhalte ich mich so, wie die Eltern, Freunde, oder Lehrer es erwarten? Die Liste ist unendlich. Doch nichts vermag die innere Leere zu beseitigen, die sich im Eventlachen oder Fremdschämen zu Hause fühlt. Eine Leere, die große Frage, mit der wir geboren wurden. Die wir stets nur allzugerne verdrängen: Wer bin ich? Die Leerstelle, die wir mit all dem Lob, all der Anerkennung, all dem Plastikquatsch zu füllen versuchen.
Eine Meinung besitzen, Dinge zu besitzen hat nichts mit „Sein“ zu tun. Hat nichts mit Haltung zu tun. Das einzige was für mich zählt, ist zu versuchen eine Haltung zu erlangen, die den Blicken der Anderen, meinen Blicken genügt. Eine bewegliche Haltung, die all den Ansprüchen in ihrer Flexibilität standhält. Genügsam sein bedeutet, das zu akzeptieren, was nicht perfekt zu sein scheint; vertrauensvoll und liebend in die Welt zu schauen. In ihrer beweglichen Mitte zentrier zu bleiben. Lücken zuzulassen. Bei uns selber. Einem Selbst, dass immer wieder anders ist, wird. Das darauf schaut, wie die Zeit an uns vorüberstreicht, die Wesen und Menschen vorbeiziehen, vergehen um neu zu erstehen. Wie wir selber. Alles ist Vergänglichkeit im Werden.
Es ist an uns zu üben, nicht mit dem dämlichen Plastikgrinsen der bunten Figuren, die stumpf in die Welt starren, auf diese zu schauen. Zu lernen nicht leer wie die meisten Menschen, auf ihrer vergeblichen Suche nach Inhalten, mit trübem Blick auf die Arbeit, durch die Warenhäuser und Reisebüros zu schleichen. Sie kämen ihrem Ziel näher, wenn sie bei sich blieben. Wild tanzen oder schweigsam ihren Atem betrachten würden. Für sich, ohne darauf zu achten, was die Anderen denken. Meintswegen nackt.
Ich betrachte die Vögel in der kahlen Hecke. Suchend, pickend, plusternd, flüchtend. Flüchtig.

Polemik gegen die Tabelle

Warum verachte ich die Tabelle? Diese Anhäufung von Kästen in ebenmäßiger Form, gradlinig wie die Reihen einer uniformierten Soldateska? Quadratisch, praktisch, auf keinen Fall gut. Warum ruft sie in mir so einen tiefsitzenden Ekel hervor?
Liegt es an meinem künstlerischen Geist? Ein Geist der die Dynamik des Kreises, der geschwungenen Linie, des Bruches, der Störung vorzieht. Der – im Sinne Picabias – die Erkenntnis, dass der „Kopf rund ist, damit das Denken die Richtung ändern kann“ schon früh verinnerlicht hat? Liegt es an der Grundform der Tabelle, dem Quadrat? Ja, das Quadrat ist fest, steht starr im Raum. Wie Malewich malerisch feststellte. ohne Anfang und Ende, unendlich tief und dennoch weit ausgreifend. Doch selbst sein Pinselstrich vermochte keine einhundert Prozent exakte, berechenbare Linie zu malen. Sein Quadrat ist so unscharf wie die Behauptung des von Doesburg in seinem Pamphlet „Mecano“ (4,5 1922), das Quadrat zu verstehen.
Das abstrakte Quadrat, als Basis jeder Tabelle ist absolut berechenbar, exakt, fest-gestellt. Eine Hoffnung auf allumfassende Kontrolle. Der Kreis hingegen, die gebogene Linie, beinhaltet die Unberechenbarkeit der Infinitesimalzahl π. Nie genau ermittelbar. Immer dem Schwingen des Ungenauen ausgesetzt, der Annäherung. Nie zur Ruhe kommend, immer im Werden. Das Quadrat hingegen behauptet die Festigkeit eines Betonblocks. Es ist eingebunkertes Denken. Es fordert die Logik der Ideologien, bis hinein die in der Kunst der Konstruktivisten, die eine ewig bestehende, utopischen Weltwahrheit suchten. Heraus kamen die toten Wohnblocks, in denen die Menschen wie Hühner in den Legebatterien eingepfercht werden. Nutzenoptimierung für die Sklaven des Marktes. Hinter der erhofften Befreiung verbarg sich die tote Logik der Effizienz, der kapitalistischen Berechenbarkeit.
Eben der Effizienz, die ihren Höhepunkt im Siegeszug der digitalen Systemen erlangen sollte. Darum lieben Verwaltungen Tabellen. Excel Tabellen. Sie schützen die SchreibtischtäterInnen davor Menschen zu sehen, das Leben zu spüren. Das Leben, das immer unscharf ist, wird verdrängt, wie hinter die anonymen, gleichförmigen Türen der Betongettos. Darum sind Quadrat und Liste die geborenen Freunde der Erstarrung, der Unbeweglichkeit, des Todes. Was ist eine aus Excel generierte Statistik gegenüber dem Geruch, der Dynamik, dem Wuseln, den huschenden Bildern des Lebens? Alle die auf den eckigen Plastiktasten der Tastaturen tippenden, in die rechteckigen Monitoren starrenden VerwalterInnen und Planenden sind durch die Tabellen von ebendiesem Leben abgeschirmt. Für sie ist die Welt ein Zoo, der durch die zahlengefüllten Spalten und Zeilen auch sie schon lange weggesperrt hat. In einen Raum, ein Cubicle, eine glatte, glänzende Ecke des Großraumbüros, der Gefängniszelle des täglichen Molochs. Fernab von den Menschen, die als Nummer über den Bildschirm flackern. Wie die Tage ihres gekästelten Kalenders leer verstreichen.
Das Quadrat dominiert das teleologische westliche Denken. Hier wurde die Welt schon früh als Taxinomie klassifiziert. In der Hoffnung, alles und jeden zu erfassen, einzusortieren, zu ordnen. Tote Holzkästen voller festgenadelter Insekten. Die Menschen bemerken die unsichtbaren Nadeln der Tabellenkalkulationen, die sie selber durchdringen erst, wenn sie die genau bemaßte Grenze des Quadrats, diese tödliche Linie, überwinden wollen. Wenn sie bemerken, dass kein Leben in eine Zelle passt; wenn sie selber durchs Raster fallen.
Das Quadrat normt, schert über einen Kamm. Das Quadrat generiert Langeweile und Papierberge, die nichts aussagen. Doch wie stolz sind die Verwalter des klinischen Todes auf ihrer Ergebnisse, diese ausgehöhlten, leblosen Datenberge, die sie produzieren? Mit ihren Zahlen und abgegrenzten, eindimensionalen Wissen quälen und martern sie das Leben. All die BeraterInnen, BürokratInnnen, Politiker*Innen… Besserwissenden. In ihrem Versuch, alles in einen Kasten mit der dazu gehörigen Formel zu zwängen, berechenbar zu machen, alles, was nicht hinein passt, zu entsorgen. Jedes atmende Dazwischen wird ausgegrenzt. Es existiert nicht.
Ist das Quadrat nur eine Metapher? Eine Metapher, die schon früh in den Köpfen unserer Vorväter herumspukte? Der Kulminationspunkt der aristotelischen Kategorien, die Kant bis hinein in unser Moralverständnis gestopft hat? Egal, die Tabelle mit ihren Formeln ist allgegenwärtig. Die digitalen Kalkulatoren, die nur in ihrer Zelle denken können, die PCs mit ihren eckigen Prozessoren, haben den Prozess verstärkt. Man schaue nur, wie gefangen die Menschen vom Blick auf ihre kleinen, leuchtenden mobilen Quadrate sind, die sie immer bei sich führen müssen. Zwanghaft. Auf deren Bildschirmen es summt und tanzt, piepst und quiekt. „Alles so schön bunt hier“, sang Nina Hagen. Doch dieses „Bunte“ erscheint mir ebenso blutleer und farblos wie die „grauen Männer“ bei Momo. Man kann Quadrate anstreichen wie Mondrian. Man kann sie sogar genießen. Doch kein Pinselstrich war so perfekt wie die Pixel eines Monitors.
Ich fordere die Löschung aller Tabellenkalkulationen, die Sprengung der Linien des Quadrats, die explosive Macht der Unschärfe, des Unberechenbaren, des Ungenauen. Zerfallende Grenzen, die offen sind. Deleuze und Guattari folgend müssen wir Fluchtpunkte und Horizonte eröffnen. Stürmende Wellen, die selbst die Grenzen des Kreises sprengen, das Chaos. Denn der Kreis in seiner Unberechenbarkeit ist nie „fertig“. Eine Forderung nach Beweglichkeit. Denn nur in der Bewegung gelingt ein „Werden“. Lieber beim Experiment vergehen als in der quadratischen Zelle zu verrecken, langsam zu verwesen, den berechenbaren Zahlentod zu sterben. Ist es zu spät?

Nix Tun

Es kommt im Leben nicht darauf an, was man getan hat. Es kommt darauf an, was man nicht getan hat. Dieser Satz, diese Weisheit rumpelte während der Morgengymnastik in meinen Kopf. Habe ich ihn gedacht oder ist es die Erinnerung an den Ausspruch eines Weisen, der sich in meinem Unbewussten festgesetzt hatte? Er riecht nach uraltem Wissen, das feststellt, das zu selten gehandelt – oder besser – nicht gehandelt wird. Im Chinesischen etwas „Heiliges“: Wu Wei – NixTun – Natur wirkt aus sich heraus. (1) Ohne Ziel, ohne Intention.
Ein Satz gegen die alltägliche Betriebsamkeit, das Gerenne und Gehetze. Der Drang, etwas zu erreichen, wo nichts zu erreichen ist. Gedanken gegen die Hin und Her hüpfenden Affen im Kopf, die antreiben, verzetteln, verwirren. Falsche Ziele Setzen. Der Affen, die schwer zur Ruhe zu bringen sind. Der Affen die rufen und schreien, fordern und zerren. Dabei ist es so simpel. Auf den sanften Atem konzentrieren. Den weichen Strom gleiten lassen, der die Affen verharren lässt, bis sie, verwirrt den Kopf kratzend, verträumt auf ihren Ästen hocken und – nichts tun.
Im nichts tun können wir bei uns sein, bei all den Anderen sein, in der Welt sein. Im nichts-tun wird Niemand durch unser betriebsames, maschinelles Handeln angetrieben, beleidigt, herausgefordert, verletzt. Wie oft habe ich mir durch gedankenloses Tun Ruhe versagt, mich antreiben lassen. Statt in Gelassenheit zu treiben; zu schweben,. Wie das Blatt, das gemütlich und zielstrebig vom Baum zur Erde taumelt. Es wird auf der feuchten Erde landen, um zu vergehen, neues Leben zu spenden. Ich bin das Blatt. Ich schillere in buntesten Farben. Die Affen sitzen weiterhin oben in den Ästen und staunen verwirrt, halten inne, ohne es zu bemerken. Dann, der nächste Sprung, das nächste Schwingen. Ich wünsche allen Affen, dass sie zu Blättern werden, ihren Ort finden. Nicht abstürzen.

(1)Lao Zi spricht allerdings vom Heiligen so: „“Der Heilige geht nicht – Bu Xing (…)und weiß doch, er sieht nixht – Bu Jian (…) – und ist doch klar, er handelt nicht – Bu wie (…) und bringt doch zustande.“ Und noch deutlicher heißt es bei ihm; “Ohne aus der Tür zu gehen kennt er doch alles unter dem Himmel; ohne aus dem Fenster zu schauen, sieht er das Himmelsdao. Je weiter er heraus hinausgeht, desto geringer wird sein Wissen.““ (1) Geldsetzer, L, Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart; S. 81

Den Schmerz atmen

Der Körper. Was ein Gestell aus Knochen und Muskeln, was ein Haufen Zellen. Was ein Wunder voller Wasser! Was für eine rufende, schreiende, meckernde Illusion. Lange vor den Gedanken will der Körper. Er fordert. Gnadenlos. Unsere Emotionen und der ach so freie Geist sind seine Sklaven, ihrem vergänglichen Träger auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Belagert von einem andauernden Strom von Anrufungen, bis hin zu wildem Geschrei, solange dieser todgeweihte Zellhaufen über die Erde wandelt. Das Grollen des Hungers, hier ein Mucken, dort ein Jucken. Die vielen Seiten des Schmerzes. Von stechend fein, scharf ziehend, über dumpfes sich bemerkbar machen, bis hin zum alles einsaugenden Malstrom, der das Ich in den Moment hineinreißt, bis jeder Gedanke Schmerz ist.
Zu dieser dunklen Seite des Körpers gesellt sich die sonnige, luftige, freudige Lust des Begehrens. Wir verorten sie zumeist im Geist. Dort machen sich dessen Diktatoren, die Emotionen bemerkbar; wenn sie aus unseren Eingeweiden in den Kopf geworfen, geschossen werden – oder langsam in das Bewusstsein wandern. Manche dunkel und voller Schmerz, manche licht und hell.
Das der Leib für den Geist Strafe zu sein vermag, durchdringt die Geschichte. Jedes Herrschaftswissen weiß zu berichten, dass wir den freien Geist, den Willen durch einen Angriff auf den Körper strafen und brechen können. Offen und brachial; nicht so fein und fröhlich geheuchelt wie durch die vernebelnde Rede (1). Doch denken wir jetzt nicht an die gesellschaftlichen Körper, die Metaphern unserer Fleischlichen.
Leiden und das Begehren nach dem Ende des Schmerzes sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie bleiben bestehen, solange wir nicht gelernt haben, die Ursachen zu erkennen. Doch erkennen reicht nicht. Wir müssen den Körper, die Schmerzen umarmen, Freundschaft mit ihnen schließen, sie akzeptieren, verstehen. Dann findet sich ein Weg, mit ihnen in Frieden zu leben. Nur so vermag sich Linderung einzustellen. Bei uns selber im gesellschaftlichen Körper. Eine harte, immerwährende Aufgabe für unser aller Leben. Daher versuche ich im Schmerz meinen Körper, alle Körper zu lieben (was schwer ist). Bis dieser Zellenhaufen sich im Universum auflöst, der Geist befreit wird. Solange versuche ich zu verstehen, was mein Körper sagt. Egal wie stark der Schmerz meinen Geist nervt und martert.

(2) 1. Souveränitätsmacht: Die Macht des Schwertes „Sie hat insofern einen geringen Differenzierungs- und Vermittlungsgrad, als ihre Sprache auf die einfache »Symbolik des Blutes« beschränkt ist: »Gesellschaft des Blutes oder richtiger des ‚Geblütes‘: im Ruhm des Krieges und in der Angst vor dem Hunger, im Triumph des Todes, in der Souveränität des Schwertes, der Scharfrichter und der Martern spricht die Macht durch das Blut hindurch, das eine Realität der Symbolfunktion ist.« Das Blut bedeutet. Auch der Körper des Gemarterten wirkt zeichenhaft. Er ist ein „Mal«, ein Mahnmal, das bedeutet, Die Macht des Souveräns spricht durch den zerstückelten Körper oder durch die Narben, die die Marter auf dem Körper hinterlässt. […] Und Folter und Marter vollziehen sich als ein Ritual, als eine Inszenierung, die mit Zeichen und Symbolen arbeitet“ (Han, B. C. (2005) Was ist Macht. Reclam, Stuttgart (49 zit nach Der Wille zum Wissen 175))

Vernebelt

Dunkle Wolken schieben sich über- und durcheinander. Ab und zu ein kurzes, zögerliches Leuchten der Sonne; wenn ihre abgeschwächten Strahlen eine dunstige Lücke finden. Stetig, dem Herbst folgend, nähert sich der Moloch. Im taumelnden Sturz der ersten Blätter, kalt und feucht, fliegen trübe Messages in mein Postfach. Wie die eines in meinen Augen armen Menschen, der sich nicht auszudrücken vermag. Herbststimmung ist Grübelstimmung. Ich lese von Skilltrees für curricularen Erfolg. Ich verstehe das Anliegen nicht wirklich. Ist es ein Studierender? Was will er? Was soll das?
Immer wieder gedachte Gedanken werden getriggert.: Was hat ein Skilltree mit Curriculumsentwicklung zu tun? Wollen sich Studierende selbst gamifizieren? Meine Finger flitzen über die Tastatur. Ich frage nach. Antwort kommt. Es ist kein Studierender, wie zuerst gedacht. Er outet sich als Mitarbeiter einer nicht allzu kleinen Abteilung der Hochschule. Ich scanne die Seite. Ok, nicht ganz so sinnbefreit, wie ich befürchtete. Die Abteilung soll helfen Mittel zum Unterrichten, Lernen, Prüfen bereitzustellen. Moderne Mittel der digitalen Kommunikation. Schön und gut, denke ich, während meine Augen weiterlesen. Doch dann bekommt mein Gehirn Schluckauf. Euphemismen bunte Bilder und leere Worte bombardieren die Sinne: Es geht „strategisch-strukturell“ zu, alles wird „transformiert“, ist „innovativ und zukunftsfähig“. „Dialog und Vernetzung“ durch „wirkungsreflektierende Formate“ werden wohlfeil angepriesen… ich kann nicht weiterlesen. Mein Geist vernebelt sich, wie das Wetter draußen, kollabiert. Was ein Geschwafel! Haben die verstanden, was die da schreiben? Haben die jemals selber unterrichtet? Sind ihre Hirne von den dunklen Wolken neoliberaler Worthülsen verdunkelt wie der Himmel durch dunkel ziehende, regenschwangere Herbstwolken? Einatmen, ausatmen.
Wie oft habe ich in den letzten 25 Jahren über Studium und Lehre sinniert, gegrübelt, geschrieben. Will längst durchdachtes, zerkautes erneut befragt werden? Das „Lernsystem Hochschule“ scheint mich ewig erinnern, nerven zu wollen. Was zum Teufel ist Lernen!? Was bedeutet Lernen heute!? Was heißt es, zu studieren? Was haben diese Euphemismen damit zu schaffen? Was sollen sie verbergen? An sich ist meine erste Antwort nach dem, was Lernen ist, so simpel wie ein blauer Himmel: Ich sehe den mediterranen Sommer, den ich hinter mir ließ. Ich sehe Sokrates, der mit Phaidros an der Stadtmauer Athens unter Platanen wandelt. Mit dem jungen Mann grundlegende Fragen zum Eros und der Schrift erörtert. Im Dialog. Neugierig, offen fragend; manchmal ist Anstrengung zu spüren. Die Worte wandern frei durch sonnige Luft, bewegen den Geist, schweifen und verdichten sich. Wort gibt Wort Raum. Dialog. Studium. Kein Curriculum nur Neugierde und Themen. Keine Angst vor Exmatrikulation oder Prüfungsversagen. Kein Digitalisierungsdruck, kein internalisiertes Raster ökonomischer Verwertbarkeit. Die Alten gaben sich Zeit und gebaren Jahrtausende durchwaltendes Wissen. Den Zeilen folgend füllt wärmende Sonne meinen wissbegierigen Bauch, verdrängen die herbstlichen Wolken.
Ich scanne die Webseite der Organisatin, suche das Wort „Studium“ – vergeblich. Wie auch? Darum geht es nicht. Es geht darum das „Lernen“ durch „Prüfungsordnungen, Prozessen und Strukturen“ zu fesseln, zu knebeln, abzuwürgen. Industriegetriebene Lernmaschine für Studierende. Möglichst digital. „We don’t need no education“ sangen Pink Floyd schon 1979, just als sich die neoliberale Ordung durch Thatcher anbahnte.
Platon und viele Weise lehren: Lernen ist reden, Austausch und vor allem – machen, ausprobieren, tun, handeln. All diese Wortblasenbildungen, die mir auf der Site entgegenschlagen, erinnern mich daran, was ich seit längerem spüre: „Studium“ ist nicht mehr gewollt. Ich lese von „selbsverantwortlichem“ Lernen – und immer wieder Partizipation. Ich lache innerlich. Ja, die Studierenden sollen partizipieren dürfen; gnädigerweise im gesetzen System, dem Raster folgend, mitmachen, teilhaben. Hier und da ein Krümel Freiheit. Alte Talare wurden durch neue ersetzt. Systemische, technologische. Ab in den Fleischwolf der Lernmaschine! Heute digital, mit einem tollen Lernvideotool. Aber studieren? Aus sich heraus aktiv werden? Finden und erfinden? Sich reflektieren? Nein, all dies ist nicht mehr gemeint, von vielen Lernenden vergessen oder nie gelernt.
Dazu habe ich schon einiges gedacht und geschrieben…mit Hilfe von Nietzsche, Pfaller… Dennoch – es würgt immer wieder in mir, wenn ich durch solche Ereignisse und Texte erinnert werde. Wenn ich sehe wie viele Lernenden, Lehrende und speziell die Verwaltung das neoliberale Denken verinnerlicht haben. Funktionieren. Das Raster erstickt! Durch genormten Curricula, Prüfungen nach CP, unter dem kalkulierten Deckel von CNW-Werten, dem Druck zur Finanzierung der Institution nach „Aufnahme-“ und „Abschlussquoten“… Aus den Universitäten ist das Studium verschwunden. Hochschule ist zu einem System verkommen, das von Bürokraten geregelt wird, die nie ein Seminar geleitet, unterrichtet haben. Die nie in den Genuss gekommen sind als lernende Lehrende in gespannte, neugierige Augen zu blicken. Ihre Welt, die OECD und EU genormte Datenbanktabelle, würgt jede freie, spielerische Entfaltung ab. Sie beschäftigen nicht nur sich (retten ihren Job). Nein, sie belagern die Lehrenden und Lernenden mit nie erfragten Operationen und Zwängen. Ohne Liebe zur Lehre, der Praxis. Wie Unternehmensberater. Ich denke: „Freiheit von Forschung und Lehre, wer hat Euch so hingerichtet“.
Meine Geliebte ist hässlich geworden. War sie es schon immer? Habe ich es nur nie bemerkt? Ihr bürokratisches Unbewusstes grunzt hohl, aus toten Fenstern quadratischer Bürogebäude in den herbstlichen Dunst herab. Schielt aus den Zellen der Tabellenkalkulationen und Strategiemeetings, Whiteboards und Sitzungen darauf, wo sie mich normen, kanalisieren, einengen kann. Kalt erfasst ihr eisiger Hauch eine absterbende Welt, lässt die zarten Triebe der Neugierde verwelken. Herbst oder schon Winter?
Zeit, die sich ausbreitende Ödnis zu verlassen! Zeit zu gehen! Zeit nehmen, die Welt umarmen, sie zu erforschen, erspielen, erlernen. Immer wieder. Fluchtlinien ergreifen, wandeln zu neuen Orten, anderen Orten. Vielleicht unter Platanen, wie einst Sokrates und Phaidros.
Ich fühle Mitleid für die, die bleiben müssen, keinen alternativen Weg finden und fanden. Sapere aude, um mit Kant zu sprechen.

Love and Hate

Zwei von vielen Seuchen, die schlachtend und mordend eine unfassbar blutige Spur durch die Geschichte der Menschheit ziehen, lassen mich immer wieder erschauern. Grausamer und brutaler als fast jeder tödliche Virus, jedes giftende Bakterium es vermag. Das schlimmste ist, es scheint kaum eine Medizin gegen sie zu geben. Keinen Impfstoff, kaum Schutzmaßnahmen. Sie schlagen immer wieder zu, nachdem sie manchmal jahrelang in ihren verwirrten Wirten schlummernd ihr tödliches Spiel vorbereitet haben. Sie sind klar zu benennen und es gibt nur einen umfassenden Schutz gegen sie: Bedingungslose Liebe zu jedem Wesen, jedem Geschöpf. Liebe voller Vertrauen, Zärtlichkeit und Zufriedenheit. Denn sie infizieren mit dunkler Lust die unzufriedenen, die armen und Hilflosen, die Verlassenen und Ungeliebten. Menschen die sich in einer kalten Welt nach Wärme, Anerkennung, Macht und Stärke sehnen. Menschen die ihre eigene Stärke, Liebe zu sich selber, die nur in ihrem Innersten ruhen kann, nicht gefunden haben. Die unfähig sind, sich aus sich heraus zu ermächtigen. Oft haben die mordenden Seuchen die Liebe zu sich und allen Wesen zersetzt. Sie verängstigt, ihnen die Liebsten oder das Heim geraubt.
Die beiden Seuchen, die meine Gedanken immer wieder zernagen, nennen sich Nationalismus und ideologische Religion (1). Wie Würmer kriechen sie durch die Völker, oft versteckt, dann wieder offen ihre Parolen schreiend. Wenn, wie nicht selten, beide zusammen auftreten, werden infizierte Wesen zu laut brüllenden Monstern. Nationalismus und Religion haken sich gerne unter, verstärken sich gegenseitig, schwellen wie ein schleimiges Geschwür und zerdrücken alles warme, schöne, ruhige. Schnell wird aus dem göttlich gehauchten Wort ein Befehl, aus dem verletzten nationalen Stolz ein Massaker. So wie jüngst in Israel, der Ukraine, Somalia…die Liste ist unendlich.
Diese Seuchen töten selbst die schönsten Blumen der Sprache, vergiften jeden Boden, auf welchem die erhabensten Gedanken gedeihen könnten. Ja, sie nehmen Worte wie Liebe oder Vertrauen in ihren Mund. Sprechen von Gemeinschaft und Solidarität. Kurz sie töten nicht nur, sondern verseuchen das Haus, in dem das Denken wohnt, unsere Sprache.
Daher ist es umso wichtiger mit wirklicher Liebe für jedes Geschöpf in dieser wunderbaren Welt jener geheuchelten, beschmutzten Liebe entgegenzutreten. Wozu bedürfen wir allmächtiger oder zürnender Gottheiten, Priester, Führer, Nationen? Nichts und niemand darf über dem liebenden Leben stehen. Nur eine Liebe zu allen Wesen, von denen ein jedes das Recht hat, auf dieser Welt ihr Glück und ihre Zufriedenheit zu finden, kann wirkliche Liebe sein. Egal was diese Menschen glauben oder wo sie leben. Selbst die armseligen Hetzer im Namen „großer Ideen“, die in Wirklichkeit kleiner und wurmhafter sind als jedes Bakterium, das im Schlamm brütet, wollen geliebt sein.
Ach wie viele Male ist der Weg zu bedingungsloser Liebe von den großen spirituellen Lehrerinnen und Lehrern wie Meister Eckard, Siddhartha Gautama, Rumi und vielen mehr beschworen worden; über Jahrtausende. Warum finden so wenige ihren Weg, geben ihren freien Geist an giftige Ideen und vergiftende Herrscher ab? Ist es so schwer, in sich zu suchen, den Kern des eigensten Seins zu erspüren? Die wärmende Sonne der Zufriedenheit in uns zu spüren. Uns gewahr zu werden, dass alles endlich ist? Die Zeit, die wir auf dieser Erde wandeln, zu nutzen?

(1) Ich unterscheide immer stark zwischen Religion und Spiritualität. Erstere vernebelt die Sinne, zweite ist das Gefühl der liebenden Allverbundenheit mit etwas, das als Welt, Alles, das Ganze bezeichnet werden könnte. Es ist für jeden individuell und anders. Religion sind für mich Machtstrukturen, die den „Geist“ vernebel und unter dem Deckmäntelchen des Glaubens/Wissens eine natürliche Verbundenheit mit Welt überlagern.

Erkennen? – (Nicht)-Handeln!

Mit Wu Wei (無為) entstand dieser Blog aus dem Nichts. In einer die Seele entleerenden Mittelmeeridylle. Nichts bedeutet, wie man sieht, nicht „nichts“ – etwas, der Blog kam in die Welt. Genauso heißt Wu Wei nicht „nichts tun“ („nicht handeln“). Es geht darum zu erleben, dass, wenn wir handeln, nicht „nicht-handeln“. Es geht um ein „Handeln“, dass den meisten der dominierenden westlichen „Erkenntnis-“ und „Wissensgetriebenen“ Denkungsarten leider allzu fremd ist. Aus dem schönen Buch über die „Grundlagen der chinesischen Philosophie“ strömte entspannt, beim gurgeln der Wellen, umfangen von der warmen Mittelmeersonne, folgende Geschichte in meinen Geist: „Ein Bauer fällt alle Bäume, die ihm nach Wuchs und Gestalt für die verschiedensten Zwecke nützlich sind. Aber ein uralter Baum ist immer stehengeblieben. Er war zu „Nichts“ nutze, und das hat ihn gerettet (…). Aber hat der Bauer nicht dadurch, daß er ihn nicht fällte, seinen Nachkommen und allen Gästen, die sich in seinem Schatten labten, die Umwelt verbessert und so sehr weise gegandelt?“ (1).
Die westliche Ergebnis- und Erkenntnisgetriebenheit mit ihren Effizienztechniken und Rastern ist bestrebt alles zu fällen (zu nutzen), was in einem numerisch definierten Feld zu verwerten ist. Perfide ist, es wird versucht alles zu erfassen! Dabei fallen die Dinge, die auf den ersten Blick nicht gebraucht werden, gnadenlos der industriellen Axt zum Opfer. Die weiten Wasser der Meere werden ebenso verschmutzt, wie die geschändete Erde in Abraumhalden dahinsiecht oder die Luft von den Abgasen der Motoren und Industrien verpestet wird. Im Handlungswahn, getrieben vom Wissen um die Nützlichkeit. Die Natur wird durch die wucht der Technik zum Verschwinden gebracht, wie Heidegger es so schön traurig beschreibt. Der Rhein wird nicht mehr als Fluss gesehen, der nur für sich dahinfließt, der für sich da ist. Der, wenn wir ihm begegnen, so genossen werden kann, wie er ist.
Heutzutage ist die Natur nichts als Funktion, ihre Unendlichkeit wird in Tabellen, Papern und Listen eingefangen und verwertet. Sie wird nach Heidegger „bestellt“ um zum Beispiel Energie zu gewinnen, der Schiffahrt – oder unausgesprochen – als Müllkippe zu dienen (2). So werden die sich einst romantisch ihren Weg durch Täler windenden Ströme mit ihren Auen zu verseuchten, leblosen, eingezwängten Kanälen. Dies Denken ist ebenso betoniert, wie die ewige Ideologie des Wachtums, für das immer neue Strategien erforscht und die Gehirne der Kinder mit bunten Bildern gewaschen werden. Die Lernmaschinen der Universitäten und Institute in Verbund mit der Ökonomie erdenken in ihren Papern, Tabellenkalkulationen und Strategien immer neue Wege den Prozess zu beschleunigen. Dieses berechnende Denken lässt kein Raum, keine Weite und Leere um auf „Sein“ zu achten. Es sein zu lassen. Zu studieren. Alles fokussiert sich Teleologisch, auf ein verwertbares Ziel hinaus. Die Menschen werden wie die Natur verformt und verbildet um in der Maschine ihren Platz zu finden. Wo ist da Erkenntnis? Oder besser was ist das bitte für eine Form der „Erkenntnis“, die nichts mehr kennt, die wunderbare Natur vergessen hat?
Die letzen Bäume im absterbenden Garten dieser Welt sind für mich die frischen Gedanken und Aktionen einer Jugend, die ihre eigenen Gedanken hegt und pflegt. In ihren Nicht-Handlungen stören sie den Fluss der Maschinen, speziell den Verkehr.
Ich werde jetzt besser langsam und bedenklich den Boden erspüren, der uns trägt um über das „nicht-handeln“ zu meditiern. Meine Praxis muss die Nicht-Praxis sein.

(1) Geldsetzer, L, Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart; S. 84

(2) vgl. Heidegger, M. (1953) Die Frage nach der Technik)

Lernen verlernt

Die Ruhe der langen Weile lässt Raum zum Sinnieren, Lesen und nicht Handeln. Frei denken, wie die wilden Strömungen der Luft, ist anders Tun. In ihm findet sich kein zielgerichtetes, teleologisches, effizientes Schaffen. Es bewegt sich jenseits der Betriebsamkeit einer seinsverlorenen Lohnarbeit; wozu ich meine Lehrtätigkeit zähle. Lang Weile ist bewegende Nicht-Bewegung für den Kopf. Am besten, nachdem der Körper ihn im wahrsten Sinne des Wortes freigeschwommen und leer geatmet hat. Ich meditiere über das wundervolle Buch „Grundlagen der chinesischen Philosophie“, dass mir ein Meiser nahelegte. Welch eine Wonne, welch ein schönes Denken gegen das produktorientierte Ziel- und Gedankengehetze des Alltags. Das vermeintliche Wissen und Expertentum der Arbeitswelt.
Tausendjährige Worte zweier Kuluren treffen aufeinander, heute genauso aktuell wie damals. Kein Staub hat sich an die Zeichen gelegt, die mir glänzend unter der Mittelmeersonne aus den Seiten entgegenspringen: „Fast wie Sokrates die Sophisten rügt er [Zhuang Zi] die zeitgenössischen Experten und beschwört das Ideal: »In den alten Zeiten lernte man, um sich selbst zu vervollkommnen. Heute lernt man, um sich bei den Mitmenschen zu profilieren«. Das muß zuerst wiedergewonnen werden, dieses Wei Ji Zhi Xue (…) – das Lernen, um sich selbst zu vervollkommnen – es ist Xiu Ji (…) – Selbstbildung“ (S. 29)
So wie das Studium aus den Hochschulen verschwunden ist um dümmlichem Gepauke, genormt nach Exceltabellen zu weichen, erwürgt eben dies Expertentum die Lust am Wissen, die Selbstbildung. Eine Vorstellung und Ahnung dessen, was Weisheit sein könnte, wird kaum gedacht. Wie auch, wenn der Denkraum durch Effizienz, nunerische Ziele, lineares Ausgerichtetsein etc. in den dunklen Keller des Vergessens entsorgt wurde.
Für mich ist der Begriff Selbst-Studium genauso wenig vergessen und verstaubt wie die alten Texte. Eher leuchtet er wie der helle Schein des Seins am Horizont. Bei Kong Zi ist dieser Schein die Menschlichkeit „Ren“, im chinesischen immer in Verbindung mit der Sittlichkeit gedacht: „»Yan Yuan (…) fragte nach Ren {…) Der Meister sprach: ‚Sich selbst überwinden und sich nach den Sitten (Li (…)) richten, dadurch schafft man Ren (…). Einen Tag (schon) sich selbst überwinden und sich nach den Sitten richten, und schon würe die ganze Welt menschlich Ren (…). Ren zu bewirken, das hängt von einem selber ab. Sollen es (immer nur) die anderen Menschen bringen?“ (S. 32)
Die Sittlichkeit, Tugenden finden sich nie in den Horten der heutigen Betriebsamkeit, den Schulen, Universitäten und Institutionen; den heutigen Technologien, der heutigen Selbstvergessenheit. Hier herrschen Gesetze zur Profitmaximierung, der Effizienz. Tugenden sollten wir in uns selber finden, gewichten und verwirklichen. Alte und neue Meister sowie eine Gemeinschaft mit Haltung mögen uns auf diesem Pfad geleiten. Zudem die lange Weile, die heute kaum noch jemand erträgt. Was ein Verlust.

Geldsetzer L., Han-ding H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart