Das All-Eine

Mein Kopf ist voller Ziele. Teleologisch, ausgerichtet. Immer auf dem Weg irgendwohin. Wie ein ewiger Lauf zu Dingen, die sich nebelverhangen an irgendeinem Horizont zeigen. Sie rufen wie die Sirenen des Odysseus nach Aufmerksamkeit und Erfüllung. Die Befreiung von diesem ewigen Ritt ist so bleiern, dass es schmerzt. Es bedarf konzentrierter Übung, um in die Lücke des Präsens zu finden, in den Moment einzutauchen, den Sprung vom Pferd im vollen Galopp zu praktizieren. Das Absteigen, die Rückkehr in die eigene Geschwindigkeit. Kaum spüre ich die Ruhe des Moments, zieht ein nächstes Ziel, die nächste Aufgabe, der nächste Gewinn meine Gedanken zurück in den Sattel. Eine mächtige, mechanische Fremd-Bewegung. Sie suggeriert Geschwindigkeit und Vorankommen. Starr wie eineine sich gnadenlos voranarbeitende Maschine. Felsmaschine. Eine Metapher für das westliche Denken. Mein Hirn ist von dieser Rationalität der Moderne infiziert, wie ein nackter Körper von garstigen Viren. Meine Gedanken gleichen diesem Mechanismus; zielgerichtet, funktional und technisch. Die Lernmaschine. Sie blendet das Verbundene aus.
Ein hierarchisches Baumdenken, wie Deleuze und Guattari in „1000 Plateaus“ und im Rhizom (1) formuliert haben. Keine Widersprüche duldend, den Worten und „Wahrheiten“ des und der internalisierten Herren und Planer blind gehorchend. Sie reproduzieren einen jahrhundertealten Prozess, der die ehemals offeneren, ganzheitlicheren Ansätze der menschlichen Kultur überschrieben und verbannt hat, wie ein allmächtiger, verinnerlichter Zensor. Gesetz und Inquisition. Sie dringen überall ein und machen in Stein gemeißelte Wahrheit. Pferdedynamik in Felsblöcke geschlagen. Denkmäler, in deren Stein jegliches dynamische Werden erstarrt ist. Errichtet auf einem festgegossenen Fundament, welches für die starre Aufteilung der Welt, deren Zergliederung und Bewertung steht. Ein Betonsockel, ein Betondeckel, der die meisten „indigenen“ Wurzeln (inklusive unsere eigenen) unter sich zerdrückt.
Sicherlich, Gliederung ist notwendig, um Welt zu verstehen, „zur Sprache zu bringen“, um zu erkennen, was nutzt, was schadet. Im gleichen Atemzug wird allerdings das Allumfassende, das „All-Eine“ verdrängt, überschrieben, ausgelöscht. Fokussiert wird auf das Objekt, das Objektive, Feste; die Ziele. Vergessen die Beziehung, das dazwischen, das alles verbindende sanfte Band. Unser verinnerlichtes Mechano-Felsdenken verdrängt selbst den Fakt, dass alle Grenzen sowohl in Sein als auch in der Sprache unscharf, arbiträr sind.
Wie schwer fällt es mir, als Teil dieses technischen Denkbaums, das alte Verstehen von Ganzheit zu finden, um es üben, verinnerlichen zu können. Da ist zum Beispiel das Konzept des unteilbaren „Brahman“ (Veden) oder das des „anatta“ (nicht-selbst, Buddhismus). Ich versuche es zu denken; zu spüren. Es bedarf permanenter praktischer Übung und Lektüre um das nicht Erkennbare, das nicht Aussprechbare, das All-eine zu erfassen. Zu entdecken. Lesen wir in den Upanischaden:
»„… in was ist nun der Raum eingeworben?“…
8 Da sagt er (Gargi):„dieses (in das der Raum eingeworben ist), Gargi, nennen die Kenner des brahman (d.h. die, die die Wahrheit zu erkennen und zu formulieren vermögen) das Unvergängliche. Es ist nicht grob, nicht fein; nicht kurz, nicht lang; blutlos, fettlos; schattenlos (also lichtlos), finsternislos; windlos, raumlos; ohne Haftung [an irgend etwas]: ohne Tastsinn, ohne Geruchssinn, ohne Geschmackssinn, ohne Gesichtssinn, ohne Gehörsinn; ohne Sprachfähigkeit, ohne Denkfähigkeit; ohne Wärme, ohne Atem, ohne Mund; ohne Name, ohne Geschlecht; nicht alternd, nicht sterbend; bodenlos, unsterblich; ohne Raum […], ohne Laut; nicht geöffnet, nicht geschlossen; nicht folgend, nicht vorangehen; nicht Außen, nicht Innen:
„nichts langt hin zu ihm, niemand langt hin zu ihm…“ […]
11 „wahrlich, Gargi, dieses Unvergänglich ist das unsichtbare Sehende, das unhörbar Hörende, das undenkbare Denkende, das unerkennbar Erkennende; nicht, gibt es ein anderes sehen, Tees, nicht, gibt es ein anderes hörend Tees, nicht, gibt es ein anderes, denkendes, nicht, gibt es ein anderes erkennendes.“
„wahrlich, Gargi, dieses unvergängliche ist das, in das der Raum verwoben ist.“« (2) – Ich möchte ergänzen: in das wir Menschen eingewoben sind, in welches wir uns am Ende unseres „Ich selbst Seins“ auflösen werden. Immanenz.
Schweifen wir aus den spirituellen Wurzeln der östlichen Weisheit in westliche Gefilde. Spinoza schreibt in seiner Ethik:„Folgesatz 2. Es folgt zweitens, daß Gott oder alle Attribute Gottes unveränderlich sind; denn, wenn sie in Rücksicht des Daseins verändert würden, müßten sie auch (nach dem vorigen Lehrsatz) in Rücksicht des Wesens verändert werden, d. h. (wie an sich klar), aus wahren zu falschen werden, was widersinnig ist.
Lehrsatz 21. Alles, was aus der absoluten Natur eines göttlichen Attributs folgt, mußte immer und unendlich da sein, oder ist vermöge dieses Attributes ewig und unendlich.“ Dann der Lehrsatz 25: „Die einzelnen Dinge sind nichts als Affektionen oder Modi der Attribute Gottes, durch welche die Attribute Gottes auf gewisse und bestimmte Weise ausgedrückt werden.“ (3)
Nicht fest und aus individuellen Felsen ist die Natur (bei Spinoza synonym mit „Gott“), die Welt, unser „Sein“. Somit kann es kein festes Ziel geben. Nur ineinanderfließende Zustände, Horizonte und Fluchtpunkte, die sich unendlich erweitern – „Werden“. Als Metapher bietet sich das Wasser an, welches von den Upanischaden bis hin zum buddhistischen Denken immer wieder als Bild herangezogen wird. Unser Sein ist wie das Salz, das wir im Wasser schmecken, jedoch nicht fühlen oder sehen können. Ebenso wenig ist uns bewusst, wie es uns durchdringt und durchläuft. Es ist vorhanden, allerdings schwer fassbar. Wir sind größtenteils Wasser. Wasser werden. Ich bin eine Welle, die aus einem Ozean aufsteigt, um wieder in ihm zu vergehen. Eine Zeit „da“ seiend, existent, um dann erneut im Ganzen zu verschwinden; einer der Aspekte des unendlich weit, über den Horizont reichenden Ozeanwassers. Alles ist eins und dennoch geteilt da. Nenne man es Welt, Natur, Gott oder wie auch immer. Ein Denken in Vielheiten, Verbindungen, Widersprüchen, Paradoxa (wie bei den Zen Koans) sollte geübt werden. Vielleicht hilft es, diesen und jenen Moment in sich selber genießen zu können. Auf der Welle zu treiben wie ein gefallenes Blatt. Als Teil der Welle. Welle sein. Feststellen, dass ich als Individuum nur im Jetzt vorhanden bin, als Aspekt des All-einen. In Raum und Zeit.
Gestern wie heute ein vom Konsum-Materialismus unerwünschtes Denken. Viele der christlichen Spiritualisten (auch Spinoza), die dieses All-eine dachten, wurde verfolgt oder mussten sich den Prozessen der Inquisition stellen. Lesen wir Meister Eckard, der schrieb: „Jederart Vermittlung ist Gott fremd. »Ich bin«, spricht Gott, »der Erste und der Letzte« (Geh. Offenb. 22, 13). Unterschiedenheit gibt es weder in der Natur Gottes noch in den Personen entsprechend der Einheit der Natur. Die göttliche Natur ist eins, und jede Person ist auch eins und ist dasselbe Eine, das die Natur ist.“ (4) Die Liste der Denker des „Unbegrenzten“, „Unbestimmten“ (τὸ ἄπειρον) wie es bei Anaximander genannt wird, könnte unendlich sein…
Dann denke ich an das „Taiji“, das „Dao“ ☯︎-Zeichen. Es vermag in seinen Kreisen und gewundenen Form das Unerkennbare und dennoch Vorhandene aus meiner Sicht am ehesten Dazustellen. Es vereint Getrenntes und trennt Vereintes. In einem.
„Dao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das eigentliche Dao. Ein Name (名 Ming), der sich dafür nennen lässt, ist nicht die eigentliche Bezeichnung. […] Ich kenne das Zeichen nicht, aber ich nenne es Dao.“ (5) Versuchen wir den ziellosen Weg in nicht handelndem Handeln zu gehen…

(1) vgl. Deleuze, G, Giattari, F. „Das Rhizom“ (Merve, Berlin) und (1000 Plateaus – Kapitalismus und Schizophrenie)

(2) Thieme, P. (2008) Upanishaden. Reclam, Stuttgart (S. 67/68)

(3) Spinoza, Baruch de. Ethik (Function). Kindle Edition.

(4) Internetquelle: http://www.eckhart.de/index.htm?edel.htm – sehr schön liest sich der Originaltext in mittelalterlichem Deutsch ;o)

(5) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (210)
Die erste Zeile des Daodejing liest sich wie folgt: 道可道 Dao – kann, fahig zu – Dao ; wobei Dao mit „Weg, Prinzip, Lehrmethode, rechter Weg“ – aber auch „sprechen“ etc. übersetzbar ist. Das Zeichen besteht aus den Ideogrammen für Weg (in Bewegung gehen) und dem Kopf eines Kriegers: „Das Haupt in Bewegung; die Bewegung der Gedanken, welche mannigfaltig sind; durch das Leben reisen mit der Aufmerksamkeit für die Dualität der Einheit mit der Natur.“ (https://www.tao-te-king.org/1.htm)
In der Übersetzung von Victor von Strauss (1959) Manesse Verlag liest sich der erste Abschnitt folgendermaßen: „Tao, kann es ausgesprochen werden, ist nicht das ewige Tao. Der Name, kann er genannt werden, ist nicht der ewige Name.“

Aura


Mithin kommen unerwartete, kleine, verwunderliche Begegnungen langsam angeschlichen. Ich stehe auf dem Bürgersteig, warte. Sonne bestreicht warm mein Gesicht. Ich atme konzentriert ein und aus; bin bei mir. Aus dem Nichts taucht eine säuselnde, weibliche Stimme auf. Sie fragt, ob ich die Sonne genieße. Mein Blick schwenkt, sich langsam klärend. Ich nicke leicht. Die Aufmerksamkeit geht vom Atem auf die kleine rundliche Frau mit südländischem Antlitz über. Als meine Augen auf ihre treffen, schwebt die nächste Frage in mein Ohr: „Oder meditieren sie“. Mit sanftem Atem entgleitet ein, „beides“ meinem Mund. Sie schaut mich musternd aus ihren braunen Augen an: „Sie sehen zufrieden aus, ruhig. Nur ihre linke Seite ist etwas aus dem Gleichgewicht“. Ich lächele innerlich und äußerlich. „Ja, stimmt, da habe ich gestern eine Impfung bekommen, tut noch ganz gut weh.“ Jetzt ist der dumpfe Muskelschmerz im Oberarm wieder spürbar; selbst das matte, leicht fiebrige Gefühl kehrt zurück. Gürtelrosenimpfungen sind nicht ohne, aber ich gehe damit um.
Sie fragt: „Wissen sie was ich gerade mache?“. Ich schaue sie an, denke kurz nach. „Ja, ich denke sie lesen meine Aura.“ Ihr Blick, ihre Fragen mussten es suggeriert haben. Sie antwortet: „Die letzte 2 Jahre waren…belastend für Sie. Aber das nächste Jahr wird besser.“ Ich denke kurz nach. „Ja kann sein“; antworte ich. Nach kurzem Schweigen versucht sie mir eine Sitzung „für wenig Geld“ anzubieten. Ich bedanke mich freundlich und sie zieht weiter.
Auren sind nichts für mich… Mag sein, dass sie eine spezielle Wahrnehmung für diese oder andere Energieformen hat. Ich vermute eher, dass sie eine sehr gute Beobachterin ist. Mit entsprechender Übung sollte es nicht schwer sein aus Haltung, Blick und Gesichtsausdruck den inneren Zustand eines Menschen herauszulesen, deren Energie zu erkennen. Nicht umsonst sprechen wir von strahlenden Menschen oder gebückten Personen. Zudem bedarf es, zum Beispiel um Ki- zu erleben, zu spüren, meiner Erfahrung nach langjähriger Praxis. Nicht zu vergessen, dass laut alter, nicht nur indischer Tradition Meister, Gurus, Schamanen, Heiler und Medien kein Geld fordern. Ihre Gaben oder erworbenen Skills geben sie mit Freude an Mitglieder ihrer Community weiter, die sie unterstützt und ehrt. Ein wunderbares System, dass von der Geldwirtschaft des Kapitalismus korrumpiert wurde. Spiritualität, wie glaub ich, Aya Khema mal gesagt hat, reduziert sich nicht selten auf das Lesen eines „esotheric magazin“; oder halt die teure Sitzung, Kurse, Seminare, fadenscheinige Versprechen, die liefern ohne selber etwas zu tun. Ohne, dass Konzentration, Willenskraft und Aufmerksamkeit trainiert wird…im Markt der Eitelkeiten. Zu sich kommen, Austausch basiert auf Liebe, Freude, Vertrauen und Mitgefühl. Zu sich selber und der uns warm umschließenden Umwelt.
Alle Wesen sind eine Familie. Alles ist verbunden

Mitte

Die Natur sprießt und entfaltet sich in alle Richtungen; auf den ersten Blick chaotisch. In ihrer asymmetrischen Harmonie kreist sie immer um eine sich in Bewegung befindliche Mitte. Wie ein Fluss fließt der Naturprozess endlos voran und bleibt dennoch er selber. Wie die Kuh, die büschelweise Gras ausreißt, zermalmt es verdaut. Später wird der Fladen die grünende Wiese düngen, frischgrünes Kraut, neues Futter wachsen lassen. Käfer zerfressen irgendwann ihren Leib, wie auch den alterskranken Baum, der langsam zerfällt und zur Nahrung für neues Sprießen wird. Wie jeder Körper.
Der Mensch hingegen… – hat seine Balance verloren. Im Kleinen wie im Großen. Die Welt – und damit ist die der Humanoiden gemeint – scheint ihr Gleichgewicht verloren zu haben. So raunt es alle Tage durch Medien und Köpfe. Kaum sind solche finsteren Gedanken gedacht, versanden sie im Rausch der betriebsamen Verdrängung. Nicht die Welt, die Natur sind aus dem Gleichgewicht – die Menschheit ist es. Die verblendeten und arroganten Affen sind die einzigen Wesen, die laut der chinesischen Philosophie ihre Mitte verlassen bzw. verloren haben – ihr Sein in der Natur. Ihr Sein in und mit sich selber: „Zong 中 – die Mitte – ist die große Wurzel aller Dinge unter dem Himmel; He 和 – die Harmonie – ist der Zielgerichtete Weg aller Dinge unter dem Himmel. Wenn Zong und He erreicht werden, so sind Himmel und Erde in Ordnung und alle Dinge gedeihen.“ (1) Wir Menschen scheinen blind für solche banalen Erkenntnisse. Aus der Mitte gefallen, vergessen wir das Einfachste – und Wichtigste. Es ist „zunächst die Aufforderung, die Dinge und Lagen richtig zu erkennen und zu durchschauen, und das brachte Shun 舜 wohl durch sein Nachfragen zustande, dann aber »dem Volk gegenüber« aus der Mitte her handeln, kann nur »sachgerechtes« Handeln ohne Rücksicht auf eigenen und fremden Vor- und Nachteilen sein.“ (2).
Wie maßlos ungleichgewichtig krakelen die Menschen unserer Zeit. Blubbern und Plappern über mannigfaltige Kanäle. Führen kleine Kriege in den Haushalten, auf den glatten Displays ihrer Smartphones, auf den Straßen – große zwischen Staaten. Sie haben ihre eigene Mitte verloren, ihren Ort, ihren Platz, ihren Frieden. Geist und Verstand werden mit Freude in den Trubel des Meinens geschleudert, der dunkler, wilder und hektischer daherkommt als jeder Hurrikan. Wo ist ihr inneres Gleichgewicht? Wir haben uns aus der Mitte in eine ungesunde, unharmonische Haltung gebracht. Die Konsequenz dieser Rückgratlosigkeit sind Unsicherheit, Angst und Hass.
Die Mitte suchen, Harmonie erstreben hat nichts mit Neutralität zu tun. Die Mitte ist nicht fest. Wie die Rosenblütenblätter, die sich chaotisch in blendender Schönheit entfalten, bevor sie herabfallen und vergehen. Permanent schwingt sich die Welt um ihre bewegte Mitte ein, wie ein im Wind wiegender Grashalm oder das unsichtbare Wanken des mächtigen Stamms einer Eiche. Selbst der massive Berg bewegt sich. Meist langsam, manchmal schnell, wie es jüngst in der Schweiz zu beobachten war. Neutral bedeutet nicht nur das Schwingen hin zur Harmonie. Es zeigt auf den Weg zu einem „in sich zufrieden sein“. Nur aus dieser Zufriedenheit im Inneren kann Frieden entstehen. Nur aus diesem inneren Frieden heraus können wir über wirklichen Frieden reden. Ich denke an das freundlich versunkene Lächeln von orange berobten Mönchen, die gelassenen Worte eines Meister Eckardts, eines Rumi oder Theresa von Avilas „Seelenburg“.
Ich spüre, wie Menschen aller Weltkulturen diese Erkenntnis auf so unterschiedliche Weise gedacht und gelebt haben. Das innere Gleichgewicht ist, wie das Körperliche, die Basis für einen festen, klaren Halt, für eine klare und kräftige Haltung. Nur diese mag vor den dunklen Gewittern der Ideologie schützen, die mit ihren verbrennenden Gedankenblitzen die Gehirne zerschmelzen. „Die ersten „-ismen“-Bezeichnungen wie etwa „Fanatismus“, „Materialismus“, „Spinozismus“ u.ä. sind in der Regel medizinischen Krankheitsbezeichnungen (vgl. Rheumatismus u.a.) nachgebildet und sollten krankhaften Überschwang, Exaltation und eben aus der Mittellage „verrücktes“ Denken zeigen.“ (3)
Strengen wir uns an, stabil und harmonisch nah an der Mitte zu kreisen, uns beweglich zu halten. In festem Stand. Die energetische Mitte des Körpers ist im fernöstlichen Denken das Herz.

(1) Kaiser Shun „Mitte und Maß“ zitiert nach Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (162)

(2) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (160)

(3) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (165)

Rede und Meinung

Die Vier rechten Anstrengungen

„Die Vier rechten Anstrengungen
Was ist aber, ihr Mönche, die heilige Wahrheit von dem zur Leidensauflösung führenden Pfade?

Dieser heilige achtfältige Weg ist es, der zur Leidensauflösung führende Pfad, nämlich: rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechte Tat, rechter Lebenserwerb, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Sammlung.. –

Was ist nun, ihr Mönche, rechte Erkenntnis? Das Leiden kennen, ihr Mönche, die Entwicklung des Leidens kennen, die Auflösung des Leidens kennen, den zur Auflösung des Leidens führenden Pfad kennen: das nennt man, ihr Mönche, rechte Erkenntnis.
[…]
Was ist nun, ihr Mönche, rechte Rede? Lüge vermeiden, Verleumdung vermeiden, barsche Worte vermeiden, Geschwätz vermeiden das nennt man, ihr Mönche, rechte Rede.

Was ist nun, ihr Mönche, rechte Tat? Lebendiges umzubringen vermeiden, Nichtgegebenes zu nehmen vermeiden, Ausschweifung zu begehen vermeiden: das nennt man, ihr Mönche, rechte Tat.“ (1)

Seit den frühesten Tagen der Literatur, die zugleich als Philosophie begriffen werden kann, wird über die Sprache gesprochen. Sie kann Wahres bezeugen – jedoch auch von Falschem berichten (2). Die Griechen, wie schon Parmenides (3) unterschieden zwischen den „doxa“, den Meinungen und der Wahrheit, der „aletheia“. Letzterer Begriff ist bei Heidegger der Ort, in dem sich unsere Ek-sistenz lichtet. Der momentane Ort der „Unverborgenheit des Sein“ (4). Der Kegel des wandernden Scheinwerfers auf der Bühne des Lebens, der im Jetzt das flüchtige Sein im Da beleuchtet – bevor es im Strom der Zeit weiterwandert, sich das Sein erneut verdunkelt.
Ebenso fügen sich die Worte der Sprache, die Bilder und Symbole im Strom der Gedanken, die unser Sein ausdrücken zusammen. Kommen und vergehen in einem unendlichen Fluss. Was soll da diese Rede von ewigen Wahrheiten? Schon der Gerede von „Ich“ verflüssigt sich bei jedem Schritt. Wird immer wieder anders. Daher scheint es ratsam mit der Sprache, den Meinungen sorgsam umzugehen. Leidhafte Gedanken, böse Rede, dunkle Wahrheiten führen schnell zu schädlichem Handeln. Bringen Leid und Schmerz in die Welt.
Um dies zu vermeiden hilft ein konzentrierter, klarer Blick auf den nie versiegenden Gedankenstrom. Trainieren wir nicht nur unseren Körper und unseren Geist. Er benötigt tägliche Praxis in Willenskraft, Klarheit und Konzentration. Sie müssen geübt werden. Das Gegenprogramm zum Leid der gehetzten materiellen Welt, die uns mit ihren röhrenden Lautsprechern und verführerischen Bildern, einzig wahren Büchern der Religionen und Ideologien, „schnellen Schüssen ins Gehirn“ (5), fett gedruckten Imperativen und subtilen Messages immerfort vom Weg abbringt.

(1) Mahāsatipatthāna Sutta, Die Grundlagen der Achtsamkeit
https://www.palikanon.com/digha/d22.htm

(2) „Hirten der Flur, unnüz hinträumende, Bäuche nur einzig!
Wir verstehn viel Falsches, wie Wirklichem gleich zu verkünden;
Wir verstehn, wenn wir wollen, auch anzusagen die Wahrheit.“ Hesiod, Theogonie (ca. 700 v.Chr.) https://www.projekt-gutenberg.org/hesiod/theogon/theogon.html

(3) Parmenides von Elea, Fragmente (http://www.zeno.org/Philosophie/M/Parmenides+aus+Elea/Fragmente/Aus%3A+%C3%9Cber+die+Natur)

(4) vgl. Heidegger, M (1993) Sein und Zeit. Niemeier, Tübingen und spätere Aufsätze

(5) Kroeber-Riel, W (1996) Bildkommunikation.Vahlen, München S. 53

Fest und grenzenlos

Ich bin kein Freund der Mathematik. Mein Gehirn scheint deren Konzepte in ihrer diskreten Erscheinungsweise nicht so locker anzunehmen. Es bewegt sich lieber im Raum des Ungefähren, des Unscharfen, des künstlerisch-spielerischen Philosophierens. Mit Freude lese ich Deleuzes und Guattaris Auslassungen. Selbst wenn von Abzissen und Mengenlehre die Rede ist, scheinen Denkpfade und spannende Aspekte auf. Diese Freunde im Wort helfen selbst bei der Diskussion „natürlicher Zahlen“. Diese Zahlzeichen spielen in meinem Leben kaum eine Rolle, außer ich muss etwas zählen oder bezahlen. Dennoch bringt die Diskurswolken dieser Φίλοι mir über mathematische Begriffe, gepaart mit der Bewegung, dem Werden, das Konzept der Grenzen näher: „Verzögerung heißt, eine Grenze im Chaos zu ziehen, die von allen Geschwindigkeiten unterschritten wird, so daß sie eine als Abszisse bestimmte Variable bildet, die man nicht überschreiten kann (etwa ein Maximum an Kontraktionen).“ (1)… Und so fort. Der Grenzwert. Die Grenze, ein Funktiv wie die Variable; im eingegrenzten Raum, den die Wissenschaft erzeugt. Arbiträr. Territorialisierung, Deterritorialisierung und Reterritorialisierung zwischen funktionalen Begriffen (Zahlen?) der Wissenschaft und beweglichen Begriffswolken der Philosophie, der wie alles eine handelnd-werdende Versammlung (Assemblage) darstellt. Erneut denke ich an ziehende Wolken. Ich denke Kunst und Spiel.
Ein fluides Denken schwebt in meinem Geist. Es greift nomadisierend nach Horizonten auf Plateaus. Deleuze und Guattari sprechen vom All-Einen (2). In meinem Kopf verbindet und verweben sich die Begriffe. Das All-Eine wird zum Brahman der Upanischaden (3), in das sich unser selbst (Atman) nach uralter Lesart dereinst eingeht; wir uns auflösen, entgrenzen werden. Über den leeren Raum schweife ich zu den Begriffsbrüdern Anatta und Anicca des Buddhismus. Alles ist im Werden, okzidental gesprochen „universell“. Jedoch ohne Fixpunkte, Transzendentalien. Begriffe, die sich in einem feinen Gespinst von All-Verbundenheit verknoten und zugleich wieder neu verbinden. Wir können sie als Variable, als mögliche Container nur kurz fassen (Grenzwerte), bis sie uns entgleiten. Ein wunderbares neues und zugleich uraltes Denken, dass immer wieder versucht, unser Klammern an feste Dinge (auch Zahlen) mit ihren scheinbar fassbaren Grenzen aufzulösen. Ein Denken, das erlebt, praktiziert werden möchte, um sich in der Leere zu zeigen. Heraklits πάντα ῥεῖ ! Das Yogi Siegel aus Mohenjo Daru! Atem, Prana und Ki, deren Begriffe so kraftspendend wie leer sind. Die Körper-Geist-Einheit muss sie gelebt, wir uns entgrenzt haben. Ohne deren Energie und ein kreisendes Ein und Aus stetigen Atemflusses ist kein Leben. Fließender Austausch.
Durch dieses Denken stellt sich alles fest geglaubtes, speziell in Bezug auf ein Festhalten (Besitz) in Frage. Denn wer besitzt schon mein Leben? Ich? Wo ist mein Trauma? Im unergründlichen Unbewussten? Woher kommen meine Gedanken? Von mir? Wo ist eine Wahrheit? Mal hier mal dort, mal fest, mal ein im Nebel ungreifbarer Schemen… Von Ast zu Ast schwingende Affen, die im Dickicht des Urwaldes davon gleiten, bis ihre letzten Rufe verhallt sind. Ziehende Wolken…

(1) Deleuze, G., Guattari, F. (1996) Was ist Philosophie? Suhrkamp (S. 136)

(2) „Als vorphilosophisch oder gar nicht-philosophisch jedenfalls setzt die Philosophie die Macht des All-Einen, und zwar als wandernde Wüste, die von Begriffen besiedelt wird.“ (ebenda S. 14)

(3) „Das Universum kommt aus dem Brahman hervor und wird zu Brahman zurückkehren. Wahrlich alles ist Brahman.“ Chandogya-Upanischad in Easwaran, E. (2008) die Upanischaden. Arkana, München (S. 243)

Philos

„Es sind zwei Freunde, die sich im Denken üben, das Denken selbst verlangt, daß der Denker ein Freund ist, damit es sich in sich selbst teilen und ausüben kann. Das Denken selbst verlangt diese Aufteilung des Denkens unter Freunden. Das sind keine empirischen, psychologischen und gesellschaftlichen Bestimmungen mehr, noch weniger Abstraktionen, sondern Früsprecher, Kristalle oder Keime des Denkens.“ (1)

Ich schwirre zwischen Immanenzebenen, versuche dem transzendentalen Sog zu umgehen. Wie Wirbelstürme verfestigen sie das Denken und verlieren das Werden, die Vergänglichkeit, der wir uns stellen müssen. Wie schön Denkfreunde zu haben, die den Weg geleiten, anregen, motivieren. Spiegel, die in einer Falte des Plateaus die kurzen Sekunden einer sich zugleich auflösenden Wahrheit zeigen. Blitzlichter, die Begriffe schaffen und zerstäuben.
Mir deucht, ein altes, uraltes Wissen. Im monolithischen Westen vergessen, nicht geübt. Dabei ist es so einfach, so banal. Im Hin und Her des Spiels bliebt nie etwas so, wie es erscheint. Alles ist immer anders. Selbst im unendlich kleinen Moment. Die Allverbundenheit, das zeitlose All-Eine. In ihm ruht die Möglichkeit zur Gelassenheit. Dem Zulassen, sich darauf-ein-lassen. Eins werden, ohne sich zu verlieren. Ja, die Welt erscheint paradox. Sie ist in sich paradox. Wie in diesem Zustand zu leben möglich ist, haben schon die alten Chinesen oder Inder begriffen. Im nicht-denkenden Denken, jenseits jeglicher Begriffe. Die Vergänglichkeit der symbolisierten Gedanken betrachten und und im selben Moment loszulassen ist eine Kunst, die geübt werden möchte. Wie die Lücke zwischen den Perlen der Perlenkette, die es immer weiter auseinanderzuziehen gilt. Bis wir deterritorialisiert das Ewig-Eine Territorium des werdenden, seienden Scheins durchwabern. Sich selbst, den Denkfreunden und der Welt ein philos sein…

(1) Deleuze, D.; Guattari, F. (1996) Was ist Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt a.M. S. 79

Teleologie

Heute habe ich mit den Krokussen geatmet. Zart sind ihre ersten Blüten, die sich zwischen den vertrockneten Überresten des letzten Herbsts, in der frischwürzigen Luft des Frühlings, den weichen Sonnenstrahlen entgegenstrecken. Jeder Aufbruch lässt uns nur zu gerne ein großes Ziel vermuten. Die feingefärbten, vergänglichen Blüten zeigen hingegen, dass jegliche Ziele Illusionen darstellen. Das Aufblühen von heute stellt das Welken von morgen dar. Genährt vom zersetzten Erblühen und vergangenem Verfall des letzten Jahres. Ein ewiges Werden und Vergehen, ein unablässiger Kreislauf. Nie werden wir wissen, wann, wie oder ob überhaupt etwas jemals endet.
Die Teleologie wiederum, das Denken in Zielen, ist trotz dieser simplen Erkenntnis unendlich mächtig. Er hat sich in die dunkle Erde, speziell das okzidentale Denken eingegraben wie die mächtigsten Wurzeln. Diese dunkel verdeckten Hölzer wuchern in unserem Geist, haben sich im scheinbar festen Mutterboden verankert. Wie ein Evangelium wird es uns modernen Menschen eingebläut. Es predigt davon, etwas zu werden (was bitte?), etwas zu sein (was bitte?). Es flüster davon, Dinge haben zu wollen, zu besitzen (wieso?), zu gewinnen oder zu den Gewinnenden zu gehören (warum?)…; kurzum immer weiter voranzustreben. In der Hoffnung ein mächtiger, ewigbeständiger Baum zu sein.
Wie tief diese Subjekt-Objekt-Ideologie unser Gehirn, unseren Geist durchdrungen und zersetzt hat, lässt sich unschwer in der Meditation erkennen. Es bedarf konzentrierter Anstrengung und Übung, den ein- und ausgehenden Atem in seinem vergänglichen Sein wahrnehmend zu genießen. Zudem fokussierte, unwillentliche Willenskraft, um den unendlichen Strom von zielgerichteten Gedanken sich verflüchtigen zu lassen. Gedanken, sie sich zumeist um zu lösende oder zu erreichende Dinge drehen. Seinen sie noch so klein, noch so groß. Mit ihren Bildern und Imperativen kommen und gehen die mit ihnen verbundenen Sorgen, Ängste, Wünsche, Hoffnungen.
Doch was ein Genuss, wenn der Geist in der Leere verweilen darf. Frei von allen Ansprüchen und Anrufungen, die uns täglich vorgaukeln, was wir alles Benötigen; wer wir sind. Bei der Freude, in der Betrachtung der Krokusse löse ich mich auf. Im Jetzt. Bis sich die Ziele erneut drohend melden. Es ist ein langer Weg, dessen Ende nie erreicht werden wird. Nicht in diesem, endlichen Leben, das alsbald vergehen wird.

Unscharfes Denken

Das die Sonne scheint, ist eine Wahrheit. Klar und hell fallen ihre Strahlen auf meinen Körper, die Welt, in die mein Auge schaut. Dann die Wolke, ein weicher Flaum, der sanft über das Antlitz des Lichtgestirns zieht, es verdeckt. Der erste Eindruck löst sich auf, wird obsolet. Ich sinniere. Die Wandlung, die Verdeckung geschieht nicht unmittelbar, entlang einer scharf gezogenen Grenze. Sanft und zart schoben sich die ersten, nebelig-fransigen, sich selbst verändernden Ausläufer über die Lichtspenderin. Bis das direkte Licht gänzlich verborgen zu sein scheint. Trotz der Verdeckung strahlt sie weiter. Erhellen ihre Reflexionen indirekt die Welt. Nur, sie ist, wie ich es empfinde, nun etwas graublauer, weniger strahlend. Erst wenn die Nacht sich in wunderrotverzaubertem Wolkenmuster langsam um uns legt, wird es dunkel werden. Die Sonne wird weiterziehen, so spricht der Eindruck. Doch wir Heutigen wissen, das es die Erde ist, die sich um sie dreht.
Egal, das Gestirn schleicht stetig über den Horizont, verdunkelt den einen Bereich, erleuchtet einen Anderen. An jedem Ort, der sich ihr zuwendet, wird sie erneut einen Tag voll Wärme und Licht spenden. Tage, die mal so, mal so lang sind. Immerfort strahlt sie, verbrennt sich selber, löst sich langsam auf. Langsam, sehr langsam. Das sagt die Ansicht der armen, kurzlebigen Würmchen auf diesem irdenen Ball in der unendlichen Weite des Universums. Wo sind die Grenzen? Die klaren, fest geglaubten Objekte, Zustände und Gedanken? Alles fließt. Jeglicher Glaube an feste, ewige Wahrheiten ist eine Illusion, die vom Werden aufgehoben wird. Dialektik in Aktion, Sein in beziehender Bewegung.
Ebenso verhält es sich mit allem fest und unumstößlich gedachten Meinungen. Selbst die der reinen Mathematik oder der berechnenden Physik lösen sich in unscharfen, trüben Seen auf, in die das Denken kaum vorzustoßen vermag. Ich habe keine Ahnung von Mathematik. Dennoch höre ich von den „ungelösten“ Problemen dieser Wissenschaft oder vom „Gödelschen Unvollständigkeitssatz“, nach dem gewisse Annahmen weder bewiesen noch widerlegt werden können. Genauso in der harten, faktischen Physik, die bei Heisenbergs „Unschärferelation“ ins Teilchenwolkenschwimmen gerät. Materie wird/ist Energie wird/ist Materie. Was nun? Wie die Sprache, die es in ihrem unendlichen Wabern dennoch vermag zwischen den Zeilen von Wahrheiten zu künden
Die Unschärfe, das Ungefähre ist der Kern der Möglichkeit, immer wieder anders zu denken. Weg von den alltäglichen „Feststellungen“ die wir treffen, Neues behaupten; zu Meinen. Die „doxa“ (δόξα)(1). Sie leiten uns in die Irre. Was bleibt ist das Denken der Unschärfe in der „Vergäglichkeit“ des „Werden“. Das Denken in Beziehungen zu Welt. Mit dem Blick, auf das „Dazwischen“, weg von den Objekten. Solches Denken schafft Verbindungen, öffnet Horizonte.
Wo fängt mein Körper an? Wo beginnt die Welt, von der ich meine, dass sie ihn umgibt? Wo ist meine Identität, die eben doch so anders war. Wieder fällt mir Nietzsches Dividuum (2) ein. Oder Rimbauds Violine (3). Zu oft behaupten Gedanken Beständigkeit. Eine Beständigkeit, die sich so langsam wandelt, dass sie, wie die Sonne, fest erscheinen. Genauso wie mein „Ich“. Dennoch, ein Blick in den Spiegel und das Fotoalbum genügt. Dieses „Ich“ war eben und gar erst vor Tagen ein gänzlich Anderes. Ganz zu schweigen von den Bildern, aus denen heraus mich ein kleiner Junge fröhlich angrinst. Wolkig-emotionale Erinnerungen verbinden sich mit dem Bild. Der Eindruck, das Gefühl ist kaum in Worte zu fassen. Jede Behauptung wäre zu fest, zu starr. Scharf und unscharf zugleich.

(1) vergl. Parmenides und das Höhlengleichnis von Platon. Zudem der Musenaufruf Hesiods zur Wahrheit.

(2) Nietzsche, F. (1878) Menschliches, Allzumenschliches; erster Band, zweites Hauptstück 57.

(3) „Ich ist ein anderer. Umso schlimmer für das Holz, wenn es sich als Geige wiederfindet, und Hohn über die Ahnungslosen, die über das rechten, wovon sie nicht das Geringste verstehen.“ (Rimbaud A. (2002) Sämtliche Dichtungen. dtv, Seherbriefe 369)

Materialisten

Eine vielversprechende Diskussion über Grenzen lockt uns ins Internet. Das Zoom-Fenster öffnet sich; ein Text leitet ein. Dann, im Rahmen der Einleitung fällt mein Blick auf das Wort „materialistisch“ (1). Ich bemerke, wie ideologische Kälte meinen Magen zusammenzieht. Die Begriffsauslegung, die mir hier entgegenstrahlt, ist mir allzu bekannt. Es riecht nach verstaubtem „orthodox marxistischen“ Kontext. Er verweist, wie eine metallene, starre Leitplanke auf den ideologischen Überbau des Denkansatzes, der den Diskurs von Vortrag und Diskussion leiten wird. Meine Zehennägel rollen sich hoch. Ich spüre ein leichtes, emotionales Gruseln; das kann nicht gut werden. Die Denkautobahn ist, bevor das erste Wort fällt, asphaltiert.
Mein ganzer Körper spürt den mentalen Beton. Betonmarxisten. Ein in beton gegossener Begriff, der auch anders gedacht werden kann. Die Gespenster, die nach wie vor umgehen. Ideologiezombies. Fremdschäme ich mich für die, in diesen ausgefahrenen Gleisen argumentierenden Menschen, die sich vor prall gefüllten Bücherregalen präsentieren? Ideologen, deren Gehirn so erstarrt sind, wie eben dieses Baumaterial, dass metaphorisch für Vorstadt-Ghettos, Autobahnen, AKW-Kühltürme, Bunker und all den Wachstumswahn steht.
In einer Vision sehe ich den Materialisten, wie er auf einem mittelalterlichen Turm verzweifelt eine festgehauene Zinne umgreift. Den kalten Stein förmlich knutscht. Wie er sich mit letzter Anstrengung an ihn klammert. An das entgleitende Objekt seines Begehrens gebunden – während ein Erdbeben nach dem Anderen die Geisteswelt erschüttert. Argumentative Steine und Staub stürzen durcheinander. Sammel sich als Schutt auf dem Boden. Nichts bleibt, wo es vorher war. Dennoch, er vermag es nicht loszulassen, klammert sich frenetisch fest, wo ein anders Bewegen doch so einfach wäre. Er stürzt mit ab, wird von Staub bedeckt. Freudig und blind wie Scrat aus Ice Age, der als philobatisches Objekt seine Eichel umklammernd ins Verderben gerissen wird. Comic relief…
Durch ihre verschrobene Maske aus Wortbeton hindurch merken sie nichts. Haben nie erfahren, wie sanft und glatt, sperrig und fließend, rauschend und vieldeutig Begriffe und Sprache sind. Klammern sich an festgegossene Erklärungsschemata, welche die Zeit als Ruinen überdauert zu haben scheinen. Ich seufze innerlich. Denke an meine eigenen Ruinen. Wie schwer es war, sie abzureißen und in fruchtbares Diskursland umzuwandeln. Immer wieder. Doch ich habe erfahren wie erbaulich, lustvoll es ist, sich Werdend anderen Denkhorizonten zu öffnen. Ein geistiger Nomade zu bleiben. Der Welt in ihrer Vielheit – und Fremdheit – bis hin zur Befremdlichkeit zu lauschen. Ich danke dem „Materialisten“, dass er mich an diese, nicht leichte Aufgabe erinnert hat. Vielleicht hat sein Ruinendenken doch einen Sinn.

(1) Heidegger schreibt in seinem Aufsatz „Über den Humanismus“ ((2000) Frankfurt am Main, Klostermann) folgendes; „Das Wesen des Materialismus besteht nicht in der Behauptung, alles sei nur Stoff, vielmehr in einer metaphysischen Bestimmung, der gemäß alles Seiende als das Material der Arbeit erscheint.“ (S. 32)