In die Leere wachsen

(18) Der Buddha sprach: „Meine Lehre besteht darin, den Gedanken zu denken, der undenkbar ist, die Tat zu tun, die nicht getan werden kann, die Sprache zu sprechen, die nicht ausgedrückt werden kann und mich in der Disziplin zu üben, die jenseits der Disziplin ist. Wer dies versteht, ist nah, wer davon verwirrt wird, ist fern. Der Weg ist jenseits von Worten und Ausdrücken und wird von nichts Irdischem gebunden. Verlieren wir ihn nur ein paar Zentimeter aus dem Blick, verfehlen wir ihn nur für einen Augenblick, dann sind wir für alle Ewigkeit davon entfernt.“ (Aus der 42-Kapitel-Sutra ( https://en.wikipedia.org/wiki/Sutra_of_Forty-two_Chapters)


Im Spaziergang sein. Weit weg von jeder Tätigkeit. Im Frühling, der brachial über die zerregneten Wochen hineinbrach. Sie auflöste. Frisches Grün erweckt totes Gehölz. Eine Frau am offenen Fenster. Sie streckt sie sich den strömenden Sonnenstrahlen entgegen. Eine Tasse in der Hand. Sie ist. Alles klingt nach „Sein“. Ist es auch – und dennoch nicht. Wie die Pause zwischen dem Ein- und Ausatmen. Wenn wir versuchen sie festzuhalten, ersticken wir. Ohne dieses Leere, diesem dazwischen, gäbe es kein weiter, keine Möglichkeiten, kein Werden.
In der Leere zu sein ist die wahre Lehre. Nur in ein leeres Gefäß kann die Präsenz einfließen. Es darf weder von Vergangenem, Anhaftendem noch von Träumen in Richtung Zukunft verstopft sein. In der Leere gibt es weder Glück noch Leid. In einer Leere sein, deren Sinn nicht ausgesprochen werden kann. Darum ist sie so schön – unbeschreiblich.

Blinder Aktivismus

„Jeder Schritt ist eine Revolte gegen die Geschäftigkeit. Mit jedem achtsamen Schritt sagen wir: »Ich will nicht mehr rennen. Ich will damit aufhören. Ich möchte mein Leben leben. Ich will die Wunder des Lebens nicht verpassen.« Wenn Sie wirklich ankommen, dann ist Frieden in Ihnen, dann haben sie aufgehört zu kämpfen. Jeder Fußabdruck ist voller Frieden, sein Kennzeichen ist »hier und jetzt«. Genießen Sie es, anzukommen und sich zu Hause zu fühlen, drei, vier, fünf oder zehn Minuten lang oder so lange sie wollen. Mit einer Stunde Praxis hat die Revolution bereits begonnen.“ (Thich Nhat Hanh (2016) Einfach Gehen. O.W. Barth, München S. 69)

Nur wenn ich mich selber stabilisiere, in mir klar bin, in mich hinein atme und -spüre, kann ich für andere da sein. Solange die Beziehung zu mir selber wankt, weil ich mich nicht sehe, den Atem nicht bemerken, den Ratschlägen meines Herzens nicht folge, bin ich einsam, verloren. Auch wenn ich von Menschen umgeben sein sollte, viele Kanäle voller Kommunikation in mich hinein und aus mir heraus zu strömen scheinen. Heiße Luft.
Solange Menschen nicht bei sich sind, nicht mit sich Verbunden, wie sollen sie gesunde Beziehungen aufbauen? Sie sollten es lassen die Welt ändern zu wollen. Erst wenn wir bewusst die Erde beschreiten, erkennen, dass wir ein Teil von ihr sind, können wir loslassen. Wenn wir losgelassen haben, eröffnen sich neue Horizonte. Solange wir an etwas fest halten, bauen wir Mauern. Verteidigen sinnlose Dinge, klammern uns an Identitäten.
Plötzlich wird aus Unklarheit und Unsicherheit, aus Verletzungen und Diskriminierung ein wütender Kampf. Zum Beispiel gegen Rassismus oder die Unterdrückung dieser oder jener Gruppe. Ein an sich lobenswerter, wichtiger und richtiger Kampf. Doch solange der Kampf mit sich selber nicht gewagt wurde, wird jede gutgemeinte Tat schnell zu ihrem Gegenteil. Antirassistische Doktrinen werden rassistisch, die Unterdrückten werden zu Unterdrückern. Der Wunsch nach Gleichheit, Freiheit und schönen Beziehungen erstarrt zur Ideologie. Einem Aktivismus, der genauso gefährlich, wenn nicht zerstörerischer ist, als Passivität.
Darum lieber nichts tun. Ein einfaches Atmen kann viel mehr bewirken als manche, noch so gut gemeinte emanzipatorische Proklamation, die herausgeschrien wird. Es wurde nicht bemerkt, dass wütendes Gepöbel nichts mit Atem, mit Leben, Klarheit, Vertrauen, Demut, Achtsamkeit zu tun hat. Schon garnicht mit Freiheit.

Frühlingswut

Wut. Die Äste unter dem seit heute wieder grauen Himmel sind auf einer Seite mit Moos bedeckt. Ein wunderbarer Anblick im Vorfrühling. Wut. Ach, was waren das für schöne Tage in der Sonne, die hoffentlich bald wieder kommt. Gedanken, die zu Wut führen wollen. Langsam gehen. Konzentration auf den Atem. Mitgefühl.

Eine erste Narzisse blüht einsam in den noch dunstigen Himmel. All die armen Menschen. Der graue Himmel wird verschwinden, der Sonne erneut weichen. Wie der dunkle Nebel, der versucht ins Herz zu dringen. Leiden gehört zu den Menschen, wie der Mensch in die Welt gehört. Es nutzt nichts, wütend zu sein, noch weniger wütend zu werden. In solchen Zeiten ist es wichtig, das Glück in dem wir leben zu nähren. Durch Liebe zu den Menschen, zur Welt. Die Krokusse sind heute ein wenig bedeckter als gestern. Haben sich im leichten Sprühregen zusammengezogen. Zusammengekauert, wie die armen Menschen in den U-Bahn Schächten der bedrohten Städte. Einzelne Tropfen erreichen mein Gesicht. Welch ein Glück, keine Bomben. Bitte nicht noch mehr Waffen. Jede Waffe tötet. Nicht noch mehr Wut und ihr Kind, der Hass. Einatmen, ausatmen. Ein wenig Frieden sein, in dieser wirren Welt, die, wenn man klar in die Weite schaut, so frei und offen ist, wie sie nur sein kann.

Konversation

Das Konversationshaus auf der Insel ist herrlich anzusehen. Illuminiert in den Farben der Ukraine. In mir drängt der Ausdruck widersprüchlicher Empfindungen nach oben, die mich in Bezug auf den Wahnsinn in der Mitte Europas befallen. Denn wie kann ich ein so schönes Licht der Solidarität genießen, wenn seine Ursache Mord und Totschlag sind? An einem Gebäude dass Ruhe und Gespräch behauptet? Ein Ort, der Luxus im Frieden, den ich leben darf, darstellt. Während überall in der Welt gelitten wird.
Im Angesicht dieser wunderbaren und gleichzeitig wunderlichen Fassade gärt in mir Wut. Wut über den Krieg und deren Verursacher. Eine Emotion, die schnell zu Hass werden kann. Hass auf die Mächtigen, wer auch immer das sein. Eine Emotion die nichts als Elend in diese Welt bringt. Hass, eine Emotion, die von allen Seiten und Medien geschürt wird. Jenseits von Gut und Böse. Ich sehe eine Katastrophe nach der Anderen.
Geht es nicht darum, den Hass in mir, in den Menschen zu besiegen? Warum gibt es keine Ausbildung gegen den Hass? Kein Training für die Massen – am besten weltweit – das uns beibringt Hass durch Liebe zu ersetzen. Nicht erschlagen und erschießen, bombardieren und vertreiben – Konversation. Einfach reden. Es muss ja nicht der gemütliche Plausch beim Tee sein. Doch für die Überwindung von Hass durch Konversation benötigt man Mut. Wie den Mut des Bürgermeisters eines ukrainischen Städtchens mit seinen Bürgern. Den Fernsehbildern nach blockierten sie mit ihren Körpern eine Straße, die in ihr Dorf führt. Der Bürgermeister soll dann mit den anrückenden Russen geredet haben. Er konnte sie zur Umkehr bewegten. Ich denke an King, Gandhi und andere mutige Menschen.
Umkehr und reden ist immer schwieriger als der einfache, schnelle Griff zur Waffe. Diesen Griff lieben auch unserer Machteliten. Teuer und einfach ist die Erhöhung des Wehretats. Sie zeugt von billiger Politik. Wäre es nicht besser, weltweit darin zu investieren, dass alle Menschen lernen, passiven Widerstand ohne Waffen zu leisten? Mutig zu sein? Hass zu überwinden? Wut auszuhalten? Nur so kann langfristig die Spirale aus Hass und Mord durchbrochen werden.
Möge meine spirituelle Praxis mit helfen, mit meiner Wut umzugehen. Ich will nach Frieden rufen, nicht nach Waffen. Nach Mitgefühl mit all den armen Menschen, die leiden und sterben. Nicht nur in der Ukraine. Vielleicht kann ich hier und dort auch ein wenig helfen, Leid zu vermindern.
Eins ist klar. Das wichtigste Handeln ist es, selber friedvoll zu werden. Nicht handelnd zu handeln. Ein schwerer Weg. Für jeden Menschen, jede Gruppe, jedes Volk, alle, die diesen herrlichen Planeten bewohnen. Ein Planet, gegen den wir ebenfalls im Krieg zu sein scheinen. Darüber und über vieles mehr müssten wir kontemplieren und konversieren. Wo auch immer. Denn der Mensch ist nur da Mensch, wo er durch Konversation versteht und Beziehungen schafft. Leidenschaftlich, aber friedlich. Aushalten, nicht durchhalten. Auch wenn es schwerfällt.

Weiße Weite

Die Sonne glitzert über dem Meer, bescheint die Insel. Ein Versprechen von Ruhe und Erdung. Ein Leuchten in dieser dunklen Zeit. Wie die Schneeglöckchen, die ihre unschuldig weißen Köpfe in den Himmel strecken. Einen Himmel, der Frühling und Aufbruch verspricht. Auch wenn der Winter, wie er aus den Medien klingt, mit voller Gewalt unsere Gedanken in den Griff zu nehmen versucht. Er scheitert, wenn wir aufpassen und das Positive nähren.


Jedes kleine positive Zeichen, jeder in sich ruhende Blick in das Licht der inneren Wahrheit, jeder Atemzug gibt Hoffnung. Oder besser noch – Werden zum Sein. Hoffnung verspricht oft zu viel. Dennoch ist sie so viel mehr als die dunklen Wolken eines kalten Winters, unter dessen grauen Himmel Menschen sinnlos leiden und sterben.

Genervt sein

Frischer nordischer Nieselregen hüllt die Marktstände ein. Keine wirklichen Schlangen, keine Einkaufshektik. Ein kleiner Luxus. Hinter uns ein Schnaufen. Ein älterer Herr, Hager, mit einer coolen Syltwindwetterweste, armselig wichtig in seinem Pensionärsdasein. Vor uns eine langsame, ältere Dame. Kaum hatte er sich eingereiht, wütendes Schnaufen. Er hat wohl etwas Nieselregen abbekommen, drängelt sich, ärgerlich, komische Geräusche von sich gebend, unter das schmale Vordach. Vielleicht rinnt das kalte Nass seinen Rücken runter, denke ich amüsiert. Wir hatten Spaß mit dem Regen und den Pfützen auf dem Spaziergang. Das Schnauben hört nicht auf. Es geht ihm wohl zu langsam. Er zappelt genervt atmend, hat keine Zeit. Sehnt sich wohl nach seinem warmen SUV, der ihm ein wenig Sicherheit und Ego geben würde. Selbst als Pensionär keine Zeit. Wir schauen uns an; grinsend. Wir stellen fest: „Es muss solche Menschen geben, damit wir was zum Amüsieren haben.“
Ich erinnere mich daran, wie wichtig es ist, in solchen Momenten, wie dem, in dem der gnätzige Pensionär emotional gefangen war, ruhig zu atmen, den Moment so zu nehmen wie er ist. Sonst diene ich das nächste mal der Mitwelt als Clown; lache hoffentlich über mich selber.

Jetzt!

Mal sanfter und mal lauter klick-klackern die Regentropfen im eigensten Rhythmus kühl an die Scheiben. Wie sinnlos eine Struktur erkennen zu wollen. Sie spielen ihre eigene Musik. Wie im Tanz muss man mitgehen. Regentropfen werden. Auch in der Sonne muss man Sonne sein. Dem Wind sollten wir uns beugen. Flexibel und biegsam im Moment. Wunderbare Welt.
Welch ein Luxus, es leben zu können.
In diesem Moment der Ruhe muss ich an Thích Nhất Hạnh denken, der am 22 Januar mit 95 verstorben ist. Später lese ich nach – in seinem schönen Büchlein „Im Hier und Jetzt zu Hause sein“:
„Wer einmal erlebt hat, wie wohltuend, erfrischend und heilsam es ist, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein, im Hier und Jetzt wirklich anzukommen, in dem wird eine tiefe Sehnsucht erwachsen, solche Augenblicke öfter und länger zu erleben. Ganz bei sich und gleichzeitig mit allem verbunden, fühlt man sich zuhause, nichts fehlt, alles ist da.“ (7)
„Wir glauben, wenn wir nichts tun, dann vergeuden wir unsere Zeit. Das ist nicht wahr. Unsere Zeit ist zunächst für uns da, ist da für uns, damit wir sein können – was zu sein? Lebendig zu sein. Frieden zu sein, Freude zu sein, zu lieben. Das ist, was die Welt am dringendsten braucht. Wir üben uns darin zu sein. Und wenn wir die Kunst beherrschen, friedlich zu sein, stabil zu sein, dann haben wir die Grundlage für jedes Handeln geschaffen, denn die Grundlage jedes Tuns ist, zu sein. Und die Qualität des Seins bestimmt die Qualität des Tuns. Das Tun muss auf dem Nichtstun basieren.“ (17) Wu Wei…
Schön ist, dass der nächste Regen, der nächste Sonnenschein, der nächste Wind mit Sicherheit kommt. Ob ich da bin oder nicht.

Thích_Nhất_Hạnh (2016) Im Hier und Jetzt zu Hause sein, ‎ Theseus

Sinn und Glück

Am Ende eines Aufsatzes über den „Sinn des Lebens“ im Zeitmagazin vom 16.12.21 steht als letzter Satz folgendes zu lesen: „Glück, das ist nur ein flüchtiger Moment. Der Sinn bleibt.“ Zuvor wurde Adam Kaplin mit folgenden Worten zitiert: „Es ist nicht das Hauptanliegen des Menschen, Freude zu erreichen oder Schmerz zu verhindern, sondern in seinem Leben einen Sinn zu sehen.“
Ich halte diese Aussagen für sehr gewagt. Gerade in Bezug auf den zeitlichen Aspekt. Generell mag das Problem darin liegen, dass die Begriffe „Sinn“ und „Glück“ einen immens weiten Interpretationsspielraum ermöglichen. Wahrscheinlich gibt es für jeden der über 8 Milliarden Menschen auf dieser Welt eine eigenste, individuelle Auffassung davon, was Sinn bzw. Glück für diese bedeuten. Eine eigenste Sichtweise darauf, ob auf der einen Seite der sinnvolle Moment oder das kleine Glück gemeint ist, oder so etwas bedeutendes wie der Lebenssinn bzw. die Frage nach dem glücklichen Leben.
Interessant ist hier die Betrachtung vom Verhältnis der begrifflichen zur emotionalen Ebene. Sinn ist nach meinem Verständnis zunächst auf die biologische „Sinneswahrnehmung“ und deren begrifflichen Wahrheitsgehalt („das macht Sinn“) bezogen. Sie steht der eher diffusen, emotionalen Ebene des Glücks-“gefühls“ gegenüber. Schon hier sind die Übergänge recht unscharf. Alleine deshalb, weil jede sinnfällige Entscheidungsmöglichkeit, wenn auch indirekt, durch Emotionen mitgesteuert wird; jeder Sinneseindruck Emotionen hervorruft. Auf der anderen Seite wird die Suche nach Glück oft rational begründet und betrieben.
Mir deucht, hier gibt es noch viel nachzudenken, zu „sinnieren“. Entlang Jahrtausende währender Denktraditionen und geübter Praxis. Bis sich (für mich) ein Sinn ergibt. Ein Sinn, der gefühlt werden kann und einen Weg zum anhaltenden Glück zeigt. Erst einmal ist dieser für jeden Menschen individuell, wie es Aristoteles in der Nikomachischen Ethik schon schrieb. Sie beginnt ja auch mit einer Diskussion der Glückseligkeit (εὐδαιμονία), versucht, deren Prinzipien zu ergründen. Wobei der teleologische (telos-Ziel) Ansatz nur ein Ansatz unter vielen sein kann.
„Da der Ziele zweifellos viele sind und wir derer manche nur wegen anderer Ziele wollen, z.B. Reichtum, Flöten und überhaupt Werkzeuge, so leuchtet ein, daß sie nicht alle Endziele sind, während doch das höchste Gut ein Endziel und etwas vollendetes sein muß.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1097a (27))

Kaltes Glück

Die nordische Luft ist kalt und schneidend. Hagelkörner verweilen im welken Wintergrass. Auf dem kleinen Teich glitzert die wärmende Wintersonne. Ein paar Vögel rufen dann und wann in unverständlicher Sprache. Der werkende Hammer hallt an einer entfernten Häuserfront. Störend. Im Rhythmus seiner Schläge dringt die Kühle der toten Arbeit in das kleine Winterglück ein, durchschneidet als hallender Lärm die Ruhe. Die lebende Ruhe einer sich meldenden Tierwelt, die Ruhe des Rauschens und Knackens, Prickelns und Piepens. Die Ruhe des entspannten Atmens in der frischen Luft, des Blutes, welches uns langsam pulsierend durchströmt. Eine lebendige Ruhe, die inneren Frieden gibt.


Denken die vorbeieilenden Menschen über solche Ruhe, solches Glück nach? Sind sie nur Getriebene? Verhämmern, verquasseln, verträumen, verkonsumieren sie ihre begrenzten Lebens-Momente? Fragen sie sich, was Glück bedeutet? Und ich meine hier nicht das kurze Glück durch Effekt. Ich meine die Frage nach Zufriedenheit, Gelassenheit, Gleichmut, Seelenruhe, inneren Frieden, Ataraxie, Sukha… Der Zustand, für den es in 1000 Sprachen noch viel mehr Worte gibt (1). Ein Zustand der im Inneren von uns allen walten. Ein Zustand, der durch nichts Äußeres erzeugt werden kann. Der nicht zu beschreiben und schon gar nicht durch Schalten und Walten zu erwerben ist.
Manchmal kommt er. Manchmal bleibt er. Manchmal entgleitet er, ist nicht zu fassen. Wenn er da ist, ist er da. Welch eine wunderbare Präsenz. Oft kaum wahrnehmbar, hinter einer Wand aus zuckenden Gedanken und Emotionen versteckt. Immer da. Es gibt da die schöne Ozean-Metapher. Die dünne Schicht der bewegten, zuweilen tosenden Wellen auf der Oberfläche des Meeres, berühren den Ozean kaum. Still schweigt er in seiner Tiefe.

(1) Zum „Glücksbegriff“ gibt es noch viel zu denken, zu sagen, oder vielleicht doch besser zu schweigen. Er möchte erlebt, gelebt werden.

Planung

Immer wieder fragen und fragten mich liebe Menschen, was ich im „Sabbatical“ so plane. Zumeist antworte ich, das ist nicht „planbar“ oder „ich will nicht planen“. Mit gutem Grund. Die Auszeit muss sich dem Planenden entziehen, soweit es geht. Es geht darum sich der Berechenbarkeit zu entziehen. Einer planenden Berechenbarkeit, die sich u.A. in den Mails, die ich aus der Arbeitswelt bekomme, zeigt. Zumeist geht es Finanzplanung, Stundenplanung, Studienplanung, Zukunftsplanung und Ähnliches …
Überall wird nach Plänen gerufen. Viele Menschen haben Pläne für das neue Jahr, neue Vorsätze. Ja, – Pläne werden heutzutage „voraus-“ und was noch schlimmer ist „vor“ gesetzt. Als wenn sie uns den rechten Weg weisen würden. Sie uns von dieser oder jener Unwägbarkeit befreien, retten könnten. Im Gegenteil, durch den wirren Blick auf Ziele, Schritte, Tabellen, Raster, Charts etc. wird das Wesentliche vergessen, gar verdeckt. Blind wird den „Vor-“gaben gefolgt, die irgendwo von irgendwem in hektischem Treiben ersonnen wurden. Oft ohne von der Materie Ahnung zu haben, in der trügerischen Hoffnung, alle Möglichkeiten mit „eingeplant“ zu haben. Pläne erzeugen das trügerische Gefühl, alles im Griff zu haben. Bis zum bösen Erwachen, wie so schön gesagt wird (man denke nur an die Finanzplanungen überall, die nicht selten vor Abschluss der Planung schon aus dem Ruder laufen – auch an den Hochschulen. Oder die Studienplanung, die auf individuelle Lernwege, Fähigkeiten und Bedürfnisse kaum Rücksicht nimmt…oder die Unplanbarkeit in Zeiten des Viruses).
Sicher, gewisse „Marker“ im Fortschreiten von Projekten, des Lebens, des Alltags sind nicht falsch. Doch Entwicklungsschritte kommen im Normalfall von selber. Solange das Leben nicht an der Planmaschine ausgerichtet wird. Die Füße gehen. Der Magen meldet sich, wenn er Hunger hat. Der Körper fordert Ruhe, wenn er ermüdet. Der Geist fordert Nahrung, wenn er wach und neugierig in die Welt blickt. Dinge begegnen uns, wenn sie uns begegnen. Doch oft wird auf die Natur der Dinge, nicht gehört. Weil es anders geplant wurde. Der moderne Mensch erscheint taub für das Sein und dessen geheimnisvolle Strukturen.
Viel angenehmer und schlauer deucht es mir daher, über Strukturen nachzudenken. Strukturen, die sich aus einer leeren Ebene („plan“), einem offenen Platz bzw. Zeit-Raum, ergeben. Fußabdrücke zeichnen sich im Werden ab. Strukturen entstehen im Jetzt. So wie sie auch wieder vergehen. Wie die Wellen, die der Wind in den Sand formt – um vom Wind wieder verweht zu werden; Strukturen, wie der sich immer verschiebende Sonnenaufgang; Strukturen, die der Körper in seinen Zyklen zwischen Leben und Tod vorgibt. Sie entstehen vorerst aus sich selber. Sie sind da. Oft bleiben sie unsichtbar, ohne in ihrer Vergänglichkeit benannt, bezeichnet zu werden. Sie melden sich gerne zaghaft, nicht selten „ungefähr“. Oft sind sie schwer erkennbar. Gerne, wenn wir sie erkennen lernen, beobachten, wachsen sie, werden klar, sichtbar. Nicht selten geben sie sich dann fordernd. Wir müssen uns nur für sie öffnen. Dann ist es möglich diese, ihnen folgend, zu bestärken. Ohne Plan bekommt ein Tag, eine Tätigkeit dann plötzlich eine klar erkennbare Struktur. Eine Struktur, die guttut, mit der wir mitfließen können. In ihrer eigenen, unserer Dauer.
Sicherlich liegt das Problem darin, dass alle Menschen unterschiedliche Strukturen haben. Zum Beispiel, wann sie konzentriert arbeiten können. Sicherlich gibt es viele Einflussfaktoren, die gewachsene Strukturen stören können. Doch zuerst müssen wir sie erkennen. Dann ist es möglich sie sanft nutzend, für uns und unsere Mitmenschen in Abstimmung zu synchronisieren. Dann können sie befriedigende Ereignisse erzeugen. Schöne Momente, Dinge, Begegnungen, Rituale, Tätigkeiten oder was auch immer…. Also alles, was wir anstreben.
Strukturen sind wichtig um uns vor der Beliebigkeit zu retten, die grundlegenden Bedürfnisse zu sichern und kommunikabel zu machen. Sie zu entdecken benötigt jedoch Aufmerksamkeit, eigenständiges Handeln, Willenskraft und Konzentration. Zudem die Bereitschaft, sich offen auf das Werden im Moment einzulassen. Aber bitte ohne Plan. Welch ein Traum in dieser verplanten Gesellschaft.