Weite


Schweifen. Die Wolken ziehen, der Wind rauscht, alles in Bewegung. Satte Meeresluft in kühler sommerlicher Stimmung, die Sonne versteckt. Die Seele fließt in die Weite, gleitet unbewegt wandernd zu sich selber. Ein Teil von Allem.
Dem Rastlosen entkommen, für einen Moment der trägt. unendliche Verbundenheit mit mir und der Allverbundenheit, dem All, das mich ungibt, in mir ist. Wellen kommen und gehen, werden und lösen sich in der Weite des Meeres auf. Zerfließen, verschwinden hinter dem Horizont. Jetzt schäumen sie sanft auf und tragen den salzigen Geruch in meine Nase. In mein Innerstes. Das Meer bin ich, ich bin das Meer. Der Himmel bin ich, ich bin der Himmel. Die würzige Luft bin ich, ich bin die würzige Luft. Ich bin, ich bin nicht. Einssein.


Masse: Das Kontrastprogramm und doch so gleich. Ich ein Teil der Masse. Wimmelnd angezogen vom Meer. Ich fürchte, dass es genossen wird wie ein Fischbrötchen. Die Schlange an den Fressständen, der Treck entlang des hölzernes Pfades über die sanft schwankenden Gräser. Das geplapper im rauschen des Windes. Die Masse weckt mich, läßt mich wieder zu dem Werden, was ich in der durchschnittlichen Verfallenheit meine zu sein. Einatmen, ausatmen. Bei mir sein, in mich schweifen, Teil der Weite ders Universums. Anatta.

Freundschaft – immer wieder

„Will man einen Freund haben, so muß man auch für ihn Krieg führen wollen: und um Krieg zu führen, muß man Feind sein können.
Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.“ (1)

Ich huschte über die flüchtigen Buchstaben auf dem matt glimmenden Bildschirm. Zuerst scannend, dem ansich belanglosen Medium entsprechend. Unvermittelt drängten sich die unscharfen Buchstaben, als sie sich zu Wörter und Sätzen formten, ihren Sinn extrahierten, klar in mein Bewusstsein. Der Text griff zu, er ergriff mich. Als würden die Lettern in Form eines stählernen Stempels auf meinen Kopf geknallt werden. Sich wörtlich einprägen. Mein Herz zog sich zusammen, vibrierenden Schauern durchwanderen es. Schwere, Traurigkeit breitete sich aus. Mitfühlend setzte sich mein Geist in Bewegung, Ein Bekannter postete in den belanglosen Weiten der sozialen Medien, auf Facebook, dass ihm die Freunde ausgegangen seien. Durch zu viele Umzüge, dem Fokus auf Job und Kinder. Ein Hilferuf in die Leere der Nicht-Community, in der alle mit allen und allem in Beliebigkeit verbunden, „befreundet“ scheinen. Offentsichtlich hatte er seinen Ort verloren, auch wenn er in der Familie eine gefunden hatte.
Tags darauf, in der warmen Sonne, zu gluckernden Beats tanzend, kam dieses schwere Thema rund um Freundschschaft abermals auf. Nicht wie der warme Nebel, der aus der umrankten DJ Box des Südpols wabert. Nein, wie kalter Herbstdunst, der sich als eisiges Gespinst schnürend, kalt, erstickend um die Eingeweide legt.
Hier ist ebenso Rede davon, dass uns immer weniger Freunde umgeben, viele in die wärmende Höhle der Familie verschwanden, vom Job absorbiert werden. Abermals spüre ich den Schmerz, vernehme den Trauer in der Stimme. Ich kann es nachvollziehen, auch ich trauere um jede versandete Freundschaft. Unsere Worte kreisen um das Thema wie die Beats, die in immer neuen Varianten wiederkehren.
Sicher, Familie war und ist für viele der Ankerpunkt des Lebens. Heute ist es nicht mehr die Großfamilie von der wir behütend und zugleich einengend umgeben sind. Sie war der Ort, an dem die Menschen immer jemanden hatten, der oder die für einen da war; Konflikte löst. Der Ort an dem man eine feste, wärmende Schulter vorfand, jemanden zum reden hatte. Trotz der Enge der Sippe waren dort immer Menschen die Freiräume schaffen. Wie die Großmutter oder -vater, die auf die Kinder aufpassen um Zeit für sich und Andere zu generieren. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Der große Unterschied zum Freundeskreis, ist jedoch: Die Sippe sucht man sich nicht aus. Freunde schon. Oder besser, sie suchen einen.
Heute müssen wir zumeist den Kreis der Menschen, die uns eng, nicht einengend umgeben und durchs Leben begleiten, eine wärmende Höhle generieren, finden, hegen und pflegen. Eine nicht selten anstrengende Aufgabe. Freunde wollen ausgebrütet werden wie ein frisch gelegtes Ei. Mit Geduld, Liebe und Aufopferung. Nur dann kann Leben im Nest entstehen, das nicht nur den einen Geruch hat, der jeder Sippe anhaftet. Nein, dort vermischen sich viele unterschiedlichsten Düfte mit mannigfaltigen Noten. Sie durchdringen und überlagern sich; wechselnd, je nach Saison und Stimmung. Riechen mal besser mal schlechter. Ich schnüffele in die Weite der allverbundenen Welt, vor mich hin sinnierend.
Wie schön von Euch, meine Freundinnen und Freunde, denke ich, das Ihr immer noch da seid; meine Weggefährten. Euch, mit denen ich gestritten und gelitten habe. Manche gingen verloren, neue kamen. Kaum einen von Euch kenne ich weniger als 10 Jahre, manche einige Jahrzehnte. Seit jungen, suchenden Tagen, folgten wir unseren Wegen, begleiteten uns – mal mehr mal weniger. Mal eng und hitzig debattierend, mal wärmend oder gar in Distanz. Die, die geblieben sind, füllen das Herz mit Liebe zur Welt, der großen Freundin. Sie sind – neben der Familie – der Sinn des Lebens.
Ich wünsche allen, die das Gefühl keine FreundInnnen zu haben bedrückt, dass sie zumindest sich selber FreundIn sind. Ein erster Schritt, auf dem Abenteuer neue Freund*Innen zu finden, aus Menschen, denen man begegnet, welche zu formen. Freundschaft braucht Zeit, Liebe und Geduld. Somit sage ich zu den Meinen.: „Ich finde es toll, Euch aushalten zu dürfen. Daher haltet mich bitte aus – und in Euren Armen, wenn ich Euer bedarf. Meine Arme sind offen.“

1) Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra, vom Freunde

Luftige Höhe

Schwankend sitzen sie sicher in den zarthängenden Ästen der Birke. Weit oben in luftigster Höhe. Dann der Absprung, ein Absacken, kurzes, kräftiges Flattern, um mehr Höhe zu gewinnen. Schon schweben sie grazil durch den sommerlichen Himmel, der nicht heller strahlen könnte. Was für ein tolles Gefühl muss das sein. Eben an einen Ast geklammert, ängstlich, unsicher . Jetzt frei und ungebunden schwebend, vom Wind getrieben. Ohne Grenzen über allem dahinzugleiten. Vielleicht mit einem leichten Ziehen im Bauch. Welch eine Metapher für Freiheit, für das Dasein. Eine Forderung den Moment zu genießen.
Ja, die jungen Ringeltauben üben diese Kunst, welche die Evolution ihnen gegeben hat. Unter den wachsamen Augen Ihren Eltern. Seit Jahrtausenden begleitet von den sehnsüchtigen Blicken neidender Menschen.
Von Menschen, die auf dem festen Beton-Boden unter ihren Füßen festgeklebt zu sein scheinen. Mit schweren Füßen rennen und wimmel sie durch Kaufhäuser, rasen in festgeschmiedeten Stahlsärgen durch die Lüfte, über Autobahnen, in die Büros, zum nächsten Event. Dennoch verharren sie, wie in Eisen gegossene Statuen; schwer und langsam sinnlos vor sich hin rostend. Gefangen in unsichtbaren Ketten aus Gold und Geld, die sie davon abhalten frei zu gleiten, zu driften, sich in die kühlen Höhen des Schicksals zu wagen. Festgeschraubt auf dem Sockel des Durchschnittlichen meiden sie gar die Gefahr der Reise zu sich selber. Abgelenkt durch Verlockungen, die sie immer träger und schwerer machen, kauern sie in ihrer Existenz. Wie ein ängstliches Küken, das sich im Gehölz versteckt. Bis der Ast auf dem es sitzt zerbricht.
Sehnsüchtig schließen sie die Augen vor Dingen, die sie schwindeln lassen würde. So sehen sie nicht das große Geschenk, geschweige denn die vielen Kleinen. Wo ist der zaghafte Schritt in den klaren, weiten Himmel? Wir alle könnten durchs Leben zur Sonne schweben; unseren kurzen Flug zum unvermeidlichen Ende antreten. Bewusst, klar, taumelnd, voller Freude und Zufriedenheit.
Am nächsten Tag ist keine der Tauben zu sehen. Aus gutem Grund. Ein Falke patrouilliert die Lüfte. Jede Freiheit birgt ihre eigensten Gefahren, die es zu erkennen und meistern gilt.

Alles vergänglich, alles verbunden

Die Sonne strahlt warm. Die alten Bäume entlang des Kanals werfen sanfte Schatten auf das altehrwürdige Backsteingebäude. Pause. Der Blick schweift gelassen.
Da sitzen sie. Zwei Fliegen, eine hässlicher als die Andere. Genügsam tunken sie ihre gierigen Rüssel in ein schwarzes, angetrocknetes kleines Würstchen, dass von einem dreckigweißen, verkrusteten See umgeben ist. In aller Ruhe laben sie sich in der Morgenstimmung am trockenen, verwesenden Vogelkot.
Die Welt dreht sich langsam und gemächlich weiter. Ich betrachte das satte Grün. Nicht allzu bald werden sich die Blätter verfärben, von den Bäumen zu Boden schweben. Wie der Kot, an dem sich die Fliegen laben, werden sie von Mikroben aufgesogen werden. Diese nähren. Irgendwann werden auch die Bäume sich morsch und alt auflösen. Aufgelöst werden. Wie alles Lebende werden sie zu Humus aus dem wiederum die neuen Triebe sprießen. Satter Boden, voller Mikroben, die zum Futter für Insekten, diese wiederum Nahrung für Vögel werden. Vögel, welche die Samen in ihrem Kot verteilen. Kot, der wiederum zugleich Futter ist um die Fliegen – Vogelfutter – zu nähren. Ein komplexes, wunderbares ewiges Werden und Vergehen; in unendlicher Verbundenheit.
Mein beobachtender Körper ist ebenso ein Teil dieses Kreislaufs. Bis ich nicht mehr bin. Dann ist er Fliegenfutter. Die Fliege ist nicht hässlich. Sie ist einfach nur da, sie lebt. Im Moment.

Euphemismus

Ich lese die verzweifelte Mail eines Mitarbeiters, der seit Monaten nicht weiß, ob er in wenigen Wochen weiter beschäftigt sein wird. Ein von seiner Aufgabe begeisterter Mensch, einer der warmen Motoren der Lehre, für die er sein Herzblut einsetzt. Er war maßgeblich am Aufbau des Labors beteiligt. Er hat geholfen, nicht unerhebliche Drittmittel einzuwerben und vieles mehr. Am wichtigsten ist jedoch seine engagierte Unterstützung der Studies und derer Projekte. Solche Menschen sind der Puls der Lehre.
Ein durch Euphemismen übertünchter Infarkt bringt das zum Bildungsfließband verkommene System Hochschule innovativ und zukunftsorientiert zum Stottern. Ohne jede Resilienz stirbt das „Studium“. „Lehre“ oder was davon nach Jahren schleichender, neoliberalen Vergiftung übrig geblieben ist funktioniert nur noch im Takt oberflächlichen Marketing-Geblubbers.
Ich gleite durch die Slides der glatten, langweiligen Powerpointpräsentation mit ihren nichtssagenden Stockfotos. Leere Texte springen wabernd in mein Auge. Ein Konglomerat von Worten, die dunkle Dinge aussprechen, ohne etwas zu sagen. In seidig glänzende Watte gehüllt kommen sie bösartig daher. Das ist kein freundliches Geheul von Wölfen in Schafspelzen. Für mich klingen sie wie das Stöhnen und Grunzen von blutzerfledderten Zombies in überteuerten Designerklamotten. Untoten, die jedem Bezug zur lebendigen Welt verloren haben.
Ich lese „Strategie, Prozess, nachhaltige Transformation Herausforderungen, Innovationen der Zukunft, gesamtgesellschaftliche Verantwortung, ganzheitliches Verständnis, verantwortlicher Fortschritt, Wissenstransfer, Resilienz, Transformation, Vielfalt, Kooperation, Raum, Strukturen, Prozesse, Zielerklärung, Leistungsbereiche…“. Mein Magen zieht sich zusammen. Was soll das sein? Ein neuer Aufbruch? Nein, es ist der Weg in den Glanz einer goldenen Zukunft strahlender Kälte, aufgezeigt durch einen eisigen Pfad. König Midas…
Nicht einmal lese ich Worte wie „Menschen“, „Studierende“, „Lehrende“…All die Dinge, die für mich die den Kern dieser Institution ausmachen, sind im schmatzenden, trüben Sumpf der Euphemismen kläglich untergegangen. Ich sehe vor meinem inneren Auge die todbringenden und stählernen strategischen Panzerwortmaschinen der neoliberalen Transformation. Sie walzen alles menschliche, alle Lust zu studieren, zu lehren, alle Vielfalt nieder. All das, was Menschen mit Herz und Liebe aufgebaut haben, taumelt, schwankt, versinkt. All das, was neugieriges Studium und fröhliches Miteinander ausmacht, ist dabei zu vermodern, unterzugehen.
Kalt klingt der technokratische Marketing-Wortschwall des Unternehmen Hochschule in meinen Ohren. Nach Papierbergen, Stempeln, Stahl und Maschinen. Menschen sind nur noch Produkte. In meinen Ohren hallen Orwells Mahnungen nach. Mahnungen eines Leidenden, der für warme Ideale am Schreibtisch und sogar im Schützengraben gekämpft hat. Voller Liebe für die Anliegen der Bewohner:Innen Kataloniens im Angesichts der Faschistischen Mordmaschine (1). Der uns in „1984“ das Wort „Neusprech“ geschenkt hat. Es lässt alleine durch seinen Klang das Herz gefrieren, zerspringen. Ich denke an das Buch „Erwachsenensprache“ des Psychologen und Philosophen Robert Pfaller (2), der in Linz lehrt. Dessen schneidende Analyse der Euphemismen neoliberaler Rhetorik so treffend sind. In meinen Ohren hallt „We don’t need no education, we don’t need no thought control“ aus „The Wall“ von „Pink Floyd“ (3). Die Euphemismen von Heute sind das, was gestern der Rohrstock war…
Ich fürchte, es ist sinnlos meine schwach gehauchten Worte gegen diese Euphemismen in den Ring zu werfen. Ich fürchte es gibt kaum Begriffe, welche die warme Erhabenheit ausdrücken können, die für mich in „Studium“ und „lernen“ mitschwingen. Ich versuche es; sie sind kaum zu greifen. Ich spüre sie, finde sie schwer. Studium kann nur von Menschen in vertrauensvoller Gemeinsamkeit gemacht werden: begleitend, beobachtend, schweigend, genießend. Voller freudiger, heimeliger Aufmerksamkeit, Konzentration, Willenskraft. Angefüllt von der Lust auf Faszinierendes. Sich begeistern und anstecken lassen, sich gegenseitig ins Feuer werfen. Liebe zum Gegenstand, Liebe zur gemeinsam schaffenden Tätigkeit. Liebe zur kämpferischen Auseinandersetzung. Achtung voreinander. Auf Augenhöhe.

(1) Orwell, G. (1964) Mein Katalonien

(2) Pfaller, R. (2017) Erwachsenensprache. Fischer

(3) Pink Floyd, Another Brick in the Wall (1979)

Werden – Vergehen

„Die Meisterin des Lebens – nicht zu fassen und dennoch immer da!“ Schießt es durch meinen Kopf.
Kraftvoll sprießt das Grün, ein heller, weicher Flaum umhüllt eben noch karge Äste. Leuchtend blüht der Kirschbaum, den ich vor 17 Jahren gepflanzt habe. Die japanische Kirsche um die Ecke schüttelt die welken Reste der jetzt schon vergangenen Pracht ab. Sanft sinkt sie in den feuchten Boden. Braun und verschrumpelt löst sich das vorab so prächtig strahlende hellrosa auf. Frischer Humus. Kleine Blättchen sprießen zaghaft an den erneut kahlen Ästen. Wachsen, gedeihen. Werden und Vergehen im gleichen Moment. Die Kraft der Natur.
Ein Mann schiebt geduldig seine Frau in das wohlige Heim. Sie ist seit kurzem an den Rollstuhl gebannt. Ich denke: „Welch ein Glück, dass ich aufstehen kann“ – noch. Mein Atem kommt und geht, meine Beine tun ihren Dienst. Werden und Vergehen, das ist die Welt. Wir können diesem Fortschreiten der Zeit nichts entgegensetzen. Wozu? Der Moment zählt. Morgen wird der Kirschbaum erneut in sattem Grün in der Frühjahrssonne erstrahlen. Frischer als in der abendlich-heimeligen grauen Dämmerung. Dann bin ich wieder einen Tag älter. Die Sonne wärmt zaghaft.

„No Future“ – Now!

In meinem Inneren gefangen schleiche ich müde aus der U-Bahn. Dem Tross der arbeitsträgen und konsumverbrauchten Menschen folgend. Im Rhythmus der Wohlstandsmaschine. Wieder und wieder dreht sich das leere Rad. Dennoch… ich halte mich aufrecht, um nicht völlig vom Moloch des stetig ratternden Produktionsbandes absorbiert zu werden.
Dann, mein Blick schweift offen umher; ein Plakat. Es drängt sich unvermittelt auf. Zerreißt den träge gleitenden Gedankenstrom. Paul Weller. Es durchblitzt meine watteweich träumenden Gedanken. „Mann ist der alt geworden“. Wild assoziierend rattern weitere Bilder wie eine Diashow über die Leinwand meines inneren Auges. Iggy Pop. Hugh Cornwell, Tony Iommy, Nick Mason… Alte Heroen mit zerlebten Gesichtern. Dennoch voller Kraft.
Mein Geist ist klar. Ich falle aus der Masse, bin bei mir. Die Zeit bleibt einen Moment stehen. Sie oszilliert zwischen dem Jetzt auf der Rolltreppe und unscharfen Eindrücken aus der Jugend. Nach wie vor gefangen, ummantelt, eingekesselt von träge vor sich hin hetzenden Menschen. Erinnerungen. Wie oft habe ich „In the City“ gehört. In jungen Jahren, mit mehr Haaren und weniger Falten. Wild aufbrechender Sound der „No Future“, welcher uns aus allen Boxen der Welt scheppernd entgegen dröhnte. Ja, wir sind trotzdem in die Zukunft geglitten, sie ist da. Einige der Heroen zum Teil schon lange nicht mehr. Sie leben durch ihre Musik, im Soundtrack meines Lebens fort. Der innere Walkman. Solange bis ich gehe. Klaus Schulze, Göttsching, Joe Strummer, Lou Reed, David Byron, Richard Wright… Namen, Bilder, Töne bombardieren im Stakkato-Ryhthmus eines Schlagzeugs meine Synapsen. Ich bin da. Habe eine „Future“, sei sie noch so begrenzt.
Zuhause angekommen wühle ich in alten, abgenutzten Platten mit ihren zum Teil welken, rissigen und abgegriffenen Covern. Voller Spuren der verwehten Jahre. Im Jetzt spürt und erlebt mein Herz verflossene Momente. Ich sehe, fühle, rieche und höre sie. Ich genieße das Knacken der Kratzer. Ich bin da. „Future Now!“.

Sonnenliebe

Ist es die wärmende Sonne, die weiche Luft, sind es die sprießenden Knospen, die zarten Blättchen, der Geruch nach Aufbruch und Entwicklung? Ich sitze. Voller Kraft durchzieht meinen Körper dies wohliges Gefühl. Wie ein sanfter, warmer Windhauch. Es ist kaum zu benennen. Später, ich denke darüber nach, schwirren etliche Namen durch den erwärmten Geist. Platon nannte es „agape“ (ἀγάπη), dass gerne mit wohlwollender Liebe übersetzt wird. Ist es das? Ist es die Allverbundenheit der „liebenden Güte“ (maitri oder metta), wie sie der Buddhismus bezeichnet, die ich gespürt habe? Wie ein im Sonnenlicht seidenglänzend, verwundener Strang aus schimmernden Fäden durchflutete sie mich. Verknüpfte mich über unendlich viele fein leuchtende Pfade mit der Welt. Das Allganze strahlte freundschaftlich, vertraut. Verdrängte den Winter grauer oder gar dunkler Gefühle und Gedanken. Die Präsenz, das Sein in seiner heimeligen Ganzheit, ist einfach nur da. Wie herrlich.
Aus einer derartigen Empfindung wächst wahre Verbundenheit mit allen Wesenheiten und Dingen. Das funkelnde wohlige Leuchten einer verquirlt-verwobenen Welt. Am stärksten im Energiezentrum unter dem Nabel präsent. Es lässt wärmendes Ki strömen, verteilt es bin in die letzte Faser des Körpers. Diese indifferente, nicht fassbare Stimmung lässt Frieden, das Schöne, das Gute im einfachsten Da-Sein gedeihen, sich verbinden, ganz werden. Beziehung.
Dieses Gefühl kann sich, Platon erneut folgend, zu freundschaftlicher Liebe, philia (φιλία) oder gar zur erotischer Liebe (éρως) mit ihrer erhebenden und zugleich blendenden „Verknalltheit“ entwickeln. Doch sowohl Philia als auch Eros tragen, desto mehr sie sich von der liebenden Güte, Agape entfernen, eine dunkle Schwere in sich. Sie fokussieren auf das Objekt der Begierde und zerschneiden das allumfassende Geflecht „wahrlich seiender“ Beziehungen. Sie sind Anhaftung in sich. Besitzen und konsumieren wollen, melden sich zu Wort, Gerade der Eros sticht mit seinem Pfeil, verdunkelt den Verstand auf wunderbare weise. Der Stich des Gottes vergiftet die Liebenden mit der Droge der Seinsvergessenheit. Nur das angebetet Wesen wird gesehen, all das Leuchten der Ganzheit ist da. Bis hin zur Selbstvergessenheit, der Selbstverlorenheit des Narziss. Verlorenheit bis in den Tod
Die Philia, wahre Freundschaft ist ein tiefes Gefühl, eine starke Verbindung. Sie gibt Geborgenheit ebenso wie Konfrontation. Speziell mit uns selber. Freunde sind ein Spiegel für uns und unseren Weg, wie es Nietzsche im Zarathustra so treffend formulierte: „In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben“. Freundschaft mit sich, den wahren Freunden und zu allen Wesen, ist die Brücke zwischen der Verlorenheit des Eros und der tiefen Allverbundenheit mit der Welt. Aus der Freundschaft zu sich selber und zu allen Wesen kann bei rechter Anstrengung, Konzentration und Willenskraft wahre Liebe erwachsen, die allumfassende Liebe, die liebende Güte, die eine tiefe Zufriedenheit in uns wachsen lässt. Einen Frieden, der in die Welt ausstrahlt und diese ein kleines Stück schöner macht.

(1) Nietzsche, F. (1883/1885) Also sprach Zarathustra: Vom Freunde

Frische Kraft

Voll aufgeplustert, mit geschwollener Brust thront die Meise auf dem höchsten, kahlen Ast der Hecke, an dem sich zarte Knospen zeigen. Gell ruft sie in fast schrillen, dennoch wohlklingenden, rhythmischen Tönen nach Liebe; dem oder der Liebsten. Welch eine Kraft liegt in ihrer kleinen Lunge, durchflossen von der weichen Frühlingsluft. Diese strömt in jeden Winkel; alles im kühlen Schlaf verharrende Leben saugt sie auf. Schon sind sie da, genährt von der sich immer wieder durch die zarten Wolken schiebenden Sonne. Wie die Brust der Meise schwellen die Knospen. Hier und da erblüht ein erster Busch und kündigt von der Energie, welche die Pflanzen aus der saftigen Erde saugen.
Alles hat Potenzial, Kraft, φύσις. Die Kraft treibt, wie das uralte Konzept der Physis es beschreibt, von innen. Stärkt und nährt. Schon wird aus dem kleinen, unscheinbaren Samenkorn eine prächtige und mächtige Pflanze. Zum Baum werden benötigt es die gleiche Geduld, wie das suchende Harren der Meise auf dem Ast. Kraft kann nur aus dieser warmen, inneren Quelle entspringen, deren Ursprung sich uns entsagt, den wir aber spüren, dem wir nachspüren können. Sie ist so schön, so wunder- wie nicht berechenbar. Genießen wir sie. In dem Moment, der ist.
Ich blicke überrascht auf. Ein Zitronenfalter taumelt über den Weg…

Moment

Ist es nicht wunderbar nach dem Aufwachen, mit einem warmen Malzkaffe in den Händen, gemütlich im weichen Stuhl träumend aus dem Fenster zu schauen. Der Blick über eine sanft glitzernde, verschneite Landschaft schweifend. Vorsichtigen Schrittes zur Arbeit hetzende Passanten, zusammengezogen und geduckt unter der abschirmenden Kaputzen, schleichen vorbei. Kein Gedanke, keine Bewegung vermag diese heimelige Stimmung zu stören. Sie ist.
Wie froh bin ich, nicht auf Autos und vermatschte Straßen schauen zu müssen. Die Stadt, die um mich erwacht, um ihre hektische Betriebsamkeit aufzunehmen, die ich an sich so liebe, grenzt sich aus. Jedes sanft niedersinkende zarte Schneeflöckchen bringt die Maschine ein weiteres Stück zum Verschwinden. Spendet gelassene Ruhe. Auch ich bin gerufen zu tun. Ich lasse es langsam angehen, demütig diesem Moment gegenüber.
Für einen gelungenen Tag sollten drei Dinge reichen: Ein bewusster, schöner Moment, eine warme Begegnung, ein starker Gedanke. Wenn wir diesem nachstreben, weiten sich unser Horizont. Jeder Moment, jeder Gedanke, jede Begegnung hat das Potenzial wunderbar zu sein. Sinn zu stiften. Wie jede der vergänglichen, taumelnden Schneeflocken. Schon ist das ganze Leben eine verträumte weiße Winterlandschaft.

Ein schöner Moment