Nicht Praxis

Dann, wie erwartet, erhellt das erste Sonnenlicht, dass über den Hügel schleicht, meine Sonnenuhr. Ήλιος ruft mich an. Ich setze mich langsam in Bewegung. Die Wellen schlagen im leisen Rhythmus an das weit gestreckt Ufer; umschlingen die Steine, gurgeln im Sand. Kleine Blasen schlagend. Schweigend drückt eine große Runde, im Kreis auf ihren Matten hockend, ihren Zeigefinger an die Nase. Eine Yogagruppe scheint ebenfalls die Energie des Ortes zu genießen.
Weiter… die paar langsamen Schritte an den Fels, und schon ist der rechte Stein gefunden. Zurück an meinem Kraftplatz! Mein Herz lächelt in die Natur hinein, lässt sich nieder, praktiziert Nicht Praxis (1). Kein Ziel, nur sein. Der Kreis schließt sich. Die gleiche Präsenz, die gleiche Tiefe, vom Meer kommend, in den Boden verwurzelt, vom Wind bewegt, dringt tief in mich ein. Ich werde (eins).
Langsam spüre ich wie der Atem sich mit der Brise vremischt. Wie die Sonne nach einer Weile den Körper vom Kopf herab sanft mit ihrer Wärme streichelt. Einatmen-Ausatmen. Einfach nur genießen, nichts erlangen wollen. Da-Sein. Wu Wei.

„Meine Praxis (…) ist die Praxis der Nicht Praxis, das Erlangen des Nichterlangens.“ (1)

The Buddha said: „My doctrine is to think the thought that is unthinkable, to practise the deed that is not-doing, to speak the speech that is inexpressible, and to be trained in the discipline that is beyond discipline. Those who understand this are near, those who are confused are far. The Way is beyond words and expressions, is bound by nothing earthly. Lose sight of it to an inch, or miss it for a moment, and we are away from it forevermore.“

(1) Hanh, Thich Nhat. Einfach gehen (S.78). O.W. Barth eBook. Kindle-Version.


Kraft

Wenn der Himmel sich mit dem Meer verquilt, hinter Schauer- und Regenwänden eins wird, die Böen tobend das Wasser verwirbeln, spüre ich Kraft. Die Energie des Lebens, des Leben wollens. Ebenso unermesslich wie die dunkle schwere der stürmenden Gewitterwolke. Genauso treibend, wie die Zeit. Kein Gedanke an Stillstand wäre in einem solchen Moment denkbar.
Das Wogen schäumen in den Himmel, der Regen verwischt jegliche Klarheit. Scharfe Frische lässt den Körper erschaudern, im Hintergrund grollt der Donner. Welch eine Wonne den Moment zu genießen, den festen Boden unter den Füßen, von dem aus mein Ich in den aufgewühlten Himmel ragt. Fest verwurzelt und zugleich den peitschenden Elementen preisgegeben.
Kaum ein Moment der unendlichen Äonen später ist es vorbei. Schneller als jede noch so stürmische Metapher es auszudrücken vermag. Nicht mehr ist das prasselnde Rauschen des Regens zu vernehmen. Nicht das Rauschen des rasenden Windes, dessen Böen alles in taumelnde Bewegung versetzen. Nicht das Grollen des Donners, der Geruch frischkühler Erneuerung. Das wilde Spiel der Schatten und Farben in ihrem raschen Wechsel von Dunkelheit und Schein weichen erneut der Helle des Himmels.
Sein lassen.

Lernen verlernt

Die Ruhe der langen Weile lässt Raum zum Sinnieren, Lesen und nicht Handeln. Frei denken, wie die wilden Strömungen der Luft, ist anders Tun. In ihm findet sich kein zielgerichtetes, teleologisches, effizientes Schaffen. Es bewegt sich jenseits der Betriebsamkeit einer seinsverlorenen Lohnarbeit; wozu ich meine Lehrtätigkeit zähle. Lang Weile ist bewegende Nicht-Bewegung für den Kopf. Am besten, nachdem der Körper ihn im wahrsten Sinne des Wortes freigeschwommen und leer geatmet hat. Ich meditiere über das wundervolle Buch „Grundlagen der chinesischen Philosophie“, dass mir ein Meiser nahelegte. Welch eine Wonne, welch ein schönes Denken gegen das produktorientierte Ziel- und Gedankengehetze des Alltags. Das vermeintliche Wissen und Expertentum der Arbeitswelt.
Tausendjährige Worte zweier Kuluren treffen aufeinander, heute genauso aktuell wie damals. Kein Staub hat sich an die Zeichen gelegt, die mir glänzend unter der Mittelmeersonne aus den Seiten entgegenspringen: „Fast wie Sokrates die Sophisten rügt er [Zhuang Zi] die zeitgenössischen Experten und beschwört das Ideal: »In den alten Zeiten lernte man, um sich selbst zu vervollkommnen. Heute lernt man, um sich bei den Mitmenschen zu profilieren«. Das muß zuerst wiedergewonnen werden, dieses Wei Ji Zhi Xue (…) – das Lernen, um sich selbst zu vervollkommnen – es ist Xiu Ji (…) – Selbstbildung“ (S. 29)
So wie das Studium aus den Hochschulen verschwunden ist um dümmlichem Gepauke, genormt nach Exceltabellen zu weichen, erwürgt eben dies Expertentum die Lust am Wissen, die Selbstbildung. Eine Vorstellung und Ahnung dessen, was Weisheit sein könnte, wird kaum gedacht. Wie auch, wenn der Denkraum durch Effizienz, nunerische Ziele, lineares Ausgerichtetsein etc. in den dunklen Keller des Vergessens entsorgt wurde.
Für mich ist der Begriff Selbst-Studium genauso wenig vergessen und verstaubt wie die alten Texte. Eher leuchtet er wie der helle Schein des Seins am Horizont. Bei Kong Zi ist dieser Schein die Menschlichkeit „Ren“, im chinesischen immer in Verbindung mit der Sittlichkeit gedacht: „»Yan Yuan (…) fragte nach Ren {…) Der Meister sprach: ‚Sich selbst überwinden und sich nach den Sitten (Li (…)) richten, dadurch schafft man Ren (…). Einen Tag (schon) sich selbst überwinden und sich nach den Sitten richten, und schon würe die ganze Welt menschlich Ren (…). Ren zu bewirken, das hängt von einem selber ab. Sollen es (immer nur) die anderen Menschen bringen?“ (S. 32)
Die Sittlichkeit, Tugenden finden sich nie in den Horten der heutigen Betriebsamkeit, den Schulen, Universitäten und Institutionen; den heutigen Technologien, der heutigen Selbstvergessenheit. Hier herrschen Gesetze zur Profitmaximierung, der Effizienz. Tugenden sollten wir in uns selber finden, gewichten und verwirklichen. Alte und neue Meister sowie eine Gemeinschaft mit Haltung mögen uns auf diesem Pfad geleiten. Zudem die lange Weile, die heute kaum noch jemand erträgt. Was ein Verlust.

Geldsetzer L., Han-ding H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart

Sommerregen

Immer wieder anders klingen die Tropfen, die vom Himmel in den Sommerabend stürzen. Wer konzentriert lauscht, vernimmt ein wahres Konzert mannigfaltiger Geräusche. Mal treffen sie ploppend einen Stein, raschelnd ein Blatt, platternd sattgrünen Rasen, fast unhörbar auf Sand, glucksend auf eine Pfütze oder ein dahinfließendes Gewässer. Ein rhythmisches Konzert aus plappernden Tönen, eine Sprache der Frische, der Kraft des Wassers; der Natur, die uns alle nährt. Welch ein Genuß.Wenn dann am morgen die Sonne die Feuchtigkeit aufsaugt, der Wind sie verteilt, setzt sich der nährende Kreislauf fort. Ohne Anfang, ohne Ende. Immerwährend aus der Sicht unseres beschränkten Horizonts.

Freundschaft – immer wieder

„Will man einen Freund haben, so muß man auch für ihn Krieg führen wollen: und um Krieg zu führen, muß man Feind sein können.
Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.“ (1)

Ich huschte über die flüchtigen Buchstaben auf dem matt glimmenden Bildschirm. Zuerst scannend, dem ansich belanglosen Medium entsprechend. Unvermittelt drängten sich die unscharfen Buchstaben, als sie sich zu Wörter und Sätzen formten, ihren Sinn extrahierten, klar in mein Bewusstsein. Der Text griff zu, er ergriff mich. Als würden die Lettern in Form eines stählernen Stempels auf meinen Kopf geknallt werden. Sich wörtlich einprägen. Mein Herz zog sich zusammen, vibrierenden Schauern durchwanderen es. Schwere, Traurigkeit breitete sich aus. Mitfühlend setzte sich mein Geist in Bewegung, Ein Bekannter postete in den belanglosen Weiten der sozialen Medien, auf Facebook, dass ihm die Freunde ausgegangen seien. Durch zu viele Umzüge, dem Fokus auf Job und Kinder. Ein Hilferuf in die Leere der Nicht-Community, in der alle mit allen und allem in Beliebigkeit verbunden, „befreundet“ scheinen. Offentsichtlich hatte er seinen Ort verloren, auch wenn er in der Familie eine gefunden hatte.
Tags darauf, in der warmen Sonne, zu gluckernden Beats tanzend, kam dieses schwere Thema rund um Freundschschaft abermals auf. Nicht wie der warme Nebel, der aus der umrankten DJ Box des Südpols wabert. Nein, wie kalter Herbstdunst, der sich als eisiges Gespinst schnürend, kalt, erstickend um die Eingeweide legt.
Hier ist ebenso Rede davon, dass uns immer weniger Freunde umgeben, viele in die wärmende Höhle der Familie verschwanden, vom Job absorbiert werden. Abermals spüre ich den Schmerz, vernehme den Trauer in der Stimme. Ich kann es nachvollziehen, auch ich trauere um jede versandete Freundschaft. Unsere Worte kreisen um das Thema wie die Beats, die in immer neuen Varianten wiederkehren.
Sicher, Familie war und ist für viele der Ankerpunkt des Lebens. Heute ist es nicht mehr die Großfamilie von der wir behütend und zugleich einengend umgeben sind. Sie war der Ort, an dem die Menschen immer jemanden hatten, der oder die für einen da war; Konflikte löst. Der Ort an dem man eine feste, wärmende Schulter vorfand, jemanden zum reden hatte. Trotz der Enge der Sippe waren dort immer Menschen die Freiräume schaffen. Wie die Großmutter oder -vater, die auf die Kinder aufpassen um Zeit für sich und Andere zu generieren. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Der große Unterschied zum Freundeskreis, ist jedoch: Die Sippe sucht man sich nicht aus. Freunde schon. Oder besser, sie suchen einen.
Heute müssen wir zumeist den Kreis der Menschen, die uns eng, nicht einengend umgeben und durchs Leben begleiten, eine wärmende Höhle generieren, finden, hegen und pflegen. Eine nicht selten anstrengende Aufgabe. Freunde wollen ausgebrütet werden wie ein frisch gelegtes Ei. Mit Geduld, Liebe und Aufopferung. Nur dann kann Leben im Nest entstehen, das nicht nur den einen Geruch hat, der jeder Sippe anhaftet. Nein, dort vermischen sich viele unterschiedlichsten Düfte mit mannigfaltigen Noten. Sie durchdringen und überlagern sich; wechselnd, je nach Saison und Stimmung. Riechen mal besser mal schlechter. Ich schnüffele in die Weite der allverbundenen Welt, vor mich hin sinnierend.
Wie schön von Euch, meine Freundinnen und Freunde, denke ich, das Ihr immer noch da seid; meine Weggefährten. Euch, mit denen ich gestritten und gelitten habe. Manche gingen verloren, neue kamen. Kaum einen von Euch kenne ich weniger als 10 Jahre, manche einige Jahrzehnte. Seit jungen, suchenden Tagen, folgten wir unseren Wegen, begleiteten uns – mal mehr mal weniger. Mal eng und hitzig debattierend, mal wärmend oder gar in Distanz. Die, die geblieben sind, füllen das Herz mit Liebe zur Welt, der großen Freundin. Sie sind – neben der Familie – der Sinn des Lebens.
Ich wünsche allen, die das Gefühl keine FreundInnnen zu haben bedrückt, dass sie zumindest sich selber FreundIn sind. Ein erster Schritt, auf dem Abenteuer neue Freund*Innen zu finden, aus Menschen, denen man begegnet, welche zu formen. Freundschaft braucht Zeit, Liebe und Geduld. Somit sage ich zu den Meinen.: „Ich finde es toll, Euch aushalten zu dürfen. Daher haltet mich bitte aus – und in Euren Armen, wenn ich Euer bedarf. Meine Arme sind offen.“

1) Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra, vom Freunde

Luftige Höhe

Schwankend sitzen sie sicher in den zarthängenden Ästen der Birke. Weit oben in luftigster Höhe. Dann der Absprung, ein Absacken, kurzes, kräftiges Flattern, um mehr Höhe zu gewinnen. Schon schweben sie grazil durch den sommerlichen Himmel, der nicht heller strahlen könnte. Was für ein tolles Gefühl muss das sein. Eben an einen Ast geklammert, ängstlich, unsicher . Jetzt frei und ungebunden schwebend, vom Wind getrieben. Ohne Grenzen über allem dahinzugleiten. Vielleicht mit einem leichten Ziehen im Bauch. Welch eine Metapher für Freiheit, für das Dasein. Eine Forderung den Moment zu genießen.
Ja, die jungen Ringeltauben üben diese Kunst, welche die Evolution ihnen gegeben hat. Unter den wachsamen Augen Ihren Eltern. Seit Jahrtausenden begleitet von den sehnsüchtigen Blicken neidender Menschen.
Von Menschen, die auf dem festen Beton-Boden unter ihren Füßen festgeklebt zu sein scheinen. Mit schweren Füßen rennen und wimmel sie durch Kaufhäuser, rasen in festgeschmiedeten Stahlsärgen durch die Lüfte, über Autobahnen, in die Büros, zum nächsten Event. Dennoch verharren sie, wie in Eisen gegossene Statuen; schwer und langsam sinnlos vor sich hin rostend. Gefangen in unsichtbaren Ketten aus Gold und Geld, die sie davon abhalten frei zu gleiten, zu driften, sich in die kühlen Höhen des Schicksals zu wagen. Festgeschraubt auf dem Sockel des Durchschnittlichen meiden sie gar die Gefahr der Reise zu sich selber. Abgelenkt durch Verlockungen, die sie immer träger und schwerer machen, kauern sie in ihrer Existenz. Wie ein ängstliches Küken, das sich im Gehölz versteckt. Bis der Ast auf dem es sitzt zerbricht.
Sehnsüchtig schließen sie die Augen vor Dingen, die sie schwindeln lassen würde. So sehen sie nicht das große Geschenk, geschweige denn die vielen Kleinen. Wo ist der zaghafte Schritt in den klaren, weiten Himmel? Wir alle könnten durchs Leben zur Sonne schweben; unseren kurzen Flug zum unvermeidlichen Ende antreten. Bewusst, klar, taumelnd, voller Freude und Zufriedenheit.
Am nächsten Tag ist keine der Tauben zu sehen. Aus gutem Grund. Ein Falke patrouilliert die Lüfte. Jede Freiheit birgt ihre eigensten Gefahren, die es zu erkennen und meistern gilt.

Werden – Vergehen

„Die Meisterin des Lebens – nicht zu fassen und dennoch immer da!“ Schießt es durch meinen Kopf.
Kraftvoll sprießt das Grün, ein heller, weicher Flaum umhüllt eben noch karge Äste. Leuchtend blüht der Kirschbaum, den ich vor 17 Jahren gepflanzt habe. Die japanische Kirsche um die Ecke schüttelt die welken Reste der jetzt schon vergangenen Pracht ab. Sanft sinkt sie in den feuchten Boden. Braun und verschrumpelt löst sich das vorab so prächtig strahlende hellrosa auf. Frischer Humus. Kleine Blättchen sprießen zaghaft an den erneut kahlen Ästen. Wachsen, gedeihen. Werden und Vergehen im gleichen Moment. Die Kraft der Natur.
Ein Mann schiebt geduldig seine Frau in das wohlige Heim. Sie ist seit kurzem an den Rollstuhl gebannt. Ich denke: „Welch ein Glück, dass ich aufstehen kann“ – noch. Mein Atem kommt und geht, meine Beine tun ihren Dienst. Werden und Vergehen, das ist die Welt. Wir können diesem Fortschreiten der Zeit nichts entgegensetzen. Wozu? Der Moment zählt. Morgen wird der Kirschbaum erneut in sattem Grün in der Frühjahrssonne erstrahlen. Frischer als in der abendlich-heimeligen grauen Dämmerung. Dann bin ich wieder einen Tag älter. Die Sonne wärmt zaghaft.

Sonnenliebe

Ist es die wärmende Sonne, die weiche Luft, sind es die sprießenden Knospen, die zarten Blättchen, der Geruch nach Aufbruch und Entwicklung? Ich sitze. Voller Kraft durchzieht meinen Körper dies wohliges Gefühl. Wie ein sanfter, warmer Windhauch. Es ist kaum zu benennen. Später, ich denke darüber nach, schwirren etliche Namen durch den erwärmten Geist. Platon nannte es „agape“ (ἀγάπη), dass gerne mit wohlwollender Liebe übersetzt wird. Ist es das? Ist es die Allverbundenheit der „liebenden Güte“ (maitri oder metta), wie sie der Buddhismus bezeichnet, die ich gespürt habe? Wie ein im Sonnenlicht seidenglänzend, verwundener Strang aus schimmernden Fäden durchflutete sie mich. Verknüpfte mich über unendlich viele fein leuchtende Pfade mit der Welt. Das Allganze strahlte freundschaftlich, vertraut. Verdrängte den Winter grauer oder gar dunkler Gefühle und Gedanken. Die Präsenz, das Sein in seiner heimeligen Ganzheit, ist einfach nur da. Wie herrlich.
Aus einer derartigen Empfindung wächst wahre Verbundenheit mit allen Wesenheiten und Dingen. Das funkelnde wohlige Leuchten einer verquirlt-verwobenen Welt. Am stärksten im Energiezentrum unter dem Nabel präsent. Es lässt wärmendes Ki strömen, verteilt es bin in die letzte Faser des Körpers. Diese indifferente, nicht fassbare Stimmung lässt Frieden, das Schöne, das Gute im einfachsten Da-Sein gedeihen, sich verbinden, ganz werden. Beziehung.
Dieses Gefühl kann sich, Platon erneut folgend, zu freundschaftlicher Liebe, philia (φιλία) oder gar zur erotischer Liebe (éρως) mit ihrer erhebenden und zugleich blendenden „Verknalltheit“ entwickeln. Doch sowohl Philia als auch Eros tragen, desto mehr sie sich von der liebenden Güte, Agape entfernen, eine dunkle Schwere in sich. Sie fokussieren auf das Objekt der Begierde und zerschneiden das allumfassende Geflecht „wahrlich seiender“ Beziehungen. Sie sind Anhaftung in sich. Besitzen und konsumieren wollen, melden sich zu Wort, Gerade der Eros sticht mit seinem Pfeil, verdunkelt den Verstand auf wunderbare weise. Der Stich des Gottes vergiftet die Liebenden mit der Droge der Seinsvergessenheit. Nur das angebetet Wesen wird gesehen, all das Leuchten der Ganzheit ist da. Bis hin zur Selbstvergessenheit, der Selbstverlorenheit des Narziss. Verlorenheit bis in den Tod
Die Philia, wahre Freundschaft ist ein tiefes Gefühl, eine starke Verbindung. Sie gibt Geborgenheit ebenso wie Konfrontation. Speziell mit uns selber. Freunde sind ein Spiegel für uns und unseren Weg, wie es Nietzsche im Zarathustra so treffend formulierte: „In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben“. Freundschaft mit sich, den wahren Freunden und zu allen Wesen, ist die Brücke zwischen der Verlorenheit des Eros und der tiefen Allverbundenheit mit der Welt. Aus der Freundschaft zu sich selber und zu allen Wesen kann bei rechter Anstrengung, Konzentration und Willenskraft wahre Liebe erwachsen, die allumfassende Liebe, die liebende Güte, die eine tiefe Zufriedenheit in uns wachsen lässt. Einen Frieden, der in die Welt ausstrahlt und diese ein kleines Stück schöner macht.

(1) Nietzsche, F. (1883/1885) Also sprach Zarathustra: Vom Freunde

Frische Kraft

Voll aufgeplustert, mit geschwollener Brust thront die Meise auf dem höchsten, kahlen Ast der Hecke, an dem sich zarte Knospen zeigen. Gell ruft sie in fast schrillen, dennoch wohlklingenden, rhythmischen Tönen nach Liebe; dem oder der Liebsten. Welch eine Kraft liegt in ihrer kleinen Lunge, durchflossen von der weichen Frühlingsluft. Diese strömt in jeden Winkel; alles im kühlen Schlaf verharrende Leben saugt sie auf. Schon sind sie da, genährt von der sich immer wieder durch die zarten Wolken schiebenden Sonne. Wie die Brust der Meise schwellen die Knospen. Hier und da erblüht ein erster Busch und kündigt von der Energie, welche die Pflanzen aus der saftigen Erde saugen.
Alles hat Potenzial, Kraft, φύσις. Die Kraft treibt, wie das uralte Konzept der Physis es beschreibt, von innen. Stärkt und nährt. Schon wird aus dem kleinen, unscheinbaren Samenkorn eine prächtige und mächtige Pflanze. Zum Baum werden benötigt es die gleiche Geduld, wie das suchende Harren der Meise auf dem Ast. Kraft kann nur aus dieser warmen, inneren Quelle entspringen, deren Ursprung sich uns entsagt, den wir aber spüren, dem wir nachspüren können. Sie ist so schön, so wunder- wie nicht berechenbar. Genießen wir sie. In dem Moment, der ist.
Ich blicke überrascht auf. Ein Zitronenfalter taumelt über den Weg…

Moment

Ist es nicht wunderbar nach dem Aufwachen, mit einem warmen Malzkaffe in den Händen, gemütlich im weichen Stuhl träumend aus dem Fenster zu schauen. Der Blick über eine sanft glitzernde, verschneite Landschaft schweifend. Vorsichtigen Schrittes zur Arbeit hetzende Passanten, zusammengezogen und geduckt unter der abschirmenden Kaputzen, schleichen vorbei. Kein Gedanke, keine Bewegung vermag diese heimelige Stimmung zu stören. Sie ist.
Wie froh bin ich, nicht auf Autos und vermatschte Straßen schauen zu müssen. Die Stadt, die um mich erwacht, um ihre hektische Betriebsamkeit aufzunehmen, die ich an sich so liebe, grenzt sich aus. Jedes sanft niedersinkende zarte Schneeflöckchen bringt die Maschine ein weiteres Stück zum Verschwinden. Spendet gelassene Ruhe. Auch ich bin gerufen zu tun. Ich lasse es langsam angehen, demütig diesem Moment gegenüber.
Für einen gelungenen Tag sollten drei Dinge reichen: Ein bewusster, schöner Moment, eine warme Begegnung, ein starker Gedanke. Wenn wir diesem nachstreben, weiten sich unser Horizont. Jeder Moment, jeder Gedanke, jede Begegnung hat das Potenzial wunderbar zu sein. Sinn zu stiften. Wie jede der vergänglichen, taumelnden Schneeflocken. Schon ist das ganze Leben eine verträumte weiße Winterlandschaft.

Ein schöner Moment