Positiv denken

Generell ist die Stimmung zu dieser Jahreszeit im Norden dunkel und regnerisch. Dazu das mental ungesunde Klima, die alltägliche Bombardierung durch düstere Wolken, welche die Medien nur zu gerne verbreiten und verstärken. Ich lese. Lieben wir es von Agonie umhüllt zu werden? Uns treiben zu lassen, nur den grauen(haften) Wolken zu folgen? All den trüben Überschriften, durch die ich diesen Morgen scrollte? Dann, wie der erhellende Durchbruch einiger sonniger Strahlen teilte sich der herbstliche News-Himmel. Ein Lächeln breitet sich sanft in meinem Gesicht aus. Ja! Ich freue ich mich über jede positive Nachricht, jeden Blick der Hoffnung und innere Freude verbreitet, das Herz erwärmt.
Meine geliebten konservativen Freunde von der NZZ (1), die gerne einen eiskalten Neoliberalismus predigen, veröffentlichten diese Tage ein Interview, dass mich mehr entspannte, als der gelassene Blick in den Himmel bei einer warmen Tasse Ersatzkaffee. Am Ende einer endlose Liste von Meldungen über Kriege und Katastrophen, durch die ich gescrollt hatte, war weit unten versteckt; so wie wir gerne die positiven Dinge zu vergessen und zu verdrängen scheinen, um die negativen zu genießen. Ein Artikel über den Krieg und die Menschen.
Tenor: Der Mensch als Gattung ist im Allgemeinen gut. Er ist ein kooperatives, soziales, kein an sich kriegerisches Wesen. Sicher, Konflikte gehören, speziell, wenn es zu existentiellen Krisen mit Konkurrenz durch Knappheit von lebenswichtigen Ressourcen geht, seit Anbeginn zu unserer Geschichte. Nicht zu vergessen die vom Besitzdenken angetriebenen Verbrechen aus Leidenschaft – nicht nur in Bezug zu materiellen Gütern, sondern auch auf Menschen. Wie Bregeman schon schrieb, schweißen Katastrophen die Betroffenen jedoch eher zusammen (2). Kriege und brutale Konflikte sind überwindbar, wenn man den Autoren glauben darf.
Zuversichtlich schaue ich gelassen in den Tag. Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels, selbst wenn die Sonne mit ihrer Wärme im wolkig-nebligen Himmel kaum zu erahnen ist.

Zum Schluss ein Zitat: „Van Schaik: Trotz den gegenwärtigen Kriegen können wir festhalten, dass wir bereits den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wir werden wenigstens sozial und ethisch mehr wieder zu Jägern und Sammlern. Zumindest im Westen leben wir immer egalitärer und demokratischer. Die Sklaverei wurde abgeschafft, dasselbe ist mit Krieg möglich.“ (1)

Es leben die Nomaden!

(1) Aus NZZ-Online vom 18.11.2024, Interview mit Anthropologen Carel van Schaik und Kai Michel.
Es unterstreicht die Thesen aus Rutger Bregmans schönem Buch „Im Grunde Gut“, das ich für sehr lesenswert halte.

(2) Bregman, Rutger (2021) im Grunde Gut, Rowohlt

Herbstgedanken: Haltung vs. Ideologie

Da pöbeln sie wieder. Mit Bildern, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, feisten Parolen, erstaunlichen Zahlenbergen. Wie ein durchtriebener Schwindler gaukeln sie Wissen vor. Zusammengestückelte Montagen, Symbole und schreierische Imperative sollen belegen, dass diese oder jene Sache die Richtige ist; dieser oder jene Ansicht die pure Wahrheit darstellt. Sie geben vor heller zu strahlen als das Leuchten platonischer Ideen. Da werden die Kämpfer, Mörder, Opfer und Geschändeten auf der „richtigen“ Seite bejubelt oder beweint. Die von der „Falschen“ Seite werden mit Hass überzogen, egal ob sie Täter sind oder leiden.
Was da aus den schwarzumwölken Seelen der Poster zu leuchten vorgibt, ist für mich das hasserfülltes Strahlen eines fahlen, düsterschmutzigen Glimmens. Das kalte Monitorlicht aus den Tiefen des Web. Oh, ihr armen Wichte an den Tastaturen! Stellt Euch Eurer Angst. Denn sie ist die Mutter der Wut, sie gebiert den Hass! Ist es so schwer zu erkennen, dass, wenn Ihr Unrecht erblickt, es schlauer sein könnte bedenkend anzuklagen? Ist dies nicht der menschlichere Weg? Wann habt ihr zum letzten mal anstatt auf die fahle Scheibe des Bildschirms in die warmen Augen eines Menschen geblickt? Einen fairen Diskurs, ein tiefes Gespräch gewagt?
Manchmal ist Schweigen durchdringender als das tosende Gezeter. Schmerzensgeschrei. Gebrüll und Wutgegrunze sähen nur mehr Widerwillen, Angst und Hass. Schaut in Euch, reflektiert, geht in ein inneres Zwiegespräch, fragt Euch, woher diese dunklen Gedanken kommen. Wovor fürchtet ihr Euch? Welcher Dämon hat von Eurem Geist Besitz ergriffen?
Psychologische Philosophen wie Lacan oder Sizek sprechen von den Anrufungen, denen wir durch unsere Ideologien ausgesetzt sind. Einem Konglomerat von Handlungsanweisungen, die jeder Mensch zutiefst verinnerlicht hat und reflexartig ausführt. Wie die Programme eines Computers, eines Betriebssystems. Durch ewige Wiederholung haben sich die Befehlssätze in den tiefsten Tiefen unseres Geistes verankert, als wären es die Eigenen. Daher handeln wir nicht selten wie dumme Prozessoren in den Computern, reagieren auf einen Input: Reflexartig folgen wir brav Schlüsselwörtern und -symbolen. Programmiert zu Gefolgsmenschen einer Nation, die beim Bild der Flagge, beim Ruf „zu den Fahnen für Nation und Rasse“, quasi „aus sich selber heraus“ fröhlich das Gewehr schultern, um unhinterfragt in den Tod zu marschieren. Genauso wie all die Konsumzombies, die voller Werbeversprechen grunzend nach dem nächsten Kaufopfer gieren. Hirntot!
Ideologien definieren das Verhalten in unseren Beziehungen, formen unsere Vorstellung. Egal ob es die bunte Schönheit der Konsumwelt ist oder die viele andere Dinge und Ideen, von denen wir denken, sie seinen unsere Eigensten. Sie kneten unser Hirn, durchsetzen es quasi heimlich mit brutalen Machtstrukturen. Werbung, Kapital und Politik nutzen diese Gedankenkrake immer wieder zu ihrem Vorteil. Wir reagieren auf ihre verrätselten, in uns eingebrannten Zeichen. Ihre Beliebigkeit verweist auf Sinnloses und arbiträres. Fragt Euch, wenn neben Grusel-Hetzbildern Werbeanzeigen flimmern, wer diese Reflexe bedient. Je nachdem wie wer ruft, werden Gefühle, Utopien und Wünsche getriggert. Das weltbekannte Porträt Che Guevaras kann zum Befreiungskampf aufrufen oder Zigaretten verkaufen.
Eine Haltung (kor. Jase 자세) hingegen kommt aus sich selbst heraus. Gerade, fest, ruhig, voller Vertrauen auf sich selber stehen ist die einzige Möglichkeit den Anrufungen der Ideologien zu widerstehen. Fest stehend, mit klarem Blick, schweigend die Welt enträtselnd. Das Gewohnte hinterfragen, sei es noch so plausibel. Dann dem ruhigen Atem folgend bedacht handeln.

Alleine, mit mir

Zum Sonnenaufgang hin verbinde ich mich mit den Elementen. Ich rieche die Luft, höre das Meer, spüre Wind, Stein und Sand. Kleine Fliegen verwechseln mich mit einem Haufen verwesenden Tangs und kitzeln. Sie helfen mir, mich in Konzentration und Willenskraft zu üben. Manchmal streife ich mir sanft über Arme und Beine, um die Horde für kurze Zeit zu vertreiben.
Mächtig und schwer stehen die Berge da. Tag für Tag, aber nicht für die Ewigkeit. Wie Kolosse, die aus den Tiefen des Meeres aufragen. Am Abend sind die schroffen, hinteren Gipfel wolkenumzogen. Trotz ihrer massiven Beständigkeit erscheinen sie wie schwebende Schatten, die sich mit dem nebeligen Firmament am Horizont vermischen. Himmel und Erde vereinigen sich mit der leicht kräuselnden See. Poseidon trifft Zeus, der in einer Höhle unweit von hier vor seinem Vater verborgen war.

Sanft senkt sich die Sonne genau zwischen den beiden stoischen Felsen von Nisi Paximadia in die Wolken herab. Das wunderbare Licht hebt das Eiland vor dem Horizont hervor. Wie in einem Schattenspiel. Es wird Herbst, die Schatten länger.
Auf mich geworfen sitze ich in der Taverne, nehme das friedliche Schauspiel in mir auf. Wohlgenährt von dem, was die Erde uns spendet. Die Gedanken sind leer. Ich bin alleine; bei mir; als Teil des Ganzen nicht einsam. Einsam sein, bedeutet mit sich sein. Mit sich selber sprechen können. Neben mir das junge Paar – schweigt sich an. Ein Mann telefoniert, mit laut gestelltem Handy. Das Meer löscht die blecherne Stimme aus. Für mich zu sein ist eine Qualität. Die Gedanken beruhigen sich, bekommen die Chance, sich der Weite der Natur aufzulösen. Wie durch eine sanfte Brise der Nebel werden sie, verbunden mit meinem Atem, bis hinter den Horizont verteilt.
Ich frage mich, ob das schweigende Paar gemeinsam einsam ist. Ob der Mann sinnlose Dinge in das quäkende Gerät geblubbert hat. Waren sie mit etwas verbunden? Mit jemandem? Mit sich selber? Ich spüre in mir die Liebsten, mit denen ich ohne Worte diesen herrlichen Moment teile. Sie sind wie mein Schatten: immer bei mir; geliebte Geister. Bald sehe ich Euch wieder und berichte.

Brandung

Das beruhigende Branden der sich ewig bemühenden Wellen nimmt kein Ende. Sie begleitet mich vom Aufstehen, dem ersten Strandgang, dem Bad. Bis ihr rollender Rhythmus mich sanft in den Schlaf sinken lässt. Es scheint so, als takten sie selbst die Worte, die ich schreibe.
Langsam erheben die Wellen sich aus der Weite des Meeres. Sie begegnen still und sanft dem Blick. Dann, ein anderes mal, türmen sie sich zu kleinen Bergen auf, sobald die innere Kraft der See sie zum Ufer hin treibt. Oft donnern sie schmetternd an die Felsen. Bald treffe sie wieder sanft wiegend und gluckernd an den flachen Sandstrand. Die unsichtbare Energie, die sie antreibt, die unheimliche Physis kommt aus den Tiefen des Ozeans. Ein unendliches Potenzial. Es wird ewig so weitergehen, solange die Erde sich dreht. Egal ob ich mich von ihnen sanft schwebend tragen lasse oder nicht mehr da bin. Die in ihrem Rhythmus dahingleitende Zeit zernagt die Felsen, spült den Sand, die zersplitterten Schalen der Meerestiere hin und her. Stetig, beständig, immer anders.
Nicht mehr da zu sein, kann vieles bedeuten. Wie in der Metapher von der Uhr ohne Zeiger in Murakamis „Die Stadt mit ihrer ungewissen Maurer“ zeitigt sich Zeit aus sich selber. Wenn ich die Wellen nicht mehr höre, weil ich ins Binnenland fahre, mich auf den Heimweg in den Norden begeben habe oder gestorben bin, wird ihr Orchester weiterspielen. Werde ich dann Wellenenergie? Treibe meine Myriaden Einzelteilen mal hier, mal dorthin? Von den Wellen lernen heißt leben lernen.

Ende und Anfang

Die Kraft der See verbindet sich mit den Wolken, den beharrlichen Felsen und dem Leben spendenen Licht der Sonne. Ich bin – da.
War es vor drei Jahren eine leichte Gischt, die auf der Insel von der Freiheit kündigte, ist es heute ein warmer Sturm. Die brausenden Wellen fegen den Kopf frei. Zeit zeitigt sich, als wenn die Uhr auf der letzten Strecke kurz verharrt, um dann wie die rollenden Wellen auf ein unbestimmtes Ziel zuzulaufen. Als wenn ich ungezielt durch die Welt driften würde, deren Gischt, deren Nebel mal dichter, mal weniger dicht sind. Alles trifft sich in einer endlosen Ruhe.
Neue Rhythmen werden sich mit den Alten vermählen. Ohne die Fixpunkte, die mich im Arbeitsleben immer wieder auf den Rasterpunkten der Zeit, in fremdbestimmten Kalendern und zu sinnlosen Ereignissen zwangen. Ein eigener Rhythmus tut sich auf und tut dem müde-frischen Kopf gut. Driften ist aktiv, tätig sein. Sei es durch den sich leerenden Blick in die Weiten des Ozeans, die konzentrierte Fokussierung auf ein würdevolles, sinnstiftendes Gespräch, die Lektüre… oder die gefühlt sinnlose Tätigkeit, die nichts zu schaffen scheint. Wu Wei.

Geplapper

Langes Schweigen der Welt. Leises Schweigen des sanft säuselnden Windes, das verhaltene Gurgeln der Wellen. Ruhe. Langsam verstummt nach und nach das Geplapper im Kopf. Mal mehr mal weniger. Welch eine Wonne sind die Momente, in denen ein „nur-da“ vorherrscht. Sitzen bleiben, atmen. Ich brauche all dieses, aus der Tiefe des Bewusstseins hervorstoßendes, Gerede nicht. Es quillt aus unergründlichen Tiefen, wie selbst träges Wasser jede Lücke im Felsen nutzt um seinen Weg an die Oberfläche zu finden. Diese unendlich erscheinende Kette aneinander gereihter Satzfragment und Worte ist ein ewiger Quell der Ablenkung und Zerstreuung. All die Bilder, die den Geist im Innersten bewegen, all diese Nichtigkeiten, die für wichtig gehalten werden. Schweigt.
Dann, zurück in der Welt. All die Menschen. All das Geplapper von Außen. Es dringt nicht von innen herauf. Es dröhnt aus der laut tönenden Zivilisation herein. Ja, die Rede, das Gerede mag zu seiner Zeit einen Sinn haben. Sie machen in manchen Fällen auf momentan Gewichtiges aufmerksam. Doch wie schnell verschwindet jegliches Ereignis wieder im Vergessen. Sinnloses Gerede greift die Ruhe, die ich suche, unermüdlich an. Der unendliche Strom, der jeden Damm zu zernagen droht, jedes Ufer gierig zu verschlingen trachtet. Dies Geplapper, diese Banalitäten; leere Worte der Worte wegen. Oft aus Angst vor dem Schweigen. Ja, ich rede gerne. Unterhalte mich, um Gemeinschaft zu „unterhalten“. Es ist unzweifelhaft, dass Kommunikation Zusammenhalt stiftet. Doch muss sie immer so laut, so flach, so leer sein? Vermag sie nicht leicht tönend und konzentriert zu schweigen wie das sanft wellende Meer? Ein erfrischender Quell?
Tiefer Austausch ist kein Geplapper. Teilen ist kein Geplapper. Teilen ist der Sinn von Mit-Teilungen. Hier werden Bande gefestigt. Wie sanfte Netze, die sich um uns legen, generieren sie Verständnis, Nähe, Liebe. Oft ohne Worte. Schweigend dasitzen und sich verstehen. Im beieinander und füreinander da sein. Gerede generiert eine Illusion von Gemeinsamkeit.Oh, und da ist das tiefe Gespräch. Über Bedrohungen, Ängste, das Schöne, Glück und Träume. Es bewegt, erfrischt den Geist; seine abgründige Tiefe hält ihn am Leben. Am besten bedächtig, durchdacht und so klar formuliert wie ein spiegelnd-transparenter See. Viel zu selten habe ich das Gefühl, dass ein gutes Gespräch meinen Kopf mit sonniger Wärme füllt. Zu oft bedroht das Gerede die Ruhe. Wie brodelnde Lava, die zischend das Meer verdampft. Gute Geschichten hingegen fließen stetig und wiederkehrend. Sie verorten und stiften Identität. Momente, die zu Ewigkeiten werden.
Meistens greift mich, speziell in öffentlichen Räume Gerede um des Redens willen an. Wie eine Horde giftiger Affen. Ich muss leider zugestehen, dass diese hüpfenden, lauten, an der Seele zerrenden Tierchen einen Sinn zu haben scheinen. Nach dem Genuss von Alkohol zum Beispiel, auf der Party, bei Feiern und geselligem Beisammensein. Hier ist das Tiefe Gespräch nicht möglich. Hier geht es um den oberflächlichen Austausch von Alltäglichkeiten, das Loswerden von Bedrängendem. Im Sinne des „comic relief“, der Katharsis, der ekstatischen Reinigung des Geistes? Aber alles zu seiner Zeit. Geplapper, Spektakel und Event gehören zusammen, haben, wenn auch selten, das Potenzial zu Geschichten zu werden.
Es ist an mir, vertiefend und bedenkend mit Worten umzugehen. Sie sind die Schätze unseres Denkens. Sie wollen gepflegt werden wie ein Garten. Geplapper ist zu vermeiden. Selbst bei gemeinschaftlichen Zusammenkünften lieber nichts sagen. Die Lauten, die zum Frühstück am lautgestellten quäkenden Telefon über Durchfall reden – ignorieren: Das innere Schweigen trainieren. Zuhören lernen.

Meer

„Eine Welle kann hoch oder flach sein, kann entstehen oder vergehen, aber die Essenz der Welle, das Wasser, ist weder hoch noch flach, ist weder entstehend noch vergehend. Alle Kennzeichen wie hoch, flach, entstehend, vergehend berühren nicht das Wesen des Wassers.“ (1)


Es brandet unablässig an den feinkörnigen Strand. Selbst die zarteste Welle zermahlt geduldig und sanft die umspülten Felsen, gluckert gelassen vor sich hin. Doch so manche stürmt mit der Wucht einer galoppierenden Elefantenherde an die Gestade. Der Ozean ist eine Metapher für alles, was ist und wird. Er ist nie beständig im permanenten Vergehen. Dennoch ruht die See scheinbar fest im schweifenden Blick. Was ein Lehrmeister (2). Alle Elemente, alle Sinne werden verbunden. Unendlich schillert ein tiefes blaugrün in rascher Farbfolge in den Augen, spürt der Körper die Gischt, riecht die Frische, vernimmt Gluckern, Branden und Grollen.
Am sonnenbeschienenen Ufer gibt er bei klarem Wasser den im Sonnenlicht schimmernden, wellengeformten, von Muscheln, Steinen und Tangresten durchsetzten Meeresboden frei. Die Felsen, an denen das Meer nagt, sind von versteinerten Muschelfragmenten durchsetzt. Sie zeugen vom ewigen Kreislauf des werdenden Seins. Wie jede Welle, die sanft vom Wind getrieben oder aufgepeitscht schäumend rumpelt, sich in der Weite des Ufers auflöst. Die See, eine träge ruhende und bleibende Einheit aus Wasser. Wasser, der Quell des Lebens, dessen Kreislauf alles nährt. Eingebettet in die Elemente. Die Wärme der Sonne lässt mit Hilfe des Windes die Meerespartikel wie einen taumelnden Möwenschwarm in den Himmel aufsteigen. Der Mond und all die anderen Kräfte, welche die Welt durchwalten, ziehen und treiben die Wasser mal hier und mal dorthin.
Am Meer zeigt sich nicht nur die Weite des Universums, sondern ebenso die runde Form der Erde. Am gebogenen Horizont treffen sich Uranos und Gaia in der Schönheit einer Aphrodite, deren Tochter, aus ejakuliertem Meeresschaum geboren wurde. Wie ein Kiesel zwischen mächtigen Felsen der Mensch; klein und vergänglich, den Elementen preisgegeben. Nur eines der Myriaden lebender Wesen, welche die Welt bevölkern. Selbst die größten Tiere, die Wale, erscheinen gegenüber der nicht fassbaren Weite des Meeres hilflos und klein. In deren Tiefe oder am Ufersaum spielend, von der See aufgezogen, angezogen, aufgesogen und manchmal ausgespuckt; umspült und genährt. Das Meer gibt Nahrung und Tod. Ist Ort der Sehnsucht und der Angst, wovon schon die alten Griechen auf ihren Triremen, die sich nie weit vom Ufer zu entfernen wagten, sangen. Die in der sanften Brandung um ihr überleben kämpfende, frisch geschlüpfte Schildkröte, der tote Fisch am Ufersaum, das wimmelnde Leben bis in die dunkelste Tiefsee.
Das Meer, die See, der Ozean, der große Lehrmeister. Es lehrt Geduld und Achtsamkeit, Ruhe und Zufriedenheit. Vor allem aber diese zu bewahren, selbst wenn der Sturm die Wassermassen aufpeitscht. Die Zeit vergeht. Spuren des Jetzt werden unabänderlich getilgt. Jede Welle löscht die Vorherigen aus, zeichnet die Ihrigen. So spricht der eherne Fels. Einst selbst sandiger, von Muschelresten durchsetzter Meeresboden, den die Brandung Millimeter für Millimeter schleift.

(1) Hanh, Thich Nhat. Das Wunder des bewussten Atmens (S.66-67). Arkana. Kindle-Version.

(2) Lehrmeister ist ein männlich gelesener Begriff, auf den ich nicht verzichten mag. Ich lese ihn geschlechtsneutral. Dennoch hab ich auf Sternchen verzichtet, da sie den Lesefluss stören. See ist weiblich, Meer neutral, Ozean männlich…

Gestrandet

Wie durch den sanften Schlag der Wellen ein Stück Treibholz wurde ich erneut an bekannte Gestade gespült. Auf meinem Stein vernehme ich das Gluckern und Gurgeln des warmen Meeres. Friedlich glimmert es nach dem gestrigen, kurzen Sturm in der Morgensonne. So schnell wie sich das Wetter beruhigte, so langsam gleite ich in eine zufriedene Ruhe. Ausatmen dauert immer länger wie das Einatmen. Die Jahre der Lohnarbeit liegen hinter mir und wollen abgeschüttelt sein. Nein, langsam ins Vergessen gesogen werden, wie der zurückströmende Sog der Wellen, die ein momentanes Phänomen im immergleichen und zugleich immer anders werdendem Meer sind. Auf dem Stein sitzend bin ich Stein und Wasser zugleich.
Die mit jedem Atemzug austretende Feuchtigkeit verbindet sich mit der weiten See, deren Gischt durch den warmfrischen Wind getragen wird. Im Rhythmus der Welt saugt mein Körper die heilende Luft ein, nährt sich von der Kraft der Natur. Ich komme zu mir, zur Welt. Die Welt kommt zu mir. Ewiges Werden im ewigen Wechsel. Alles gleich und doch immer anders. Mal wieder. Gerne beuge ich mich dem Rhythmus des Gewöhnlichen, richte mich in ihm ein. Zentrierend. Ein langer weg, so lang wie die Kraft, welche Wind und Strömungen antreibt. Zeit die alles wie mit kräftigen oder plätschernden Welle durch den unendlichen Raum treibt. Ich bin Teil, alles ist verbunden

Klein statt groß

„Das Zuhören hat mich der Fluß gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen. Er weiß alles, der Fluß, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch du hast schon vom Wasser gelernt, daß es gut ist, nach unten zu streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen.“ (1)

Gemächlich zieht das grauspiegelnde Wasser seine Bahnen. Ablaufend gibt es mehr und mehr des sonst verborgenen, schlickigen Grundes frei. Ein Reiher fliegt, die Flügelspitzen bei jedem Schlag knapp das Wasser berührend, dynamisch mit klarer Haltung zügig auf ein unbekanntes Ziel zu. Der sonnenbebrillte Typ mit Bun taumelt, in der einen Hand seine Bierdose, in der anderen einen Gartenstuhl, an seinen Platz. Eine Gruppe durchflügt, geführt vom Trainer im Kajak, die trübe Elbe. Mit dumpfem Wummern zieht die Schaluppe mit den Chillenden und tanzenden Ravern vorbei. Jemand hört mir zu, ich entspanne mich. Der angetrunken lustige Showtyp verlässt seinen Gartenstuhl, inszeniert ein wenig obszön einen Furz, bemerkt das Loch in seinem Hemd und zerreisst es mit einem lustigen Kommentar. Dann verjagt er die Möwe und bittet er uns, die Musik lauter zu machen. Wir führen entspannte Gespräche. Über Banales und Tiefschürfendes. Die Sonne strahlt und lässt den Körper auf der Decke beim leckeren rote Beete-Sandwich schwitzen
Wie schön hier und jetzt zusammen an diesem Ort zu sein. Ja, wir wollten auf der Schaluppe tanzen. Es wäre ein größeres Ereignis gewesen. Wir sind ein wenig traurig. Aber warum traurig sein? Das banale Picknick an der weiten Elbe, mit Blick auf das überwucherte Boot, umbäumte Industrieanlagen bot so viele kleine Beobachtungen, die uns schmunzeln ließen. Warum immer das Große, den Event, wenn wir jederzeit Dinge eräugen können, die das Herz im Stillen lachen lassen. Manchmal auch ein wenig bedrückend. Wie über den engen Betondurchgang unter der Brücke, in der eine riesige Kolonie von gruseligen Kreuzspinnen bedrohlich ihre Netzegewimmel spann. Dazu die rasenden Radler, die uns fast zwangen, an das netzübersponnene Geländer auszuweichen. Was ein wundervoller Tag. Ein Tag, der, begleitet von schöner Musik und kleinen Ereignissen, einen tiefen Eindruck hinterließ.

(1) Hesse, H. (1986/1950) Siddharta. Klein und Wagner, Welsermühls, Wels, Österreich, S. 235

Ernstl und Mozart im Touristengedrängl

Wenn ich nicht auf Reisen gegangen – oder besser mit der Bahn gefahren wäre, hätte ich nie von Ernstl gehört. Ein Prolet, der bei Peter, einem Mitglied der Wandergruppe, im Haus lebt. In Wien. Ernstl kriecht jeden Morgen die Stiege hinab um sich dann auf eine Bank vor dem Haus zu setzen. Dort trinkt er schon in der Frühe ein Glaserl. In das Glas sinnierend geht er dunklem, rechten Gedankengut nach. Bis zum Glaserl, dass seinen Tag so beendet, wie er begann. Im Wiener dialekt vorgetragen, sehe ich den Ernstl förmlich vor mir. Höre, was und wie er redet. Die Frage, die Peter sich stellt, als wir über Weltanschauungen reden, ist eine, die mich schon lange bewegt. Ist Ernstl durch sein Glas hindurch durch freundliche Argumente erreichbar? Wie all die verpeielten Ernstls der Welt. Wo doch seine Ignoranz, seine Wut auf alles Fremde mit dem Preis für die Alkoholika steigt. Ich habe keine Antwort.
Ein weiteres Erlebnis trug sich in der von Touristen zugequetschten Mozartstadt Salzburg zu. Ab vom schweigsamen und leidvollen Kreuzweg hoch zum Kapuzinerkloster. Da folgte uns das japanische Paar, dass, wie so viele, zu den Festspielen in die Stadt gepilgert war. Nein, sie rannten nicht in im wunderschönen Ensemble hochherrschaftlicher Gebäude in Zweierreihen dem in die Luft gereckten Stab eines Führers hinterher, wie eine gehorsame Schulklasse. Oder ließen sich von traurigen Pferden und noch trauriger dreinschauenden DroschkerInnen durch die Gassen der verschnörkelte Stadt an der Salzau kutschieren. Geräuschvoll tauchten sie vor der opulenten barocken Kirche hinter unserem Rücken auf. Dumpfe Mozartgeigen drangen quäkend aus der armseligen Bluetoothbox, die sie im Rucksack verstaut hatten. Absurderweise folgten sie uns durch die Passagen, die an sich zum Flanieren einladen würden. Die ich schnellstens, voller Touriparanoia, hinter mir lassen wollte. Es war zuviel. Zuviel von allem. Touristen, Barock… Wie mittlerweile in jeder Stadt. Folklore, Mode, Schmuck, überteuerte Fressstände, Wiener Küche in schlechter Qualität, drängelnden Menschen auf Reisen – wie wir.
Die Geschichte von Ernstl hat mich zum Flanieren, Wandern und ja, auch zum Reisen motiviert. Die von Mozart aus dem Rucksack zeigt mir auf, dass es doch besser sein könnte, zu Hause zu bleiben. Dort den Reisehorden aus dem Weg gehend. Leider gibt es in meiner Umgebung nur wenige Angebote für philosophische Wanderungen. Ohne diese Reise wäre ich nicht motiviert worden noch einmal tiefer in die Philosophie der Stoa einzutauchen. In die ich mich bald am Mittelmeer vertiefen werde. Ohne anzukommen, weiter meinen Weg suchend und in der Gegenwart genießend.

P.S. Heute las ich in der NZZ einen Artikel über Ernstls Brüder im Osten. Sehr interessant.