„Will man einen Freund haben, so muß man auch für ihn Krieg führen wollen: und um Krieg zu führen, muß man Feind sein können.
Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.“ (1)
Ich huschte über die flüchtigen Buchstaben auf dem matt glimmenden Bildschirm. Zuerst scannend, dem ansich belanglosen Medium entsprechend. Unvermittelt drängten sich die unscharfen Buchstaben, als sie sich zu Wörter und Sätzen formten, ihren Sinn extrahierten, klar in mein Bewusstsein. Der Text griff zu, er ergriff mich. Als würden die Lettern in Form eines stählernen Stempels auf meinen Kopf geknallt werden. Sich wörtlich einprägen. Mein Herz zog sich zusammen, vibrierenden Schauern durchwanderen es. Schwere, Traurigkeit breitete sich aus. Mitfühlend setzte sich mein Geist in Bewegung, Ein Bekannter postete in den belanglosen Weiten der sozialen Medien, auf Facebook, dass ihm die Freunde ausgegangen seien. Durch zu viele Umzüge, dem Fokus auf Job und Kinder. Ein Hilferuf in die Leere der Nicht-Community, in der alle mit allen und allem in Beliebigkeit verbunden, „befreundet“ scheinen. Offentsichtlich hatte er seinen Ort verloren, auch wenn er in der Familie eine gefunden hatte.
Tags darauf, in der warmen Sonne, zu gluckernden Beats tanzend, kam dieses schwere Thema rund um Freundschschaft abermals auf. Nicht wie der warme Nebel, der aus der umrankten DJ Box des Südpols wabert. Nein, wie kalter Herbstdunst, der sich als eisiges Gespinst schnürend, kalt, erstickend um die Eingeweide legt.
Hier ist ebenso Rede davon, dass uns immer weniger Freunde umgeben, viele in die wärmende Höhle der Familie verschwanden, vom Job absorbiert werden. Abermals spüre ich den Schmerz, vernehme den Trauer in der Stimme. Ich kann es nachvollziehen, auch ich trauere um jede versandete Freundschaft. Unsere Worte kreisen um das Thema wie die Beats, die in immer neuen Varianten wiederkehren.
Sicher, Familie war und ist für viele der Ankerpunkt des Lebens. Heute ist es nicht mehr die Großfamilie von der wir behütend und zugleich einengend umgeben sind. Sie war der Ort, an dem die Menschen immer jemanden hatten, der oder die für einen da war; Konflikte löst. Der Ort an dem man eine feste, wärmende Schulter vorfand, jemanden zum reden hatte. Trotz der Enge der Sippe waren dort immer Menschen die Freiräume schaffen. Wie die Großmutter oder -vater, die auf die Kinder aufpassen um Zeit für sich und Andere zu generieren. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Der große Unterschied zum Freundeskreis, ist jedoch: Die Sippe sucht man sich nicht aus. Freunde schon. Oder besser, sie suchen einen.
Heute müssen wir zumeist den Kreis der Menschen, die uns eng, nicht einengend umgeben und durchs Leben begleiten, eine wärmende Höhle generieren, finden, hegen und pflegen. Eine nicht selten anstrengende Aufgabe. Freunde wollen ausgebrütet werden wie ein frisch gelegtes Ei. Mit Geduld, Liebe und Aufopferung. Nur dann kann Leben im Nest entstehen, das nicht nur den einen Geruch hat, der jeder Sippe anhaftet. Nein, dort vermischen sich viele unterschiedlichsten Düfte mit mannigfaltigen Noten. Sie durchdringen und überlagern sich; wechselnd, je nach Saison und Stimmung. Riechen mal besser mal schlechter. Ich schnüffele in die Weite der allverbundenen Welt, vor mich hin sinnierend.
Wie schön von Euch, meine Freundinnen und Freunde, denke ich, das Ihr immer noch da seid; meine Weggefährten. Euch, mit denen ich gestritten und gelitten habe. Manche gingen verloren, neue kamen. Kaum einen von Euch kenne ich weniger als 10 Jahre, manche einige Jahrzehnte. Seit jungen, suchenden Tagen, folgten wir unseren Wegen, begleiteten uns – mal mehr mal weniger. Mal eng und hitzig debattierend, mal wärmend oder gar in Distanz. Die, die geblieben sind, füllen das Herz mit Liebe zur Welt, der großen Freundin. Sie sind – neben der Familie – der Sinn des Lebens.
Ich wünsche allen, die das Gefühl keine FreundInnnen zu haben bedrückt, dass sie zumindest sich selber FreundIn sind. Ein erster Schritt, auf dem Abenteuer neue Freund*Innen zu finden, aus Menschen, denen man begegnet, welche zu formen. Freundschaft braucht Zeit, Liebe und Geduld. Somit sage ich zu den Meinen.: „Ich finde es toll, Euch aushalten zu dürfen. Daher haltet mich bitte aus – und in Euren Armen, wenn ich Euer bedarf. Meine Arme sind offen.“
1) Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra, vom Freunde