Ich sitze hier und tue nichts. Nur mein Körper schaut in die Weite, schweift gedankenverloren über das Meer, verliert sich in der Dünung, spürt den Wind, ahnt die vergängliche Solidität der Berge. Die Zikaden schreien sich in Wellen die Seele aus dem Leib. Ihnen ist egal, auf welchem Busch sie hocken. Hauptsache einfach mal rufen und hören, wer noch so da ist. Die Sonne brennt angenehm. Nur in solchen Momenten können Gedanken entstehen, die sich tief, schwer, zugleich hingegen ach so leicht anfühlen. Sie kommen und gehen. Wischen durch die Welt. Einfach so. Präsente Gedanken. Kein schweres hängen am Gestern und Morgen. Keine Ziele, Aufgaben und Termine.
Wozu braucht man sie? Das tätige Denken der heutigen Zeit ist verschwunden. Taugt es etwas, wenn es keine Kriege verhindert, diese wunderbare Welt in den Abgrund zieht? Das Leben nicht leben lassen? Dieses Denken hat Dinge wie Sesshaftigkeit, Arbeit, Lohn, Excel und Besitz erfunden. Dieses Denken behauptet ein Oben und ein Unten. Hierarchien und systemische Abhängigkeiten. Am besten durch Zahlen, die in kleinen eckigen Kästchen eingesperrt sind. Nur die Summe Zählt. Es lebe die Technologie. Alles wird nach Formeln formuliert. Einfach gesprochen: nachgeplappert. Nichts Neues, kein Werden. Starre. Früher Tod in jedem Moment.
Eine Böe und diese Gedanken des kalten Nordens sind vertrieben. Nun tanzen sie wieder, ganz für sich alleine. Im eigensten Rhythmus.
Kategorie: Sinn und Glück
Schwach
Robert Pfallers Werke mögen gerne, wie auch die seines Denkfreundes Slavoj Žižek, in wärmerer Umgebung langsam verdaut werden. In südlichen Gefilden oder in der Badewanne. Sicherlich, das kleine Lächeln, wenn es schon wieder um das fremdbestimmte, individualisierte Subjekt geht, dem das gesellige Rauchen durch verinnerlichte, narzisstische neoliberale bzw. postmoderne Mindsets vergrämt wurde. Pfallers große Geschichte. Wie die des Materialismus.
Wirklich gefreut und zum Nachdenken angeregt hat mich sein Aufruf, wieder mehr Nietzsche zu lesen. Ein Aufruf an mein Ego sich mit der Vokabel „schwach“ auseinanderzusetzen. Es stellt die Frage nach dem Ressentiment: „Nietzsche hat gezeigt, dass Verlierer dazu tendieren, alles Siegreiche, Große grundsätzlich für Böse zu erklären und sich selbst damit selbstgefällig im Unglück zu verbarrikadieren […]. Die kritische Arbeit am Ressentiment, dem Hass auf das Glück, ist darum, Nietzsche zufolge, die entscheidende Leistung, die erbracht werden muss, damit jemals ein Glück erobert werden kann; damit also die Schwachen nicht beginnen, sich an ihrer Schwäche oder in ihrem Scheitern zu gefallen, umd man sich den eigenen Beuteverzicht nicht zur kritischen Gesinnung zurechtfaselt.“ (S. 87)
Ressentiment ist immer mit Besitz verbunden. Egal ob es sich um Dinge, Menschen oder Kultur handelt. Besitz ist nie ein noch so leises Geheul wert. Vermeintlicher Besitz, auch des eigenen Lebens, ist immer vergänglich. Eine einfache Erkenntnis, wie die, dass mit Besitz und Leben Leiden verbunden ist. Es geht nicht um Schwäche oder Stärke; das Gute oder Böse. Es geht um Überwinden. Ich mag den Übermenschen ja gerade deswegen, weil er zur (Selbst-) Überwindung aufruft. Zum (sich) erkennen wollen. Ein langer, gewundener, dunkler und morastiger Weg voller Tücken und Fallen. Aus diesem Grund schwächeln die Meisten, folgen blind den Irrlichtern – und gehen nicht selten unter. Sie versagen, weil es ihnen an Willenskraft, Konzentration und Bereitschaft zur stetigen Übung mangelt. Diese fordert Schritt für Schritt sorgsam zu setzen, manchmal den gleichen Weg mehrmals zu gehen.
Oder sie haben zu große Angst, sich der Vergänglichkeit zu stellen, die in allen Dingen und auch uns wohnt. Lassen wir also den Quatsch mit dem Ressentiment, und üben wir es, den Tag zu genießen, den Moment, unser Sein. In ihm ist nichts an sich „Gutes“ oder „Böses“, keine Moral oder Ideologie. Kein Ressentiment. Keine Metaphysik und auch kein Materialismus. Schwer zu lernen. Ich werde mich auch weiter mit dem Weg und diesen Moralen, dem von Pfaller und Han so verschmäten Narzissmus und Neoliberalismus, meiner geliebten Excel-Tabellenwelt auseinandersetzen müssen. Hoffentlich jedoch weniger und weniger, je weiter ich in der Selbst-Überwindung voranschreite. Ja, an Pfaller mag ich auch, dass er vieles, was ich im Lehrbetrieb erfahre, in dem es kein Studium und keine wirkliche Forschung mehr gibt, so schön auseinanderpflückt, zerreißt und beklagt. Heilige Hallen, voller Schwäche und Aufgabe an die Irrlichter, an das „das System“.
Nun denn, so ist es mit allen Schreibenden, die geschätzt werden. Sie formulieren in Teilen, was man denkt, manchmal nur spürt und erahnt. Ich danke Nietzsche, Pfaller, Lacan, Deleuze, Foucault, Han und und und… Verneigen tue ich mich vor dem Moment, den Thich Nath Hanh, Ayya Khema und meine Kyosanim und Meister*Innen mich zu lernen gelehrt haben. Den Pfad, Do zu gehen, Ki zu atmen. Wenn ich diesem Weg folge wird jede Schwäche zur Stärke. Alles wird im Sinne Nietzsches zu einem großen Ja! – im praktischen Werden.
Pfaller, R. (2015) Wofür es sich zu leben lohnt. Fischer (Sehr schätze ich auch sein Buch „Die Illusion der Anderen“)
Vergehen
Da klebt sie, an der Decke des Schlafzimmers. Wie kurz vorm Absprung. Seit weit über einem Jahr. Eingefroren in der Zeit, mumifiziert, die Momente überdauernd und doch dem Verfall preisgegeben. Immer wieder fällt mein Blick auf die Hülle des Heimchens, dass sich dort irgendwann niedergelassen hat; als lebendes Wesen einfach aufhörte zu existieren. Vergänglichkeit, anicca, das erste bhuddistische Daseinsmerkmal. Ihr Schutzpanzer blieb. Zugleich ist sie immer noch da, mit mir verbunden; anatta, das dritte Daseinsmerkmal. Dazwischen dukkha, Leiden.
Die Klänge der Akkorde des Lebens. An- und abschwellen, im immer eigensten Rhythmus. Da fällt mir die alte Metapher vom Meer ein. Wenn wir die Wellen sehen, sind sie da und im selben Moment schon vergangen. Die Menschen sehen nur die Wellen. Als Emotionen, Ereignisse, Stimmungen, Freude und Schmerz. Doch die Substanz, welche die Wellen ermöglicht, das Wasser des Meeres, ändert sich in seinem Vergehen nicht. Es ist immer da, in seinem dauernden Werden.
Ich denke an die Grenze des Meeres, an dem es die Luft trifft. Den Leerraum mit der spritzigen Gischt, den wirbelnden Bläschen und Spritzern. Der Nicht-Ort, an dem es verdunstet, während sich die Feuchtigkeit der Luft im Meer niederschlägt. Auch hier vergehen im Statischen.
Ohne Vergänglichkeit, die wir so negativ betrachten, gibt es nichts Neues, kein Werden, keinen Aufbruch.
Es ist so einfach und doch so schwer zu sehen. So schwer einfach zu leben. Im Atem, in der Musik kann ich es jederzeit spüren. Wenn ich schaue. Ein zufriedenes Lächeln macht sich in meinem Gesicht breit.
Einfach sitzen
Eine kurze Lektüre zur Einstimmung auf das Sitzen. Nachdenken entlang eingängiger, ruhiger Worte des verstorbenen Meisters. Wie in sanfter Rede gesprochen hallen sie in mir wieder. Ganz von selbst scheinen sie den Geist zu erreichen, wenn man es tut. Sitzen ohne ideologischen Ballast, ohne Wollen, ohne Ziel. Tun, einfach tun. Nichts tun. Diese Worte erinnern mich an meine ersten Worte hier, entstanden an den Gestaden der sonnigen Insel. Ein Ort, an dem ein Stein am Meer auf mich wartet um auf ihm zu sitzen. Wu Wei.
Doch lauschen wir dem Meister: „Viele versuchen, immer mehr und mehr zu tun. Wir glauben, wir müssten das tun, weil wir Geld verdienen, etwas erreichen wollen, weil wir uns um andere kümmern oder unser Leben und unsere Welt verbessern wollen. Oft tun wir etwas, ohne groß darüber nachzudenken, weil wir es so gewohnt sind, weil uns andere darum gebeten haben oder weil wir glauben, dass wir es sollten. Doch wenn wir in unseren Wesen nicht gefestigt sind , dann werden die Probleme in unserer Gesellschaft immer weiter zunehmen, je mehr wir tun.“ (S. 24, Hanh, T. N. (2016) Einfach sitzen O.W. Barth)
Wie wahr gesprochen. Ich muss mich anstrengen, um diese Weisheit, diese Haltung in die letzten Arbeitsjahre hineinzunehmen. Nein, es soll die verbliebenen Jahre meines Lebens durchdringen; diese klare und simple Aufforderung. Eine Sicht, eine Praxis, die seit über 2000 Jahren kultiviert und vor allem „getan“ wird.
Naturglück
Das Leben wuchert in vollsten Farben. Grün, grün und nochmal grün. Durchsetzt mit bunten Farbklecksen. Am meisten knallt das Ultramarinblau des Rittersporns. Dem Blau der Tiefe und Weite des Meeres. Nicht einmal Yves Klein hätte es so hinbekommen. Da hilft aller Verstand, welcher den Menschen gegeben sein soll, nichts. Die Natur ist das Glück in sich selber. Was hat angesichts dessen all das Werkeln, Tun und Schaffen für einen Sinn? Welt, Natur bahnt sich immer wieder einen Weg. An den verwunderlichsten Orten, auf die verwunderlichsten Weisen. Wie die Fledermäuse, die in einer lauen Junidämmerung in waghalsigen Manövern lautlos und geheimisvoll durch den Himmel gleiten.

Dem Homo Sapiens, der immer so schlau tut, hat nur eine Möglichkeit: Sich seiner Naturhaftigkeit zu besinnen, dieser gewahr zu werden. Demütig realisieren, dass alles wunderbar vergänglich ist. Sicherlich, ein Individuum überlebt mit hoher Sicherheit die Blüte des Rittersporns, der schon im Spätsommer verblüht sein wird. Ein Vergehen im Werden. Wunderbare Welt. Jedes Einzelding, jedes Wesen zählt und zugleich nicht. Nur der Mensch sieht sich gerne einzigartig, individuell. Gefangen in seinem verzerrten Selbstbild, durchdrungen von Nöten und Ängsten. Natur ist. Sie wird auch sein, wenn wir alle wieder zu Erde geworden sind.
Die Welt, unsere Existenz ist Krise und Hoffnung zugleich. Ich wünsche all den Soldaten in den Schützengräben, all den Hungernden, all den gepeinigten und auch all den fettgefressenen Menschen in ihren Villen und Jachten, dass sie das Glück und die Fähigkeit haben das Blau des Rittersporn betrachten zu können. Im Moment.
Zahl und Tod
„10. November 2020. Claus ist kaum mehr bei Bewusstsein. Die Ärzte schreiben in die Akte: „Verschlechterung Allgemeinzustand. Patient somnolent. Fieber 39,1. Sättigung 84% bei Raumluft. TAA bis 140“. Zahlen. Zahlen. Zahlen.
Ein Krankenhaus funktioniert manchmal wie ein Rechenzentrum. Menschen werden zur komplexen Gleichung. Jedes Organ, jede Bewegung, jeder körperliche Zustand steht hier auf piepsenden Monitoren. Und wenn ein Mensch nur noch aus Werten und Zahlen besteht, braucht es andere Menschen, die mit ihnen rechnen. Ärzte. Das ist, was besonders Intensivmediziner lernen. Ausrechnen. Aufschreiben. Auswerten. Interpretieren. Und mit dem Ergebnis Entscheidungen treffen.“ (https://www.zeit.de/gesundheit/2022-05/corona-intensivpatient-krankenhaus-aerzte-behandlung)
Desto mehr ich über Zahlen lese, desto mehr fällt mir der Wahnsinn unserer Welt auf. Der Mensch, Natur, Tätigkeiten, Beziehungen… alles wird auf die Zahl gestellt. Mit brutalen Konsequenzen. Es gibt nur eine Alternative: Die Lücken im System finden, Regeln aushebeln. Für die Menschen, für die Natur, für eine menschliche Arbeit, für ein menschliches Lernen und Forschen Einsatz zu zeigen. Emanzipation für etwas, keine Partizipation, kein Bekämpfen! Gerade durch nichts tun, das weit über die „0“ hinausgeht, schreiten wir voran. Denn aus dem Nichtstun erwächst das Sein, erwächst das Neue, das Frische, das Lebendige. Autopoiesis. Aus sich selber heraus wachsen. Wie die altgriechische Physis, die das Potenzial, die Kraft beschreibt, die aus fast nichts alles heraustreiben kann. Das Wunder des Samens, aus dem ein Baum wächst. Alle großen Dinge fangen im Nichts und somit ganz klein an. Auch wenn der Mensch den Ast absägt auf dem er sitzt. Die Natur treibt immer wieder aus. Ohne Berechnung. Einfach so – wie im Bild.
Verfall: Strategische Perspektiven
Ich blicke ich aus der Ferne auf die Welt der Arbeit. Kafkaeske Schnipsel erreichen mich über die elektronische Post. Mein Körper signalisiert, sie haben nichts mit Glück zu tun. Er kommentiert mit Unwohlsein die („Finanz-“) Not des Systems. Einer Not, welche die freudige Tätigkeit in meinem „Traumjob“ in Teilen zu stupider, hirnloser Arbeit degradiert.
Wie immer, wenn es einem an Glück mangelt, man mit dem Jetzt hadert, lässt man sich beraten. So auch die Institutionen. Unternehmensberatungen oder „Coaches“, was das Gleiche ist, sollen helfen, die Probleme zu beheben. Hier offenbart sich der Irrwitz unserer Zeit. Augenfällig ist nicht nur ihre Fixation auf Zahlen und Tabellen. Über Inhalte wird nicht geredet. Die Sprache dieser Expert*Innen, die nichts anderes sind als armselige Wichtigtuer, die das immer gleiche Vokabular der Beratungsinstitutionen herunterbeten, sagt alles. Ein Satz fällt mir ins Auge: „Strukturen sind „gewachsen“ – nicht strategisch entwickelt.“ – Mein systemzernagtes Lehrerherz ruft aus: „Note 6, setzen“ (auch numerisch ;o)).
Wer so denkt, hat die Welt nicht begriffen, möchte alles rastern und betonieren. Die Apologeten des Untergangs. Es gibt zu viele davon und sie nähren sich gegenseitig. „Strategie!“ Sind wir im Krieg? Im Krieg gegen die Welt? Gegen die Menschen? Clausewitz muss her, ein Plan, schweres Geschütz wird aufgefahren. Verbale Schrapnelle gegen das, aus sich heraus Wachsende. Das sich organisch Entwickelnde. Die Natur. Die Unterstellung inklusive, dass die Lernenden und Lehrenden nicht wissen, was sie tun. Zum Beispiel wenn sie neue Stellen besetzen oder Studiengänge verändern. Generale brauchen Strategie. Wozu benötigen wir diese blinden Generale? Sie bringen nur Unglück und Leid. Wie im wirklichen Krieg. Diktiert aus ihren Befehlszentralen. Da hilft auch kein Anstrich durch Worte wie „Transparenz“. Ihre leeren Worte verschleiern nur.
Noch so ein Satz, den ich lese, dass das Studium den Anforderungen des Arbeitsmarktes der Zukunft genügen soll – als strategisches Ziel, vermute ich – unterstreicht dieses lächerliche Denken. Wer weiß denn, wie diese Anforderungen aussehen. Gibt es die eine? Ist sie generalisierbar? Wie schnell ändern sich die Anforderungen? … Hier sprechen Schreibtischtäter, die weg von der Realität nicht mal fähig sind, die wirklichen wichtigen Fragen zu entdecken. Bringt das Lernen Spaß? Herrscht ein fruchtbares, offenes, tolerantes Klima voller Neugierde und Faszination? Finden die jungen Menschen ihre Lebensaufgabe? Haben die Lehrenden sie gefunden? Ihren Lebenssinn? Gibt es und entstehen warme Verbindungen, die durch das Leben leiten? Sind sie am richtigen Platz?…
Kein Wort zu ihnen selbst. Sie können nur andere hinterfragen. Blinde Beobachter mit dicken Mäulern. Keine Frage zu Sinn oder Unsinn der Existenz und Vorgehensweise der Verwaltungen. Meine Frage wäre, wenn es denn nun darum geht zu sparen, ob wir nicht einfach den ganzen Wust überteuerter Verwalter und Papiertiger abschaffen sollten. Mit ihren tollen Abteilungen, die von ihrem Versagen zeugen? Sie hocken in ihren Verwaltungstürmen, fern ab der Realität. Sie haben kein sinnvolles, alltägliches Tun. Sie schweben im wichtigen Nichts. Irgendwo in der Pyramide, die hinauf bis zu EU und OSZE-Direktiven („Jawohl, auf Befehl“) reichen. Oh, wenn sie gingen – wie viele Ressourcen (Personal, Räume, Material) wären freigesetzt. Was für ein luxuriöses Lernen wäre dann möglich! Dann gäbe es Raum zum Wachsen und Wuchern. Zum Experimentieren, zum Emanzipieren. Dann entstände wirklich Neues. Jenseits der Tretmühle mit ihrer Scheinpartizipation.
Wobei anzumerken ist, dass der Begriff „Partizipation“ eigentlich alles ausdrückt. Das Wort bedeutet Teilhaben. Die Onkel oben in der Machtpyramide speisen mit Krümeln ab. Noch schlimmer ist, sie versuchen, Wissen zu stehlen, dass sie nicht haben, um so zu tun, als wenn sie Studium verständen.
Einfach gehen
Sich treiben lassen. Nach innen schauen. Nach außen schauen. Sich verbinden. Auf den Atem achten. Auf das Rauschen des Lebens achten. Die Stadt ist voll. Voll von Dingen, voll von Menschen. Der Bräutigam, der seine Braut im Cargo Bike-Vorlader zur Trauung fährt. Gefolgt von der Hochzeitsgesellschaft. Alle auf Fahrrädern, in Anzug und schönen Kleidern. Der Obdachlose, der neben dem Portugiesen, bei dem ich meinen Galao schlürfe, auf der Palette hockt; döst. Auch seine zerknautschte Alditüte wird von der Sonne beschienen. Wovon träumt er? Vom Gestern, von besseren Zeiten, von der Zukunft? Hat er noch Träume? Hat er noch Wünsche? Wunschlos weitertreiben. Die Briten und ihr Pie-Stand. Einfach nur nett und witzig. So viel Freude. Mitten in der Betonwüste. Mitten im Leid. Mitten in der hektischen Betriebsamkeit. Mitten im Moloch.
Ich denke an Thich Nhat Hanhs „Einfach gehen“. Ein paar Schritte einatmen – ich bin ruhig. Ein paar Schritte ausatmen, ein halbes Lächeln zaubert sich in mein Gesicht. Es ist egal, wo ich bin, solange ich bin.
Connection
In der molligen Aprilsonne. Die Vögel singen rhythmische Lieder. Mal mehr mal weniger. Ich lausche. Aufbruch, Bewegung, Verbindung. Alles bewegt sich im eigenen Rhythmus, wächst, vermehrt sich; ganz aus sich heraus und dennoch verbunden. Ich bin ein Teil; nehme auf. Die Bilder und Worte in meinem Kopf kommentieren nur. So schön der Faden, der diese gefühlten Gedanken zu denen von Kae Tempest in ihrem herrlichen Büchlein „On Connection“ spinnt. Es ruht auf dem schmuddeligen Tisch neben dem Tee – ruft danach, aufgenommen und zitiert zu werden:
„Each time I have walked into strange rooms with poems to tell, I have had to confront my own insecurities and judgements about who I was talking to and why, and each time I was taught something about what connects us being more powerful than what divides.“ (S. 23)
Später dann: „People have different things to respond to. I am no one to judge how someone hast come to a conclusion. I am no one to judge what conclusions someone has come to. I dont want to change minds any more. I just want to connect.“ (S. 33).
Dieser Fluss von wunderbaren Worten verbindet. Weckt kreative Neuronenblitze. Stoff zum Sinnieren. Er öffnet viele Fragen. Ist nicht jede Äußerung ein, wenn auch unbewusster, Versuch jemanden oder etwas zu ändern? Mich selber weiter zu entwickeln? Als Teil der Welt. In ihr aufzugehen? Der Satz hat mein Denken verschoben, einen Spalt gehobelt. Eine der leeren, offenen Lücken, die voranbringen. Jetzt spazieren und den Boden spüren, mit dem Boden verbinden.
Kae Tempest (2020) On Connection, London – Immer wieder höre ich auch ihre wunderbare Platte „Let them Eat Chaos“.
Frühlingswut
Wut. Die Äste unter dem seit heute wieder grauen Himmel sind auf einer Seite mit Moos bedeckt. Ein wunderbarer Anblick im Vorfrühling. Wut. Ach, was waren das für schöne Tage in der Sonne, die hoffentlich bald wieder kommt. Gedanken, die zu Wut führen wollen. Langsam gehen. Konzentration auf den Atem. Mitgefühl.

Eine erste Narzisse blüht einsam in den noch dunstigen Himmel. All die armen Menschen. Der graue Himmel wird verschwinden, der Sonne erneut weichen. Wie der dunkle Nebel, der versucht ins Herz zu dringen. Leiden gehört zu den Menschen, wie der Mensch in die Welt gehört. Es nutzt nichts, wütend zu sein, noch weniger wütend zu werden. In solchen Zeiten ist es wichtig, das Glück in dem wir leben zu nähren. Durch Liebe zu den Menschen, zur Welt. Die Krokusse sind heute ein wenig bedeckter als gestern. Haben sich im leichten Sprühregen zusammengezogen. Zusammengekauert, wie die armen Menschen in den U-Bahn Schächten der bedrohten Städte. Einzelne Tropfen erreichen mein Gesicht. Welch ein Glück, keine Bomben. Bitte nicht noch mehr Waffen. Jede Waffe tötet. Nicht noch mehr Wut und ihr Kind, der Hass. Einatmen, ausatmen. Ein wenig Frieden sein, in dieser wirren Welt, die, wenn man klar in die Weite schaut, so frei und offen ist, wie sie nur sein kann.