Sprachlos – Vom Ärger zur Ruhe

„Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. »Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.“ (Nietzsche, F. (1884) Also sprach Zarathustra, Vorrede Kap. 5)

Beim WWF Fußabdruck Rechner komme ich, weil ich z.B. kein Auto fahre, energetisch saniert wohne, Gemüse über die Biokiste bekomme, wenig in Klamotten und Möbel investiere, einen kurzen Arbeitsweg habe, max. einmal im Jahr in den Urlaub fliege, versuche Fleisch zu reduzieren, und wenn dann nur Bio, etc. auf einen recht passablen Wert. Unter dem deutschen Durchschnitt, jedoch über dem der Weltbevölkerung, was kein Wunder ist. Sicher, ich habe hier und dort meinen Luxus und konsumiere sinnlose Dinge. Dies und das könnte ich weiterhin verbessern. Nach dem Motto, „Jeder Mensch sollte versuchen die Welt ein wenig besser zu machen“. Dies gilt umso mehr in Anbetracht der nahenden Katastrophe, welche speziell die Generation unsere Kinder bedroht.

Als ich mein Ergebnis eines ähnlichen Rechners von Brot für die Welt betrachtete, fiel mir der folgende Satz ins Auge: „Zu Deinem persönlich beeinflussbaren Fußabdruck wird ein Sockelbetrag von 0,9 globalen Hektar (gha) addiert. Dieser kollektive Fußabdruck steht für die Infrastruktur in Deutschland (z.B. Straßen und Krankenhäuser).“ Gefühlt bedeutet dies, dass ich auf vieles keinen direkten Einfluss habe. So wenig wie auf das Wachsen eines Berges durch tektonische Plattenverschiebungen. Doch welche Möglichkeiten gibt es, ein wenig mit einem Löffel an diesem Gebirge des Wahnsinns zu kratzen? Dem Gebirge, dass den Abgrund formt, über dessen Klippen die nächste Generation zu stürzen droht? Für mich bedeutet es, die Klima-Aktivist:Innen ohne Wenn und Aber zu unterstützen. Die, die sich aktiv, mit allen ihnen gegebenen Mitteln der Klimakatastrophe entgegenstellen. Bis hin zum Einsatz ihres Körpers. Nur so lässt sich vielleicht gerade noch der Abgrund vermeiden, in den wir stürzen werden. Es geht für alle darum, aktiv zu werden. Ruhig und in dem Maß, das uns möglich ist. Gegen unseren inneren Schweinehund und der leider (aus meiner Sicht) trägen, Bildzeitungsverdummten, Auto- und Konsumversessenen Bevölkerung. Sowie deren Volksvertreter:Innen und Meinungsmaschine.

Diese Gedanken sind der Hintergrund, vor dem mir gestern ein kalter, versengender Blitz durch die Eingeweide zuckte. Brennende Wallungen wie ein überhitzter Saharawind, durchtosten und erregten meinen Leib. Wie die Schockwellen eines Steins, der voller Kraft in den still da liegenden Teich am Fuß des Abgrunds geschleudert wurde. Die emotionale Attacke riss meinen ganzen Körper mit. Zum Glück meldete sich sich dann mein Geist. Auch wenn er durch die, über den Bildschirm flimmernde, Nachricht entgeistert war. Einatmen, ausatmen. Den wilden Gefühlscocktail Wahrnehmen, erkennen, annehmen, umarmen. Die ersten drei Schritte, um mit aufkommendem Ärger umzugehen. Ich fasse es nicht. Kaum habe ich den hitzigen Angriff der Gefühle ein wenig umarmt, ein wenig beruhigt, rutsche ich unvermittelt in die vierte Phase. Tief schauen.

Klar, was da los ist, kann ich in den Worten lesen, die mich so getroffen haben: Die Staatsgewalt hat sich blind agierend über junge, verzweifelte Menschen hergemacht: Wie ein zerfleischendes Raubtier über ein graziles Opfer, das sich zu behaupten versucht. Ein Opfer, dass aus der Verzweiflung heraus einen umstrittenen Pfad gewählt hat. Den Pfad des Widerstandes. Ich denke, wenn sie so fühlen, aus gutem Grund. Friedvoll, kraftvoll, überlegt wurden Grenzen überschritten. Doch was sind das für lächerliche Regelbrüche angesichts der nahenden Katastrophe. Der Klimakatastrophe, vor der eine große Mehrheit der Wissenschaft warnt. Vor dieser Katastrophe gibt es keine Flucht.

Was ein Fehlgriff, was eine armselige Hilflosigkeit (oder gar Berechnung) einer von stinkenden Automotoren angetriebenen Politik. Bilder schießen durch meine Gedanken. Grüne haben schon immer die größten Dreckschleudern gefahren. Deren Abgase haben deren einst idealistisches, kämpferisches Hirn abgetötet. Heute sind sie Teil der Weltvernichtungsmaschine. Weitaus schlimmer fühle ich die Arroganz der Autoknutscher aus der SPD, deren nicht handelnder Oberguru die letzte Generation zuletzt als „völlig bekloppt“ diffamiert hat. Mir fällt die Liste seines Versagens ein. Elbphilharmonie, Olympia, G20, Warburg und jetzt in der Klimapolitik… Über die Wölfe im Schafspelz der FDP, denen unter dem Banner der Freiheit des Geldes, die Schönheit der Welt, das Leben nebensächlich und egal zu sein scheint. Über die Konservativen, die schon lange nur noch destruktiv daherkommen und nichts mehr bewahren, rede ich garnicht erst.

Was eine Dummheit, diese mutigen Kinder, die in ihrer Verzweiflung über die Stränge schlagen, als kriminelle – äh, war ein Fehler der Staatsanwaltschaft (wohl aus Berechnung?) Vereinigung zu diffamieren. Sie auf Geheiß der Auto- und anderer CO2 Lobbies, der (auf-)gehetzten SUV-Bürger in eine kriminelle Ecke drängen zu wollen. Es ist so, als ob man jungen Menschen, die das Leben vor sich haben und genießen sollten, erst den Boden unter den Füßen wegzieht und diese dann für den Sturz bestraft.

Es ist nicht die „letzte Generation“, die kein Rückgrat hat. Ich fürchte der Rechtsstaat, die „letzen Menschen“, die „Heerdenthiere“ (Nietzsche), personifiziert von den gekauften Volksvertreter:Innen, hat es schon lange verloren. Ein wahrscheinliche tödliches Konglomerat aus Politik und Industrie, welche dem dummen Volk die heilige Kuh in Form des Automobils seit Jahrzehnten als Heils- und Freiheitsbringer angepriesen hat. Diese kleinen Hochgeschwindigkeitsgefängnisse, die unsere Erde jede Sekunde milliardenfach überfahren und verpesten. All dies hab ich verstanden.
Ich werde und muss mich für diesen jungen Menschen, die sich überwunden haben aktiv zu werden, einsetzen, mit ihnen gegen die Mikropartikel-verstaubten dunklen Mächte auf die Straße gehen. Klar gehört dazu, zu versuchen weiterhin mein (Konsum-) Verhalten zu ändern. Ich muss noch mehr für die Zukunft meiner und unserer Kinder tun. Nach dem Motte, es bringt nichts, wenn wenige alles tun, sondern viel mehr, wenn viele ein wenig tun. In kleinen Schritten. Geradeaus. Mit Rückgrat und ohne Rücksicht auf die lobbyverpesteten Volksvertreter:Innen.

Ich gehe in die Badewanne. Luxus. Ich verschwende Energie. Der Sturm legt sich weiter, die sanften Wellen beruhigen sich. Nach dem Verstehen kommt die Ruhe. Dann muss die Aktion folgen. Ich gehöre zur (vor-)letzten Generation. Für die Kinder kämpfen.

Euphemismus

Ich lese die verzweifelte Mail eines Mitarbeiters, der seit Monaten nicht weiß, ob er in wenigen Wochen weiter beschäftigt sein wird. Ein von seiner Aufgabe begeisterter Mensch, einer der warmen Motoren der Lehre, für die er sein Herzblut einsetzt. Er war maßgeblich am Aufbau des Labors beteiligt. Er hat geholfen, nicht unerhebliche Drittmittel einzuwerben und vieles mehr. Am wichtigsten ist jedoch seine engagierte Unterstützung der Studies und derer Projekte. Solche Menschen sind der Puls der Lehre.
Ein durch Euphemismen übertünchter Infarkt bringt das zum Bildungsfließband verkommene System Hochschule innovativ und zukunftsorientiert zum Stottern. Ohne jede Resilienz stirbt das „Studium“. „Lehre“ oder was davon nach Jahren schleichender, neoliberalen Vergiftung übrig geblieben ist funktioniert nur noch im Takt oberflächlichen Marketing-Geblubbers.
Ich gleite durch die Slides der glatten, langweiligen Powerpointpräsentation mit ihren nichtssagenden Stockfotos. Leere Texte springen wabernd in mein Auge. Ein Konglomerat von Worten, die dunkle Dinge aussprechen, ohne etwas zu sagen. In seidig glänzende Watte gehüllt kommen sie bösartig daher. Das ist kein freundliches Geheul von Wölfen in Schafspelzen. Für mich klingen sie wie das Stöhnen und Grunzen von blutzerfledderten Zombies in überteuerten Designerklamotten. Untoten, die jedem Bezug zur lebendigen Welt verloren haben.
Ich lese „Strategie, Prozess, nachhaltige Transformation Herausforderungen, Innovationen der Zukunft, gesamtgesellschaftliche Verantwortung, ganzheitliches Verständnis, verantwortlicher Fortschritt, Wissenstransfer, Resilienz, Transformation, Vielfalt, Kooperation, Raum, Strukturen, Prozesse, Zielerklärung, Leistungsbereiche…“. Mein Magen zieht sich zusammen. Was soll das sein? Ein neuer Aufbruch? Nein, es ist der Weg in den Glanz einer goldenen Zukunft strahlender Kälte, aufgezeigt durch einen eisigen Pfad. König Midas…
Nicht einmal lese ich Worte wie „Menschen“, „Studierende“, „Lehrende“…All die Dinge, die für mich die den Kern dieser Institution ausmachen, sind im schmatzenden, trüben Sumpf der Euphemismen kläglich untergegangen. Ich sehe vor meinem inneren Auge die todbringenden und stählernen strategischen Panzerwortmaschinen der neoliberalen Transformation. Sie walzen alles menschliche, alle Lust zu studieren, zu lehren, alle Vielfalt nieder. All das, was Menschen mit Herz und Liebe aufgebaut haben, taumelt, schwankt, versinkt. All das, was neugieriges Studium und fröhliches Miteinander ausmacht, ist dabei zu vermodern, unterzugehen.
Kalt klingt der technokratische Marketing-Wortschwall des Unternehmen Hochschule in meinen Ohren. Nach Papierbergen, Stempeln, Stahl und Maschinen. Menschen sind nur noch Produkte. In meinen Ohren hallen Orwells Mahnungen nach. Mahnungen eines Leidenden, der für warme Ideale am Schreibtisch und sogar im Schützengraben gekämpft hat. Voller Liebe für die Anliegen der Bewohner:Innen Kataloniens im Angesichts der Faschistischen Mordmaschine (1). Der uns in „1984“ das Wort „Neusprech“ geschenkt hat. Es lässt alleine durch seinen Klang das Herz gefrieren, zerspringen. Ich denke an das Buch „Erwachsenensprache“ des Psychologen und Philosophen Robert Pfaller (2), der in Linz lehrt. Dessen schneidende Analyse der Euphemismen neoliberaler Rhetorik so treffend sind. In meinen Ohren hallt „We don’t need no education, we don’t need no thought control“ aus „The Wall“ von „Pink Floyd“ (3). Die Euphemismen von Heute sind das, was gestern der Rohrstock war…
Ich fürchte, es ist sinnlos meine schwach gehauchten Worte gegen diese Euphemismen in den Ring zu werfen. Ich fürchte es gibt kaum Begriffe, welche die warme Erhabenheit ausdrücken können, die für mich in „Studium“ und „lernen“ mitschwingen. Ich versuche es; sie sind kaum zu greifen. Ich spüre sie, finde sie schwer. Studium kann nur von Menschen in vertrauensvoller Gemeinsamkeit gemacht werden: begleitend, beobachtend, schweigend, genießend. Voller freudiger, heimeliger Aufmerksamkeit, Konzentration, Willenskraft. Angefüllt von der Lust auf Faszinierendes. Sich begeistern und anstecken lassen, sich gegenseitig ins Feuer werfen. Liebe zum Gegenstand, Liebe zur gemeinsam schaffenden Tätigkeit. Liebe zur kämpferischen Auseinandersetzung. Achtung voreinander. Auf Augenhöhe.

(1) Orwell, G. (1964) Mein Katalonien

(2) Pfaller, R. (2017) Erwachsenensprache. Fischer

(3) Pink Floyd, Another Brick in the Wall (1979)

Werden – Vergehen

„Die Meisterin des Lebens – nicht zu fassen und dennoch immer da!“ Schießt es durch meinen Kopf.
Kraftvoll sprießt das Grün, ein heller, weicher Flaum umhüllt eben noch karge Äste. Leuchtend blüht der Kirschbaum, den ich vor 17 Jahren gepflanzt habe. Die japanische Kirsche um die Ecke schüttelt die welken Reste der jetzt schon vergangenen Pracht ab. Sanft sinkt sie in den feuchten Boden. Braun und verschrumpelt löst sich das vorab so prächtig strahlende hellrosa auf. Frischer Humus. Kleine Blättchen sprießen zaghaft an den erneut kahlen Ästen. Wachsen, gedeihen. Werden und Vergehen im gleichen Moment. Die Kraft der Natur.
Ein Mann schiebt geduldig seine Frau in das wohlige Heim. Sie ist seit kurzem an den Rollstuhl gebannt. Ich denke: „Welch ein Glück, dass ich aufstehen kann“ – noch. Mein Atem kommt und geht, meine Beine tun ihren Dienst. Werden und Vergehen, das ist die Welt. Wir können diesem Fortschreiten der Zeit nichts entgegensetzen. Wozu? Der Moment zählt. Morgen wird der Kirschbaum erneut in sattem Grün in der Frühjahrssonne erstrahlen. Frischer als in der abendlich-heimeligen grauen Dämmerung. Dann bin ich wieder einen Tag älter. Die Sonne wärmt zaghaft.

„No Future“ – Now!

In meinem Inneren gefangen schleiche ich müde aus der U-Bahn. Dem Tross der arbeitsträgen und konsumverbrauchten Menschen folgend. Im Rhythmus der Wohlstandsmaschine. Wieder und wieder dreht sich das leere Rad. Dennoch… ich halte mich aufrecht, um nicht völlig vom Moloch des stetig ratternden Produktionsbandes absorbiert zu werden.
Dann, mein Blick schweift offen umher; ein Plakat. Es drängt sich unvermittelt auf. Zerreißt den träge gleitenden Gedankenstrom. Paul Weller. Es durchblitzt meine watteweich träumenden Gedanken. „Mann ist der alt geworden“. Wild assoziierend rattern weitere Bilder wie eine Diashow über die Leinwand meines inneren Auges. Iggy Pop. Hugh Cornwell, Tony Iommy, Nick Mason… Alte Heroen mit zerlebten Gesichtern. Dennoch voller Kraft.
Mein Geist ist klar. Ich falle aus der Masse, bin bei mir. Die Zeit bleibt einen Moment stehen. Sie oszilliert zwischen dem Jetzt auf der Rolltreppe und unscharfen Eindrücken aus der Jugend. Nach wie vor gefangen, ummantelt, eingekesselt von träge vor sich hin hetzenden Menschen. Erinnerungen. Wie oft habe ich „In the City“ gehört. In jungen Jahren, mit mehr Haaren und weniger Falten. Wild aufbrechender Sound der „No Future“, welcher uns aus allen Boxen der Welt scheppernd entgegen dröhnte. Ja, wir sind trotzdem in die Zukunft geglitten, sie ist da. Einige der Heroen zum Teil schon lange nicht mehr. Sie leben durch ihre Musik, im Soundtrack meines Lebens fort. Der innere Walkman. Solange bis ich gehe. Klaus Schulze, Göttsching, Joe Strummer, Lou Reed, David Byron, Richard Wright… Namen, Bilder, Töne bombardieren im Stakkato-Ryhthmus eines Schlagzeugs meine Synapsen. Ich bin da. Habe eine „Future“, sei sie noch so begrenzt.
Zuhause angekommen wühle ich in alten, abgenutzten Platten mit ihren zum Teil welken, rissigen und abgegriffenen Covern. Voller Spuren der verwehten Jahre. Im Jetzt spürt und erlebt mein Herz verflossene Momente. Ich sehe, fühle, rieche und höre sie. Ich genieße das Knacken der Kratzer. Ich bin da. „Future Now!“.

Sonnenliebe

Ist es die wärmende Sonne, die weiche Luft, sind es die sprießenden Knospen, die zarten Blättchen, der Geruch nach Aufbruch und Entwicklung? Ich sitze. Voller Kraft durchzieht meinen Körper dies wohliges Gefühl. Wie ein sanfter, warmer Windhauch. Es ist kaum zu benennen. Später, ich denke darüber nach, schwirren etliche Namen durch den erwärmten Geist. Platon nannte es „agape“ (ἀγάπη), dass gerne mit wohlwollender Liebe übersetzt wird. Ist es das? Ist es die Allverbundenheit der „liebenden Güte“ (maitri oder metta), wie sie der Buddhismus bezeichnet, die ich gespürt habe? Wie ein im Sonnenlicht seidenglänzend, verwundener Strang aus schimmernden Fäden durchflutete sie mich. Verknüpfte mich über unendlich viele fein leuchtende Pfade mit der Welt. Das Allganze strahlte freundschaftlich, vertraut. Verdrängte den Winter grauer oder gar dunkler Gefühle und Gedanken. Die Präsenz, das Sein in seiner heimeligen Ganzheit, ist einfach nur da. Wie herrlich.
Aus einer derartigen Empfindung wächst wahre Verbundenheit mit allen Wesenheiten und Dingen. Das funkelnde wohlige Leuchten einer verquirlt-verwobenen Welt. Am stärksten im Energiezentrum unter dem Nabel präsent. Es lässt wärmendes Ki strömen, verteilt es bin in die letzte Faser des Körpers. Diese indifferente, nicht fassbare Stimmung lässt Frieden, das Schöne, das Gute im einfachsten Da-Sein gedeihen, sich verbinden, ganz werden. Beziehung.
Dieses Gefühl kann sich, Platon erneut folgend, zu freundschaftlicher Liebe, philia (φιλία) oder gar zur erotischer Liebe (éρως) mit ihrer erhebenden und zugleich blendenden „Verknalltheit“ entwickeln. Doch sowohl Philia als auch Eros tragen, desto mehr sie sich von der liebenden Güte, Agape entfernen, eine dunkle Schwere in sich. Sie fokussieren auf das Objekt der Begierde und zerschneiden das allumfassende Geflecht „wahrlich seiender“ Beziehungen. Sie sind Anhaftung in sich. Besitzen und konsumieren wollen, melden sich zu Wort, Gerade der Eros sticht mit seinem Pfeil, verdunkelt den Verstand auf wunderbare weise. Der Stich des Gottes vergiftet die Liebenden mit der Droge der Seinsvergessenheit. Nur das angebetet Wesen wird gesehen, all das Leuchten der Ganzheit ist da. Bis hin zur Selbstvergessenheit, der Selbstverlorenheit des Narziss. Verlorenheit bis in den Tod
Die Philia, wahre Freundschaft ist ein tiefes Gefühl, eine starke Verbindung. Sie gibt Geborgenheit ebenso wie Konfrontation. Speziell mit uns selber. Freunde sind ein Spiegel für uns und unseren Weg, wie es Nietzsche im Zarathustra so treffend formulierte: „In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben“. Freundschaft mit sich, den wahren Freunden und zu allen Wesen, ist die Brücke zwischen der Verlorenheit des Eros und der tiefen Allverbundenheit mit der Welt. Aus der Freundschaft zu sich selber und zu allen Wesen kann bei rechter Anstrengung, Konzentration und Willenskraft wahre Liebe erwachsen, die allumfassende Liebe, die liebende Güte, die eine tiefe Zufriedenheit in uns wachsen lässt. Einen Frieden, der in die Welt ausstrahlt und diese ein kleines Stück schöner macht.

(1) Nietzsche, F. (1883/1885) Also sprach Zarathustra: Vom Freunde

Frische Kraft

Voll aufgeplustert, mit geschwollener Brust thront die Meise auf dem höchsten, kahlen Ast der Hecke, an dem sich zarte Knospen zeigen. Gell ruft sie in fast schrillen, dennoch wohlklingenden, rhythmischen Tönen nach Liebe; dem oder der Liebsten. Welch eine Kraft liegt in ihrer kleinen Lunge, durchflossen von der weichen Frühlingsluft. Diese strömt in jeden Winkel; alles im kühlen Schlaf verharrende Leben saugt sie auf. Schon sind sie da, genährt von der sich immer wieder durch die zarten Wolken schiebenden Sonne. Wie die Brust der Meise schwellen die Knospen. Hier und da erblüht ein erster Busch und kündigt von der Energie, welche die Pflanzen aus der saftigen Erde saugen.
Alles hat Potenzial, Kraft, φύσις. Die Kraft treibt, wie das uralte Konzept der Physis es beschreibt, von innen. Stärkt und nährt. Schon wird aus dem kleinen, unscheinbaren Samenkorn eine prächtige und mächtige Pflanze. Zum Baum werden benötigt es die gleiche Geduld, wie das suchende Harren der Meise auf dem Ast. Kraft kann nur aus dieser warmen, inneren Quelle entspringen, deren Ursprung sich uns entsagt, den wir aber spüren, dem wir nachspüren können. Sie ist so schön, so wunder- wie nicht berechenbar. Genießen wir sie. In dem Moment, der ist.
Ich blicke überrascht auf. Ein Zitronenfalter taumelt über den Weg…

Moment

Ist es nicht wunderbar nach dem Aufwachen, mit einem warmen Malzkaffe in den Händen, gemütlich im weichen Stuhl träumend aus dem Fenster zu schauen. Der Blick über eine sanft glitzernde, verschneite Landschaft schweifend. Vorsichtigen Schrittes zur Arbeit hetzende Passanten, zusammengezogen und geduckt unter der abschirmenden Kaputzen, schleichen vorbei. Kein Gedanke, keine Bewegung vermag diese heimelige Stimmung zu stören. Sie ist.
Wie froh bin ich, nicht auf Autos und vermatschte Straßen schauen zu müssen. Die Stadt, die um mich erwacht, um ihre hektische Betriebsamkeit aufzunehmen, die ich an sich so liebe, grenzt sich aus. Jedes sanft niedersinkende zarte Schneeflöckchen bringt die Maschine ein weiteres Stück zum Verschwinden. Spendet gelassene Ruhe. Auch ich bin gerufen zu tun. Ich lasse es langsam angehen, demütig diesem Moment gegenüber.
Für einen gelungenen Tag sollten drei Dinge reichen: Ein bewusster, schöner Moment, eine warme Begegnung, ein starker Gedanke. Wenn wir diesem nachstreben, weiten sich unser Horizont. Jeder Moment, jeder Gedanke, jede Begegnung hat das Potenzial wunderbar zu sein. Sinn zu stiften. Wie jede der vergänglichen, taumelnden Schneeflocken. Schon ist das ganze Leben eine verträumte weiße Winterlandschaft.

Ein schöner Moment

Universalismus – lieber nicht

Eine Freundin machte mich auf einen Podcast aufmerksam. Es handelte sich um ein Gespräch mit dem Philosophen Omri Boehm zu seinem neuen Buch über den „radikalen Universalismus“. Er scheint unter anderem den Humanismus gegen Strömungen „identitären“, fragmentierenden Denkens in Partikularinteressen verteidigen zu wollen. Dies soll hier nicht mein Punkt sein.
Unter Spannung setzte mich die Diskussion in Bezug zur „Universal Declaration of Human Rights“ (UDHR). Speziell der Aspekt, dass in dieser „universellen“ Erklärung explizit von Rechten gesprochen wird – und nicht von Pflichten (duties). Mir schießen sofort all die religiösen Regeln durch den Kopf, wie die zehn Gebote, die ja verpflichtend, ja sogar fordernd sind. Rechte hingegen werden zumeist vom Individuum, oder einer identifizierbaren „Identät“ (z.B. einer Gruppe) her gedacht. Diese gilt es zum Beispiel durch die UDHR zu schützen. Vor Unterdrückung, Sklaverei, Missbrauch, Ausbeutung. Den Menschen wird zudem das Recht auf Unversehrtheit, Familie, sogar Freizeit und – was einiges aussagt – Eigentum zugestanden. Zumeist scheinen diese Rechte passiv daher zu kommen. Sie sollen in Anspruch genommen werden können, wenn ein Ereignis diese Rechte einschränkt. An sich schon mal gerecht (was immer das heißt), denke ich. Allerdings ein zarter Schritt in die falsche Richtung, wenn man Kants Aufruf, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, folgen möchte.
Pflichten hingegen fordern auf, etwas zu tun; direkt, aktiv zu handeln oder Handlungen zu unterlassen. Es soll nicht getötet, der Gott angebetet werden; man soll dem Partner treu ergeben sein und keine Nachbarn belästigen etc. In allen Auflistungen von Tugenden findet sich nirgends eine Pflicht – oder gar das Recht – Besitz anzuhäufen. In der UDHR hingegen lesen wir von diesem Recht auf Eigentum (§17). Hat ein solches Recht etwas mit „Mündigkeit“, aktivem selbstbewusstem Streiten für ein gleichberechtigtes, faires, liebevolles, respektvolles etc. Zusammenleben zu tun?
Ein derartiges Denken von Rechten oder Pflichten aus, sobald diese als universell angesehen werden, vermittelt auf den ersten Blick ein offenes, diverses und positives Menschenbild. Doch beide klammern einen Faktor aus. Den der Macht. Sofort fällt mir die Allmacht Gottes ein, der die Pflichten gebietet. Sie formuliert sich nicht nur in Geboten, denen die Gläubigen zu folgen haben. Viel zu oft setzen religiöse Führer mit waffengewaltiger und strafbewehrter Macht brutal ihre Interpretationen der göttlich gegebenen Regeln durch.
Dann ist da die Macht der Staaten und (ökomomischen) Institutionen, des Kapitalismus. Jedes mit den von ihnen eingesetzten, oft als universell behaupteten Strafsystemen und Armeen. Vor diesen sollen in der UNHR (offensichtlich) die Menschen beschützt werden. Doch gelingt dies? Eher nicht, wie ich es sehe. Es stellt sich für mich die Frage, ob ein Denken von Pflichten her besser funktioniert, als ein Denken von Rechten aus?
Ich meine weder das eine noch das Andere kann die Lösung sein. Beides, Rechte und Pflichten sind zwei Seiten einer Gold glänzenden Medaille. Ihr brutaler Glanz stahlt Gier, Neid, Eifersucht, Unterwerfung etc. aus. All diese Regeln und „moralischen“ Normen wurden von der besitzgeilen Knute der Herrschenden formuliert, mit deren Macht durchgesetzt. Nicht selten werden sie in der Folge von den Unterdrückten angenommen, sogar verinnerlicht und verteidigt. Universalismus ist ein Denken von allgemeinen Begriffen und Normen, sprich Moralen, die über das besondere, die individuellen Wesen gestülpt werden. Von der herrschenden Agenda, den herrschenden Moralen hin zu den einzelnen Menschen. Ein Denken von oben nach unten.
Sicher, schützende Regeln können den Schwachen helfen, sie in seltenen Fällen sogar ermutigen oder ermächtigen. Im letzter Konsequenz unterliegen sie immer der Auslegung durch mächtige Gruppen oder Individuen; ihren Ausbeutern und Unterdrückern. Eben jene, welche die Rechte bzw. Pflichtenkataloge im Bewusstsein ihrer Macht installiert haben. Sie kommen nie von den Ohnmächtigen. Aus meiner Sicht bleibt angesichts dieser Situation nur der Weg die Problematik von den Ohnmächtigen her zu denken. Wie kann das Konzept eines machtbasierten Universalismus überwunden werden?
Wäre nicht ein Ansatz, der das Ganze in den Teilen und die Teile im Ganzen zu verordnen hilfreich; kein neues Denken. Wir finden ihn in den alten fernöstlichen Schriften, von den Upanischaden bis hin zum Daodejing. Man denke nur an die Symbolik des Dao-Zeichens (Taji). Weiß in Schwarz und umgekehrt, miteinander umwunden im ewigen Kreislauf. Insbesondere fällt mir hierzu die buddhistische Lehre ein, der von Vertrauen, Achtsamkeit und Respekt spricht. In den Unterweisungen des Buddha geht es darum, einen „mittleren Weg“ zu beschreiten, um Leiden (dukkha) zu vermindern. Sich der Vergänglichkeit (anicca) ebenso zu versichern wie dem Fakt, dass alles mit- und untereinander (nicht-selbst, anatta) verbunden ist.
Ein Beispiel hierfür ist der sogenannte achtfache Pfad. Er fordern uns Menschen auf aktiv „rechte Rede“, „rechte Begrenzung des Handelns“ (unser achtsames Verhalten gegenüber anderen) und „rechten Lebenserweb“ (Soldat zu sein ist kein rechter Lebenserwerb) zu üben. Wie schon die Weisen dieser Tradition erkannten, ist der Weg, eine derartige Lebensweise zu erreichen, voller Hindernisse. Es bedarf der „rechten Bemühung“, „rechter Erkenntnis“ und „rechter Konzentration“. Ein Pfad voller Stolpersteine. Solch ein Verhalten muss nicht nur zu jeder Zeit geübt und aktiv praktiziert werden. In alltäglicher Kontemplation ist es angebracht all seine Handlungen zu reflektieren, den kein Mensch ist perfekt. Es geht parallel darum, unsere „Unwissenheit“, nicht zuletzt gegenüber uns selbst zu überwinden. Der Buddha sagt, dass wir im Rahmen der „rechten Rede“ zum Beispiel versuchen sollten, nicht zu lügen, keine entzweiende Rede zu führen, nicht grob zu reden; und was mir in der heutigen Zeit als sehr wichtig erscheint: Wir sollten Anstreben, kein sinnloses Geschwätz von uns zu geben. Eine Aufgabe, der Werbung, Medien und Politik nicht gewachsen zu sein scheinen.
Die fernöstliche Lehre betont zudem den Aspekt der Übung. Einzelne Wesen schaffen es nicht immer ein tugendhaftes Leben durchzuhalten. Wie auch, wenn wir alle permanent von der herrschenden Propaganda „verführt“ und viele in Unwissen gehalten werden – oder sich selber im Unwissen halten (siehe Kant). Würden alle fühlenden Wesen solchen spirituellen Regeln in jedem Moment folgen, sie sich, weise, fair, und Leidensvermindernd durch die Welt bewegen, wären die Menschen und auch die Menschheit erleuchtet. Doch darum geht es nicht. Es geht um den Weg. Einen Weg, den jedes Wesen nur für sich selber finden kann. Sind Menschen in sich stark, geübt und klar können sie andere Wesen auf dem Weg zu einem tugendhaften Leben begleiten.
Handlungsanweisungen finden wir als „Gebote“ oder „Tugenden“ in fast allen Religionen. Punkt ist, wir müssen bei den Individuen, oder besser die Individuen müssen bei sich anfangen. Nur dann können „allgemeine“, um nicht zu sagen „unvierselle“ Werte durchgesetzt werden. Nur durch sich selbst ermächtigende, starke Menschen mit Haltung wird Leiden vermindert werden. Nicht durch abstrakte Gesetze und Regeln.
Es wäre ein Traum, wenn die Mehrheit auf dieses Art und Weise fühlen, denken und handeln könnte. Keine Unterdrückung, kein Krieg, kein Kapitalismus hätten eine Chance, wenn Gemeinschaften gemeinsam und respektvoll miteinander und untereinander auf Basis solcher Setzungen umgehen würden. Wenn jedes „Atom“ sie immer wieder übt, sein Verhalten gegenüber sich selber in Frage stellt. Schlichtweg „recht“ handelt. So easy and so Hard. Wu Wei.

Schon wieder Glück – εὐδαιμονία

Die Sonne strahlt über dem Raureif. Der hellblaue Himmel ruft strahlend den Frühling. Die weißlich, kristallin überzogenen Pflanzen zeugen von der nach wie vor vorherrschenden kalten Frische des Winters. In der Wärme, mit Blick in die Natur, lese ich einen wundervoll wärmenden Artikel. Er erzählt vom Glück und Beziehungen.
Eine über Jahrzehnte laufend Studie mit tausenden von Menschen, die teilnahmen, bestätigt etwas so banales, dass ich freudig aufschreien möchte. Am glücklichsten werden die Menschen, die möglichst warme Beziehungen pflegen. Die kalten Dinge, die wir horten, die Waren und Besitztümer, Geldberge und stinkenden Autos spielen nur eine untergeordnete Rolle. All dieser „wertvolle“ Popanz mag sich glitzernd über ein Leben legen, hier und dort Bequemlichkeit und Wärme versprechen. Doch er ist belanglos, solange wir nicht frieren, der Bauch zur Genüge gefüllt ist und ein warmer Blick das Herz sanft umspielt.
Dinge, die über diese Grundbedürfnisse hinausgehen, von den geldgierigen, kalten Mündern der Werbung in Superlativen groß geredet werden, können keine warmen Beziehungen ersetzen. Schon garnicht die Beziehung zu uns selber, die zu üben ist. Wer kann anderen Gutes spenden oder mit ihnen Glück erleben, wenn die Person nicht in sich ruht. Mit sich zu“frieden“ oder besser im Frieden ist? Die Beziehung zu mir, ist die erste Beziehung.
Glück – ein eudaimonisches Axiom schon seit Aristoteles – bezieht sich nicht nur auf uns selbst, wie so oft gedacht wird. Es hat immer etwas mit gemeinsamer Aktivität und Handeln zu tun. Rechtes und gutes Handeln, nach bestem Wissen und Gewissen. Voller vertrauen. Oder schlicht gesagt: Wer für sich selber Wärme empfindet, kann diese geben. Wer Wärme empfängt, dem wird warm ums Herz. Wie simpel klingen die drei Wote: Füreinander da sein. Warm handeln, liebe- und vertrauensvoll handeln. In ihrer Umarmung streichelt mich die wonnigen Strahlen der Sonne. Jeder Raureif im Herzen schmilzt. Der strahlende Kreis der Frühlingssonne vertreibt die Kälte. Wie schön. Da. Dasein.
Mit Freude lese ich, dass der Leiter der Studie Zen Meister ist. Kein Wunder, dass seine Augen angefüllt von Liebe sind. Was für ein Glück für ihn und uns.

Angst-System

Ich schaue in den trüben Januarhimmel. Der kurze Satz: „das System ist krank“ schwingt durch meine Synapsen. Ein Satz, oft gehört, oft gesagt. Manchmal als Schlusspunkt, wenn der dümpelnde oder hitzige Wortwechsel ratlos im Argumentationsbrei versinkt. Ja, das Wort System steht für all die Probleme, die uns der glibberige Nachrichtenstrom in seinen bunttrüben Farben vor die Sinne knallt. Lassen wir doch dieses Wort, selbst wenn es durch Begriffe wie „neoliberal“, „kapitalistisch“, „naturzerstörerisch“, „narzisstisch“ – oft zu Recht – geschärft wird. Der Blick auf das „Ganze“ erschließt sich, so vergessen wir oft, im Detail. Dem Detail, das meist der Startpunkt jeder Diskussion ist. Lassen wir den Begriff System beiseite und schauen auf das Wort „krank“.
Eines dieser „Details“ – oder besser gesagt ein Phänomen – rempelt mich in letzter Zeit regelmäßig an. Die zunehmende Wahrnehmung, dass immer mehr Studierende und Menschen in meinem beruflichen und bedauerlicherweise auch im privaten Umfeld mit nicht unerheblichen psychischen Belastungen zu kämpfen haben. Oft in Verbund mit einer zunehmenden Schwierigkeit „professionelle Beratung“ zu bekommen. Die genannte Ursache ist zumeist der „Stress“ in Studium oder Beruf. Studierende, Krankenschwestern, Erzieherinnen, Pflegende, Projektleiter…
Dann sind da auch noch die Befragungen und Hilfsangebote, die das Problem laut von den Wänden oder Tischen schreien. Doch, was nutzen Umfragen und Hilfsangebote, wenn es keine Therapieplätze gibt, um die Betroffenen wieder studier- bzw. arbeitsfähig zu machen? All diese Klitterei ist sinnlos, solange sich die grundlegende Struktur von Verunsicherung und Verlorenheit weiter durch diese Gesellschaft frisst. Was nutzt Pausenyoga, wenn die Pause kaum reicht, den Übungsraum zu erreichen, der Kopf voll von nicht ausgefüllten Formularen ist? Die Angst, es nicht zu hinzubekommen die Seele zerfrisst? Der Druck jeden Schritt zur Qual macht? Die Frage „wie weiter“ im luftleeren Raum des immer mehr sinnlos schaffen und raffen zu müssen verhallt.
Die „Therapie- und Gesprächsangebote“ zeigen auf, dass es erstens schwerwiegende Probleme gibt. Prekariat, Leistungsdruck, Bürokratisierung die verwirrt und an den Nerven nagt, Unsicherheit um die eigene Zukunft und Vereinsamung. Zweitens zeigt sich das Fehlen an wirklichen Angeboten und Möglichkeiten zu sich selber zu kommen. Wo sind die Menschen, die „Stop“ rufen, den Weg zur großen Gesundheit weisen, damit sich die Gepeinigten selbst zu überwinden helfen. Ohne Markt, Wettbewerb, Einpreisung, Bewertung… Ein wenig Atem holen in der gerasterten Pause vertreibt die trübdunklen Wolken nicht. Um zu aufrecht zu stehen benötigen wir Übung und Praxis. Wie das Kleinkind, das nach jedem Taumel und Fall wieder aufsteht und weiter übt. Den nächsten Schritt wagt. Es hat Zeit, kann sich die Zeit nehmen. Kein Plan, keine Prüfung, kein Chef und kein Formular rufen und vernebeln den Kopf.
An sich gibt es nur eine Lösung – Wu Wei – „Nicht handeln“ im Sinne von aussteigen. Das System hinter sich lassen und nach gesunden Beziehungen schauen, in denen jemensch sich aufgehoben fühlt. Eine warme Höhle der Ruhe. Ruhe bedeutet Zeit haben. Was für viele vor dem Dauerburnout oder im depressiven Loch steckende extrem schwierig ist. Das System versucht jeden, der diesen Schritt versucht am langen Arm verhungern zu lassen. Ein bisschen Pausenberatung oder -bewegung muss reichen.
Eine wirkliche Befreiung durchzuführen bedarf hingegen, wie bei jeder Praxis, Geduld, Ausdauer, Konzentration und Willenskraft. Da helfen all diese Befragungen und Angebote, die nur den Marktwert wiederherzustellen sollen, nichts. Die Kraft muss von innen kommen.