Mein Kopf ist voller Ziele. Teleologisch, ausgerichtet. Immer auf dem Weg irgendwohin. Wie ein ewiger Lauf zu Dingen, die sich nebelverhangen an irgendeinem Horizont zeigen. Sie rufen wie die Sirenen des Odysseus nach Aufmerksamkeit und Erfüllung. Die Befreiung von diesem ewigen Ritt ist so bleiern, dass es schmerzt. Es bedarf konzentrierter Übung, um in die Lücke des Präsens zu finden, in den Moment einzutauchen, den Sprung vom Pferd im vollen Galopp zu praktizieren. Das Absteigen, die Rückkehr in die eigene Geschwindigkeit. Kaum spüre ich die Ruhe des Moments, zieht ein nächstes Ziel, die nächste Aufgabe, der nächste Gewinn meine Gedanken zurück in den Sattel. Eine mächtige, mechanische Fremd-Bewegung. Sie suggeriert Geschwindigkeit und Vorankommen. Starr wie eineine sich gnadenlos voranarbeitende Maschine. Felsmaschine. Eine Metapher für das westliche Denken. Mein Hirn ist von dieser Rationalität der Moderne infiziert, wie ein nackter Körper von garstigen Viren. Meine Gedanken gleichen diesem Mechanismus; zielgerichtet, funktional und technisch. Die Lernmaschine. Sie blendet das Verbundene aus.
Ein hierarchisches Baumdenken, wie Deleuze und Guattari in „1000 Plateaus“ und im Rhizom (1) formuliert haben. Keine Widersprüche duldend, den Worten und „Wahrheiten“ des und der internalisierten Herren und Planer blind gehorchend. Sie reproduzieren einen jahrhundertealten Prozess, der die ehemals offeneren, ganzheitlicheren Ansätze der menschlichen Kultur überschrieben und verbannt hat, wie ein allmächtiger, verinnerlichter Zensor. Gesetz und Inquisition. Sie dringen überall ein und machen in Stein gemeißelte Wahrheit. Pferdedynamik in Felsblöcke geschlagen. Denkmäler, in deren Stein jegliches dynamische Werden erstarrt ist. Errichtet auf einem festgegossenen Fundament, welches für die starre Aufteilung der Welt, deren Zergliederung und Bewertung steht. Ein Betonsockel, ein Betondeckel, der die meisten „indigenen“ Wurzeln (inklusive unsere eigenen) unter sich zerdrückt.
Sicherlich, Gliederung ist notwendig, um Welt zu verstehen, „zur Sprache zu bringen“, um zu erkennen, was nutzt, was schadet. Im gleichen Atemzug wird allerdings das Allumfassende, das „All-Eine“ verdrängt, überschrieben, ausgelöscht. Fokussiert wird auf das Objekt, das Objektive, Feste; die Ziele. Vergessen die Beziehung, das dazwischen, das alles verbindende sanfte Band. Unser verinnerlichtes Mechano-Felsdenken verdrängt selbst den Fakt, dass alle Grenzen sowohl in Sein als auch in der Sprache unscharf, arbiträr sind.
Wie schwer fällt es mir, als Teil dieses technischen Denkbaums, das alte Verstehen von Ganzheit zu finden, um es üben, verinnerlichen zu können. Da ist zum Beispiel das Konzept des unteilbaren „Brahman“ (Veden) oder das des „anatta“ (nicht-selbst, Buddhismus). Ich versuche es zu denken; zu spüren. Es bedarf permanenter praktischer Übung und Lektüre um das nicht Erkennbare, das nicht Aussprechbare, das All-eine zu erfassen. Zu entdecken. Lesen wir in den Upanischaden:
»„… in was ist nun der Raum eingeworben?“…
8 Da sagt er (Gargi):„dieses (in das der Raum eingeworben ist), Gargi, nennen die Kenner des brahman (d.h. die, die die Wahrheit zu erkennen und zu formulieren vermögen) das Unvergängliche. Es ist nicht grob, nicht fein; nicht kurz, nicht lang; blutlos, fettlos; schattenlos (also lichtlos), finsternislos; windlos, raumlos; ohne Haftung [an irgend etwas]: ohne Tastsinn, ohne Geruchssinn, ohne Geschmackssinn, ohne Gesichtssinn, ohne Gehörsinn; ohne Sprachfähigkeit, ohne Denkfähigkeit; ohne Wärme, ohne Atem, ohne Mund; ohne Name, ohne Geschlecht; nicht alternd, nicht sterbend; bodenlos, unsterblich; ohne Raum […], ohne Laut; nicht geöffnet, nicht geschlossen; nicht folgend, nicht vorangehen; nicht Außen, nicht Innen:
„nichts langt hin zu ihm, niemand langt hin zu ihm…“ […]
11 „wahrlich, Gargi, dieses Unvergänglich ist das unsichtbare Sehende, das unhörbar Hörende, das undenkbare Denkende, das unerkennbar Erkennende; nicht, gibt es ein anderes sehen, Tees, nicht, gibt es ein anderes hörend Tees, nicht, gibt es ein anderes, denkendes, nicht, gibt es ein anderes erkennendes.“
„wahrlich, Gargi, dieses unvergängliche ist das, in das der Raum verwoben ist.“« (2) – Ich möchte ergänzen: in das wir Menschen eingewoben sind, in welches wir uns am Ende unseres „Ich selbst Seins“ auflösen werden. Immanenz.
Schweifen wir aus den spirituellen Wurzeln der östlichen Weisheit in westliche Gefilde. Spinoza schreibt in seiner Ethik:„Folgesatz 2. Es folgt zweitens, daß Gott oder alle Attribute Gottes unveränderlich sind; denn, wenn sie in Rücksicht des Daseins verändert würden, müßten sie auch (nach dem vorigen Lehrsatz) in Rücksicht des Wesens verändert werden, d. h. (wie an sich klar), aus wahren zu falschen werden, was widersinnig ist.
Lehrsatz 21. Alles, was aus der absoluten Natur eines göttlichen Attributs folgt, mußte immer und unendlich da sein, oder ist vermöge dieses Attributes ewig und unendlich.“ Dann der Lehrsatz 25: „Die einzelnen Dinge sind nichts als Affektionen oder Modi der Attribute Gottes, durch welche die Attribute Gottes auf gewisse und bestimmte Weise ausgedrückt werden.“ (3)
Nicht fest und aus individuellen Felsen ist die Natur (bei Spinoza synonym mit „Gott“), die Welt, unser „Sein“. Somit kann es kein festes Ziel geben. Nur ineinanderfließende Zustände, Horizonte und Fluchtpunkte, die sich unendlich erweitern – „Werden“. Als Metapher bietet sich das Wasser an, welches von den Upanischaden bis hin zum buddhistischen Denken immer wieder als Bild herangezogen wird. Unser Sein ist wie das Salz, das wir im Wasser schmecken, jedoch nicht fühlen oder sehen können. Ebenso wenig ist uns bewusst, wie es uns durchdringt und durchläuft. Es ist vorhanden, allerdings schwer fassbar. Wir sind größtenteils Wasser. Wasser werden. Ich bin eine Welle, die aus einem Ozean aufsteigt, um wieder in ihm zu vergehen. Eine Zeit „da“ seiend, existent, um dann erneut im Ganzen zu verschwinden; einer der Aspekte des unendlich weit, über den Horizont reichenden Ozeanwassers. Alles ist eins und dennoch geteilt da. Nenne man es Welt, Natur, Gott oder wie auch immer. Ein Denken in Vielheiten, Verbindungen, Widersprüchen, Paradoxa (wie bei den Zen Koans) sollte geübt werden. Vielleicht hilft es, diesen und jenen Moment in sich selber genießen zu können. Auf der Welle zu treiben wie ein gefallenes Blatt. Als Teil der Welle. Welle sein. Feststellen, dass ich als Individuum nur im Jetzt vorhanden bin, als Aspekt des All-einen. In Raum und Zeit.
Gestern wie heute ein vom Konsum-Materialismus unerwünschtes Denken. Viele der christlichen Spiritualisten (auch Spinoza), die dieses All-eine dachten, wurde verfolgt oder mussten sich den Prozessen der Inquisition stellen. Lesen wir Meister Eckard, der schrieb: „Jederart Vermittlung ist Gott fremd. »Ich bin«, spricht Gott, »der Erste und der Letzte« (Geh. Offenb. 22, 13). Unterschiedenheit gibt es weder in der Natur Gottes noch in den Personen entsprechend der Einheit der Natur. Die göttliche Natur ist eins, und jede Person ist auch eins und ist dasselbe Eine, das die Natur ist.“ (4) Die Liste der Denker des „Unbegrenzten“, „Unbestimmten“ (τὸ ἄπειρον) wie es bei Anaximander genannt wird, könnte unendlich sein…
Dann denke ich an das „Taiji“, das „Dao“ ☯︎-Zeichen. Es vermag in seinen Kreisen und gewundenen Form das Unerkennbare und dennoch Vorhandene aus meiner Sicht am ehesten Dazustellen. Es vereint Getrenntes und trennt Vereintes. In einem.
„Dao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das eigentliche Dao. Ein Name (名 Ming), der sich dafür nennen lässt, ist nicht die eigentliche Bezeichnung. […] Ich kenne das Zeichen nicht, aber ich nenne es Dao.“ (5) Versuchen wir den ziellosen Weg in nicht handelndem Handeln zu gehen…
(1) vgl. Deleuze, G, Giattari, F. „Das Rhizom“ (Merve, Berlin) und (1000 Plateaus – Kapitalismus und Schizophrenie)
(2) Thieme, P. (2008) Upanishaden. Reclam, Stuttgart (S. 67/68)
(3) Spinoza, Baruch de. Ethik (Function). Kindle Edition.
(4) Internetquelle: http://www.eckhart.de/index.htm?edel.htm – sehr schön liest sich der Originaltext in mittelalterlichem Deutsch ;o)
(5) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (210)
Die erste Zeile des Daodejing liest sich wie folgt: 道可道 Dao – kann, fahig zu – Dao ; wobei Dao mit „Weg, Prinzip, Lehrmethode, rechter Weg“ – aber auch „sprechen“ etc. übersetzbar ist. Das Zeichen besteht aus den Ideogrammen für Weg (in Bewegung gehen) und dem Kopf eines Kriegers: „Das Haupt in Bewegung; die Bewegung der Gedanken, welche mannigfaltig sind; durch das Leben reisen mit der Aufmerksamkeit für die Dualität der Einheit mit der Natur.“ (https://www.tao-te-king.org/1.htm)
In der Übersetzung von Victor von Strauss (1959) Manesse Verlag liest sich der erste Abschnitt folgendermaßen: „Tao, kann es ausgesprochen werden, ist nicht das ewige Tao. Der Name, kann er genannt werden, ist nicht der ewige Name.“